Der flachgelegte Eiffelturm

Der Berliner Flughafen, die Elbphilharmonie in Hamburg, die Berliner Staatsoper, das Landesarchiv NRW in Duisburg, der Stuttgarter Bahnhof, können Sie sich, liebe Leser, an Großprojekte der jüngeren Zeit in Deutschland erinnern, die reibungslos und auch nur halbwegs innerhalb des angedachten Budgets und Zeitplans geblieben wären?

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Brückenpark Müngsten: Pavillion Copyright (c) federfluesterin

Ah, wie vorbildlich war da die wilhelminische Zeit!

Für die Kaiser-Wilhelm-Brücke – denn so hieß die Müngstener Brücke zuerst – waren die Reichsbahn und die Städte Solingen und Remscheid 1894 durchaus bereit, viel Geld auszugeben. 2, 5 Millionen Goldmark, nach heutigem Wert rund 45 Millionen Euro, sollte sie kosten, die Trassierung sorgte noch einmal für eine Verdopplung der Baukosten.

Warum so viel Geld für eine simple Brücke?

Kohle und Stahl wurden noch per Pferdewagen transportiert in das damals führende Industrierevier im Bergischen Land bei Remscheid und Solingen – das Ruhrgebiet lag zu der Zeit noch im bäuerlichen Dornröschenschlaf – . Für die aufstrebende bergische Industrie bildete dieser Transportweg also ein wahres Nadelöhr und Hindernis für die weitere wirtschaftliche Entwicklung.  Dabei herrschte regelrechte Aufbruchstimmung in der Industrie. Dennoch, die geplante Eisenbahnbrücke war ein Projekt, das – genauso, wie die Elbphilharmonie heute – vor und während des Baus die Kritiker auf den Plan rief, zumal ja eine ganz neue, riskante, kaum erprobte Technologie angewandt werden sollte.

Mit solidem Stein

Noch 1878 bis 1879 hatten die Ingenieure in Herdecke eine Pfeilerbrücke aus Stein über die Ruhr gebaut. Über 12 Bögen mit einer Spannweite von jeweils 20 Metern, insgesamt eine Länge von 313 m, führten sie die Eisenbahnstrecke, die von da an Düsseldorf mit Dortmund verband.  Ein stabiles Bauwerk, 24.400 m3 Bruchstein verbauten sie. Der gewaltigen Flutwelle, die 1943 durch die Bombardierung der Möhneseestaumauer durch britische Flieger die Ruhr herabrollte, gelang es nur, einen einzigen der mächtigen Pfeiler mit sich zu reissen. Das Ruhrviadukt ist auch optisch ein sehr solides, ja wuchtiges Bauwerk!

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Ruhrviadukt bei Herdecke Copyright (c) federfluesterin

Faszination neue Technologie

Nur knapp zwanzig Jahre später war eben dieses Ruhrviadukt aus Sicht der Brückenbauer ein alter Hut. Die neue Technologie des Stahlträgerbaus hatte mit dem Eiffelturm in Paris und dem Garabit Viadukt, einer Stahlbrücke mit einer Spannweite von 165 m, einen triumphalen Einzug genommen. Beide Bauwerke zeigten, was mit dieser neuen Technologie alles möglich war. Sie begeisterten die deutschen Architekten und Ingenieure. Ihr Ehrgeiz war geweckt.  Auch in Deutschland sollte so ein innovatives Werk der Technik entstehen. Der alte Konkurrent Frankreich musste überflügelt werden!

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Max Wipperling, Elberfeld – Ansichtskarte von 1912

Zum Glück für die Eisenbahndirektion Elberfeld, die dieses Projekt als Bauherr managte und stemmte, beherrschten der Konstrukteur, Anton von Rieppel  von der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg AG (M.A.N.), und die Ingenieure seines Teams ihr Handwerk. Indem sie ein neues, arbeits- und zeitsparendes Bauverfahren – der freie Vorbau, der es ermöglichte, auf eine hölzerne Behelfsbrücke zu verzichten – entwickelten und einsetzten, meisterten sie in nur 3 Jahren Bauzeit den ersten Stahlträgerbau in Deutschland. Sie kopierten also nicht einfach das Modell Eiffels, sondern fügten ihm eine ebenso innovative Baumethode hinzu. Alleine 950.000 Nieten wurden auf der Baustelle in Müngsten gesetzt, um die Stahlteile zur Brücke zusammenzufügen. Am 5. Juli 1897 wurde die Müngstener Brücke feierlich durch Prinz Leopold von Preußen eröffnet. In den Augen ihrer Zeitgenossen war sie eine Sensation.

