Der gordische Sprachknoten

 

MarkTwain

Mark Twain (1890), Fotografie eines Bildes von James Carroll Beckwith

„In Paris they simply stared when I spoke to them in French; I never did succeed in making those idiots understand their language.“                                          Mark Twain                                                             

Ein Amerikaner in Paris und schon sprachlich gescheitert, wie es Mark Twain mit dem obigen Zitat so humorvoll skizziert. Nun, das geschieht nicht nur Amerikanern.

Ein deutscher Wissenschaftler, Biologe, reiste vor ein paar Jahren für eine Felduntersuchung nach Chengdu, Szechuan in China. Ein ganzes Jahr vorher hatte er eifrig bei einem chinesischen Studenten die chinesische Alltagssprache gelernt. Er brannte darauf, seine Sprachkenntnisse anzuwenden, wurde aber bitter enttäuscht. Die Chinesen, die er auf Chinesisch ansprach, schauten ihn verblüfft an, gaben überhaupt keine Antwort und schienen ihn und seine Äußerungen zu ignorieren.

Wir versuchen dieselbe Sprache zu sprechen und trotzdem verstehen wir einander nicht. Liegt es an der Angst oder Scheu des  Gegenübers vor dem Kontakt mit dem Fremden? Ist es die Verlegenheit angesichts des Radebrechens des Anderen?

Oder andersherum, gebrauchen wir zwar Elemente der Sprache, nutzen sie aber so, dass sie für den Sprachempfänger keinen, einen peinlichen oder sogar gefährlichen Sinn ergeben?

Es gibt Pflanzenliebhaber, die darauf schwören, ihre Pflanzen jeden Tag liebevoll zu streicheln. Auch Pflanzen wüßten Liebe wahrzunehmen.  Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass tatsächlich Pflanzen, die gestreichelt werden, kompakter und kräftiger wachsen. Allerdings tun sie das aus einem anderen Grund, als die Pflanzenliebhaber angenommen haben. Nicht die liebevolle Fürsorglichkeit animiert sie, sondern Stress, denn das Streicheln entspricht jenen Umweltreizen, die sonst Wind und Regen darstellen würden. Sie vermitteln den Pflanzen das Signal, nicht dünnstängelig und zu hoch zu wachsen, da sie sonst Wind und Regen nicht standhalten könnten. In diesem Fall haben die Pflanzenliebhaber also Elemente der Pflanzensprache genutzt, ohne zu wissen, was sie eigentlich redeten. Erfreulicher Weise dennoch mit positiven Ergebnis.

Wissen, was man selbst eigentlich redet – Wissen, was der andere eigentlich redet. Das ist eine Grundfrage im Dialog auch zwischen Menschen verschiedener Kulturen.

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Ein Ingenieur reiste nach Indien, um seine Produkte dort interessierten Geschäftskunden vorzustellen. Bei seinem ersten Gespräch wurde er zunehmend unsicher, denn jedesmal, wenn er besondere Vorzüge seiner Produkte dem indischen Kunden vorstellte, schüttelte der mehrmals verneinend den Kopf. Der Ingenieur hielt durch bis zum Ende des Treffens, fragte aber danach sichtlich irritiert seine ihn begleitenden indischen Partner, warum dieses Gespräch überhaupt hatte stattfinden sollen, da der Kunde offensichtlich eine unveränderbar schlechte Meinung über die Produkte habe, ständig habe er ablehnend seinen Kopf geschüttelt.  Seine Partner lachten daraufhin laut auf. Das sei ein Missverständnis. In Indien bedeute das waagerechte Schütteln des Kopfes keine Ablehnung, sondern ganz im Gegenteil, sogar Zustimmung!

Wie Sie sich vorstellen können, liebe Leser, war der Ingenieur sehr erleichtert und absolvierte die folgenden Kundengespräche wesentlich entspannter, denn er verstand nun die Körpersprache seiner indischen Kunden. Nicht immer aber löst sich ein kulturelles Missverständnis so schnell und problemlos auf.

