Sprache, Migration und Religion

 

MarkTwain

Mark Twain (1890), Fotografie eines Bildes von James Carroll Beckwith

„In Paris they simply stared when I spoke to them in French; I never did succeed in making those idiots understand their language.“                                          Mark Twain                                                             

Ein Amerikaner in Paris und schon sprachlich gescheitert, wie es Mark Twain mit dem obigen Zitat so humorvoll skizziert. Nun, das geschieht nicht nur Amerikanern.

Ein deutscher Wissenschaftler, Biologe, reiste vor ein paar Jahren für eine Felduntersuchung nach Chengdu, Szechuan in China. Ein ganzes Jahr vorher hatte er eifrig bei einem chinesischen Studenten die chinesische Alltagssprache gelernt. Er brannte darauf, seine Sprachkenntnisse anzuwenden, wurde aber bitter enttäuscht. Die Chinesen, die er auf Chinesisch ansprach, schauten ihn verblüfft an, gaben überhaupt keine Antwort und schienen ihn und seine Äußerungen zu ignorieren.

Wir versuchen dieselbe Sprache zu sprechen und trotzdem verstehen wir einander nicht. Liegt es an der Angst oder Scheu des  Gegenübers vor dem Kontakt mit dem Fremden? Ist es die Verlegenheit angesichts des Radebrechens des Anderen?

Oder andersherum, gebrauchen wir zwar Elemente der Sprache, nutzen sie aber so, dass sie für den Sprachempfänger keinen, einen peinlichen oder sogar gefährlichen Sinn ergeben?

Es gibt Pflanzenliebhaber, die darauf schwören, ihre Pflanzen jeden Tag liebevoll zu streicheln. Auch Pflanzen wüßten Liebe wahrzunehmen.  Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass tatsächlich Pflanzen, die gestreichelt werden, kompakter und kräftiger wachsen. Allerdings tun sie das aus einem anderen Grund, als die Pflanzenliebhaber angenommen haben. Nicht die liebevolle Fürsorglichkeit animiert sie, sondern Stress, denn das Streicheln entspricht jenen Umweltreizen, die sonst Wind und Regen darstellen würden. Sie vermitteln den Pflanzen das Signal, nicht dünnstängelig und zu hoch zu wachsen, da sie sonst Wind und Regen nicht standhalten könnten. In diesem Fall haben die Pflanzenliebhaber also Elemente der Pflanzensprache genutzt, ohne zu wissen, was sie eigentlich redeten. Erfreulicher Weise dennoch mit positiven Ergebnis.

Wissen, was man selbst eigentlich redet – Wissen, was der andere eigentlich redet. Das ist eine Grundfrage im Dialog auch zwischen Menschen verschiedener Kulturen.

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Ein Ingenieur reiste nach Indien, um seine Produkte dort interessierten Geschäftskunden vorzustellen. Bei seinem ersten Gespräch wurde er zunehmend unsicher, denn jedesmal, wenn er besondere Vorzüge seiner Produkte dem indischen Kunden vorstellte, schüttelte der mehrmals verneinend den Kopf. Der Ingenieur hielt durch bis zum Ende des Treffens, fragte aber danach sichtlich irritiert seine ihn begleitenden indischen Partner, warum dieses Gespräch überhaupt hatte stattfinden sollen, da der Kunde offensichtlich eine unveränderbar schlechte Meinung über die Produkte habe, ständig habe er ablehnend seinen Kopf geschüttelt.  Seine Partner lachten daraufhin laut auf. Das sei ein Missverständnis. In Indien bedeute das waagerechte Schütteln des Kopfes keine Ablehnung, sondern ganz im Gegenteil, sogar Zustimmung!

Wie Sie sich vorstellen können, liebe Leser, war der Ingenieur sehr erleichtert und absolvierte die folgenden Kundengespräche wesentlich entspannter, denn er verstand nun die Körpersprache seiner indischen Kunden. Nicht immer aber löst sich ein kulturelles Missverständnis so schnell und problemlos auf.

Eine Iranerin war mit ihrer Familie als Migrantin nach Schweden gekommen. Nach 2 Jahren sprach sie leidlich Schwedisch, und sie hatte sich mit einer schwedischen Frau gleichen Alters angefreundet. Eines Tages hatte sie Lust, ihre Freundin, die ca. 30 Minuten Fahrweg weit weg wohnte, zu besuchen. Bereits im Auto rief sie sie über Handy an. Die Freundin nahm das Gespräch an, antwortete aber, als die Iranerin ihr mitteilte, sie wolle sie besuchen, ob ihr das Recht wäre, nein, eigentlich nicht, sie habe gerade Besuch von einem Freund.

Die Iranerin war tief beleidigt und empörte sich. Wie konnte ihre schwedische Freundin ihren Besuch ablehnen? In der iranischen Kultur hat, ganz nach dem Beispiel des in der Sunna geschilderten Verhaltensweisen des Propheten Muhammad, Gastfreundschaft einen hohen Stellenwert. Das eigene Haus steht dem Gast immer offen, und der Gastgeber tut alles, damit sich der Gast wohlfühlt.

Nun genießt sicherlich in der schwedischen Kultur Gastfreundschaft auch eine hohe Wertschätzung, aber es existiert auch das Element des „My home is my castle“, das das unabdingbare Recht des Gastes auf ein immer offenes Haus entscheidend relativiert. Vorrang hat die Privatspäre. Dieses Prinzip wurde im 17. Jahrhundert in England formuliert, ursprünglich als Abwehr eines unberechtigten Eindringens von Beamten, also des Staates, in das eigene Haus. Es ist aber seitdem überall in Europa, vielleicht aber mit  etwas mehr Nachdruck in den protestantischen Ländern, als fester Freiheitswert in die bürgerliche Kultur eingegliedert worden.

Die iranische Migrantin hatte zwar die gesprochene Sprache Schwedisch gelernt, aber das eigentliche „Schwedisch“, nämlich das der gelebten Werte, des Landes, für das sie sich entschieden und in das sie sich von sich aus begeben hatte, bei weitem noch nicht verstanden. Aus ihrer, dem alten, von ihr verlassenen Heimatland verbundenen, Sicht hatte die Freundschaft einen schweren Schaden genommen. Aus Sicht ihrer schwedischen Freundin war ihre empörte Reaktion völlig unverständlich.

