Der gordische Sprachknoten

 

MarkTwain

Mark Twain (1890), Fotografie eines Bildes von James Carroll Beckwith

„In Paris they simply stared when I spoke to them in French; I never did succeed in making those idiots understand their language.“                                          Mark Twain                                                             

Ein Amerikaner in Paris und schon sprachlich gescheitert, wie es Mark Twain mit dem obigen Zitat so humorvoll skizziert. Nun, das geschieht nicht nur Amerikanern.

Ein deutscher Wissenschaftler, Biologe, reiste vor ein paar Jahren für eine Felduntersuchung nach Chengdu, Szechuan in China. Ein ganzes Jahr vorher hatte er eifrig bei einem chinesischen Studenten die chinesische Alltagssprache gelernt. Er brannte darauf, seine Sprachkenntnisse anzuwenden, wurde aber bitter enttäuscht. Die Chinesen, die er auf Chinesisch ansprach, schauten ihn verblüfft an, gaben überhaupt keine Antwort und schienen ihn und seine Äußerungen zu ignorieren.

Wir versuchen dieselbe Sprache zu sprechen und trotzdem verstehen wir einander nicht. Liegt es an der Angst oder Scheu des  Gegenübers vor dem Kontakt mit dem Fremden? Ist es die Verlegenheit angesichts des Radebrechens des Anderen?

Oder andersherum, gebrauchen wir zwar Elemente der Sprache, nutzen sie aber so, dass sie für den Sprachempfänger keinen, einen peinlichen oder sogar gefährlichen Sinn ergeben?

Es gibt Pflanzenliebhaber, die darauf schwören, ihre Pflanzen jeden Tag liebevoll zu streicheln. Auch Pflanzen wüßten Liebe wahrzunehmen.  Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass tatsächlich Pflanzen, die gestreichelt werden, kompakter und kräftiger wachsen. Allerdings tun sie das aus einem anderen Grund, als die Pflanzenliebhaber angenommen haben. Nicht die liebevolle Fürsorglichkeit animiert sie, sondern Stress, denn das Streicheln entspricht jenen Umweltreizen, die sonst Wind und Regen darstellen würden. Sie vermitteln den Pflanzen das Signal, nicht dünnstängelig und zu hoch zu wachsen, da sie sonst Wind und Regen nicht standhalten könnten. In diesem Fall haben die Pflanzenliebhaber also Elemente der Pflanzensprache genutzt, ohne zu wissen, was sie eigentlich redeten. Erfreulicher Weise dennoch mit positiven Ergebnis.

Wissen, was man selbst eigentlich redet – Wissen, was der andere eigentlich redet. Das ist eine Grundfrage im Dialog auch zwischen Menschen verschiedener Kulturen.

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Copyright (c) Yolanda / pixabay.com

Ein Ingenieur reiste nach Indien, um seine Produkte dort interessierten Geschäftskunden vorzustellen. Bei seinem ersten Gespräch wurde er zunehmend unsicher, denn jedesmal, wenn er besondere Vorzüge seiner Produkte dem indischen Kunden vorstellte, schüttelte der mehrmals verneinend den Kopf. Der Ingenieur hielt durch bis zum Ende des Treffens, fragte aber danach sichtlich irritiert seine ihn begleitenden indischen Partner, warum dieses Gespräch überhaupt hatte stattfinden sollen, da der Kunde offensichtlich eine unveränderbar schlechte Meinung über die Produkte habe, ständig habe er ablehnend seinen Kopf geschüttelt.  Seine Partner lachten daraufhin laut auf. Das sei ein Missverständnis. In Indien bedeute das waagerechte Schütteln des Kopfes keine Ablehnung, sondern ganz im Gegenteil, sogar Zustimmung!

Wie Sie sich vorstellen können, liebe Leser, war der Ingenieur sehr erleichtert und absolvierte die folgenden Kundengespräche wesentlich entspannter, denn er verstand nun die Körpersprache seiner indischen Kunden. Nicht immer aber löst sich ein kulturelles Missverständnis so schnell und problemlos auf.

Eine Iranerin war mit ihrer Familie als Migrantin nach Schweden gekommen. Nach 2 Jahren sprach sie leidlich Schwedisch, und sie hatte sich mit einer schwedischen Frau gleichen Alters angefreundet. Eines Tages hatte sie Lust, ihre Freundin, die ca. 30 Minuten Fahrweg weit weg wohnte, zu besuchen. Bereits im Auto rief sie sie über Handy an. Die Freundin nahm das Gespräch an, antwortete aber, als die Iranerin ihr mitteilte, sie wolle sie besuchen, ob ihr das Recht wäre, nein, eigentlich nicht, sie habe gerade Besuch von einem Freund.