Eine Iranerin war mit ihrer Familie als Migrantin nach Schweden gekommen. Nach 2 Jahren sprach sie leidlich Schwedisch, und sie hatte sich mit einer schwedischen Frau gleichen Alters angefreundet. Eines Tages hatte sie Lust, ihre Freundin, die ca. 30 Minuten Fahrweg weit weg wohnte, zu besuchen. Bereits im Auto rief sie sie über Handy an. Die Freundin nahm das Gespräch an, antwortete aber, als die Iranerin ihr mitteilte, sie wolle sie besuchen, ob ihr das Recht wäre, nein, eigentlich nicht, sie habe gerade Besuch von einem Freund.

Die Iranerin war tief beleidigt und empörte sich. Wie konnte ihre schwedische Freundin ihren Besuch ablehnen? In der iranischen Kultur hat, ganz nach dem Beispiel des in der Sunna geschilderten Verhaltensweisen des Propheten Muhammad, Gastfreundschaft einen hohen Stellenwert. Das eigene Haus steht dem Gast immer offen, und der Gastgeber tut alles, damit sich der Gast wohlfühlt.

Nun genießt sicherlich in der schwedischen Kultur Gastfreundschaft auch eine hohe Wertschätzung, aber es existiert auch das Element des „My home is my castle“, das das unabdingbare Recht des Gastes auf ein immer offenes Haus entscheidend relativiert. Vorrang hat die Privatspäre. Dieses Prinzip wurde im 17. Jahrhundert in England formuliert, ursprünglich als Abwehr eines unberechtigten Eindringens von Beamten, also des Staates, in das eigene Haus. Es ist aber seitdem überall in Europa, vielleicht aber mit  etwas mehr Nachdruck in den protestantischen Ländern, als fester Freiheitswert in die bürgerliche Kultur eingegliedert worden.

Die iranische Migrantin hatte zwar die gesprochene Sprache Schwedisch gelernt, aber das eigentliche „Schwedisch“, nämlich das der gelebten Werte, des Landes, für das sie sich entschieden und in das sie sich von sich aus begeben hatte, bei weitem noch nicht verstanden. Aus ihrer, dem alten, von ihr verlassenen Heimatland verbundenen, Sicht hatte die Freundschaft einen schweren Schaden genommen. Aus Sicht ihrer schwedischen Freundin war ihre empörte Reaktion völlig unverständlich.

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Wie weitreichend so ein Schaden sein kann, zeigt das folgende Beispiel: Eine Ethnologin reiste nach Papua-Neuguinea und unternahm in einem Dorf im Dschungel Feldforschung. Sie hatte die Sprache der Ureinwohner gelernt und verstand sich, so hatte sie den Eindruck, gut mit allen Bewohnern im Dorf. Die Männer beobachtete sie bei ihrer Jagd und zuhause die Frauen und Kinder bei ihren Arbeiten.

Doch eines Tages erzählte ihr eine der Frauen, dass die Männer  ihr immer nachschauten und danach schlecht über sie redeten. Die Ethnologin hörte ihr zu, reagierte aber nicht weiter darauf. In den darauffolgenden Wochen merkte sie, dass die Frauen anfingen, sie zu meiden. Noch später registrierte sie immer wütendere Blicke. Schließlich sagte ihr eine Frau zornig noch einmal, die Männer würden schlecht über sie reden. Andere Frauen in der Nähe schauten sie zugleich sehr böse an. Als die Ethnologin nicht reagierte, ignorierten sie  die Frauen des Dorfes von da an.