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Wie weitreichend so ein Schaden sein kann, zeigt das folgende Beispiel: Eine Ethnologin reiste nach Papua-Neuguinea und unternahm in einem Dorf im Dschungel Feldforschung. Sie hatte die Sprache der Ureinwohner gelernt und verstand sich, so hatte sie den Eindruck, gut mit allen Bewohnern im Dorf. Die Männer beobachtete sie bei ihrer Jagd und zuhause die Frauen und Kinder bei ihren Arbeiten.

Doch eines Tages erzählte ihr eine der Frauen, dass die Männer  ihr immer nachschauten und danach schlecht über sie redeten. Die Ethnologin hörte ihr zu, reagierte aber nicht weiter darauf. In den darauffolgenden Wochen merkte sie, dass die Frauen anfingen, sie zu meiden. Noch später registrierte sie immer wütendere Blicke. Schließlich sagte ihr eine Frau zornig noch einmal, die Männer würden schlecht über sie reden. Andere Frauen in der Nähe schauten sie zugleich sehr böse an. Als die Ethnologin nicht reagierte, ignorierten sie  die Frauen des Dorfes von da an.

Die Ethnologin zog aus dem Vorfall den Schluss, dass die weiblichen Mitglieder dieses Dorfstammes außergewöhnlich aggressiv seien und schrieb das in ihren Forschungsbericht. Dabei hatte sie ungewollt mit ihrem, von der deutschen Umgebung geprägten, Auftreten als Frau innerhalb des Urwalddorfes in Papua-Neuguinea Signale ausgesandt, die vergleichsweise denen einer Prostituierten auf dem Kiez in Hamburg entsprochen hatten. Sie hatte sich selbst als neutrale Person gesehen, und sie hatte nicht verstanden, was sie de facto „redete“. Die Frauen des Dorfes hatten höflich versucht, sie darauf hinzuweisen. Denn die Ethnologin war in die Welt dieser Frauen gekommen und letztere erwarteten daher von ihr, dass sie sich gemäß ihrer Dorfkultur angemessen benahm, dass sie sich kulturell anpasste. Auch die Menschen  in Europa erwarten, dass diejenigen, die auf Dauer nach Europa kommen, sich kulturell anpassen. Die Ethnologin hatte wiederum die zunächst ja noch freundlichen Hinweise auf ihr kulturelles Fehlverhalten nicht verstanden, ihr fehlte das wirkliche Verstehen der „Sprache“ der Dorfbewohnerinnen . So war die Situation eskaliert und leider unerfreulich geendet.

Sprache ist weitaus mehr, als eine Zusammensetzung von Worten. Ein tschechisches Sprichwort beschreibt es so:

Mit jeder neu gelernten Sprache, erwirbt man eine neue Seele.

Genauso gilt aber auch:

Bevor man eine andere Sprache wirklich gelernt haben kann, muss man ihre Seele erforscht und, vor allem, vorher die der eigenen Sprache erkannt haben.

Für Religionen gilt genau dasselbe. Denn auch sie haben jeweils ihre eigene Sprache, ihren ganz eigenen Blick auf die Gottheit, den Menschen und das Verhältnis zwischen beiden. Sie haben sozusagen auch ihre eigene Seele. Und Religionen formen, nicht nur, aber in besonderer Weise, Einstellungen und Verhalten.

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Illusionen in Europa und Afrika: Migration – Sehenswerte Dokumentation des ZDF

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Für die Dokumentation „Migration – Das große Missverständnis“, die das ZDF am 05.09.2019 ausgestrahlt hat, hat der Sender viel Aufwand betrieben. Die Redaktion hat viele Interviews geführt, mit Migranten und Migrationsexperten vor Ort, in Deutschland, Ghana, Marokko und Afghanistan.

Der Zuschauer kann so einen realen Eindruck bekommen von den Hintergründen der Migration aus Afrika und Afghanistan. Dazu gehört die Aussage des ghanaischen, und in Afrika führenden, Migrations-Wissenschaftlers, dass die Europäer endlich begreifen müssten, dass der übergroße Anteil der Migranten aus dem mit 8% Wachstum pro Jahr wirtschaftlich boomenden Ghana keine Flüchtlinge vor Krieg, Hunger, Verfolgung und Arbeitslosigkeit seien, auch wenn sie das bei ihren Asylanträgen angäben, sondern sie seien ganz normale Auswanderer, die berufliche Chancen suchen und einen gesellschaftlichen Aufstieg. Freilich sind sie Auswanderer, die einem Trugbild von einem ideal-sorgenfreien-chancenreichen Leben in Deutschland hinterherlaufen. Es entsteht durch Fernsehbilder, aber auch Bilder in Sozialen Medien, die von Migranten eingestellt werden. Sie wollen ihren Familien im Heimatland die schöne Seite ihres Migrationslandes und ihrer Migrationssituation zeigen, die schwierige, keinen Wohlstand umfassende, möglicherweise häßliche Seite blenden sie für ihre Angehörigen bildlich und inhaltlich aus, nicht zuletzt deshalb, weil sie nicht als Versager, als Gescheiterte gelten wollen, die es nicht geschafft haben.

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Es sind dabei nicht die armen Ghanaer, die sich nach Europa schleusen lassen, sondern diejenigen, die schon einen gewissen Wohlstand erreicht haben. Nur sie haben das nötige Geld. All das trifft nicht nur auf die Ghanaer zu, sondern auch auf Marokkaner und Afghanen. Dieses Auswanderer-Trugbild trifft dann auf das Trugbild, das, zumindest das westliche, Europa über Migranten hegt: dass sie alle arme, hilfsbedürftige Verfolgte und Hungernde sind.