Müngstener Brücke

Copyright (c) federfluesterin

Im Kontrast zum Ruhrviadukt kam die Müngstener Brücke ausgesprochen filigran daher. Ein Eiffelturm in der Horizontale, flachgelegt. Leichtfüssig, fast schwerelos, trotz eines Gewichts von 5000 t, überspannte sie mit 465 m Länge in 107 m das Tal der Wupper bei Müngsten. Ihr einziger Bogen umfasst ganze 170 m. Monsieur Eiffel und Frankreich waren übertroffen!

Schnell wurde die Brücke als höchste Eisenbahnbrücke Europas zum Ausflugsziel und Wahrzeichen des Bergischen Landes. Der Mut, die Entschlossenheit, die Tatkraft, technische Brillianz und Managementkompetenz, ein so teures, wegweisendes Infrastrukturprojekt durchzuführen, zahlte sich in seiner Gänze aus. Die neue Verkehrsverbindung führte zu dem erhofften schnellen industriellen Aufschwung der Region zwischen Remscheid und Solingen.

 Die Müngstener Brücke heute

Die Zeiten von Kohle und Stahl sind heute in Deutschland fast vorbei. 2018 wird die letzte Steinkohlenzeche im Ruhrgebiet geschlossen.  Die Stahlindustrie ist bereits größtenteils nach Indien und China abgewandert. Mit den Unternehmen gingen die Arbeitsplätze und die Gewerbesteuereinnahmen für die Kommunen verloren. Bedeutende neue Industrien, der große Wurf, der die Region wieder nach vorne gebracht hätte, all das ist bisher ausgeblieben. Eine neue Aufbruchstimmung sucht man vergeblich.

So hat auch die Müngstener Brücke schon längst keine Bedeutung mehr als Transportweg von industriellen Rohstoffen. Stattdessen dient sie zum Transport von Menschen. Sie ist Teil einer der am meisten genutzten Nahverkehrstrassen Deutschlands.

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Haus Müngsten Copyright (c) federfluesterin

Der Zahn der Zeit nagt allerdings an ihr. Umfangreiche Sanierungsarbeiten im Wert von rund 30 Millionen Euro wurden über die letzten vier Jahre – 1 Jahr länger, als der Bau der Brücke benötigte – vorgenommen, um die Brücke für die nächsten 30-60 Jahre wieder fit zu machen. Wer denkt da  nicht unwillkürlich an die zahllosen Beton-Autobahnbrücken in diesem Land, die 100 Jahre halten sollten, aber nach nur 30 Jahren vor sich hin bröseln?

Dieses Jahr begeht die Müngstener Brücke hingegen bereits ihr 120jähriges Bestehen. Ein zweitägiges Fest im Park rund um das stahlrost-rote Haus Müngsten wird Ende Oktober das Ende der Sanierungsarbeiten anzeigen und die Brücke neu eröffnen. Es wäre ein Anlass, mit französischen Freunden gemeinsam zu feiern, und sich einmal mehr von Frankreich und seinem neuen Aufbruch unter Macron inspirieren zu lassen.

Naturpark rund um die Müngstener Brücke

Das Tal der Wupper Copyright (c) federfluesterin

Im Tal der Wupper ist unterdessen die Industrie längst der Natur gewichen. Wer dem Trubel des Eröffnungs-Festes entgehen will,  findet unterhalb der Müngstener Brücke und auf den umringenden Berghöhen idyllische Wanderwege durch den Buchen- und Fichtenwald.

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Copyright (c) federfluesterin

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit einem wachen Auge entdeckt der Wanderer an einigen Stellen im Gebirge den für die Gegend so typischen Schiefer. Der in dünne Platten aufspaltbare Stein wurde für die Dächer und Fassaden der Fachwerkhäuser im Bergischen Land genutzt.

 

 

 

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Unberührt scheint der Wald entlang der gut markierten und unterhaltenen Wege. Bäume leben, sterben, bleiben stehen, fallen irgendwann.