Die Ethnologin zog aus dem Vorfall den Schluss, dass die weiblichen Mitglieder dieses Dorfstammes außergewöhnlich aggressiv seien und schrieb das in ihren Forschungsbericht. Dabei hatte sie ungewollt mit ihrem, von der deutschen Umgebung geprägten, Auftreten als Frau innerhalb des Urwalddorfes in Papua-Neuguinea Signale ausgesandt, die vergleichsweise denen einer Prostituierten auf dem Kiez in Hamburg entsprochen hatten. Sie hatte sich selbst als neutrale Person gesehen, und sie hatte nicht verstanden, was sie de facto „redete“. Die Frauen des Dorfes hatten höflich versucht, sie darauf hinzuweisen. Denn die Ethnologin war in die Welt dieser Frauen gekommen und letztere erwarteten daher von ihr, dass sie sich gemäß ihrer Dorfkultur angemessen benahm, dass sie sich kulturell anpasste. Auch die Menschen  in Europa erwarten, dass diejenigen, die auf Dauer nach Europa kommen, sich kulturell anpassen. Die Ethnologin hatte wiederum die zunächst ja noch freundlichen Hinweise auf ihr kulturelles Fehlverhalten nicht verstanden, ihr fehlte das wirkliche Verstehen der „Sprache“ der Dorfbewohnerinnen . So war die Situation eskaliert und leider unerfreulich geendet.

Sprache ist weitaus mehr, als eine Zusammensetzung von Worten. Ein tschechisches Sprichwort beschreibt es so:

Mit jeder neu gelernten Sprache, erwirbt man eine neue Seele.

Genauso gilt aber auch:

Bevor man eine andere Sprache wirklich gelernt haben kann, muss man ihre Seele erforscht und, vor allem, vorher die der eigenen Sprache erkannt haben.

Für Religionen gilt genau dasselbe. Denn auch sie haben jeweils ihre eigene Sprache, ihren ganz eigenen Blick auf die Gottheit, den Menschen und das Verhältnis zwischen beiden. Sie haben sozusagen auch ihre eigene Seele. Und Religionen formen, nicht nur, aber in besonderer Weise, Einstellungen und Verhalten.

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Gewitter im Sommer

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Das Gewitter zieht auf Copyright (c) federfluesterin

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Unglaublich heiß ist dieser Tag.
Die Luft bewegt sich kaum.
Insekten schwirren dort im Hag.
Gespannte Erwartung steht im Raum.

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Wie lange noch hält der Himmel zurück
die geballte Energie?
Ein Regenguß wäre der Pflanzen Glück,
lautlos schreien sie.

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Schickt der Himmel den Regen sacht?
Oder mit Blitz und Donner?
Wie er´s auch macht:
„Es ist Sommer!“ *

© Irmgard Adomeit

 

 

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*Veröffentlichung auf diesem Blog mit freundlicher Genehmigung der Autorin.  Mein Dank! Weitere Gedichte von ihr  aus 29 Gedichtbänden, finden Sie, liebe Leser, hier, in der Deutschen Gedichtebibliothek von Herrn Ritter. Mein Dank auch an ihn!

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Vaskulitis Kurznachrichten 2.4: Neues Medikament im Rohr

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Das Sterben rückte für Vaskulitis-Patienten in den Hintergrund, als Prof. Wolfgang Gross, Rheumatologe, die Vaskulitis-Therapie mit Immunsuppressiva vom Klinikum Bad Bramstedt aus in Deutschland voranbrachte. Dennoch blieb der vorzeitige Tod ein drohendes Szenario, denn die Anzahl der bei dieser Seltenen Erkrankung wirkenden Medikamente beschränkte sich auf eine knappe Handvoll.

Schlugen die Wirkstoffe nacheinander nicht an, was war dann?

So manch ein Patient – und mit ihr oder ihm der jeweilige Angehörige – hat schlimme Stunden mit der Angst verbracht, austherapiert zu sein.

