Migration ist nichts für Romantiker: Mythen und Asyl

Flüchtlingshelfer, Journalisten und Beamte tun mir oft leid. Sie wollen helfen, informieren und ihre Arbeit adäquat tun, stehen aber mangels ausreichender Kenntnisse der Mentalität der Migranten, die sie betreuen oder über die sie berichten wollen oder mit denen sie in ihrer Arbeit konfrontiert sind, oft vor einer für sie unlösbaren Aufgabe.

Das ist nichts für Dich

So berichtete vor ein paar Monaten im Deutschlandfunk eine engagierte Hausfrau, die einen jungen Iraner in ihrer Familie aufgenommen hatte, dass sie und ihre Familie sehr gut mit ihrem Gast zurechtkamen.

Pssst!

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Nur Eines liesse sie ratlos zurück, der junge Mann würde auf ihre vorsichtigen Fragen nach seiner Situation im Iran und dem Grund für seine Migrationreise nach Deutschland, quer durch die Türkei, übers Meer und durch Osteuropa nur ganz geschlossen und auf einmal zurückhaltend antworten: “ Das ist nichts für Dich!“ Die Gastgeberin mutmasste besorgt im Interview, dass vielleicht Traumatisches, Schreckliches im Iran geschehen sei und er deshalb nicht darüber sprechen wolle. Der Moderator zeigte sich beeindruckt und ließ die Mutmaßung seines Studiogastes, ohne sie auch nur im Ansatz zu hinterfragen, stehen.

Nun ist es so, dass in der iranischen Mentalität ein Satz wie „Das ist nichts für Dich!“ die Bedeutung hat “ Darüber will ich nicht sprechen, das will ich nicht mit Dir teilen!“ im Sinne von „Das geht Dich nichts an!“ Und es liegt in der orientalischen Mentalität, dass man, wenn man etwas tun will, was der Linie oder der Anordung der jeweiligen Autorität, ob es die Eltern sind oder der Staat, widerspricht, der offenen Diskussion oder Auseinandersetzung ausweicht, es heimlich, versteckt tut, nicht darüber spricht und so hofft, dem Konflikt möglichst lange aus dem Weg gehen und so das tun zu können, was man tun will.

Es ging dem jungen Iraner darum, nicht in den offenen Konflikt mit seiner Gastgeberin zu treten, die ihm ihr Haus und ihre Familie geöffnet hatte, während er sich dessen bewußt war, dass er sie im Grunde hinterging und ausnutzte, weil er keinen wirklichen Asylgrund vorzuweisen hatte.

Weder der Moderator der Radiosendung, noch die Gastmutter besaßen leider die wünschenswerten und im Grunde dringend erforderlichen Mentalitätskenntnisse, um mit der Situation adäquat – d.h. im Falle des Moderators mit journalistisch kritischer Distanz – umzugehen.

Dieses friedliche Land

Neulich wurde in einer TV-Sendung über eine afghanische Migrantenfamilie berichtet, die in Bulgarien hängen geblieben war. Ursprünglich war ihr Ziel – natürlich – Deutschland gewesen. Im Interview erzählte die Familienmutter, jetzt, wo sie seit ein paar Monaten als Asylanten in Bulgarien seien, wollten sie „in diesem friedlichen Land“ bleiben.  Ihre Aussage erweckte beim Zuschauer den Eindruck, es handele sich bei ihrer Familie um von den Anschlägen in Afghanistan direkt betroffene Menschen. Der Journalist ließ diese Aussage in seinem Filmbeitrag unkommentiert.

bulgarien

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Jeder, des Landes und der Landessprache Kundige, hätte jedoch sofort herausgehört, dass die Familienmutter ein lupenreines Farsi sprach, wie es im Kernland des Iran üblich ist, nicht aber in Afghanistan selbst, wo Urdu gesprochen wird oder als Zweitsprache allenfalls ein Farsi mit einem starken Urdu-Akzent. Diese afghanische Familienmutter wird also vor ihrem Aufbruch nach Europa schon längere Zeit im Iran ansässig gewesen, der seit dem Ende des Iran-Irak Krieg 1988 nicht mehr von Krieg und in den letzten 10 Jahren von weniger Anschlägen als Groß-Britannien, Frankreich oder Deutschland heimgesucht wurde. Flüchtlinge vor Anschlägen oder kriegsartigen Zuständen ist diese Familie also nicht.

