Aus dem wilden Kurdistan nach Deutschland – Ein Interview

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Drei Tage hat es gedauert, vom kurdischen Teil Syriens über die Türkei nach Deutschland. 2500 Euro hat er gezahlt, ein Schnäppchenpreis für vier Personen, er, seine Frau und seine zwei kleinen Söhne. Trotzdem, für ihn war es viel Geld, seine ganze Habe hat er dafür verkauft. Sich in der Familie Geld geliehen. Aber er wollte es versuchen in Deutschland. Er hatte von denen gehört, die schon nach Deutschland gegangen sind, dort gibt es bessere Arbeit, dort kann man gut verdienen. Und die Regierung gibt ihm und seiner Familie eine Wohnung, Essen, Medizin und den Schulbesuch seiner Kinder. Er muss nur sagen, dass er Asyl haben will. Früher war es schwer, bis nach Deutschland zu kommen. Aber die Grenzen sind seit dem Krieg durchlässig, die Reisewege organisiert. Die Gelegenheit ist jetzt da.

Seine Frau wollte erst nicht. Sie hatte Angst vor der Reise, fürchtete die Schleuser, die Überfahrt mit dem Schlauchboot. Sie kann nicht schwimmen. Nein, er auch nicht. Und ihre Söhne schon garnicht. Aber der Fluss zwischen der Türkei und Griechenland bei Edirne war zahm in jener Nacht. Zehn Minuten nur saß die Familie im Schlauchboot, das über das Wasser flitzte. Dann konnten sie schon am griechischen Ufer aussteigen. Von dort ging es weiter mit dem Auto. Direkt bis nach Deutschland. Schnell ging es und glatt.

Jetzt sind sie seit einem Jahr hier. Ein Jahr auf engstem Raum, in einem Zimmer im Flüchtlingsheim. Dass es so lange dauern würde, so eng sein würde, hatten sie nicht erwartet. Eine Prüfung für die ganze Familie. Gerade erst zwei Wochen ist es her, dass sie eine Wohnung im Stadtzentrum ergattert haben. Ein Wohn-Schlafzimmer, eine kleine Kammer für die Kinder, Küche, Bad. Sie sind erleichtert, dem Heim am Stadtrand, dort, wo es außer Eigenheimen und Natur und Deutschen nichts gab, entkommen zu sein. Im Stadtzentrum gibt es viele Kurden. Seine Frau hat schon mögliche Freundinnen ausgemacht, Frauen, mit denen sie sich auf Kurdisch unterhalten kann. Denn Deutsch kann sie nicht, Auch nicht nach einem Jahr in Deutschland. Woher auch. Sie hat noch nie eine Fremdsprache gelernt. Dazu noch eine, die mit so ganz anderen Buchstaben geschrieben wird, als die, die sie damals in der Schule gelernt hat.

Er ist stolz, dass der älteste Sohn schon zur Schule geht, der kleine in den Kindergarten. Aber Schulaufgaben machen, das fällt seinem Ältesten schwer. In dem kleinen Kinderzimmer gibt es keinen Platz für einen Schreibtisch. Im Wohnzimmer ist immer etwas los. Ruhe findet er da nicht.

Wenn sein Sohn eine Frage hat, kann er ihm nicht helfen. Er versteht nur ein paar Worte Deutsch, kann Deutsch mit seinen fremden Buchstaben nicht lesen. Beide haben nach der fünften Klasse die Schule in Syrien verlassen, wie alle Kinder damals in ihrem Dorf.

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Arbeit hat er trotzdem gefunden, bei einem Bauunternehmer. Als Hilfsarbeiter, denn eine Ausbildung hat er ja nicht. Und selbst wenn, sie würde in Deutschland wenig gelten. Dabei hat er in Syrien auf dem Bau gearbeitet. Erfahrung hat er also. Deshalb hat ihn der Chef mitgenommen, als er auf dem „Arbeiterstrich“ im Zentrum nach Tagelöhnern gesucht hat. Er hat Glück, es gibt mehrere Kurden, die auf der Baustelle arbeiten. Sie sagen ihm, was er machen soll, wenn er den Chef nicht versteht – was meistens der Fall ist. Er hat ja erst ein paar Worte Deutsch gelernt. Deshalb schweigt er, wenn Deutsche in der Nähe sind, fast den ganzen Tag.