 

 

 

 

 

 

 

 

Eisvögel nisten am Ufer des Flusses. Bis hinauf zu den Wanderwegen entlang der Höhenzüge dringt das Rauschen der Stromschnellen der Wupper im Tal.

Beim Kanufahren und Fliegenfischen lässt sich das kleine Naturparadies im Schatten des alten Sinnbildes Bergischer und Deutscher Industrie und Ingenieurskunst, der Müngstener Brücke,  in vollen Zügen genießen.

bst

Fliegenfischen in der Wupper Copyright (c) federfluesterin

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Vaskulitis Kurznachrichten 2.5: Kaugummi entlarvt Entzündungen bei Zahnimplantaten

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Wie die Online-zeitschrift „transkript16.08.2017 meldete, ist es einem Würzburger Team rund um Prof. Lorenz Meinel gelungen, in 3-jähriger Forschungsarbeit einen Schnelltest-Kaugummi zu entwickeln, der Entzündungen bei Zahnimplantaten anzeigt. Außer der Würzburger Universität waren auch  der Innovent e.V. (Jena), die Polyan GmbH (Berlin), die Universität Zürich (Schweiz), die Clinica Merli (Rimini, Italien) und die Biovendor AG (Brünn, Tschechien) an dem Projekt beteiligt. Es wurde mit über 1 Million Euro von der EU finanziert. Eine Studie an der Zahnklinik Merli in Rimini hat gezeigt, dass der Kaugummi funktioniert.

Wenn sich eine Entzündung an einem Zahnimplantat entwickelt, kann direkt an der Implantatstelle im Mund eine erhöhte Konzentration des Enzyms Matrix-Metalloproteinase 8 (MMP-8) gemessen werden. Der Schnelltest-Kaugummi enthält einen Schalter, der aus einer Kugel, einem Bitterstoff und einer sie verbindenden Peptidkette besteht. Ab einer bestimmten Konzentration von MMP-8 im Speichel des Kaugummi-kauenden Patienten – es reichen ca. 5 Minuten Kauen – durchtrennt dieses Enzym die Peptidkette und der Bitterstoff kann freikommen. Der Schalter ist umgelegt, der Patient schmeckt auf einmal: Bitter!  Der Zahnarzt weiß nun, dass das Implantat zu einer Entzündung geführt hat und dass er einschreiten muss.

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Der Kaugummi wird in absehbarer Zeit auf den Markt kommen. Zunächst aber muss ein Produzent als Kooperationspartner gefunden werden.

Für Vaskulitis-Patienten würde der Kaugummi eine zusätzliche Absicherung bedeuten, wenn sie sich für ein Implantat entscheiden, denn in 6 -15% der Fälle entsteht eine Peri-Implantitis, eine Entzündung rund um das Implantat, die zuerst das umringende Gewebe und dann den Knochen zerstört, bei Vaskulitis-Patienten aber auch ihre Grunderkrankung anheizen kann.

Die eigentliche Bedeutung sehe ich aber in einer anderen Anwendung:

Immer wieder entdecken Zahnärzte bei Vaskulitis-Patienten ältere wurzelbehandelte Zähne, bei denen sich schon seit geraumer Zeit eine Entzündung entwickelt hat, die die Patienten, da der Nerv ja getötet wurde, selbst nicht bemerkt haben. Werden diese saniert, sinken oft die Entzündungswerte deutlich, mit dem Resultat einer geringeren immunsuppressiven Therapie.  Auf meine Nachfrage, ob der Kaugummi auch eine Entzündung eines wurzelbehandelten Zahns anzeigen würde – aus meiner laienhaften Sicht aufgrund des Wirkmechanismus möglich – , verwies Prof. Meinel darauf, dass das leider noch nicht getestet sei, er daher weder sagen könne, ob dies nicht oder doch funktionieren würde.

Aber, wie ich finde, darauf hoffen darf man doch… 😉

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Gewitter im Sommer

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Das Gewitter zieht auf Copyright (c) federfluesterin

Hortensie

Copyright (c) federfluesterin

 

Unglaublich heiß ist dieser Tag.
Die Luft bewegt sich kaum.
Insekten schwirren dort im Hag.
Gespannte Erwartung steht im Raum.