Erst in den letzten Jahren hat die EU-weite Förderung der Entwicklung und Patentierung von Medikamenten für Seltene Erkrankungen dazu geführt, dass nach Jahrzehnten wieder neue Medikamente für Vaskulitiden zugelassen und auf den Markt gebracht werden konnten. Rituximab (R) und Mepolizumab (R) sind zwei sogenannte Biologicals, die die Therapieoptionen der Rheumatologen für Vaskulitis-Patienten jüngst entscheidend erweitert und verbessert haben.

Mavrilimumab (R)

Diese positive Entwicklung scheint sich nun fortzusetzen. Mavrilimumab (R), ein monoklonaler Antikörper, der von dem Pharmaunternehmen AstraZeneca entwickelt wurde, hat in den Phase II klinischen Tests bei Rheumatoider Arthritis gut abgeschnitten und befindet sich nun in den abschließenden Phase III Tests.

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Das Medikament greift eine Untergruppe des GM-CSF ( granulocyte-macrophage colony-stimulating factor) Rezeptors an. GM-CSF ist ein sogenanntes Zytokin, ein Signalstoff, durch den das Knochenmark angeregt wird, entweder Granulozyten oder  Fresszellen,  sogenannte Makrophagen, herzustellen. Makrophagen können durch Signale an andere Immunzellen die Entzündungsreaktion so richtig in Fahrt bringen. Die explosionsartige Vermehrung von Granulozyten spielt eine Hauptrolle im Krankheitsgeschehen von Vaskulitiden. Mavrilimumab (R) unterbricht also den Entzündungsprozess an einer ganz anderen, früheren Stelle, als Rituximab (R) und Mepolizumab (R).

Off-Label-Use für Vaskulitis-Patienten

Das Medikament wird, wenn auch die Phase III -Tests positiv verlaufen, zunächst für Rheumatoide Arthritis zugelassen werden, was allerdings noch einige Zeit dauern wird. Es stünde Vaskulitis-Patienten dann zunächst nur in einer Off-Label-Anwendung zur Verfügung. Das wird von den gesetzlichen Krankenkassen nur dann genehmigt, wenn alle anderen, für Vaskulitiden zugelassenen Medikamente versagt haben. Immerhin, es wäre für Grenzfälle unter den Patienten eine letzte Chance. Jede zusätzliche Therapieoption ist willkommen, denn sie kann ihnen die niederschmetterndste aller medizinischen Nachrichten ersparen, dass sie austherapiert sind!

Hoffnungsvolle Frage

Gelingen klinische Tests und die Zulassung jedoch auch für Vaskulitiden, dann stünde den Ärzten ein Medikament für alle Patienten zur Verfügung.

Es verbindet sich aber noch eine andere, ganz, ganz zarte Hoffnung und Frage mit Mavrilimumab (R). Die Blockade von GM-CSF hat im Tierversuch zur Ausheilung der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis, dem Labormodell der Multiplen Sklerose, geführt. Könnte diese Blockade beim Menschen auch die  Ausheilung einer Vaskulitis bewirken?

Dieser Beitrag ist ein Service von PrO Vaskulitis.
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Eide nouruze schoma mobarak!

Nouruz-Tisch; Copyright (c) federfluesterin /federfluesterin.wordpress.com

Frühlingsbeginn – da denken Iraner an ein Picknick im Grünen, an einem klaren Gebirgsbach, bei lauschigen 15 Grad und strahlender Sonne. Denn auf der iranischen Hochebene verabschiedet sich der Winter schlagartig zum Frühlingfest Nouruz. Schnee und Kälte schmelzen vor der Sonne nur so dahin und das erste Grün beeilt sich, seinen Kopf aus der Erde zu stecken.

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In Deutschland hingegen offenbart ein Blick aus dem Fenster einen Himmel, der so grau in grau ausschaut, dass der Trübsinn wie der Landregen ständig aus den tiefhängenden Wolken zu tropfen scheint. Iraner aber lassen sich auch im Hohen Norden ihre Festlaune nicht verderben – wenn sie auch in der Vergangenheit ein wenig neidisch auf die Exil-Iraner in Kalifornien blickten. Dort findet Nouruz in vielen Straßenfesten und -umzügen statt, bei denen die iranische Gemeinschaft neben ausgiebigem Feiern mit Tanz und Musik, auch ein kostenloses Essen für Obdachlose ausgiebt, und so schon einen Beliebtheits-Platz in der kalifornischen Gesellschaft gewonnen hat.

