Der gordische Sprachknoten

 

„In Paris they simply stared when I spoke to them in French; I never did succeed in making those idiots understand their language.“ Mark Twain

Ein Amerikaner in Paris und schon sprachlich gescheitert, wie es Mark Twain mit dem obigen Zitat so humorvoll skizziert. Nun, das geschieht nicht nur Amerikanern.

Ein deutscher Wissenschaftler, Biologe, reiste vor ein paar Jahren für eine Felduntersuchung nach Chengdu, Szechuan in China. Ein ganzes Jahr vorher hatte er eifrig bei einem chinesischen Studenten die chinesische Alltagssprache gelernt. Er brannte darauf, seine Sprachkenntnisse anzuwenden, wurde aber bitter enttäuscht. Die Chinesen, die er auf Chinesisch ansprach, schauten ihn verblüfft an, gaben überhaupt keine Antwort und schienen ihn und seine Äußerungen zu ignorieren.

Wir versuchen dieselbe Sprache zu sprechen und trotzdem verstehen wir einander nicht. Liegt es an der Angst oder Scheu des  Gegenübers vor dem Kontakt mit dem Fremden? Ist es die Verlegenheit angesichts des Radebrechens des Anderen?            Oder andersherum, gebrauchen wir zwar Elemente der Sprache, nutzen sie aber so, dass sie für den Sprachempfänger keinen, einen peinlichen oder sogar gefährlichen Sinn ergeben?

Es gibt Pflanzenliebhaber, die darauf schwören, ihre Pflanzen jeden Tag liebevoll zu streicheln. Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass tatsächlich Pflanzen, die gestreichelt werden, kompakter und kräftiger wachsen. Allerdings tun sie das aus einem anderen Grund, als die Pflanzenliebhaber angenommen haben. Nicht die liebevolle Fürsorglichkeit animiert sie, sondern das Streicheln entspricht jenen Umweltreizen, die sonst Wind und Regen darstellen würden. Sie vermitteln den Pflanzen das Signal, nicht dünnstängelig und zu hoch zu wachsen, da sie sonst Wind und Regen nicht standhalten könnten. In diesem Fall haben die Pflanzenliebhaber also Elemente der Pflanzensprache genutzt, ohne zu wissen, was sie eigentlich redeten. Wunderbarer Weise dennoch mit erfreulichem Ergebnis.

Wissen, was man selbst eigentlich redet – Wissen, was der andere eigentlich redet. Das ist eine Grundfrage im Dialog auch zwischen Menschen verschiedener Kulturen.

(c) Dieter Schütz / pixelio.de

Eine Ethnologin reiste nach Papua-Neuguinea und unternahm in einem Dorf im Dschungel Feldforschung. Sie hatte die Sprache der Ureinwohner gelernt und verstand sich, so hatte sie den Eindruck, gut mit allen Bewohnern im Dorf. Die Männer beobachtete sie bei ihrer Jagd und zuhause die Frauen und Kinder bei ihren Arbeiten. Doch eines Tages erzählte ihr eine der Frauen, dass die Männer  ihr immer nachschauten und danach schlecht über sie redeten. Die Ethnologin hörte ihr zu, reagierte aber nicht weiter darauf. In den darauffolgenden Wochen merkte sie, dass die Frauen anfingen, sie zu meiden. Noch später registrierte sie immer wütendere Blicke. Schließlich sagte ihr eine Frau zornig noch einmal, die Männer würden schlecht über sie reden. Andere Frauen in der Nähe schauten sie zugleich sehr böse an. Als die Ethnologin nicht reagierte, ignorierten sie  die Frauen des Dorfes von da an.

Die Ethnologin zog aus dem Vorfall den Schluss, dass die weiblichen Mitglieder dieses Dorfstammes außergewöhnlich aggressiv seien und schrieb das in ihren Forschungsbericht. Dabei hatte sie ungewollt mit ihrem, von der deutschen Umgebung geprägten, Auftreten als Frau innerhalb des Urwalddorfes in Papua-Neuguinea Signale ausgesandt, die vergleichsweise denen einer Prostituierten auf dem Kiez in Hamburg entsprochen hatten. Sie hatte nicht verstanden, was sie de facto „redete“. Die Frauen des Dorfes hatten höflich versucht, sie darauf hinzuweisen. Aber die Ethnologin hatte wiederum ihre „Sprache“ nicht verstanden. So war die Situation eskaliert und leider unerfreulich geendet.

Sprache ist weitaus mehr, als eine Zusammensetzung von Worten. Ein tschechisches Sprichwort beschreibt es so:

Mit jeder neu gelernten Sprache, erwirbt man eine neue Seele.

Genauso gilt aber auch:

Bevor man eine andere Sprache wirklich gelernt hat, muss man ihre Seele erforscht haben und die der eigenen Sprache erkennen.

Für Religionen gilt dasselbe. Denn auch sie haben jeweils ihre eigene Sprache und ihre eigene Seele.

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