Disco statt Muezzin

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„Nehmen Sie bitte Platz!“ Höflich bot mir der Kellner einen der weidenbespannten, blauen Holzstühle des Hafenrestaurants an. Auf diesen Ausflug hatte ich mich gefreut. Frühmorgens noch vor dem Frühstück war ich von der Hotelanlage im Süden von Kreta mit einem Mietauto Richtung Norden gestartet.  Enge, kurvige Landstraßen führten mich  mitten durch kleine Ortsflecken, hauteng an den Hauswänden vorbei. Im Eselstempo lavierte ich mich durch, überbordende Bougainvillea Äste streiften mich ab und zu durch das offene Autodach. In den Tälern, die ich durchquerte, waren Felsen und sonnenverbrannte Erde locker gespickt mit struppigen Sträuchern, Steineichen und  Pinien der Macchie. Hatte die Straße sich in die Höhenlagen nach oben geschraubt, wurde ich mit grandiosen Aussichten über die Landschaft und auf das Meer belohnt.

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Hafen in Chania Copyright (c) Zillertler2000 / pixelio.de

Bis zum Mittag wurde die Sonne, anfangs noch strahlend frisch, zu einer brennenden Last auf meinem Kopf und Schultern. Als ich die Hafenstadt Chania im Norden erreichte, war ich froh, den Wagen abstellen und mich in die Kühle eines Restaurants direkt an der Mole des U-förmigen, alten Fischereihafens retten zu können. Entspannt nahm ich an dem Tisch Platz, an den mich der Kellner geführt hatte und von dem aus ich bequem einen Blick auf den gesamten Hafen und das Meer werfen konnte.

Ich schaute mich um. Ringsum reihte sich ein gut besuchtes Restaurant mit seinen großen, ausgespannten Markisen an das nächste. Geschäftige Bistros und Andenkenläden quetschten sich dazwischen. Das blauglitzernde Meer schlug in kleinen, schaumgekrönten Wellen an die Hafenmauern. Da fiel mein Blick am anderen Ende der Mole auf ein strahlend weißes Gebäude, einstöckig, langgestreckt, Türen und Fenster mit Rundbögen, darüber mehrere runde Kuppeln im Dach, davon eine am linken Ende wesentlich größer als die anderen. Ich stutzte, das konnte doch nicht sein, hier auf Kreta. Eine Moschee?! Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Aber mein Kellner bestätigte kurz darauf, dass ja, es sich tatsächlich um eine altes, muslimisches Gotteshaus handele, die Hassan-Pascha-Moschee aus dem 17. Jahrhundert.

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Als ich eine Stunde später meine Platte mit verschiedenen, leckeren Mezedes in Ruhe genoßen und das Vergnügen mit einem kräftigen Kaffee abgerundet hatte, schlenderte ich die Mole entlang bis zu dem Moschee-Gebäude. Von der Nähe betrachtet, verlor es erheblich an Schönheit. Das Weiß seiner Mauern war im unteren Viertel mit schreiend farbiger, banaler Graffiti „geschmückt“. An vielen Stellen bröckelte der Putz ab. Innen war es dunkel, die Fenster waren blind. Über dem verriegelten Haupteingang hing ein Schild „Diskothek“. Es war ein Bild trauriger Häßlichkeit. Ernüchtert und mit dem Gefühl einer gründlichen Entweihung dieses ursprünglichen Gotteshauses kehrte ich um.

Von einem Eisverkäufer auf der Mole erfuhr ich , dass das Gebäude aufgegeben worden war, als die letzten türkischstämmigen Muslime die Insel Kreta nach dem ersten Weltkrieg und dem griechisch-türkischen Krieg verließen. Nach 1923 hatte die Moschee dann lange Zeit als Touristeninformationszentrum gedient. Auf dem Rückweg zu meinem Auto konnte ich meinem Pistazien-Eis nicht die Aufmerksamkeit gönnen, die es verdient hätte, so nachdenklich war ich geworden. Wie auch immer die Kreter hier auf der Insel mit ihrer Moschee umgingen – mittlerweile dient das Gebäude als Ausstellungszentrum -, in Deutschland stellte sich doch eine ganz ähnliche Frage:

Ganz ohne Krieg werden heute immer mehr Kirchengebäude von ihren christlichen Gemeinden aufgegeben. Wie gehen wir aber mit Gebäuden um, die einmal einem rituell-religiösem Zweck geweiht worden sind?

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Copyright (c) federfluesterin

Zumindest bei den älteren Kirchen steht die Symbolik der Architektur in direktem Zusammenhang mit der religiösen Botschaft. Ist da jede beliebige Nutzung, wie eine Diskothek, zulässig?

Was, wenn die Kirche weiterhin ihrem eigentlichen Zweck, nämlich als Gottes Haus dienen kann, aber im Rahmen einer anderen religiösen Botschaft, dem Judentum etwa, dem Buddhismus oder dem Islam? Fühlen wir uns da „erobert“, wie es so manch christlicher Besucher der Hagia Sophia in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, z.b. die Journalistin Barbara Falconer Newhall, empfindet?

Würden sich deutsche Muslime „erobert“ fühlen, wenn wir eine aufgegebene Moschee in Deutschland zur Kirche machen würden, wie es in Cordoba, Spanien im Rahmen der Reconquista  mit der ehemaligen großen Moschee, der al-Dschāmiʿ al-kabīr, geschehen ist? Würden sie bereit sein, eine Moschee, die sie aufgeben, einer christlichen, jüdischen oder buddhistischen Gemeinde anzuvertrauen? Wie würde eine jüdische Gemeinde in Deutschland auf die Umwidmung einer Synagoge in eine Kirche oder in eine Moschee reagieren?

Gott jedenfalls kann glücklicherweise von niemandem erobert werden.

Von buddhistischen Ländern sind wir nie kriegerisch bedroht worden. Wäre es leichter, eine Kirche, eine Moschee oder Synagoge einer buddhistischen Glaubensgemeinschaft zu übergeben? Oder fehlt uns da der Wiedererkennungsfaktor einer monotheistischen Religion?

Liegt der Kern des Problems darin, dass wir Gläubige anderer Religionen als ungläubig ansehen? Nur, wer außer Gott selbst kann denn so weit in Herz und Verstand eines anderen Menschen schauen, um das mit Sicherheit beurteilen zu können? Erkennen wir andere Religionen doch nicht wirklich als zwar andersartigen, aber gleich wertigen Weg zu Gott an? Kann denn eine Religion, die Gott selbst den Menschen gegeben hat, fehlerhaft, überholt oder sogar ungültig sein?

Welche Nutzung, liebe Leser, ist in Ihren Augen die richtige für ein altes Gotteshaus?

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