Nach ein paar Tagen merkt er, dass die Arbeit in Deutschland eine andere ist. Ständig gibt es diesen Druck, die Arbeiten schnell durch- und zuende zu führen. Zeit für Scherze, Austausch mit den anderen, Pausen für eine Zigarette und einen Kaffee zwischendurch, all das, was er von den Baustellen in Syrien kennt, das geht hier nicht. Das gefällt ihm nicht. Zuviel Druck, für so wenig Lohn.

Dass es wenig ist, hat er schon gemerkt, im Supermarkt und in den anderen Geschäften. Die anderen Kurden auf der Baustelle sind nicht besser dran. Zufrieden ist keiner, alle dachten vorher, dass es einfacher wäre in Deutschland, besser. Aber ohne Ausbildung? Das haben sie inzwischen alle verstanden, eine Ausbildung bedeutet bessere Arbeit, besseres Geld. Aber keiner von ihnen hat eine. Mit Anfang dreissig und Familie im Rücken, die sie ernähren müssen, fühlen sie sich auch zu alt, um noch in eine Ausbildung einzusteigen, und dann auch noch in Deutschland, in dieser fremden Sprache.

Er muss genauer arbeiten als in Syrien. Muss dazulernen. Dass eine Mauer eine „Feuchtigkeitssperre“ braucht. Er versteht nicht, was das ist. Warum braucht man das? In Syrien haben sie die Mauer einfach gemauert. Erst als es über Tage hinweg regnet, alles durchnässt ist, Dreck, Matsch überall, die Mauer nass, die Baustelle und er selbst, fängt er an, ein wenig zu verstehen. Vielleicht haben sie ja doch Recht mit dieser „Feuchtigkeitssperre“, diese übergenauen Deutschen.

Auf dem Bau arbeitet eine Installateurin. Er wundert sich, hält sich auf Abstand zu ihr, beobachtet sie unter den Augenwinkeln. Wie ein Mann ist sie, hebt Rohre, Waschbecken. Eines Tages bekommt er mit, dass sie sich am Telefon über ein Essensrezept unterhält. Kochen kann sie also auch. Sie kann alles, denkt er. Sie ist Mann und Frau. Und er wünscht sich ein wenig, dass seine Frau etwas davon hätte, von dieser Deutschen. Nicht nur den Haushalt machen und danach mit ihren Freundinnen im Cafe sitzen. Dann würde die Last, genügend Geld nach Hause zu bringen, es in Deutschland zu schaffen, nicht nur auf ihm alleine drücken.

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Fridays for Future und die Atomkraft

Woraus sich doch die spannendsten Diskussionen entwickeln können…

Dass Schüler für die Umwelt auf die Strasse gehen, fand ein Nachbar, der sich neulich bei mir eine Ladung Wurzelholz für seinen Holzkamin abholen wollte, ganz und gar nutzlos. Fridays for Future, das würde zu nichts führen, schließlich hätten auch die Demonstrationen gegen Atomkraftwerke früher nichts gebracht. Überall außerhalb von Deutschland liefen sie ja, es würden neue gebaut. Die Atomkraftwerke in Deutschland abzuschalten sei deshalb, und weil sie gut für die Umwelt seien, keinen Feinstaub produzierten, Unsinn. Sicher, die Entsorgung des Atommülls sei ungelöst, er aber setze immer noch seine Hoffnung darauf, dass wir eines Tages in der Lage wären, den gesamten strahlenden Atommüll dieser Erde in das Weltall zu schießen.

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Hegt mein Nachbar da eigentlich eine berechtigte Hoffnung? Dem wollte ich doch einmal nachgehen.

Seine Idee wurde tatsächlich vor rund 40 Jahren auch von der Wissenschaft in Betracht gezogen. Allerdings, sie wurde auch sehr schnell ad acta gelegt.

