Deutschland als „Melting Pot“?

Copyright (c) Geralt / pixabay.com

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Die Englischbücher meiner Schulzeit enthielten mindestens ein Kapitel, in dem die Idee des amerikanischen „Melting Pot“, also des Verschmelzens von Einwanderergruppen aus verschiedenen Nationen und Erdteilen innerhalb eines Staates, als leuchtendes, fortschrittliches Vorbild hervorgehoben wurde. Sicher, als Vorbild, aber als eines, das sehr, sehr weit weg war. Denn, obwohl wir ein Englisch lernten, das sich am British English orientierte, enthielten die Kapitel über Groß-Britannien keine Darstellungen von britischen Staatsbürgern, deren Vorfahren oder sie selbst aus ehemaligen Kolonien wie Pakistan, Indien, Jamaica, Trinidad, Tobago oder einer der afrikanischen wie Kenia, Gambia, Nigeria oder Kamerun stammten. In der eigenen Stadt in Deutschland trafen wir zwar auf eine zunehmend große Gruppe an italienischen und türkischen Arbeitern, die vor allem in der Kohle- und Stahlindustrie beschäftigt waren, aber das waren ja „nur Gastarbeiter“. Sie würden wieder in ihre Länder zurückkehren, so die einhellige Erwartung. Die Frage, wie so ein „Melting Pot“ eigentlich funktionieren kann, was dafür erforderlich ist, kam daher nie auf, sie war ja in Europa und ganz sicher in Deutschland ganz obsolet.

Die Realität

Meine späteren Aufenthalte in den USA ließen dann das große Vorbild bröckeln. Ich stellte fest, es gab diesen „Melting Pot“ nicht, jedenfalls nicht so, wie er in meinen Schulbüchern angepriesen worden war, so schön es auch war, in den unterschiedlichsten Restaurants Gerichte aus allen Weltgegenden serviert zu bekommen, in Supermärkten und Geschäften Waren von dort entdecken und kaufen zu können, und Musik- und andere kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, die von der jeweiligen Einwanderungsgruppe geprägt war.

Jede Einwanderungsgruppe, ob es nun etwa die Südamerikaner, die Böhmen, die Deutschen, die Italiener, die Schwarzen, die Russen, die Skandinavier oder die Chinesen und Japaner waren, lebte vorwiegend in jeweils bestimmten Landesteilen oder in den Großstädten sehr für sich. Sicher, am Arbeitsplatz herrschte eine professionelle Zusammenarbeit, aber Böhmisch-stämmige im Mittleren Westen vermieden den Kontakt mit Schwarzen oder Mexikanern, wenn sie denn überhaupt in ihre Kleinstädte in Illinois, Iowa oder Kansas zogen. Nicht nur die Chinesen und Japaner blieben unter sich, auch Deutschstämmige bevorzugten den Kontakt mit ihresgleichen, genauso wie die Italienisch-stämmigen, die Russen und alle anderen. Privat ging man sich nicht so sehr aus dem Weg, man entschied sich einfach lieber für die eigene Bevölkerungsgruppe. Wer einen Arbeitsplatz zu vergeben hatte, stellte lieber Interessenten ein aus der eigenen Bevölkerungsgruppe, man besuchte lieber einen entsprechenden Arzt und ging in die entsprechende Kirche.

In den Großstädten wurden diese Aufteilungen sicherlich eher noch aufgebrochen, aber dort wohnt nicht die Mehrheit der Amerikaner, die Mehrheit wohnt in den ländlichen Gebieten.