Dieses Jahr aber steht das Fest unter dem Stern der Einreise-Verbote für Iraner, die die Regierung Trump versucht zu erlassen. Familienangehörige aus dem Iran haben deshalb ihre Pläne, zum Fest zu Besuch zu kommen, vielfach aufgegeben. Da es aber auch unter Amerikanern iranischer Herkunft Trump-Wähler gibt, läuft in der Exilgemeinde nun ein „running joke“:

Ein Iraner ruft seine Großmutter in Teheran an: “ Großmutter, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche willst Du zuerst hören?“ „Mein lieber Enkel, die schleche zuerst!“  „Du kannst  uns wegen der Einreiseverbote Trumps nicht mehr zu Nouruz besuchen und mit uns feiern kommen.“ “ Was für ein Unglück! Was ist denn die gute Nachricht?“ „Stell Dir vor, Großmutter, dafür bekomme ich jetzt von Trump 3 Prozent Einkommenssteuerermäßigung!“

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In Deutschland präsentiert sich die iranische Gemeinschaft wetterbedingt etwas geschlossener als in Kalifornien. In angemieteten Veranstaltungsräumen, dadurch weniger wahrgenommen von der deutschen Öffentlichkeit, wird heute abend, dem ersten Tag des 13-tägigen Festes im iranischen Jahr 1396, mit viel Musik, Tanz und gutem Essen gefeiert, in diesem Jahr mit deutlich mehr Unbeschwertheit, Fröhlichkeit und guter Laune als im Sonnenstaat Kalifornien.

 

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Disco statt Muezzin

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Copyright (c) SofiaPapageorge /pixabay.com

„Nehmen Sie bitte Platz!“ Höflich bot mir der Kellner einen der weidenbespannten, blauen Holzstühle des Hafenrestaurants an. Auf diesen Ausflug hatte ich mich gefreut. Frühmorgens noch vor dem Frühstück war ich von der Hotelanlage im Süden von Kreta mit einem Mietauto Richtung Norden gestartet.  Enge, kurvige Landstraßen führten mich  mitten durch kleine Ortsflecken, hauteng an den Hauswänden vorbei. Im Eselstempo lavierte ich mich durch, überbordende Bougainvillea Äste streiften mich ab und zu durch das offene Autodach. In den Tälern, die ich durchquerte, waren Felsen und sonnenverbrannte Erde locker gespickt mit struppigen Sträuchern, Steineichen und  Pinien der Macchie. Hatte die Straße sich in die Höhenlagen nach oben geschraubt, wurde ich mit grandiosen Aussichten über die Landschaft und auf das Meer belohnt.

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Hafen in Chania Copyright (c) Zillertler2000 / pixelio.de

Bis zum Mittag wurde die Sonne, anfangs noch strahlend frisch, zu einer brennenden Last auf meinem Kopf und Schultern. Als ich die Hafenstadt Chania im Norden erreichte, war ich froh, den Wagen abstellen und mich in die Kühle eines Restaurants direkt an der Mole des U-förmigen, alten Fischereihafens retten zu können. Entspannt nahm ich an dem Tisch Platz, an den mich der Kellner geführt hatte und von dem aus ich bequem einen Blick auf den gesamten Hafen und das Meer werfen konnte.