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Wie lange noch hält der Himmel zurück
die geballte Energie?
Ein Regenguß wäre der Pflanzen Glück,
lautlos schreien sie.

Phlox

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Schickt der Himmel den Regen sacht?
Oder mit Blitz und Donner?
Wie er´s auch macht:
„Es ist Sommer!“ *

© Irmgard Adomeit

 

 

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Copyright (c) federfluesterin

 

*Veröffentlichung auf diesem Blog mit freundlicher Genehmigung der Autorin.  Mein Dank! Weitere Gedichte von ihr  aus 29 Gedichtbänden, finden Sie, liebe Leser, hier, in der Deutschen Gedichtebibliothek von Herrn Ritter. Mein Dank auch an ihn!

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Vaskulitis Kurznachrichten 2.4: Neues Medikament im Rohr

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Das Sterben rückte für Vaskulitis-Patienten in den Hintergrund, als Prof. Wolfgang Gross, Rheumatologe, die Vaskulitis-Therapie mit Immunsuppressiva vom Klinikum Bad Bramstedt aus in Deutschland voranbrachte. Dennoch blieb der vorzeitige Tod ein drohendes Szenario, denn die Anzahl der bei dieser Seltenen Erkrankung wirkenden Medikamente beschränkte sich auf eine knappe Handvoll.

Schlugen die Wirkstoffe nacheinander nicht an, was war dann?

So manch ein Patient – und mit ihr oder ihm der jeweilige Angehörige – hat schlimme Stunden mit der Angst verbracht, austherapiert zu sein.

Erst in den letzten Jahren hat die EU-weite Förderung der Entwicklung und Patentierung von Medikamenten für Seltene Erkrankungen dazu geführt, dass nach Jahrzehnten wieder neue Medikamente für Vaskulitiden zugelassen und auf den Markt gebracht werden konnten. Rituximab (R) und Mepolizumab (R) sind zwei sogenannte Biologicals, die die Therapieoptionen der Rheumatologen für Vaskulitis-Patienten jüngst entscheidend erweitert und verbessert haben.

Mavrilimumab (R)

Diese positive Entwicklung scheint sich nun fortzusetzen. Mavrilimumab (R), ein monoklonaler Antikörper, der von dem Pharmaunternehmen AstraZeneca entwickelt wurde, hat in den Phase II klinischen Tests bei Rheumatoider Arthritis gut abgeschnitten und befindet sich nun in den abschließenden Phase III Tests.

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Copyright: skeeze/pixabay.com

Das Medikament greift eine Untergruppe des GM-CSF ( granulocyte-macrophage colony-stimulating factor) Rezeptors an. GM-CSF ist ein sogenanntes Zytokin, ein Signalstoff, durch den das Knochenmark angeregt wird, entweder Granulozyten oder  Fresszellen,  sogenannte Makrophagen, herzustellen. Makrophagen können durch Signale an andere Immunzellen die Entzündungsreaktion so richtig in Fahrt bringen. Die explosionsartige Vermehrung von Granulozyten spielt eine Hauptrolle im Krankheitsgeschehen von Vaskulitiden. Mavrilimumab (R) unterbricht also den Entzündungsprozess an einer ganz anderen, früheren Stelle, als Rituximab (R) und Mepolizumab (R).

Off-Label-Use für Vaskulitis-Patienten

Das Medikament wird, wenn auch die Phase III -Tests positiv verlaufen, zunächst für Rheumatoide Arthritis zugelassen werden, was allerdings noch einige Zeit dauern wird. Es stünde Vaskulitis-Patienten dann zunächst nur in einer Off-Label-Anwendung zur Verfügung. Das wird von den gesetzlichen Krankenkassen nur dann genehmigt, wenn alle anderen, für Vaskulitiden zugelassenen Medikamente versagt haben. Immerhin, es wäre für Grenzfälle unter den Patienten eine letzte Chance. Jede zusätzliche Therapieoption ist willkommen, denn sie kann ihnen die niederschmetterndste aller medizinischen Nachrichten ersparen, dass sie austherapiert sind!

Hoffnungsvolle Frage

Gelingen klinische Tests und die Zulassung jedoch auch für Vaskulitiden, dann stünde den Ärzten ein Medikament für alle Patienten zur Verfügung.