Auch hier fehlten also wichtige Hintergrundkenntnisse und/oder die kritische Distanz des Journalisten.

Fluchtsagas

Dass Migranten sich für die Erringung des Zugangs zum gewünschten Zielland und eines Aufenthaltsstatusses dort der Erfindung von Mythen bedienen, die auf die Aufnahmekriterien des Ziellandes zugeschnitten sind, ist nichts Neues. Anthony Heilbut berichtet in seinem umfangreich recherchierten Buch „Kultur ohne Heimat. Deutsche Emigranten in den USA nach 1930“ kurz darüber.

Damals ging es für die durch den Nationalsozialismus politisch Verfolgten um Leben oder Tod. Gerade deshalb wurde ja das deutsche Asylrecht für politisch Verfolgte nach dem zweiten Weltkrieg in der neu gegründeten Bundesrepublik und vielen Staaten der westlichen Welt etabliert. Jede Regelung, die eine Staatsgrenze für Eintrittswillige öffnet, wird aber damit konfrontiert sein, dass sie von jenen versucht wird, sie auszunutzen, für die sie nicht gedacht ist. Je unschärfer eine solche Regelung formuliert ist und je schlechter und unprofessioneller ihre Anwendung kontrolliert wird, umso größer ist die Gefahr des Missbrauchs.

In dem autobiographischen Roman „What is the What“ von Dave Eggers, der auf seinen Interviews mit dem südsudanesischen Migranten Valentino Achak Deng beruht, wird offen beschrieben, wie Achak, einer der „lost boys“ des ersten Sudankrieges, und seine Mitbewerber im Flüchtlingslager, in dem sie sich befanden, genau beobachteten und analysierten, was in den Auswahlgesprächen für ein amerikanisches Auswanderungsprogramm gefragt, wie reagiert wurde, wer in das Programm aufgenommen wurde und warum, und wer nicht. Sie passten das, was sie im Auswahlgespräch sagen wollten, dieser Analyse an, dh. sie gingen mit einer umgestrickten Saga ihrer Flucht in das Gespräch, einer Saga, von der sie hoffen, dass sie ihnen den Erfolg, die Auswanderung in die USA bringen würde. Sie hatten Erfolg.

Wie eine persischsprachige Sendung (Voice of America / BBC) während der Flüchtlingskrise berichtete, tauschten sich in einem Flüchtlingslager an der griechisch-mazedonischen Grenze die Migranten untereinander darüber aus , mit welcher Saga sie am ehesten Erfolg bei einem Asylantrag in Europa hätten. Ganz oben auf der Liste standen Homosexualität und die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gruppe oder Kirche.

Mit den heutigen Mitteln der Sozialen Medien und konzentriert in den Schlepperorganisationen erfolgt eine solche Mythen-Vorbereitung ungleich schneller, effizienter, professioneller. Haben Entscheider, wie die im Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (BAMF), bzw. hinterher bei Asylverfahren zuständige Richter – wieviele von Ihnen haben denn überhaupt die jeweils einschlägigen Sprach-, Landes-, Orts- und Kulturkenntnisse oder können auf ein entsprechend exzellent organisiertes und ausgestattetes Wissensnetzwerk zurückgreifen? – da überhaupt noch eine Chance, einen Missbrauch des Asylgesetzes zu verhindern?

Politisch verfolgt?

Die afghanische Familie, von der ich bereits auf diesem Blog berichtete, war weder kriegs-, noch politisch verfolgt, wie sie mir selbst schließlich sagten – nachdem ich auf ihre Frage, was die Deutschen von ihnen denken würden, geantwortet hatte, dass so manche der Deutschen dächten, dass sie lügen würden.