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Wenn Trugbild auf Trugbild trifft, dann gibt es Scherben. Die Scherben sind diejenigen Migranten, die, nachdem ihre Asylanträge abgelehnt wurden, wie bei weit über 90% aller Ghanaer und Afghanen, in der Illegalität untertauchen und im Drogen- und Kriminalitätsmilieu landen, den Weg zurück in ihr Heimatland nicht mehr finden. Wer jahrelang auf seinen endgültigen Asylbescheid gewartet hat, der hat die direkte Bindung zu seiner früheren Umgebung im Heimatland verloren, und tut sich schwer, eine Perspektive oder Plan für ein Leben dort wieder zu entwickeln. Die Scherben sind aber auch auf der anderen Seite die hohen Belastungen der Sozialkassen in Europa durch nicht- oder mangelhaft qualifzierte Migranten, die zunehmende Ausländerfeindlichkeit und deren politische Artikulation in rechtsradikalen Parteien in ganz Europa.

Dabei könnten Europas alternde Gesellschaften qualifzierte, integrationswillige Migranten gut brauchen. Würde dann ein Brain-Drain entstehen? Ein Ghanaer, der gut vorbereitet nach Deutschland kam, in München Medizin studierte und nach seiner Ausbildung nach Ghana zurückging, heute dort in verantwortlicher Position vieles von dem, was in Deutschland auch in organisatorischer Hinsicht gelernt hat, umsetzt, sieht es genau umgekehrt. Er erkennt für Ghana einen Brain-Gain, also einen Gewinn.

Schade, dass der Film am Schluss genau an dem Punkt aufhört, an dem der Zuschauer sich fragt:

Und wat nu? Wie können wir diese verfahrene Situation zum Besseren auflösen?

Wer will, kann sich die Dokumentation noch bis zum 04.09.2020 in der Mediathek des ZDF anschauen, hier der Link.

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Vaskulitis Nachrichten 4.8.: Ab mit den alten Zöpfen!

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Die Therapie einer Vaskulitis beinhaltet auch heute noch zumeist die Gabe von Chemotherapeutika, nicht in den hohen Dosen, wie bei einer Krebsbehandlung, aber in der Regel für einen wesentlich längeren Zeitraum. Genauso wie Krebspatienten können aber auch Vaskulitis-Patienten unter mehr oder weniger schweren Nebenwirkungen der Chemotherapeutika leiden. Eine dieser Nebenwirkungen ist der Haarausfall. Eine Perücke ist dann auch für Vaskulitis-Patienten eine große Hilfe, die viel zur Lebensqualität beitragen kann.

Umso begrüßenswerter ist es, dass dieses Jahr die Zweithaar-Spezialisten das Geld, das sie mit der jährliche AktionRapunzel“ ihres Bundesverbandes einnehmen, der Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE e.V.) zugute kommen lassen. Pro Vaskulitis unterstützt daher gerne diese gemeinsame Aktion.

Unser Aufruf:

Schneiden Sie ihre alten Zöpfe ab, wenn sie länger als 30 cm sind, weder blondiert noch gefärbt, und spenden Sie sie der Versteigerung im Rahmen der Aktion „Rapunzel“!

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Vaskulitis Nachrichten 4.7: Und er ist es anscheinend doch, der Staphylococcus Aureus!

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Schon seit Jahren wird unter Vaskulitis-Patienten vermutet, dass ein Zusammenhang besteht zwischen einer Infektion mit dem Bakterium Staphyloccus Aureus und dem Ausbruch einer Vaskulitis. So berichteten mehrere Patienten von vorherigen eitrigen Entzündungen im Mund, wie es etwa eine Zahnwurzelentzündung darstellt oder auch ein Abzess in der Wange oder im Oberkiefer. Eine Krankenpflegerin berichtete, dass ihr Vaskulitis-Ausbruch nach der drei Monate langen Pflege eines MRSA-Patienten, also eines Menschen, der mit einem multiresistenten Staphylococcus Aureus infiziert war, aufgetreten war. Andere Betroffene waren, kurz bevor sie an einer Vaskulitis erkrankten, aufs Land und damit in die Nähe von Schweine- und Hühnerzuchtbetrieben umgezogen. In ländlichen Bereichen werden immer wieder erhöhte Werte multiresistenter Keime in der Luft und im Boden gefunden.

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Auch wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre weisen in die Richtung eines Zusammenhangs zwischen dem Staphylococcus Aureus und einem Vaskulitis-Ausbruch.* Den allerletzten, fundierten Nachweis gibt es jedoch bisher nicht.

Bei der neuesten wissenschaftliche Veröffentlichung handelt es sich um einen weiteren Schritt auf dem Weg zu diesem Nachweis, wie ich meine, einen wichtigen. Die Untersuchung betrifft zunächst einmal die Mikroskopische PolyAngiitis (MPA), aufgrund der hohen genetischen Ähnlichkeit von Patienten mit MPA und mit Granulomatöser PolyAngiits (GPA) könnte die Untersuchung allerdings auch Relevanz für GPA-Patienten haben.

Bei der MPA werden Antikörper (Anca) gegen die Myeloperoxidase (MPO) gebildet, ein Enzym und Eiweiß, dass Granulozyten an der Oberfläche ausbilden. Wissenschaftler vom Vaskulitis-Zentrum der Universität Groningen, Niederlande und der Monash University in Clayton, Australien, konnten an Mäusen nachweisen, dass der H1-Stamm des Staphylococcus Aureus – und NUR dieser Stamm! – auf seiner Zelloberfläche ein Eiweiß (6PGD 391–410) eingebaut hat, dass eine baugleiche Struktur mit einem Eiweiß (MPO 409–428), aufweist, dass, wie bereits erwähnt, die Granulozyten, aber auch die T-Zellen der Mäuse auf der Oberfläche trugen. Die T-Zellen sind die Angreifer des Immunsystems, die sich auch gegen körpereigene Zellen richten können. Zugleich können sie auch als Gedächtnis des Immunsystems wirken: sie können sich eine einmal als Feind erkannte Oberflächenstruktur „merken“ und so immer wieder bekämpfen. Das Eiweiß (MPO 409–428) ist, wie die Buchstaben MPO andeuten, ein integraler Bestandteil der Myeloperoxidase. Nicht nur das, frühere Untersuchungen konnten nachweisen, dass bei einer MPA-Vaskulitis die Ancas vor allem gegen diesen Bestandteil der Myeloperoxidase gebildet wurden und selbst CD4-T-Zellen dagegen mobilisiert wurden.