Es verbindet sich aber noch eine andere, ganz, ganz zarte Hoffnung und Frage mit Mavrilimumab (R). Die Blockade von GM-CSF hat im Tierversuch zur Ausheilung der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis, dem Labormodell der Multiplen Sklerose, geführt. Könnte diese Blockade beim Menschen auch die  Ausheilung einer Vaskulitis bewirken?

Dieser Beitrag ist ein Service von PrO Vaskulitis.
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Eide nouruze schoma mobarak!

Nouruz-Tisch; Copyright (c) federfluesterin /federfluesterin.wordpress.com

Frühlingsbeginn – da denken Iraner an ein Picknick im Grünen, an einem klaren Gebirgsbach, bei lauschigen 15 Grad und strahlender Sonne. Denn auf der iranischen Hochebene verabschiedet sich der Winter schlagartig zum Frühlingfest Nouruz. Schnee und Kälte schmelzen vor der Sonne nur so dahin und das erste Grün beeilt sich, seinen Kopf aus der Erde zu stecken.

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In Deutschland hingegen offenbart ein Blick aus dem Fenster einen Himmel, der so grau in grau ausschaut, dass der Trübsinn wie der Landregen ständig aus den tiefhängenden Wolken zu tropfen scheint. Iraner aber lassen sich auch im Hohen Norden ihre Festlaune nicht verderben – wenn sie auch in der Vergangenheit ein wenig neidisch auf die Exil-Iraner in Kalifornien blickten. Dort findet Nouruz in vielen Straßenfesten und -umzügen statt, bei denen die iranische Gemeinschaft neben ausgiebigem Feiern mit Tanz und Musik, auch ein kostenloses Essen für Obdachlose ausgiebt, und so schon einen Beliebtheits-Platz in der kalifornischen Gesellschaft gewonnen hat.

Dieses Jahr aber steht das Fest unter dem Stern der Einreise-Verbote für Iraner, die die Regierung Trump versucht zu erlassen. Familienangehörige aus dem Iran haben deshalb ihre Pläne, zum Fest zu Besuch zu kommen, vielfach aufgegeben. Da es aber auch unter Amerikanern iranischer Herkunft Trump-Wähler gibt, läuft in der Exilgemeinde nun ein „running joke“:

Ein Iraner ruft seine Großmutter in Teheran an: “ Großmutter, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche willst Du zuerst hören?“ „Mein lieber Enkel, die schleche zuerst!“  „Du kannst  uns wegen der Einreiseverbote Trumps nicht mehr zu Nouruz besuchen und mit uns feiern kommen.“ “ Was für ein Unglück! Was ist denn die gute Nachricht?“ „Stell Dir vor, Großmutter, dafür bekomme ich jetzt von Trump 3 Prozent Einkommenssteuerermäßigung!“

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Copyright (c) federfluesterin

In Deutschland präsentiert sich die iranische Gemeinschaft wetterbedingt etwas geschlossener als in Kalifornien. In angemieteten Veranstaltungsräumen, dadurch weniger wahrgenommen von der deutschen Öffentlichkeit, wird heute abend, dem ersten Tag des 13-tägigen Festes im iranischen Jahr 1396, mit viel Musik, Tanz und gutem Essen gefeiert, in diesem Jahr mit deutlich mehr Unbeschwertheit, Fröhlichkeit und guter Laune als im Sonnenstaat Kalifornien.

 

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Disco statt Muezzin

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Copyright (c) SofiaPapageorge /pixabay.com

„Nehmen Sie bitte Platz!“ Höflich bot mir der Kellner einen der weidenbespannten, blauen Holzstühle des Hafenrestaurants an. Auf diesen Ausflug hatte ich mich gefreut. Frühmorgens noch vor dem Frühstück war ich von der Hotelanlage im Süden von Kreta mit einem Mietauto Richtung Norden gestartet.  Enge, kurvige Landstraßen führten mich  mitten durch kleine Ortsflecken, hauteng an den Hauswänden vorbei. Im Eselstempo lavierte ich mich durch, überbordende Bougainvillea Äste streiften mich ab und zu durch das offene Autodach. In den Tälern, die ich durchquerte, waren Felsen und sonnenverbrannte Erde locker gespickt mit struppigen Sträuchern, Steineichen und  Pinien der Macchie. Hatte die Straße sich in die Höhenlagen nach oben geschraubt, wurde ich mit grandiosen Aussichten über die Landschaft und auf das Meer belohnt.