Vor einigen Jahren war ich eingeladen auf einer Hochzeit von iranischen Migranten in einem skandinavischen Land. Der junge Bräutigam, seit seiner Anerkennung als Flüchtling frischgebackener Medizinstudent, wurde mir vorgestellt. Als ich ihn fragte, weshalb er aus dem Iran weggegangen sei, lehnte der junge Galant sich auf dem Sofa, auf dem er saß, entspannt nach hinten, und fing an, mir zu erzählen, er sei politisch verfolgt worden.

Biest

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Ich hörte mir das ein paar Minuten an. Als er mit seiner Geschichte zu einer Zwischenpause  gekommen war, meinte ich lächelnd zu ihm, dass ich bei meinem letzten Treffen mit Landsleuten von ihm bereits angekündigt hätte, dass, wenn die iranische Währung Tuman gegenüber dem Euro eines Tages so viel wert sei, wie heute der Euro gegenüber dem Tuman, ich im Iran Asyl beantragen würde. Der junge Mann erblasste daraufhin, schwieg und schob sich peu á peu aus der Tür hinaus in die Küche, wo der Rest der Familie gerade das Essen vorbereitete. Es dauerte keine 10 Minuten, bis sein angehender Schwiegervater in das Wohnzimmer kam, sich auf das Sofa mir gegenüber setzte und bekannte, ja, sie alle wären nicht politisch verfolgt gewesen. Der Bräutigam habe wegen zu schlechter Noten im Eingangstest keinen Studienplatz an einer staatlichen Hochschule im Iran erhalten und sich ein Studium an einer freien Universität nicht leisten können. Deshalb habe er sich nach Skandinavien schleusen lassen, wo er ja auch tatsächlich nun auf Kosten des skandinavischen Steuerzahlers studieren konnte.

Die Familie des Schwiegervaters und seine Schwesterfamilie hätten sich die Hoffung gemacht, die westliche Medizin in Skandinavien könne ihren beiden behinderten Kindern helfen. Sie hätten sich aber eine Behandlung im Ausland aus eigenen Mitteln nicht leisten können. Deshalb hätten sie beschlossen auszuwandern, und die Geschichte des „Politischen Flüchtlings“ wäre halt ihr Schlüssel zum Erfolg, der Einwanderung und kostenlosen medizinischen Behandlung ihrer Kinder in Skandinavien, gewesen.

Es sei hier angemerkt, dass die Hoffnung der beiden Familien auf medizinische Hilfe auf keinerlei harten Fakten beruhte, und keinem der beiden Kinder in Skandinavien dann tatsächlich geholfen werden konnte. Bei einem Kind verschlechterte sich sogar der Zustand anhaltend deutlich durch den Kultur- und Sprachschock. Ob die skandinavischen Ärzte hätten helfen können, hätte durchaus im Vorfeld der Migration durch eine Kontaktaufnahme und Übersendung der medizinischen Unterlagen geklärt werden können. Dafür hatte beiden Familien die Sprach- und Onlinekenntnisse, sowie generell das Wissen darum gefehlt, wie man in einem solchen Fall vorgehen kann. In beiden Familien fanden die Eltern, die im Durchschnitt schon 40 Jahre alt waren, trotz teilweise einer Fachhochschulausbildung keine Arbeit und blieben auf Sozialleistungen angewiesen.

Ich könnte an dieser Stelle noch einige andere, ähnlich gelagerte Fälle erzählen. Z.B. von dem 46jährigen iranischen Familienvater, der als politischer Flüchtling mit seiner Frau und 2 Kindern nach Deutschland kam, erst hier feststellte (er hatte vorher keinerlei Recherchen zum Arbeitsmarkt in Deutschland angestellt), dass er beruflich mangels guter Sprachkenntnissen und passender beruflicher Qualifikation keine Arbeit finden konnte, daraufhin versuchte, mit einem Einwanderungsvisum nach Kanada weiterzureisen, aber aufgrund fehlender Qualifikation scheiterte, und nach 4 Jahren als hier vom BAMF anerkannter Asylant – politisch verfolgt, wie er war – wieder in den Iran zurückkehrte, weil er, wie er sagte, sein Leben nicht damit verbringen wollte, am Fenster darauf zu warten, dass seine Kinder aus der Schule nach Hause kamen.