Im Mäuseversuch impften die Wissenschaftler die Tiere mit dem Staphylococcus Aureus-Eiweiß 6PGD 391–410 . Als Reaktion auf die Impfung entwickelten die Mäuse Antikörper gegen das Eiweiß. Wurde danach Myeloperoxidase in den Nierenkörperchen der Mäuse deponiert, entwickelten die Mäuse eine MPA-Vaskulitis und schwere Nierenschäden. Die Wissenschaftler fanden, dass das Immunsystem der Mäuse eben nicht nur das Eiweiß des Staphylococcus Aureus, angriff, sonden auch das Eiweiß MPO 409–428 der Myeloperoxidase. Offensichtlich konnte das Immunsystem zwischen beiden Eiweißen nicht unterscheiden. Es entstand dadurch bei den Mäusen eine anti-MPO T-cell Autoimmunität.

Das Ergebnis ist insofern sensationell, als zum ersten Mal der Zusammenhang zwischen einem Bakterium und einer Autoimmunität nachgewiesen wurde.

Die Wissenschaftler weisen am Ende in ihrem Bericht darauf hin, dass sowohl gesunde Menschen als auch Vaskulitis-Patienten Antikörper gegen das Staphylococcus-Eiweiß 6PGD 391–410 im Blut tragen. Das bedeutet, beide Gruppen sind schon einmal mit dem H1-Stamm des Bakteriums infiziert worden. Wenn beide Gruppen Antikörper gegen 6PGD 391–410 entwickelt haben, warum entwickelt die eine Gruppe eine anti-MPO T-cell Autoimmunität, sprich eine MPA-Vaskulitis, die andere jedoch nicht?

Warum werden also die Einen zu Vaskulitis – Patienten, die Anderen jedoch nicht? Besteht vielleicht der Unterschied in einer schweren, chronischen Infektion mit dem H1-Stamm des Staphylococcus Aureus, wie es etwa bei einer lange unentdeckt gebliebenen Zahnwurzelentzündung oder Zahnwurzelabzess eines wurzelbehandelten Zahns der Fall sein könnte oder in einer ständigen, langen Exposition mit dem multiresistenten H1 Staphylococcus Aureus, wie es die o.a. Krankenschwester und der Neubewohner des Plattenlandes möglicherweise erlebten? Welche Rolle spielen die in genetischen Untersuchungen von Vaskulitis-Patienten ermittelten Mutationen, die auf eine strukturelle Immunschwäche hindeuten? Es sei noch erwähnt, dass es ausgerechnet dieser H1 – Stamm des Staphylococcus Aureus ist, der zur Bildung von Multiresistenzen gegen Antibiotika neigt.

Wer die Publikation selbst nachlesen will, hier ist der Link.

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*siehe u.a.

  • Glasner, C. et al. Genetic loci of Staphylococcus aureus associated with antineutrophil cytoplasmic autoantibody (ANCA)-associated vasculitides. Sci. Rep. 7, 12211 (2017).
  • Hellmich, B. et al. Anti-MPO-ANCA-positive microscopic polyangiitis following subacute bacterial endocarditis. Clin. Rheumatol. 20, 441–443 (2001).
  • Miranda-Filloy, J. A. et al. Microscopic polyangiitis following recurrent Staphylococcus aureus bacteremia and infectious endocarditis. Clin. Exp. Rheumatol. 24, 705–706 (2006).
  • Kasmani, R. et al. Microscopic polyangiitis triggered by recurrent methicillinresistant Staphylococcus aureus bacteremia. Int. Urol. Nephrol. 42, 821–824 (2009).
  • Tervaert, J. W., Popa, E. R. & Bos, N. A. The role of superantigens in vasculitis. Curr. Opin. Rheumatol. 11, 24 –33 (1999).
  • Tadema, H., Heeringa, P. & Kallenberg, C. G. Bacterial infections in Wegener’s granulomatosis: mechanisms potentially involved in autoimmune pathogenesis. Curr. Opin. Rheumatol. 23, 366–371 (2011).
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Die Streitfrage

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Zwei Freunde streiten sich über die Natur des Buddhismus. Der Eine ist davon überzeugt, dass der Buddhismus eine a-theistische Religion ist, der Andere besteht darauf, dass der Buddhismus hingegen ein Gotteskonzept beinhaltet. Die Argumente gehen hin und her. Nach einiger Zeit bitten sie einen dritten Freund hinzu, er möge entscheiden. Er hört sich alles in Ruhe an und meint dann in die Runde:

„Wen kümmert es?“

Tatsächlich lag der Schwerpunkt der Lehre des Buddha auf der Praxis, die dem Menschen ermöglichen sollte, dem menschlichen Leiden zu entkommen. Metaphysischen Fragen stellte sich der Buddha, der selbst über ein hohes metaphysisches Talent und Wissen verfügte, selten, da er die metaphyischen Spekulationen der Welt des Hinduismus, in der er aufgewachsen war, als Haarspaltereien und um sich selbst kreisend kennengelernt hatte. Insofern liegt in der obigen, durchaus witzigen Geschichte eine typisch buddhistische Lehre: Konzentriere Dich auf Deine Meditationspraxis, bevor Du Dich in Fragen verlierst, die Dich möglicherweise, zumal angesichts des spirituellen Niveaus, auf dem Du Dich eventuell noch befindest, noch nicht einmal auf Deinem Weg weiterbringen.

Aber, ist es denn eine Frage, die den Adepten nicht weiterbringt?

Nun, man kann die Geschichte auch anders angehen, nämlich indem man nach dem Ursprung der Meinungsverschiedenheit fragt. Er liegt darin, dass die zwei Streitenden auf zwei unterschiedlichen Ebenen argumentieren. Der Erstere, der der Auffassung ist, dass der Buddhismus eine a-theistische Religion sei, bezieht sich auf die Idee eines persönlich handelnden Schöpfer-Gottes, wie er im Hinduismus, aber auch in den Monotheistischen Religionen beschrieben wird.