Eines war aber klar, als Amerikaner fühlten sich alle, sie waren interessiert an der guten Fortentwicklung der USA und sie waren stolz auf ihr Land.

tulips-1414363_1920„Verzuiling“

In den Niederlanden gibt es für diese Spaltung der Gesellschaft entlang aller Lebensbereiche einen Begriff: „Verzuiling“, Aufspaltung in gesellschaftliche Säulen. Er bezieht sich dort auf die Bevölkerungsgruppen der Katholiken und Protestanten. Nichts kann mehr trennen und einen Staat auseinandersprengen, als fest zementierte, religiöse oder auch politisch-ideologische Überzeugungen. Anstatt also etwas naiv zu erwarten, dass beide Gruppen sich innerhalb absehbarer Zeit miteinander verschmelzen würden, sorgten die Niederländer notgedrungen, aber sehr realistisch und pragmatisch für eine Parität und einen Interessensausgleich auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen. Jede Bevölkerungsgruppe hatte ihre Schulen, ihre Radio- und TV-Sender, ihre Gewerkschaften und ihre politischen Vertreter, die miteinander Kompromisse aushandelten, eine praktische Lösung, um die Niederlande angesichts dieser Spaltung überhaupt als Staat beieinander zu halten. Es war keine einfache Lösung, im politischen Alltag!

Osteuropäische Einwanderer in Deutschland und Flüchtlinge

Copyright (c) peterscode/pixabay.com

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In den letzten Wochen ergab es sich in zufälligen Gesprächen, dass  Mitglieder von osteuropäischen Einwanderergruppen in Deutschland mir ihre Ansichten zu anderen Einwanderern in Deutschland schilderten. Sie alle hatten ihre Erfahrungen im Kontakt mit Mitgliedern der türkischstämmigen Bevölkerungsgruppe in Deutschland gemacht, und kritisierten, dass diese Menschen, sobald zwei und mehr in der Schule, am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz anwesend wären, die anderen, die sich miteinander auf Deutsch verständigten, sofort durch den gemeinsamen Gebrauch der türkischen Sprache ausgrenzen würden. Der eine oder andere sah darin auch einen bewußten Versuch, andere am Arbeitsplatz von relevanten Informationen auszuschließen und gezielt ausschließlich das Fortkommen der Mitglieder der eigenen, türkischstämmigen Bevölkerungsgruppe im Auge zu haben. Auf der privaten Ebene hätte es schon alleine deswegen auch nie Kontakte gegeben. Ein Teil berichtete auch von kurzen Schlägereien mit türkischstämmigen Jugendlichen und Arbeitskollegen.

Die Religion und Kultur der Türkischstämmigen fanden sie fremdartig und nicht nach Europa, also auch nicht nach Deutschland gehörend. In Gegenden, in denen vorwiegend Türkischstämmige wohnten, wollten sie daher auch selbst nicht wohnen.

Von der Flüchtlingswelle, insbesondere der Einwanderung von Muslimen aus dem Nahen- und Mittleren Osten, erwarteten sie, in Anlehnung an ihre Sicht auf die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland, eine Zunahme von Kriminalität und Sozialschmarozertum, sowie eine Zerstörung der Werte, Kultur und des guten gesellschaftlichen Funktionierens Deutschlands. Sie befürworteten alle eine Grenzschließung für diese Migranten, sowie die baldige Abschiebung möglichst vieler Flüchtlinge. Sie verstanden nicht, warum die Deutschen den Zuzug von Muslimen aus dem Nahen- und Mittleren Osten und die von ihnen erwartete Zerstörung ihres Landes mit sich machen ließen.

Repräsentativ sind diese Äußerungen und Auffassungen selbstverständlich nicht, das können diese Gesprächs-Momentaufnahmen nicht sein, aber das, was sie an Ablehnung und Konfliktpotential offenbarten, setzte mich doch sehr ans Denken.

Integrationspolitik

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Deutschland beherbergt durch die EU-Erweiterung und die Öffnung der Binnengrenzen mittlerweile Bevölkerungsgruppen aus sehr unterschiedlichen Herkunftsländern, mit teilweise sehr gegensätzlichen Werten, Kulturen und Religionen, sowie Auffassungen – und Vorurteilen – übereinander. Wie am Beispiel der USA und anderer Einwandererländern zu sehen, wird es eine Verschmelzung der Gruppen so bald nicht geben, schon garnicht, wenn es keine politisch-gesellschaftliche Steuerung gibt.