Ich schaute mich um. Ringsum reihte sich ein gut besuchtes Restaurant mit seinen großen, ausgespannten Markisen an das nächste. Geschäftige Bistros und Andenkenläden quetschten sich dazwischen. Das blauglitzernde Meer schlug in kleinen, schaumgekrönten Wellen an die Hafenmauern. Da fiel mein Blick am anderen Ende der Mole auf ein strahlend weißes Gebäude, einstöckig, langgestreckt, Türen und Fenster mit Rundbögen, darüber mehrere runde Kuppeln im Dach, davon eine am linken Ende wesentlich größer als die anderen. Ich stutzte, das konnte doch nicht sein, hier auf Kreta. Eine Moschee?! Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Aber mein Kellner bestätigte kurz darauf, dass ja, es sich tatsächlich um eine altes, muslimisches Gotteshaus handele, die Hassan-Pascha-Moschee aus dem 17. Jahrhundert.

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Copyright (c) Griechenland-deals.de / pixelio.de

Als ich eine Stunde später meine Platte mit verschiedenen, leckeren Mezedes in Ruhe genoßen und das Vergnügen mit einem kräftigen Kaffee abgerundet hatte, schlenderte ich die Mole entlang bis zu dem Moschee-Gebäude. Von der Nähe betrachtet, verlor es erheblich an Schönheit. Das Weiß seiner Mauern war im unteren Viertel mit schreiend farbiger, banaler Graffiti „geschmückt“. An vielen Stellen bröckelte der Putz ab. Innen war es dunkel, die Fenster waren blind. Über dem verriegelten Haupteingang hing ein Schild „Diskothek“. Es war ein Bild trauriger Häßlichkeit. Ernüchtert und mit dem Gefühl einer gründlichen Entweihung dieses ursprünglichen Gotteshauses kehrte ich um.

Von einem Eisverkäufer auf der Mole erfuhr ich , dass das Gebäude aufgegeben worden war, als die letzten türkischstämmigen Muslime die Insel Kreta nach dem ersten Weltkrieg und dem griechisch-türkischen Krieg verließen. Nach 1923 hatte die Moschee dann lange Zeit als Touristeninformationszentrum gedient. Auf dem Rückweg zu meinem Auto konnte ich meinem Pistazien-Eis nicht die Aufmerksamkeit gönnen, die es verdient hätte, so nachdenklich war ich geworden. Wie auch immer die Kreter hier auf der Insel mit ihrer Moschee umgingen – mittlerweile dient das Gebäude als Ausstellungszentrum -, in Deutschland stellte sich doch eine ganz ähnliche Frage:

Ganz ohne Krieg werden heute immer mehr Kirchengebäude von ihren christlichen Gemeinden aufgegeben. Wie gehen wir aber mit Gebäuden um, die einmal einem rituell-religiösem Zweck geweiht worden sind?

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Zumindest bei den älteren Kirchen steht die Symbolik der Architektur in direktem Zusammenhang mit der religiösen Botschaft. Ist da jede beliebige Nutzung, wie eine Diskothek, zulässig?

Was, wenn die Kirche weiterhin ihrem eigentlichen Zweck, nämlich als Gottes Haus dienen kann, aber im Rahmen einer anderen religiösen Botschaft, dem Judentum etwa, dem Buddhismus oder dem Islam? Fühlen wir uns da „erobert“, wie es so manch christlicher Besucher der Hagia Sophia in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, z.b. die Journalistin Barbara Falconer Newhall, empfindet?

Würden sich deutsche Muslime „erobert“ fühlen, wenn wir eine aufgegebene Moschee in Deutschland zur Kirche machen würden, wie es in Cordoba, Spanien im Rahmen der Reconquista  mit der ehemaligen großen Moschee, der al-Dschāmiʿ al-kabīr, geschehen ist? Würden sie bereit sein, eine Moschee, die sie aufgeben, einer christlichen, jüdischen oder buddhistischen Gemeinde anzuvertrauen? Wie würde eine jüdische Gemeinde in Deutschland auf die Umwidmung einer Synagoge in eine Kirche oder in eine Moschee reagieren?

Gott jedenfalls kann glücklicherweise von niemandem erobert werden.