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Der Buddha, der den degenerierten Hinduismus seiner Zeit ablehnte, in dem die Menschen sich in vielfältigen, formalisierten Ritualen zur Anbetung verschiedenster hinduistischer Gottheiten – zum Erbitten von Wundern und Erwerb göttlicher Vergünstigungen, sowie in der Mystifizierung paranormaler Ereignisse – völlig verloren hatten, verneinte diese Idee in der Tat. Insofern könnte man mit Recht beim Buddhismus von einer nicht-theistischen Religion sprechen.

Der zweite Streitende aber bezieht sich garnicht auf diese Ebene. Er bezieht sich auf die darüberliegende Ebene der nicht-formhaften, göttlichen Wesenheit, Absolutheit oder Gott-heit. Und genau diese Idee hat der Buddha, der das lehrte, was er meditativ erfahren hatte, bejaht:

„There is, O monks, an Unborn, neither become nor created nor formed…Were there not, there would be no deliverance from the formed, the made, the compounded.“*

Mit dieser Aussage wird auch klar, dass es gerechtfertigt ist, über die obige Streitfrage nachzudenken. Denn die Antwort klärt, was überhaupt das Ziel, ja die Voraussetzung der buddhistischen Praxis ist und sein muss.

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Bedeutende Mystiker der monotheistischen Religionen wären es übrigens, aus ihrer eigenen meditativen Erfahrung heraus, in Hinsicht auf das Prinzip der Gott-heit mit dem Buddha eins gewesen. So formulierte Meister Eckhart, der bedeutendste deutsche Mystiker des Mittelalters:

Gott ist gut, Gott ist weise,
Gott ist unendlich, Gott ist gerecht –
das alles ist so unsinnig, als wenn ich
das Schwarze weiß nennen würde.
Du bist es, was du über deinen Gott denkst,
und lästerst ihn, wenn du ihn damit behängst.
Nimm ihn ohne Eigenschaft als überseiendes Sein
und eine überseiende Nichtheit.
**

*Iti-vuttaka, 43; Udana VIII, 3. CF. Pratt, „The Pilgrimage“, 88-89 und Burtt, „Teachings“, 113

** aus “ Reden der Unterweisung „, Eckhart von Hochheim ( 1260-1328)

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Klimawandel oder Alles ist relativ!

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Als die Stewardess die dickwandige Flugzeugtür zur Seite schob, drückte sich sofort eine Wand aus Hausbrand, Abgasen von Schwärmen von Tuktuks und altersschwachen LKWs, meeresfeuchter Luft und durchdringender Wärme in die Kabine. „Willkommen in Kalkutta!“, dachte ich etwas gequält. Mit langsamen Bewegungen, um nicht mehr als nötig ins Schwitzen zu kommen, erhob ich mich aus meinem Sitz, griff nach oben, um meine Reisetasche aus dem oberen Klappschrank zu holen und ließ mich dann von der Schlange der anderen Reisenden aus dem Flugzeug in den Flughafenbus treiben. In der Enge der dichtgedrängt stehenden Passagiere umwehten mich schon bald schwüle Parfüm- und Schweißschwaden.

Im Flughafengebäude angekommen zwang ich mich deshalb zu einer schnelleren Gangart. Frühzeitig am Gepäckfließband zu sein, würde es mir ersparen, in zweiter oder dritter Reihe stehend den Ausdünstungen meiner Mitreisenden genauso unausweichlich, wie im Bus, ausgesetzt zu sein.

Alles lief wie geplant. Als einer der ersten hiefte ich meine Koffer vom Band und wurde mit Glück kurz darauf ohne Zwischenstopp vom Zoll durchgewunken. Allerdings, alles hat seinen Preis. Aufgrund meiner schnellen Aktion lief mir nun mein eigener Schweiß in Strömen im Gesicht und im Nacken herunter. Mein Hemd war nurmehr nass. Schnell nach draußen! Vor dem Flughafeneingang fiel mein Blick auf die Temperaturanzeige:

46 Grad Celsius Außentemperatur! Und nirgendwo Schatten.

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Da hieß es, sofort ein Taxi nehmen, ins Hotel fahren, duschen und meine Kleidung vor dem ersten Geschäftstermin wechseln! Schnell sprang ich in das erste der in einer langen Schlange parkenden Fahrzeuge. „Hotel Oberoi, please!“, wandte ich mich an den Taxifahrer. Der Mann trug einen kaffeebraunen, langärmeligen Rollkragenpullover! „How can you wear a turtle neck sweater? Man, it’s steaming hot here in Calcutta!“ stöhnte ich entgeistert. Da lachte der Fahrer mich an, seinen Kopf fröhlich von links nach rechts schüttelnd, wie Inder es tun, wenn sie eine Ansicht bejahen oder unterstreichen wollen:

„Mister, you’re lucky! This morning, we had 55 degrees .

It has been cooling up!“

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Vaskulitis Nachrichten 4.6: Pflegewohnung in schönem Einfamilienhaus in Niedersachsen

Viele Vaskulitis-Patienten und Multiple-Sklerose-Patienten können nach dem Ausbruch ihrer Erkrankung in ihrem gewohnten Umfeld bleiben, einige schaffen es auch, ihrem Beruf noch etliche Jahre nachzugehen. Kinder und Jugendliche durchlaufen ihre Schul- und Berufsausbildung, wenn auch mit Hindernissen, aber sie schaffen ihre Abschlüsse und den Sprung in ein selbstbestimmtes Leben.

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Immer wieder aber gibt es Betroffene, die in eine Pflegesituation rutschen, und das schon in sehr jungen Jahren. Wenn die Perspektive dann darin besteht, unter 70Plussern im Pflegeheim zu wohnen, erscheint das Leben schnell sehr grau. Nun hat sich ein Ehepaar bei einer Mitbloggerin gemeldet, das zwei Pflegeplätze in einem privaten Einfamilienhaus in Algermissen, Landkreis Hildesheim, Niedersachsen, mit schönem Garten und Terasse zu vergeben hat. In der barrierefreien Erdgeschosswohnung haben vorher ihre pflegebedürftigen Eltern gewohnt, davon eine Rollstuhlfahrerin, die mittlerweile verstorben sind. Die Wohnung verfügt über einen barrierefreien Zugang zur Garage. Das Ehepaar, dass die Wohnung und Pflege anbietet, meint aufgrund seiner Pflegeerfahrung, dass in der privaten Umgebung ihres Einfamilienhauses sich auch für die Freizeitgestaltung mehr Möglichkeiten bieten/organisieren lassen, als in einem Pflegeheim.