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Hafen in Chania Copyright (c) Zillertler2000 / pixelio.de

Bis zum Mittag wurde die Sonne, anfangs noch strahlend frisch, zu einer brennenden Last auf meinem Kopf und Schultern. Als ich die Hafenstadt Chania im Norden erreichte, war ich froh, den Wagen abstellen und mich in die Kühle eines Restaurants direkt an der Mole des U-förmigen, alten Fischereihafens retten zu können. Entspannt nahm ich an dem Tisch Platz, an den mich der Kellner geführt hatte und von dem aus ich bequem einen Blick auf den gesamten Hafen und das Meer werfen konnte.

Ich schaute mich um. Ringsum reihte sich ein gut besuchtes Restaurant mit seinen großen, ausgespannten Markisen an das nächste. Geschäftige Bistros und Andenkenläden quetschten sich dazwischen. Das blauglitzernde Meer schlug in kleinen, schaumgekrönten Wellen an die Hafenmauern. Da fiel mein Blick am anderen Ende der Mole auf ein strahlend weißes Gebäude, einstöckig, langgestreckt, Türen und Fenster mit Rundbögen, darüber mehrere runde Kuppeln im Dach, davon eine am linken Ende wesentlich größer als die anderen. Ich stutzte, das konnte doch nicht sein, hier auf Kreta. Eine Moschee?! Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Aber mein Kellner bestätigte kurz darauf, dass ja, es sich tatsächlich um eine altes, muslimisches Gotteshaus handele, die Hassan-Pascha-Moschee aus dem 17. Jahrhundert.

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Copyright (c) Griechenland-deals.de / pixelio.de

Als ich eine Stunde später meine Platte mit verschiedenen, leckeren Mezedes in Ruhe genoßen und das Vergnügen mit einem kräftigen Kaffee abgerundet hatte, schlenderte ich die Mole entlang bis zu dem Moschee-Gebäude. Von der Nähe betrachtet, verlor es erheblich an Schönheit. Das Weiß seiner Mauern war im unteren Viertel mit schreiend farbiger, banaler Graffiti „geschmückt“. An vielen Stellen bröckelte der Putz ab. Innen war es dunkel, die Fenster waren blind. Über dem verriegelten Haupteingang hing ein Schild „Diskothek“. Es war ein Bild trauriger Häßlichkeit. Ernüchtert und mit dem Gefühl einer gründlichen Entweihung dieses ursprünglichen Gotteshauses kehrte ich um.

Von einem Eisverkäufer auf der Mole erfuhr ich , dass das Gebäude aufgegeben worden war, als die letzten türkischstämmigen Muslime die Insel Kreta nach dem ersten Weltkrieg und dem griechisch-türkischen Krieg verließen. Nach 1923 hatte die Moschee dann lange Zeit als Touristeninformationszentrum gedient. Auf dem Rückweg zu meinem Auto konnte ich meinem Pistazien-Eis nicht die Aufmerksamkeit gönnen, die es verdient hätte, so nachdenklich war ich geworden. Wie auch immer die Kreter hier auf der Insel mit ihrer Moschee umgingen – mittlerweile dient das Gebäude als Ausstellungszentrum -, in Deutschland stellte sich doch eine ganz ähnliche Frage:

Ganz ohne Krieg werden heute immer mehr Kirchengebäude von ihren christlichen Gemeinden aufgegeben. Wie gehen wir aber mit Gebäuden um, die einmal einem rituell-religiösem Zweck geweiht worden sind?

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Copyright (c) federfluesterin

Zumindest bei den älteren Kirchen steht die Symbolik der Architektur in direktem Zusammenhang mit der religiösen Botschaft. Ist da jede beliebige Nutzung, wie eine Diskothek, zulässig?

Was, wenn die Kirche weiterhin ihrem eigentlichen Zweck, nämlich als Gottes Haus dienen kann, aber im Rahmen einer anderen religiösen Botschaft, dem Judentum etwa, dem Buddhismus oder dem Islam? Fühlen wir uns da „erobert“, wie es so manch christlicher Besucher der Hagia Sophia in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, z.b. die Journalistin Barbara Falconer Newhall, empfindet?