Warum?

Eines der Argumente war und ist die schiere Menge des Atommülls. Bis 2010 waren es weltweit rund 300 000 Tonnen. Hinzu kommt der Abbruchmüll von alten, abgeschalteten Atomkraftwerken, der dann so sehr zerkleinert werden müsste, dass er überhaupt in eine Rakete geladen werden kann.

Bleiben wir aber bei den bisher veranschlagten 300 000 t Atommüll. Brächten wir sie mit der europäischen Ariane V – Rakete in den Weltraum , würde das 7800 Dollar pro Kg kosten, also 7 800 000 Dollar pro Tonne. 300 000 Tonnen würden also „kleine“ 2 440 000 000 000 Dollar kosten.

Mit der neuen Falcon 9 Rakete von SpaceX kostet das Kg 2630 Dollar, eine Tonne also 2 630 000 Dollar. 300 000 Tonnen Atommüll ins Weltall zu schießen, würde dann „nur“ noch 78 900 000 000 Dollar erfordern. Ein wahres Schnäppchen, nicht wahr?

Aber nicht nur die Kosten lassen die Idee fragwürdig erscheinen.

Die Nutzlast einer Ariane V Rakete beträgt 21 400 Kg. 1402 Raketen wären nötig, um 300 000 Tonnen in das All zu befördern. Überhaupt gebaut und geflogen sind seit 1987 bis heute, also innerhalb von 32 Jahren insgesamt 102 Raketen, das macht pro Jahr rund 4 Raketen. Die Produktionskapazitäten für Raketen müssten also um den Faktor 350 erhöht werden, um innerhalb eines Jahres die 300 000 Tonnen Atommüll – mittlerweile befinden wir uns im Jahr 2019, es sind also weitaus mehr als die 300 000 Tonnen im Jahr 2000 – von der Erde zu bekommen.

Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt ganz unwahrscheinlich, dass derart viele Raketen gebaut werden, selbst wenn sich die Anzahl dadurch verringern ließe, dass sie, wie von SpaceX geplant, wiederverwendtbar wären. Selbst, wenn alle raumfahrenden Nationen sich zusammen tun würden – was angesichts der kommerziellen und militärischen Konkurrenz höchst unwahrscheinlich ist – würde es Jahre dauern, eine derart große Raketenflotte zu bauen, wie sie erforderlich wäre, um den sich ständig weiter anhäufenden Atommüll ins All zu schießen.

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Das letzte und entscheidende Argument betrifft die Zuverlässigkeit der Raketen. Sie erreicht bei keinem Raketentyp die 100%, die erforderlich wäre, um Atommüll sicher ins All zu bringen. Selbst die als sehr zuverlässig geltende Arine V gilt nur zu 99% als zuverlässig. Würde auch nur eine einzige Rakete beim Start explodieren, würde ein sehr großes Gebiet rund um das Abschussgebiet hochgradig verstrahlt werden und bei entsprechender Witterung und Winden die strahlenden Partikel in die weitere Umgebung hineingetragen werden.

Die Hoffnung meines Gesprächspartners trügt also leider.

Atommüll ins All zu schießen ist nach wie vor in keinster Weise eine Option!

Und Atomkraftwerke sind deshalb auch keine Lösung für die Klimakrise! Fridays for Future – ja, aber für eine Zukunft ohne Atomkraftwerke!



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Magnolia

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MAGNOLIEN

von Renate Tank

Das Licht überküsste
einen unscheinbaren Baum
und tropfte aus Elfenbeinwachs
einen Traum,
der über Nacht so einzig ersteht
und Farbschauerblüten zum Himmel erhebt.

Diese Zartheit zu schauen,
 legt Zurückhaltung auf.
Denn nur im Verweilen blühen Kelche dir auf,
um die eine ganz besondre Sanftheit schwebt,
und die sich dann still in dein Innerstes legt.

(c) Renate Tank

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Vaskulitis Nachrichten 4.5: Was hilft gegen den Schmerz?