  • Wenn wir es also weiterhin unterlassen, schon im Kindergarten und in der Schule eine gemeinsame Sprache und einen gegenseitigen Austausch der Gruppierungen untereinander aktiv zu fördern,  und wenn wir daher weiterhin zulassen, dass ethnische Sprachgrenzen und Seilschaften der Gruppen innerhalb unseres Landes sich schon in der Schule, am Arbeitsplatz und in Wohnquartieren  weiter ausbreiten, fördern wir damit ein großes Konfliktpotential zwischen diesen Gruppen, das sich ja schon seit geraumer Zeit in Scharmützeln zwischen Jugendlichen, Jugendbanden und kriminellen Gruppierungen entlädt.
  • Wenn wir weiterhin Wohnghettos zulassen, fördern wir das Entstehen von Parallelgesellschaften unterschiedlicher Provenienz, in denen eine Parallelwirtschaft, eine Parallelgerichtsbarkeit und eine Parallelkultur, außerhalb des Grundgesetzes und der Gewalthoheit der Bundesrepublik Deutschland, entsteht und bereits floriert.
  • Wenn wir weiterhin – die Vorfälle in Köln haben es überdeutlich gezeigt – es unterlassen, unsere Werte nicht nur vorzustellen, sondern in ihrer praktischen Bedeutung, nämlich u.a. als Gesetzgebung, auch tatsächlich und ohne zu zögern durchzusetzen, dann verliert unser Staat seine Autorität und in der Folge seine Handlungsfähigkeit.
  • Wenn wir es weiterhin unterlassen, eine starke, mit Deutschland verbundene, positive Identität zu fördern, werden wir in weitaus größerem Maße als schon bisher erleben, dass die unterschiedlichen Ethnien in unserem Land sich für ihr Heimatland engagieren und zugehörig fühlen, aber nicht für Deutschland. Wir werden weitaus mehr als bisher ein gespaltenes – „verzuiltes“ -, von internen Konflikten zwischen Bevölkerungsgruppen gebeuteltes, sehr viel schwerer regierbares Land erleben.

Integrationspolitik muss daher in weitaus größerem Maß als bisher aktives Gestalten, Eingreifen und Steuern für ein gemeinsames Deutschland bedeuten, entsprechend finanziert und auch umgesetzt werden!

 

 

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4 Antworten zu Deutschland als „Melting Pot“?

  1. unbreakeableRalf. schreibt:

    Deutschland macht mir Angst.
    Oder um es mit Tucholsky auszudrücken: Genauso hat es damals angefangen…
    Als Angehöriger des ostdeutschen Billiglohnlandes bin ich auch früher auf die Strasse gegangen mit der Forderung ‚Freiheit ist auch immer die Freiheit der Andersdenkenden‘.
    Das was da jetzt praktiziert wird hat damit nichts zu tun.
    Ausgrenzung der Schwachen, Offene Angriffe auf der einen Seite und dann die Forderung DIE sollten sich doch integrieren.
    Da werden jeden Tag nur Horrornachrichten über eine winzige Minderheit von gewalttätigen Muslimen durch die Medien gepumpt – wo bleiben die Millionen, die friedlich ihren Teil zum Deutschen Staat beitragen?
    Selbst der rechtsradikale Amokläufer von München wird als radikaler Muslim dargestellt obwohl er seine Opfer gezielt nur in dieser Bevölkerungsgruppe gesucht hat.
    Man sehe sich nur mal in einem spanischen Ferienort um: Suchen wir nicht zuerst die Freundschaft deutscher Touristen und halten Abstand zu Briten, Russen und anderen – z.B. wegen der anderen Sprache und Gewohnheiten (inklusive Handtuchkrieg)?
    Integration funktioniert nur durch ein Aufeinanderzugehen.
    Es erfordert die Bereitschaft, sich aktiv mit der Geschichte und der Lebensart dieser Völker auseinanderzusetzen.
    Wie bereit sind wir selber, uns mit den Flüchtlingen zu integrieren?
    Die Politik wird noch in hunderten Jahren im Kampf um Posten, Macht und Diäten auf den Schwachen rumhacken.
    Auf der anderen Seite das Gejammere der Wirtschaft, die unwillig ist begabte selbst auszubilden, nach Fachkräften.
    Herr lass Hirn regnen! – und nicht atomaren Fallout weil Menschen nicht friedlich miteinander reden können.