Vielleicht ist das ja eine Alternative für den einen oder anderen pflegebedürftigen Vaskulitis- oder MS-Betroffenen , evtl. für zwei Freundinnen oder Freunde?

Wer mehr wissen will und das Ehepaar kontaktieren will, wende sich an Katrin Sickert, eine MS-Patientin, die selbst seit jungen Jahren in einem Pflegeheim lebt, deshalb angesprochen worden ist, und mit dem Ehepaar nicht persönlich „verbandelt“ ist, keinerlei finanzielles Interesse hat (!), E-mail: musikhai[at]gmx.com. Sie wird den Kontakt vermitteln.

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Auf dem Holzweg

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Fridays for Future klagen mehr Umweltbewußtsein ein, von jedem. Und wer wollte das nicht, möchte nicht Nachhaltigkeit. Beides aber zu leben, ist im Detail garnicht so einfach.

Anfang diesen Jahres kam ich auf die Idee, meine Gartenwege zukunfsgerichtet zu sanieren. Sie sollten problemlos mit dem Kinderwagen, Rollator oder auch Rollstuhl befahrbar sein. Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich für Pflasterklinker als Belag. Er hält bis zu 100 Jahre lang, Schäden kann man leicht ausbessern durch ein einfaches Umdrehen des Klinkers. Muss er dennoch ersetzt werden, kann er einfach zu Lehmmehl zermahlen werden und ist damit umweltfreundlich entsorgt.

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Angeliefert wurden die Pflasterklinker, aber nicht nur sie. Sie waren gestapelt und verpackt auf Holzpaletten auf einem 40-Tonnen-LKW, dessen Fahrer sie, ohne jede weitere Hilfe, mittels des LKW-Krans in meine Einfahrt hob. Anstatt also die Klinker auf die Ladefläche des LKWs zu stapeln und dann beim Kunden wieder herunterzustapeln – was viele Arbeitsstunden kosten würde – nutzt man ein „Containerprinzip“, nämlich die Verpackung auf Paletten.

Nachdem in den folgenden Tagen im Garten die Erde ausgehoben, Schotter und Kies aufgefahren und verdichtet worden waren, wanderte Klinker für Klinker gen Garten, wo sie in Mustern auf die Wege gelegt, sodann abgerüttelt und mit Quarzsand eingeschlämmt wurden. Ich war glücklich, die Wege sahen gut aus, waren gut begehbar und nun definitiv ein Gewinn für den Garten.

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Im Gegensatz zu den Pflasterklinkern, die mich und hoffentlich auch eine nachfolgende Generation lange erfreuen werden, hatten die Holzpaletten nun ihren Dienst erfüllt. Nicht nur das, sie standen mir in der Einfahrt im Wege.

Was also nun tun damit? Ich weiß nicht, wieviel Baum für „meine“ Paletten sein Leben lassen musste, aber dass zumindest ein Baum dafür gefällt worden war, soviel war sicher. Ein Grund, so eine Holzpalette wertzuschätzen. Zudem ist ja Arbeitsleistung in die Herstellung der Paletten geflossen. Zum Wegschmeißen also sind sie zu schade.

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Beim Stapeln der Paletten in einer Ecke der Einfahrt stellte ich dann fest, dass das Holz, aus dem die Paletten zusammengezimmert waren, als knochentrocken und offensichtlich sehr gut abgelagert. Mit anderen Worten, ideales Brennholz! Aber zu dumm, Ostern und damit alle Osterfeuern waren schon etliche Wochen vorbei.

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Vielleicht gab es da jedoch einen anderen Weg: In meinem Stadtviertel besitzt fast jedes vierte Haus einen separaten Edelstahl-Außenschornstein, was darauf schließen lässt, dass die Bewohner einen Holzkamin betreiben. Im Baumarkt hatte ich ab und an im Augenwinkel die Preise für einen Raummeter Brennholz gesehen, wow, richtig teuer! Da wären sicherlich einige Leute froh, wenn sie gutes Brennholz umsonst bekommen könnten, dachte ich. Also setzte ich mich an den PC und schrieb Anzeigen:

Brennholz an Selbstabholer zu vergeben, kostenlos!

Bei einem Abendspaziergang verteilte ich die Zettel in der Nachbarschaft und erwartete mit großer Zuversicht den Ansturm von Interessenten. Alleine: Das Telefon blieb still, tagelang. Schließlich meldete sich ein einziger, befreundeter Nachbar, der mir dann auch noch erklärte, er selbst würde die Paletten ja liebend gerne nehmen, es wäre ja sehr gutes Brennholz, aber seine Frau wolle nur geschnittenes, sauberes Brennholz und gegen ihren Wunsch könne er sich nunmal nicht durchsetzen.

Ich war ratlos. Ob meines Frustes rieten mir daraufhin Freunde, aus der Not eine Tugend zu machen. Gartenzäune könne ich daraus bauen oder Holzregale zur Aufnahme von Kräutertöpfen und alternative Gartenmöbel. Leider besitze ich jedoch weder Schreinerkenntnisse, noch das nötige Werkzeug. Und die Freunde, die über beides verfügten, blieben bei diesen wohlgemeinten Ratschlägen auffällig still, was mir zu denken gab.

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Also schaltete ich in den gängigen Online-Marktplätze eine Anzeige, in der ich die Holzpaletten zum Möbelbau anbot, kostenlos, für Selbstabholer. Im Baumarkt kostet so eine Holzpalette schnell um die 20 Euro. Aber, nach ein paar Wochen ohne dass ich mich über irgendeine Resonanz hätte freuen können, löschten die Marktplätze meine Anzeige.

Kurz überlegte ich dann noch, ob es ein Fingerzeig des Himmels sei, dass ich mir das Schreinern als Hobby zulegen sollte. Aber nein, nur wegen ein paar Holzpaletten? Schnell verwarf ich den Gedanken.