Polyneuropathien sind eine der möglichen und typischen Folgen einer Vaskulitis. Die Nervenschädigungen verursachen ständige und starke Schmerzen. Darüberhinaus erleben Vaskulitis-Patienten aber auch als Spätfolgen ihrer Autoimmunerkrankung und der damit verbundenen Osteoporose, Skelettschäden. Sie müssen sich dann mit oft starken Rücken-, Schulter- und Hüftgelenksschmerzen auseinandersetzen. Schmerzmittel sollen da Linderung bringen.

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Die gleichfalls Vaskulitis-bedingten Nierenschädigungen führen aber dazu, dass der Arzt Schmerzmittel, die über die Niere verstoffwechselt und ausgeschieden werden, aus Sorge um eine weitere Schädigung der Niere nicht verschreiben kann. Die verschiedenen Opiate und Cannabis, die die Niere nicht belasten würden, gehen dagegen vor allem in der Anfangsphase einher mit unangenehmen Nebenwirkungen, wie Übelkeit, Erbrechen und Müdigkeit. Längst nicht jeder Patient kommt damit zurecht. Auch für diejenigen Patienten, deren Nieren bisher keinen Schaden davongetragen haben, steht nicht das ganze Spektrum der Schmerzmittel zur Verfügung, weil einige von ihnen nicht zusammen mit immunsuppressiven Medikamenten eingesetzt werden dürfen. Das ist nicht nur ein Problem von Vaskulitis-, sondern z.B. auch von Krebspatienten. Die Wissenschaft ist daher auf der Suche nach neuen, besser verträglichen Schmerzmitteln und Methoden, um Schmerz zu bekämpfen.

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Im Fall von leichten Rückenschmerzen hat eine amerikanische Studie 2016 gezeigt, dass Patienten mit Yoga, also einer Methode, die körperliches Training mit einer meditativen Komponente kombiniert, eine bessere Schmerzlinderung erreichten als mit herkömmlichen Schmerzmedikamenten. Die Studie lief über 52 Wochen, mit einer Zwischenbilanz nach der Halbzeit, und umfasste 342 Probanden, ca 50% Frauen und 50% Männer, im Alter zwischen 20 und 70 Jahren. Die Patienten litten im Schnitt bereits seit 7,3 Jahren an ihren Rückenschmerzen. In der Studie erhielten jeweils 33% der Patienten Schmerzmedikamente, 33% ein kognitives Schmerzbewältigungs- und 33% ein Yogatraining, das sie einmal pro Woche für zwei Stunden besuchten. Sowohl nach der Halbzeit der Studie als auch am Ende waren die Ergebnisse eindeutig: Mit 43% – 45% der Patienten, die das kognitive Schmerzbewältigungstraining oder Yogatraining erhalten hatten, waren es 20% mehr gegenüber denjenigenPatienten, die Schmerzmittel bekommen hatten, die über eine klinisch relevante Verbesserung ihrer Schmerzen berichten konnten. Das Ausmaß der Schmerzlinderung betrug +/- 30%, gemessen am Anfangswert.

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Yoga und ein kognitives Schmerzbewältigungstraining wirken also, laut dieser Studie, bei leichten, chronischen Rückenschmerzen besser als herkömmliche Schmerzmittel, wobei Yoga und das kognitive Training, das in der Regel in spezialisierten Schmerzpraxen angeboten wird, sich offensichtlich in etwa gleich gut auswirkten.

Gerade für Vaskulitispatienten, die ja in der Regel jeden Tag bereits mehrere Medikamente zu sich nehmen müssen, könnte also Yoga oder ein Schmerzbewältigungstraining ein Weg sein, ihre Medikamentenlast etwas zu verringern.

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Eide Nouruz Mobarak!

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Dieses Jahr ist es das erste Mal, dass der Frühling wirklich da ist zum kalendarischen Frühlingsanfang. Nouruz feiern macht so viel mehr Freude, wenn die Wärme der Sonnenstrahlen ins Freie lockt, die ersten Knospen der japanischen Kirsche platzen und Forsythien, Narzissen, Tulpen und Hyazinthen in voller Blühe stehen!