Von buddhistischen Ländern sind wir nie kriegerisch bedroht worden. Wäre es leichter, eine Kirche, eine Moschee oder Synagoge einer buddhistischen Glaubensgemeinschaft zu übergeben? Oder fehlt uns da der Wiedererkennungsfaktor einer monotheistischen Religion?

Liegt der Kern des Problems darin, dass wir Gläubige anderer Religionen als ungläubig ansehen? Nur, wer außer Gott selbst kann denn so weit in Herz und Verstand eines anderen Menschen schauen, um das mit Sicherheit beurteilen zu können? Erkennen wir andere Religionen doch nicht wirklich als zwar andersartigen, aber gleich wertigen Weg zu Gott an? Kann denn eine Religion, die Gott selbst den Menschen gegeben hat, fehlerhaft, überholt oder sogar ungültig sein?

Welche Nutzung, liebe Leser, ist in Ihren Augen die richtige für ein altes Gotteshaus?

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Frühlings-Feilschen

Die Stadt leert sich schon, als ich mein Fahrrad auf den Blumenmarkt schiebe. Vor den Ständen haben die Händler ihre leeren Paletten aufgestapelt, dazwischen liegen Fetzen von Einschlagpapier herum. Mein Rad rollt über abgerissene Blätter, halbzertretene Doldenblüten und Farnzweige.

Unter den Augen beobachte ich die Händler. Nur nicht zuviel Interesse zeigen. Mehrere haben noch viel Ware auf ihrem Stand, vor allem für einen Samstagnachmittag. Blumen, die selbst im Kühlhaus untergebracht, am Montag ihre beste Zeit gesehen haben werden.

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Schließlich ruft mir Einer zu:“ Na, junge Frau, noch einen schönen Strauss Blumen für den Sonntag?“ “ Wenn Ihr ihn mir schenkt!?“ Lachend schüttelt er den Kopf. “ Zu verschenken gibt’s bei mir nichts…, aber wir zwei werden uns schon einig werden!“

Ich schiebe mein Rad langsam etwas näher heran, mustere betont gleichgültig die Sträuße in den Eimern. Was für frische  Farben und erst der Duft! Das darf ich mir bloß nicht anmerken lassen!

“ Also, so richtig frisch sind die ja nicht mehr. Das Wochenende überleben die bestimmt nicht! Was wollt Ihr denn noch dafür haben?“

Er langt in die Eimer, holt einen Strauß Tulpen nach dem anderen heraus, bis ein ganzer Arm voll ist. “ Fünf Sträuße für 10 Euro, junge Frau!“   „Viel zu teuer! Die lassen doch schon die Köpfe hängen.  5 Euro, mehr geb‘ ich nicht dafür!“

Vor sich hin grummelnd schüttelt er den Kopf: „Die 5 Euro machen noch nicht mal meine Katze satt!“ Als ich ihn unbeeindruckt anlächle, seufzt er auf, schlägt aber dennoch zügig die Blumen in einen Bogen Papier ein.

„Hier, junge Frau, nur, weil heute so ein schöner Tag ist!“.  Er zwinkert mir nun doch zu. Lächelnd  reiche ich ihm das Geld und nehme meine Tulpen entgegen.

Auf dem Weg nach Hause vergrabe ich immer wieder meine Nase in dem bunten Blumenstrauß auf meinem Fahrradlenker. Nach dem langen Winter die ersten Frühlingsboten! Jetzt fängt für mich das Jahr erst so richtig an!

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Vaskulitis Kurznachrichten 2.3: Krebsrisiko bei Rituximab deutlich geringer als bei Cyclophosphamid

Copyright (c) m.eskandani

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Das Biological Rituximab ist mittlerweile als ebenbürtiges Medikament zu Cyclophosphamid für die Eindämmung des akuten Ausbruches einer Vaskulitis in der medizinischen Welt etabliert. Die Frage, die sich jeder behandelnde Arzt jedoch stellen muss – weil auch die Krankenkassen ihm diese Frage stellen – warum das teure Patent-gebundene Rituximab verschreiben anstelle des vergleichsweise preisgünstigen Alt-Medikaments Cyclophosphamid?