Würden sich deutsche Muslime „erobert“ fühlen, wenn wir eine aufgegebene Moschee in Deutschland zur Kirche machen würden, wie es in Cordoba, Spanien im Rahmen der Reconquista  mit der ehemaligen großen Moschee, der al-Dschāmiʿ al-kabīr, geschehen ist? Würden sie bereit sein, eine Moschee, die sie aufgeben, einer christlichen, jüdischen oder buddhistischen Gemeinde anzuvertrauen? Wie würde eine jüdische Gemeinde in Deutschland auf die Umwidmung einer Synagoge in eine Kirche oder in eine Moschee reagieren?

Gott jedenfalls kann glücklicherweise von niemandem erobert werden.

Von buddhistischen Ländern sind wir nie kriegerisch bedroht worden. Wäre es leichter, eine Kirche, eine Moschee oder Synagoge einer buddhistischen Glaubensgemeinschaft zu übergeben? Oder fehlt uns da der Wiedererkennungsfaktor einer monotheistischen Religion?

Liegt der Kern des Problems darin, dass wir Gläubige anderer Religionen als ungläubig ansehen? Nur, wer außer Gott selbst kann denn so weit in Herz und Verstand eines anderen Menschen schauen, um das mit Sicherheit beurteilen zu können? Erkennen wir andere Religionen doch nicht wirklich als zwar andersartigen, aber gleich wertigen Weg zu Gott an? Kann denn eine Religion, die Gott selbst den Menschen gegeben hat, fehlerhaft, überholt oder sogar ungültig sein?

Welche Nutzung, liebe Leser, ist in Ihren Augen die richtige für ein altes Gotteshaus?

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Frühlings-Feilschen

Die Stadt leert sich schon, als ich mein Fahrrad auf den Blumenmarkt schiebe. Vor den Ständen haben die Händler ihre leeren Paletten aufgestapelt, dazwischen liegen Fetzen von Einschlagpapier herum. Mein Rad rollt über abgerissene Blätter, halbzertretene Doldenblüten und Farnzweige.

Unter den Augen beobachte ich die Händler. Nur nicht zuviel Interesse zeigen. Mehrere haben noch viel Ware auf ihrem Stand, vor allem für einen Samstagnachmittag. Blumen, die selbst im Kühlhaus untergebracht, am Montag ihre beste Zeit gesehen haben werden.

Copyright (c) federfluesterin

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Schließlich ruft mir Einer zu:“ Na, junge Frau, noch einen schönen Strauss Blumen für den Sonntag?“ “ Wenn Ihr ihn mir schenkt!?“ Lachend schüttelt er den Kopf. “ Zu verschenken gibt’s bei mir nichts…, aber wir zwei werden uns schon einig werden!“

Ich schiebe mein Rad langsam etwas näher heran, mustere betont gleichgültig die Sträuße in den Eimern. Was für frische  Farben und erst der Duft! Das darf ich mir bloß nicht anmerken lassen!

“ Also, so richtig frisch sind die ja nicht mehr. Das Wochenende überleben die bestimmt nicht! Was wollt Ihr denn noch dafür haben?“

Er langt in die Eimer, holt einen Strauß Tulpen nach dem anderen heraus, bis ein ganzer Arm voll ist. “ Fünf Sträuße für 10 Euro, junge Frau!“   „Viel zu teuer! Die lassen doch schon die Köpfe hängen.  5 Euro, mehr geb‘ ich nicht dafür!“

Vor sich hin grummelnd schüttelt er den Kopf: „Die 5 Euro machen noch nicht mal meine Katze satt!“ Als ich ihn unbeeindruckt anlächle, seufzt er auf, schlägt aber dennoch zügig die Blumen in einen Bogen Papier ein.

„Hier, junge Frau, nur, weil heute so ein schöner Tag ist!“.  Er zwinkert mir nun doch zu. Lächelnd  reiche ich ihm das Geld und nehme meine Tulpen entgegen.

Auf dem Weg nach Hause vergrabe ich immer wieder meine Nase in dem bunten Blumenstrauß auf meinem Fahrradlenker. Nach dem langen Winter die ersten Frühlingsboten! Jetzt fängt für mich das Jahr erst so richtig an!

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