Nouruz-Tisch mit Haft Sin; Copyright (c) federfluesterin

Es ist Frühlingsanfang mit Hunderttausenden von prächtigen Farben.

Die alte Welt erneuert sich.

Überall blühen die Tulpen, wie eine Braut mit Henna an der Hand.

Abū ‘Abd Allāh Ǧa‘far-i Rūdakī

( 858/859 n.Chr. – 940/941 n.Chr. in Rudak, Chorasan)

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Vaskulitis Nachrichten 4.4: Alternativmedizin

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Wenn eine promovierte Ärztin jahrelang als ausgebildete Homöopathin arbeitet, in ihrer eigenen Praxis, dann kann man davon ausgehen, dass sie von Grund auf von der Homöopathie überzeugt ist . Wie etwa 7000 andere Mediziner, die sich auf diesem Feld der Alternativmedizin bewegen.

Oder?

Nathalie Grams, die promovierte Ärztin, an der Universitätsklinik Zürich und in Heidelberg am Agaplesion Bethanien Krankenhaus im Bereich Geriatrie und Palliativmedizin ausgebildet, mit Fortbildungen in der Traditionellen Chinesischen Medizin und einem Abschluss mit der ärztlichen Bezeichnung „Homöopath“ , ausgerechnet sie bildet die große Ausnahme. Denn nach 6 Jahren Tätigkeit als Ärztin für Homöopathie bricht sie 2016 radikal damit und schließt sogar ihre zwar sehr gut gehende, aber damals noch nicht einmal abbezahlte, Privatpraxis.

Was hat zu dieser Kehrtwende geführt?

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Christian Weymayer, Wissenschaftler und Journalist, hatte sie, die Homöopathin, für ein Interview aufgesucht, in dessen Verlauf sie keine Antworten fand auf seine kritischen Fragen. Sie war irritiert, verunsichert, aber auch verärgert über sich selbst, dass sie ihm kein Paroli hatte bieten und die Homöopathie mit Argumenten hatte verteidigen können. Sie begann danach selbst zu recherchieren, ihre eigenen Fragen zur Homöopathie, die sie jahrelang in den Hintergrund verschoben hatte, zuzulassen, selbst mit anderen Ärzten und Wissenschaftlern zu sprechen. Das Resultat war ihr Buch Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft.“, das 2016 im Springer Verlag erschien.

Und ihr Ausstieg aus der Homöopathie. Später wird sie in einem Interview sagen:

„Es war ein Gefühl, wie aus einer Sekte auszusteigen.“ *

Dabei hat Nathalie Grams die Homöopathie und ihre Protagonisten, ob Ärzte oder Patienten, in ihrem Buch nicht verteufelt. Im Gegenteil, sie hat nur versucht, das Gute daran auf eine neue Basis zu stellen und so zu retten.

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Das Gute, das sind z.B. die drei Stunden (!) Eingangsgespräch des Arztes mit dem Patienten. Es ist die genaue Aufnahme des Patientenhintergrundes, seiner Geschichte. So erhält der Arzt die Informationen, die ihn überhaupt befähigen, den Patienten adäquat zu behandeln oder ihn zielgerichtet an für sein spezifisches Leiden besser qualifizierte Kollegen zu verweisen. Mit anderen Worten, für seinen Patienten der Gesundheitsmanager zu sein. Privatpatienten bezahlen für diese eingehende Anamnese 120 – 150 Euro. Warum sind sie nicht bereit, für eine solche Leistung einen Schulmediziner zu bezahlen? Warum wird diese Leistung nicht von den gesetzlichen Krankenkassen getragen?

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Das Gute, das ist z.B. die Erkenntnis, dass ein gesunder Körper mit einem gesunden (also nicht mit Immunsuppressiva behandelten!) Immunsystem durchaus in der Lage ist, mit einer kleineren Erkrankung, etwa einem grippalen Infekt, ganz von alleine, ohne Medikamente, fertig zu werden. Der Patient muss seinem Körper nur die nötige Ruhe und Zeit dafür zugestehen. Dazu muss der Arzt aber so manchen Patienten erst ermutigen, ihm das nötige Vertrauen in seinen eigenen Körper vermitteln. Oder ihm Pillen oder Tinkturen verschreiben, die den Körper dazu ermuntern und befähigen sollen, die Krankheit selbst zu bekämpfen. Nur, tun sie das auch?