Eine Antwort darauf gibt eine wissenschaftliche Untersuchung, die im europäischen Verbund, darunter den niederländischen Forscherinnen Emma van Dalen und Chinar Rahmattulla, durchgeführt wurde. Sie versuchten herauszufinden, ob und inwieweit sich das Risiko, an Krebs zu erkranken, zwischen einer Behandlung mit Rituximab alleine, mit Cyloclophosphamid alleine oder bei einer Kombination beider Medikamente voneinander unterscheidet. 322 Patienten, die in der Zeit von 2000 bis 2014 eine Vaskulitis-Behandlung erhielten, gingen in die Untersuchung ein. 41 von ihnen bekamen Rituximab, 119, also knapp 3 Mal so viele Patienten, erhielten Cyclophosphamid, 114 wurden mit beiden Medikamenten behandelt und 48 Patienten, die Vergleichsgruppe, bekamen keinen der Wirkstoffe.

Innerhalb des durchschnittlichen Beobachtungszeitraums jedes Patienten von 5,6 Jahren mussten die Wissenschaftlerinnen bei 33 Patienten von der Gesamtgruppe von 322 leider 45 Krebserkrankungen feststellen.

Copyright (c) PDPics / pixabay.com

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Gegenüber der Normalbevölkerung war das Krebsrisiko demnach um den Faktor  1,89 erhöht. Vaskulitis-Patienten müssen vor allem den Hautschutz sehr ernstnehmen, denn die Untersuchung zeigte, dass der Hautkrebs Melanom  die gefährlichste Rolle spielt. Das Risiko, ihn zu bekommen, lag bei den mit Rituximab bzw. Cyclophosphamid behandelten Patienten  um den Faktor 4,58 höher. Bezüglich anderer Krebsarten hingegen bestand ein ähnlich hohes Risiko, wie bei der Normalbevölkerung.

Die Studie zeigte aber vor allem:

Patienten, die mit Rituximab behandelt wurden, konnten ganz ruhig schlafen, denn ihr Krebsrisiko lag auf demselben Niveau, wie das der Normalbevölkerung. Patienten, die Cyclophosphamid bekommen hatten,  dagegen hatten ein deutlich erhöhtes Risiko, einen Krebs zu enwickeln (SIR, 3.10). Gegenüber ihren Rituximab-Mitpatienten war ihr Krebsrisiko sogar um den Faktor 4.61 höher. Die Solo-Cyclophosphamid-Fraktion musste selbst gegenüber den Patienten, die beide Medikamente bekommen hatten, mit einem höheren Krebsrisiko leben.

Rituximab ist also, so zeigt die Studie, bei gleicher Wirksamkeit sicherer in Bezug auf das Risiko, Krebs zu entwickeln., zumindest, was den Zeitraum von rund 6 Jahren ab der Behandlung angeht. Die Studie liefert so einen wichtigen Beitrag zur Entscheidungsfindung von behandelnden Ärzten zwischen den beiden Behandlungsoptionen und  für ihre Therapiebegründung.

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Die Ausstellung ist vorbei, aber manche Ausstellungen sind zeitlos

Im Haus der Photographie, im Rahmen der Triennale in Hamburg, werden z. Zt. 6 Serien des New Yorker Fotografen Phillip Toledano gezeigt. Von diesem Künstler hatte ich bisher noch nicht gehört und mich auch ausnahmsweise nicht vorab mit seinen Werken beschäftigt und war frei von jeglichen Erwartungen. Umso überraschter war ich von der Intensität seiner Arbeiten. […]

über Phillip Toledano in den Deichtorhallen — lichtbildwerkerin.com

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