Welcher jüdische Deutsche zu Zeiten des Nationalsozialismus wäre nicht überglücklich gewesen, sein Leben frei und in Sicherheit zuhause, wartend auf seine Kinder, verbringen zu können?

All das lässt mich schon seit geraumer Zeit fragen:

  • Entspricht unser Asylgesetz und seine Umsetzung in der jetzigen Form noch den Anforderungen der heutigen Zeit?
  • Ist das Konzept „Politisches Asyl“ in seiner jetzigen Form noch zu halten?

Respekt

Rafik Schami, der syrischstämmige, deutsche Autor des Romans „Die Sehnsucht der Schwalbe„, in dem der  Protagonist als illegaler Immigrant trotz Ausweisungen und Abschiebungen mit gefälschten Pässen immer wieder nach Deutschland zurückkehrt, fordert Migranten in Deutschland auf, Respekt zu haben vor ihren deutschen Betreuern und gegenüber Deutschland. Aber wäre die unabdingbare Voraussetzung und Grundlage des Respekts nicht die Aufrichtigkeit der Migranten?

Und verdient andersherum ein Rechtsstaat überhaupt Respekt, der sich beim Asyl so leicht hinters Licht führen lässt, wie kürzlich in einem Youtube-Video ein sogenannter, überaus von sich selbst überzeugter Flüchtling, behauptete  – Rafik Schami reagierte mit seiner 10 Punkte-Forderung auf dieses Video – und sich deshalb ausführlich über Deutschland und die Deutschen lustig machte?

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6 Antworten zu Migration ist nichts für Romantiker: Mythen und Asyl

  1. Respekt muss gegenseitig sein. Deutschland ist hier nicht unbedingt ein Musterschüler.

    • federfluesterin schreibt:

      Lieber Jean-Jacques, nenne mir ein einziges Land, das in der Beziehung ein Musterschüler sein könnte. Ich dachte früher, es wären die Niederlande, aber das ist nicht so. Die USA? Frankreich? Dänemark? Selbst im Iran gibt es große Konflikte zwischen den afghanischen Einwanderern und der iranischen Bevölkerung. In Südafrika vertreiben sie Einwanderer aus den anderen Afrikanischen Staaten. Ich glaube, ein Einwanderungsparadies gibt es nirgendwo.

  2. Jean-Jacques Sarton schreibt:

    Ich kann dir kein Land nennen. Ich lebe nun mal in Deutschland und siehe die Lage aus der Perspektive. In mein Herkunftsland (Frankreich) ist es kein Deut besser, soll ich daher der Mund halten?

    • federfluesterin schreibt:

      Weißt Du, ich habe in verschiedenen Ländern gelebt, und habe gemerkt, überall wird diskriminiert, wobei es in einem Land immer solche Menschen und solche gibt, Menschen, die diskriminieren, keinen Respekt zeigen und Menschen, die es genau umgekehrt machen. Niemand ist, so meine Erfahrung, außerdem davon frei, jemals selbst in einer entsprechenden Situation zu diskriminieren. Man kann nur versuchen, sich möglichst immer respektvoll zu verhalten. Ich bin also da lieber bescheiden, wenn es darum geht, andere Länder oder Völker zu belehren. Konkrete Diskriminierung durch konkrete Personen mir gegenüber spreche ich aber, wenn ich einen guten Tag habe, an. An stressigen Tagen tue ich mir das nicht mehr an. Da ist mir dann meine Kraft und Laune zu schade für. 😉

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