Das Gute, das ist auch die Kunst der Manipulation, die Homöopathen beherrschen. Sie lesen richtig, Manipulation. Denn das ist es, was die Anwendung eines Placebos ist. Homöopathische Mittel, die berühmten Globuli, enthalten Zucker – ausgerechnet Zucker…- jedoch keinerlei pharmazeutisch wirksamen Wirkstoff, das war Nathalie Grams – wie auch bereits 2015 der australischen und der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde nach Auswertung einer sehr großen Metastudie – im Zuge ihrer eigenen, intensiven Recherche dann doch endgültig klar geworden. Ihre Wirksamkeit beruht hingegen auf dem Placebo-Effekt, also einer psychischen Beeinflussung des Patienten, um eine biophysikalische Veränderung im Körper hervorzurufen.

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Diesen Placebo-Effekt systematisch zu nutzen, ist das Verdienst der Homöopathie! Das ist kein kleiner Verdienst, denn, wie mittlerweile in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt, ca. ein Drittel eines schulmedizinischen Behandlungserfolges beruht tatsächlich rein auf psychischen Beeinflussungen, wie das Auftreten des Arztes, sein Kittel und Arbeitsgeräte, die „medizinische“ Atmosphäre der Praxis, daß eine „Pille“ verschrieben oder verabreicht wird.** Gaben Ärzte in Experimenten in den 1970ger Jahren Patienten ein Placebo, das sie ihnen gegenüber als Schmerzmittel kennzeichneten, so aktivierte der Körper der Patienten körpereigene Opioide, sodass tatsächlich ohne Wirkstoff der Schmerz zwar nicht genommen, aber doch eine Schmerzlinderung erreicht wurde. Placebos helfen selbst dann, wenn der Patient weiß, dass er ein Placebo zu sich nimmt, wie die Journalistin Denise Peikert in ihrem Artikel in der FAZ online vom 27.06.2017 berichtet.

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Aber Vorsicht: Kein Placebo der Welt war bisher in der Lage, eine schwere Krankheit, wie einen Krebstumor oder eine Vaskulitis oder auch eine Fehlstellung der Wirbelsäule, zu heilen! Die Stärke der Placebos liegt in der Linderung – nicht der Beseitigung! – von Symptomen, wie es etwa Schmerzen sind oder auch eine grippebedingte Abgeschlagenheit. Bei Schmerzmedikamenten könnte so die Dosis verringert werden, und damit mögliche Nebenwirkungen. Das allerdings ist doch etwas, bei dem es sich lohnen würde, es aus der Homöopathie in die Schulmedizin, vorzugsweise in der Form der Selbstkonditionierung, herüberzuretten, oder?

Weitere Info, auch über andere Formen der Alternativmedizin, finden Interessierte unter:

*https://www.welt.de/print/wams/vermischtes/article146898286/Wie-in-einer-Sekte.html

**https://www.faz.net/aktuell/wissen/die-macht-der-einbildung-ein-placebo-ist-die-beste-medizin-16045174-p2.html

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Sturmgedanke

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Einstweilen

Die alte Welt ist ein altes Haus
Und furchbar ungemüthlich,
Der Nordwind pustet die Lichter aus –
Ich wollte, wir lägen mehr südlich!

Ich wollte… Puh Teufel, wie das zieht!
Der Hagel prallt an die Scheiben,
Drum singt nur einstweilen das tröstliche Lied:
Es kann ja nicht immer so bleiben.

Arno Holz ( 1863 – 1929)


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März-Blues

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Frühlingsbote

Der Frühling weiß zu finden
Mich tief in Stadt und Stein,
Gießt mir ins Herz den linden
Fröhlichen Hoffnungsschein.