Also werde ich nun, nach einigen Wochen fehlgeschlagender Versuche einer nachhaltigen Weiterverwendung der Holzpaletten, sie nun ins Auto laden und in die Müllentsorgung geben. Der Baum hat seine Schuldigkeit getan, die Holzpaletten müssen nun leider doch auf die Müllhalde gehen. Mein Experiment Nachhaltigkeit ist bei den Holzpaletten gescheitert.

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Aus dem wilden Kurdistan nach Deutschland – Ein Interview

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Drei Tage hat es gedauert, vom kurdischen Teil Syriens über die Türkei nach Deutschland. 2500 Euro hat er gezahlt, ein Schnäppchenpreis für vier Personen, er, seine Frau und seine zwei kleinen Söhne. Trotzdem, für ihn war es viel Geld, seine ganze Habe hat er dafür verkauft. Sich in der Familie Geld geliehen. Aber er wollte es versuchen in Deutschland. Er hatte von denen gehört, die schon nach Deutschland gegangen sind, dort gibt es bessere Arbeit, dort kann man gut verdienen. Und die Regierung gibt ihm und seiner Familie eine Wohnung, Essen, Medizin und den Schulbesuch seiner Kinder. Er muss nur sagen, dass er Asyl haben will. Früher war es schwer, bis nach Deutschland zu kommen. Aber die Grenzen sind seit dem Krieg durchlässig, die Reisewege organisiert. Die Gelegenheit ist jetzt da.

Seine Frau wollte erst nicht. Sie hatte Angst vor der Reise, fürchtete die Schleuser, die Überfahrt mit dem Schlauchboot. Sie kann nicht schwimmen. Nein, er auch nicht. Und ihre Söhne schon garnicht. Aber der Fluss zwischen der Türkei und Griechenland bei Edirne war zahm in jener Nacht. Zehn Minuten nur saß die Familie im Schlauchboot, das über das Wasser flitzte. Dann konnten sie schon am griechischen Ufer aussteigen. Von dort ging es weiter mit dem Auto. Direkt bis nach Deutschland. Schnell ging es und glatt.

Jetzt sind sie seit einem Jahr hier. Ein Jahr auf engstem Raum, in einem Zimmer im Flüchtlingsheim. Dass es so lange dauern würde, so eng sein würde, hatten sie nicht erwartet. Eine Prüfung für die ganze Familie. Gerade erst zwei Wochen ist es her, dass sie eine Wohnung im Stadtzentrum ergattert haben. Ein Wohn-Schlafzimmer, eine kleine Kammer für die Kinder, Küche, Bad. Sie sind erleichtert, dem Heim am Stadtrand, dort, wo es außer Eigenheimen und Natur und Deutschen nichts gab, entkommen zu sein. Im Stadtzentrum gibt es viele Kurden. Seine Frau hat schon mögliche Freundinnen ausgemacht, Frauen, mit denen sie sich auf Kurdisch unterhalten kann. Denn Deutsch kann sie nicht, Auch nicht nach einem Jahr in Deutschland. Woher auch. Sie hat noch nie eine Fremdsprache gelernt. Dazu noch eine, die mit so ganz anderen Buchstaben geschrieben wird, als die, die sie damals in der Schule gelernt hat.

Er ist stolz, dass der älteste Sohn schon zur Schule geht, der kleine in den Kindergarten. Aber Schulaufgaben machen, das fällt seinem Ältesten schwer. In dem kleinen Kinderzimmer gibt es keinen Platz für einen Schreibtisch. Im Wohnzimmer ist immer etwas los. Ruhe findet er da nicht.

Wenn sein Sohn eine Frage hat, kann er ihm nicht helfen. Er versteht nur ein paar Worte Deutsch, kann Deutsch mit seinen fremden Buchstaben nicht lesen. Beide haben nach der fünften Klasse die Schule in Syrien verlassen, wie alle Kinder damals in ihrem Dorf.

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Arbeit hat er trotzdem gefunden, bei einem Bauunternehmer. Als Hilfsarbeiter, denn eine Ausbildung hat er ja nicht. Und selbst wenn, sie würde in Deutschland wenig gelten. Dabei hat er in Syrien auf dem Bau gearbeitet. Erfahrung hat er also. Deshalb hat ihn der Chef mitgenommen, als er auf dem „Arbeiterstrich“ im Zentrum nach Tagelöhnern gesucht hat. Er hat Glück, es gibt mehrere Kurden, die auf der Baustelle arbeiten. Sie sagen ihm, was er machen soll, wenn er den Chef nicht versteht – was meistens der Fall ist. Er hat ja erst ein paar Worte Deutsch gelernt. Deshalb schweigt er, wenn Deutsche in der Nähe sind, fast den ganzen Tag.

Nach ein paar Tagen merkt er, dass die Arbeit in Deutschland eine andere ist. Ständig gibt es diesen Druck, die Arbeiten schnell durch- und zuende zu führen. Zeit für Scherze, Austausch mit den anderen, Pausen für eine Zigarette und einen Kaffee zwischendurch, all das, was er von den Baustellen in Syrien kennt, das geht hier nicht. Das gefällt ihm nicht. Zuviel Druck, für so wenig Lohn.

Dass es wenig ist, hat er schon gemerkt, im Supermarkt und in den anderen Geschäften. Die anderen Kurden auf der Baustelle sind nicht besser dran. Zufrieden ist keiner, alle dachten vorher, dass es einfacher wäre in Deutschland, besser. Aber ohne Ausbildung? Das haben sie inzwischen alle verstanden, eine Ausbildung bedeutet bessere Arbeit, besseres Geld. Aber keiner von ihnen hat eine. Mit Anfang dreissig und Familie im Rücken, die sie ernähren müssen, fühlen sie sich auch zu alt, um noch in eine Ausbildung einzusteigen, und dann auch noch in Deutschland, in dieser fremden Sprache.

Er muss genauer arbeiten als in Syrien. Muss dazulernen. Dass eine Mauer eine „Feuchtigkeitssperre“ braucht. Er versteht nicht, was das ist. Warum braucht man das? In Syrien haben sie die Mauer einfach gemauert. Erst als es über Tage hinweg regnet, alles durchnässt ist, Dreck, Matsch überall, die Mauer nass, die Baustelle und er selbst, fängt er an, ein wenig zu verstehen. Vielleicht haben sie ja doch Recht mit dieser „Feuchtigkeitssperre“, diese übergenauen Deutschen.