Die Iranerin war tief beleidigt und empörte sich. Wie konnte ihre schwedische Freundin ihren Besuch ablehnen? In der iranischen Kultur hat, ganz nach dem Beispiel des in der Sunna geschilderten Verhaltensweisen des Propheten Muhammad, Gastfreundschaft einen hohen Stellenwert. Das eigene Haus steht dem Gast immer offen, und der Gastgeber tut alles, damit sich der Gast wohlfühlt.

Nun genießt sicherlich in der schwedischen Kultur Gastfreundschaft auch eine hohe Wertschätzung, aber es existiert auch das Element des „My home is my castle“, das das unabdingbare Recht des Gastes auf ein immer offenes Haus entscheidend relativiert. Vorrang hat die Privatspäre. Dieses Prinzip wurde im 17. Jahrhundert in England formuliert, ursprünglich als Abwehr eines unberechtigten Eindringens von Beamten, also des Staates, in das eigene Haus. Es ist aber seitdem überall in Europa, vielleicht aber mit  etwas mehr Nachdruck in den protestantischen Ländern, als fester Freiheitswert in die bürgerliche Kultur eingegliedert worden.

Die iranische Migrantin hatte zwar die gesprochene Sprache Schwedisch gelernt, aber das eigentliche „Schwedisch“, nämlich das der gelebten Werte, des Landes, für das sie sich entschieden und in das sie sich von sich aus begeben hatte, bei weitem noch nicht verstanden. Aus ihrer, dem alten, von ihr verlassenen Heimatland verbundenen, Sicht hatte die Freundschaft einen schweren Schaden genommen. Aus Sicht ihrer schwedischen Freundin war ihre empörte Reaktion völlig unverständlich.

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Copyright (c) DManase / pixabay.com

Wie weitreichend so ein Schaden sein kann, zeigt das folgende Beispiel: Eine Ethnologin reiste nach Papua-Neuguinea und unternahm in einem Dorf im Dschungel Feldforschung. Sie hatte die Sprache der Ureinwohner gelernt und verstand sich, so hatte sie den Eindruck, gut mit allen Bewohnern im Dorf. Die Männer beobachtete sie bei ihrer Jagd und zuhause die Frauen und Kinder bei ihren Arbeiten.

Doch eines Tages erzählte ihr eine der Frauen, dass die Männer  ihr immer nachschauten und danach schlecht über sie redeten. Die Ethnologin hörte ihr zu, reagierte aber nicht weiter darauf. In den darauffolgenden Wochen merkte sie, dass die Frauen anfingen, sie zu meiden. Noch später registrierte sie immer wütendere Blicke. Schließlich sagte ihr eine Frau zornig noch einmal, die Männer würden schlecht über sie reden. Andere Frauen in der Nähe schauten sie zugleich sehr böse an. Als die Ethnologin nicht reagierte, ignorierten sie  die Frauen des Dorfes von da an.

Die Ethnologin zog aus dem Vorfall den Schluss, dass die weiblichen Mitglieder dieses Dorfstammes außergewöhnlich aggressiv seien und schrieb das in ihren Forschungsbericht. Dabei hatte sie ungewollt mit ihrem, von der deutschen Umgebung geprägten, Auftreten als Frau innerhalb des Urwalddorfes in Papua-Neuguinea Signale ausgesandt, die vergleichsweise denen einer Prostituierten auf dem Kiez in Hamburg entsprochen hatten. Sie hatte sich selbst als neutrale Person gesehen, und sie hatte nicht verstanden, was sie de facto „redete“. Die Frauen des Dorfes hatten höflich versucht, sie darauf hinzuweisen. Denn die Ethnologin war in die Welt dieser Frauen gekommen und letztere erwarteten daher von ihr, dass sie sich gemäß ihrer Dorfkultur angemessen benahm, dass sie sich kulturell anpasste. Auch die Menschen  in Europa erwarten, dass diejenigen, die auf Dauer nach Europa kommen, sich kulturell anpassen. Die Ethnologin hatte wiederum die zunächst ja noch freundlichen Hinweise auf ihr kulturelles Fehlverhalten nicht verstanden, ihr fehlte das wirkliche Verstehen der „Sprache“ der Dorfbewohnerinnen . So war die Situation eskaliert und leider unerfreulich geendet.

Sprache ist weitaus mehr, als eine Zusammensetzung von Worten. Ein tschechisches Sprichwort beschreibt es so:

Mit jeder neu gelernten Sprache, erwirbt man eine neue Seele.

Genauso gilt aber auch:

Bevor man eine andere Sprache wirklich gelernt haben kann, muss man ihre Seele erforscht und, vor allem, vorher die der eigenen Sprache erkannt haben.

Für Religionen gilt genau dasselbe. Denn auch sie haben jeweils ihre eigene Sprache, ihren ganz eigenen Blick auf die Gottheit, den Menschen und das Verhältnis zwischen beiden. Sie haben sozusagen auch ihre eigene Seele. Und Religionen formen, nicht nur, aber in besonderer Weise, Einstellungen und Verhalten.

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