Manch‘ grüne Wipfel lauschen
Zwischen den Dächern vor,
Ein Lerchenklang durchs Rauschen
Der Stadt schlägt an mein Ohr.

Ein Schmetterling als Bote
Flattert im Wind vorbei,
Hinschwebend über das tote
Steinerne Einerlei.

   Heinrich Seidel

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Das stille Gemetzel

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Freiwilliges Engagement genießt in der Gesellschaft ein hohes Ansehen. Tatsächlich gibt es auch erstaunlich viele Menschen, die sich gerne für einen guten Zweck einsetzen. Immer mehr allerdings ziehen sich nach kurzer Zeit enttäuscht und sehr verletzt zurück, und engagieren sich danach nie wieder in einem solchen Rahmen. Sie haben erlebt, dass geklatscht, beleidigt, beschuldigt, beschimpft, gemobt und ausgegrenzt, diffamiert und intriguiert wird, Einer dem Anderen mißtraut, im Konkurrenzkampf um „Pöstchen“ und „Wichtigkeiten“ oder um vermeintlich oder tatsächlich gegensätzliche, aber vielleicht, bei etwas Dialogbereitschaft, garnicht so unversöhnliche Positionen und Auffassungen. Das Phänomen betrifft Tierschutzvereine, Patientenselbsthilfegruppen, Elterninitiativen, es zieht sich durch das gesamte Spektrum der Freiwilligenarbeit hindurch. Unter dem Strich bedeutet das einen enormen Verlust an Potential für die gesamte Gesellschaft.

Woran liegt das? Was sind die Ursachen?

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Liegt es daran, dass die Menschen in der Annahme, dass, wer Gutes beabsichtigt, seinen Mitmenschen auch immer Gutes tut, sich zu blauäugig an diese Aufgaben heranwagen? Oder fehlt es allen Beteiligten an Gesprächs-, Konflikt- und Lösungsfähigkeiten? Überfordern sich die Freiwilligen bei ihrem Dienst? Oder jagen sie der eigenen Selbstprofilierung auf Kosten der Anderen nach? Wird der Dienst am guten Zweck zum einzigen Lebensinhalt, für den man jeden, der – wenn auch vermeindlich – diesen Lebensinhalt kritisiert oder in Frage stellt, wegschlägt und bekämpft? Fehlt irgendwann der nötige Abstand? Versagen die Leitungspersönlichkeiten solcher Gruppen in ihrer Führungsaufgabe?

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Wie katastrophal schief und menschlich hochverletztend, ja vernichtend bis zum Selbstmord, die Arbeit in solchen Organisationen verlaufen kann, zeigt eindrücklich das Arbeitsklima in einer von ihnen, der man eigentlich spontan unterstellen würde, dass gerade sie sich um ein optimales, menschliches innerorganisatorisches Klima bemühen würde. Es ist Amnesty International. In ihr arbeiten Angestellte und Freiwillige zusammen. Dass die Organisation den Bericht über ihr internes Scheitern für jedermann zugänglich selbst auf ihre eigene Website gestellt hat, ist ihr hoch anzurechnen. Es zeigt, dass sie es ernst meint mit ihrer Absicht, einen radikalen Wandel zum Besseren anzugehen. Zugleich erlaubt sie damit anderen Nicht-Regierungsorganisationen, Vereinen, aber auch Selbsthilfeorganisationen den Blick auf sich selbst, und auf alles, was bei ihnen selbst schieflaufen kann im internen Umgang miteinander.

Das Leben ist kein Ponyhof. Eine Mitarbeit in so einer Organisation ist es, so zeigt der Bericht eindrücklich auf, leider eben auch nicht! Gerade deshalb stehen die Leitung, aber auch die Mitglieder der betreffenden Gemeinschaften in der Pflicht.

Ein selbstkritisches Verhalten und die Bereitschaft zur Korrektur und Veränderung der internen Strukturen und des internen Umgangs miteinander, wie es Amnesty International nun angeht, ist allen Freiwilligenorganisationen sehr ans Herz gelegt! Damit die freiwilligen Helfer nicht zu Opfern ihrer eigenen Organisation oder Gruppe werden….

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