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    • federfluesterin schreibt:

      Meine bisherigen, langen Auslandsaufenthalte in und außerhalb Europas haben mich gelehrt, dass es nie so ist, dass die authochtone Bevölkerung im privaten Umfeld – Ausnahmen bestätigen die Regel,und in Großstädten ist das häufiger so – von sich aus auf Migranten zugeht. Warum sollten sie auch, sie haben es nicht nötig. Andersartigkeit ist zudem anstrengend, (ver-)störend manchmal, ein Risiko in privaten Kontakten. Diejenigen, die sich für Andersartigkeit interessieren, diese Herausforderung suchen und sie als mögliche Bereicherung begreifen, gehen zumeist selbst ins Ausland. Die, die zuhause bleiben, bleiben da ja aus gutem Grund. Sie wollen diese Herausforderung garnicht, diese Anstrengung, das potentielle Infragestellen der eigenen Positionen und Gewohnheiten, was ja Verunsicherung zur Folge haben kann. Meiner Erfahrung nach brauchen recht viele Menschen einen festgefügten Rahmen von Verhaltensnormen und -grenzen, sonst fehlt ihnen die Sicherheit, sonst geraten sie in Angst.
      unbreakeableRalf, sich mit Flüchtlingen oder generell anderen Kulturen auseinanderzusetzen, kann man dieser Art von Menschen auch nicht auferlegen, und ein Aufdrängen – wie, so wie ich aus Zuhörermeldungen im Radio schließen muss, so manch einer die sehr plötzliche Öffnung der Deutschen Grenze für Flüchtlinge, ohne die vorherige Meinungsbildung in der Bevölkerung abzuwarten, geschweige denn abzufragen, erfahren hat – erzeugt nur Widerstand, siehe Pegida.
      Mir geht es jedoch in diesem Artikel vor allem darum, dass es bei der Integration nicht nur um das Verhältnis zwischen Mehrheitsgesellschaft und Migrant geht, sondern vor allem auch um das Verhältnis unterschiedlicher, politisch und kulturell gegensätzlicher, Migrantengruppen untereinander, verbunden mit der Frage der gesellschaftlichen und politischen Stabilität. Ich denke, dass wir um eine sehr viel weitergehende Steuerung und Management als bisher nicht herumkommen, wie z.B. in Bezug auf ein Quartiermanagement in den Städten, aber auch das Fördern einer gemeinsamen Identität als verbindendes Element, wenn man so will, eine „Deutschlandsaga“, wobei jeder weiß, dass das angesichts der deutschen Vergangenheit eine Aufgabe ist, die fast unlösbar ist und das Potential hat, sofort von allen Seiten vehemente Kritiker einerseits und Versuche des Missbrauchs von Rechts andererseits auf sich zu ziehen.

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  2. Dalo 2013 schreibt:

    Diversity is generally a very positive attribute for life, and societies being an extension of this. However, there must be a plan and understand of integration and the issues it presents ~ important and vital for success.

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  3. federfluesterin schreibt:

    I agree to what you are saying. Germany has far too long ignored that immigration in fact has been taking place for quite some time. Due to the large numbers of refugees last year, which sent a shock through society as well as the political class, a first integration law has been passed, however, this law can only be a first step. Their is no comprehensive plan, on all levels of society knowledge of mechanisms and issues of integraton is missing. In addition, a society, which is so unsure of itself as the german one, due to german history, has a hard time to determine in which kind of Germany immigrants should be asked to integrate….

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