Auf dem Bau arbeitet eine Installateurin. Er wundert sich, hält sich auf Abstand zu ihr, beobachtet sie unter den Augenwinkeln. Wie ein Mann ist sie, hebt Rohre, Waschbecken. Eines Tages bekommt er mit, dass sie sich am Telefon über ein Essensrezept unterhält. Kochen kann sie also auch. Sie kann alles, denkt er. Sie ist Mann und Frau. Und er wünscht sich ein wenig, dass seine Frau etwas davon hätte, von dieser Deutschen. Nicht nur den Haushalt machen und danach mit ihren Freundinnen im Cafe sitzen. Dann würde die Last, genügend Geld nach Hause zu bringen, es in Deutschland zu schaffen, nicht nur auf ihm alleine drücken.

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Fridays for Future und die Atomkraft

Woraus sich doch die spannendsten Diskussionen entwickeln können…

Dass Schüler für die Umwelt auf die Strasse gehen, fand ein Nachbar, der sich neulich bei mir eine Ladung Wurzelholz für seinen Holzkamin abholen wollte, ganz und gar nutzlos. Fridays for Future, das würde zu nichts führen, schließlich hätten auch die Demonstrationen gegen Atomkraftwerke früher nichts gebracht. Überall außerhalb von Deutschland liefen sie ja, es würden neue gebaut. Die Atomkraftwerke in Deutschland abzuschalten sei deshalb, und weil sie gut für die Umwelt seien, keinen Feinstaub produzierten, Unsinn. Sicher, die Entsorgung des Atommülls sei ungelöst, er aber setze immer noch seine Hoffnung darauf, dass wir eines Tages in der Lage wären, den gesamten strahlenden Atommüll dieser Erde in das Weltall zu schießen.

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Hegt mein Nachbar da eigentlich eine berechtigte Hoffnung? Dem wollte ich doch einmal nachgehen.

Seine Idee wurde tatsächlich vor rund 40 Jahren auch von der Wissenschaft in Betracht gezogen. Allerdings, sie wurde auch sehr schnell ad acta gelegt.

Warum?

Eines der Argumente war und ist die schiere Menge des Atommülls. Bis 2010 waren es weltweit rund 300 000 Tonnen. Hinzu kommt der Abbruchmüll von alten, abgeschalteten Atomkraftwerken, der dann so sehr zerkleinert werden müsste, dass er überhaupt in eine Rakete geladen werden kann.

Bleiben wir aber bei den bisher veranschlagten 300 000 t Atommüll. Brächten wir sie mit der europäischen Ariane V – Rakete in den Weltraum , würde das 7800 Dollar pro Kg kosten, also 7 800 000 Dollar pro Tonne. 300 000 Tonnen würden also „kleine“ 2 440 000 000 000 Dollar kosten.

Mit der neuen Falcon 9 Rakete von SpaceX kostet das Kg 2630 Dollar, eine Tonne also 2 630 000 Dollar. 300 000 Tonnen Atommüll ins Weltall zu schießen, würde dann „nur“ noch 78 900 000 000 Dollar erfordern. Ein wahres Schnäppchen, nicht wahr?

Aber nicht nur die Kosten lassen die Idee fragwürdig erscheinen.

Die Nutzlast einer Ariane V Rakete beträgt 21 400 Kg. 1402 Raketen wären nötig, um 300 000 Tonnen in das All zu befördern. Überhaupt gebaut und geflogen sind seit 1987 bis heute, also innerhalb von 32 Jahren insgesamt 102 Raketen, das macht pro Jahr rund 4 Raketen. Die Produktionskapazitäten für Raketen müssten also um den Faktor 350 erhöht werden, um innerhalb eines Jahres die 300 000 Tonnen Atommüll – mittlerweile befinden wir uns im Jahr 2019, es sind also weitaus mehr als die 300 000 Tonnen im Jahr 2000 – von der Erde zu bekommen.

Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt ganz unwahrscheinlich, dass derart viele Raketen gebaut werden, selbst wenn sich die Anzahl dadurch verringern ließe, dass sie, wie von SpaceX geplant, wiederverwendtbar wären. Selbst, wenn alle raumfahrenden Nationen sich zusammen tun würden – was angesichts der kommerziellen und militärischen Konkurrenz höchst unwahrscheinlich ist – würde es Jahre dauern, eine derart große Raketenflotte zu bauen, wie sie erforderlich wäre, um den sich ständig weiter anhäufenden Atommüll ins All zu schießen.

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Das letzte und entscheidende Argument betrifft die Zuverlässigkeit der Raketen. Sie erreicht bei keinem Raketentyp die 100%, die erforderlich wäre, um Atommüll sicher ins All zu bringen. Selbst die als sehr zuverlässig geltende Arine V gilt nur zu 99% als zuverlässig. Würde auch nur eine einzige Rakete beim Start explodieren, würde ein sehr großes Gebiet rund um das Abschussgebiet hochgradig verstrahlt werden und bei entsprechender Witterung und Winden die strahlenden Partikel in die weitere Umgebung hineingetragen werden.

Die Hoffnung meines Gesprächspartners trügt also leider.

Atommüll ins All zu schießen ist nach wie vor in keinster Weise eine Option!

Und Atomkraftwerke sind deshalb auch keine Lösung für die Klimakrise! Fridays for Future – ja, aber für eine Zukunft ohne Atomkraftwerke!



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Magnolia

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MAGNOLIEN

von Renate Tank

Das Licht überküsste
einen unscheinbaren Baum
und tropfte aus Elfenbeinwachs
einen Traum,
der über Nacht so einzig ersteht
und Farbschauerblüten zum Himmel erhebt.

Diese Zartheit zu schauen,
 legt Zurückhaltung auf.
Denn nur im Verweilen blühen Kelche dir auf,
um die eine ganz besondre Sanftheit schwebt,
und die sich dann still in dein Innerstes legt.

(c) Renate Tank

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