Mahbub Ámmá

(c) Torsten Rempt / pixelio.de

Groß, beleibt, mit riesigen Brüsten war die Zuneigung meiner Tante Mahbub herzgewaltig. „Mahbub Ámmá“ riefen wir sie mit der azerischen Bezeichnung. Sie war die Schwester meiner Mutter. Zusammen waren sie aufgewachsen in einem Dorf  im Norden Irans, nahe der Grenze zu Azerbeidschan. Zusammen waren sie in die Hauptstadt Persiens, Teheran, emigriert. Wenn Mahbub Ámmá uns besuchte, erwachte die Welt Azerbeidschans in unserer, ansonsten an die persische Umgebung Teherans sehr angepassten, Familie.  Farsi – Persisch – hatte Mahbub Ámmá, wie viele Einwandererfrauen aus dem turksprachigen Norden, in all den Jahren in der Hauptstadt des Irans nur bruchstückhaft sprechen gelernt. Mit ihren ersten Begrüßungsworten, die durch unser Haus schallte, wechselte also die ganze Familie nahtlos ins Azeri.

„Salamæleyküm!“ ertönte es, sobald Mahbub Ámmá in die Tür getreten war. Sofort wurde die ganze Familie in Beschlag genommen von ihrer fröhlichen und allumfassenden Wärme. Temperamentvoll erzählte sie bei vielen Tassen Tee von den Begebenheiten ihres Tages, ereiferte sich über den einen oder anderen unbedarften Farsen-Handwerker oder Bazarhändler, der es gewagt hatte, sich einer Azeri-Frau in den Weg zu stellen – was auf eine gewisse Lebensmüdigkeit des Betreffenden schließen  ließ – und rundete das Ganze mit einem humorvollen Lachen ab, das unser Haus in ein kleines Erdbeben schickte.

Von allen Kindern meiner Mutter, die sie fest  in ihr großes Herz geschlossen hatte, liebte Mahbub Ámmá mich besonders. Man könnte sagen, sie hatte einen Narren an mir gefressen. Ich war ihr „Asgarmisgarim“. Diese Wortschöpfung war weder auf Farsi noch auf Azeri verständlich. Als kleiner Junge war ich mir daher nie sicher, ob sie nicht zu einer dritten Sprachordnung gehörte, die ich noch nicht hatte entziffern können. Zu rätselhaft war seine Bedeutung. War dieser Name, mit dem sie mich rief,  gut oder schlecht für mich? Was konnte „Asgarmisgarim“ für Folgen für mich haben?

Nun, eine Folge begrüßte ich aus vollem Herzen. Es war ein besonderes Abenteuer für mich, wenn Mahbub Ámmá von allen acht Kindern meiner Mutter mich auswählte, um aus dem armen Süden Teherans, in dem wir wohnten und in dem im Sommer die Hitze als ein Echo zwischen den Häuserwänden hin- und hersprang,  in den kühleren, grünen Norden der Stadt am Rand des Alborz-Gebirges zu fahren, wo die wohlhabenden Teheraner wohnten. Dort durfte sie manchmal den großen Gemüse- und Obstgarten des Arbeitgebers Ihres Mannes, eines hohen und reichen Generals, nutzen. Darin stand ein kleines, einfaches Häuschen, mit zwei karg eingerichteten Zimmern und einer Kochstelle, das dem Gärtner als Arbeitswohnsitz diente. Wenn er auf Urlaub zu seiner Familie fuhr, durften wir dort sogar übernachten. Dazu wurden auf dem Teppich im größten Zimmer nebeneinander mit Baumwolle gefüllte, weiche Matrazen ausgerollt  und mit Laken und Decken bedeckt. Morgens wurden sie wieder eingerollt und sauber in einer Ecke des Zimmers unter einem großen, bestickten Tuch aufgestapelt.

Eines Frühmorgens wurde ich von einem lauten Schrei aus dem Schlaf gerissen. Ich setzte mich auf und sah mich um. Oh Schreck, Mahbub Ámmá war nicht im Gartenhaus! Ich stürzte nach draußen. Dort entdeckte ich, direkt vor meiner Tante, graubraun und riesig, eine Schlange, anscheinend noch steif von der Morgenkälte. Meine geliebte Mahbub Ámmá ihrerseits war vor Schreck auch unfähig, sich zu bewegen. Ihre Stimme allerdings, die bewegte sich umso mehr – sie schrie aus all ihren Leibeskräften!

Sie war in der Frühe aus dem Haus zur Außentoilette gegangen. Auf dem Rückweg über die Terasse war plötzlich von einem Stück Wellblech auf der Pergola, das als Schattenspender diente, die Schlange direkt vor ihr heruntergefallen.

Mir war sofort klar, ich mußte meine geliebte Mahbub Ámmá retten! Zwar hatte auch ich eine Riesenangst vor der Schlange, aber ich war entschlossen, sie unschädlich zu machen. Hektisch suchte ich im Garten. Ein großer Stein wurde schließlich mein Mittel der Wahl. Mühsam hob ich ihn an, schleppte ihn zur Terasse und warf ihn mit soviel Kraft, wie ich konnte, auf den Kopf der Schlange. Sie rührte sich danach nicht mehr – erst Jahre später gestand ich mir ein, dass sie das vorher eigentlich auch nicht getan hatte…  Für Mahbub Ámmá allerdings stand nach meiner Heldentat  fest, Asgarmisgarim hatte sie gerettet! Gestützt von mir wankte sie zurück ins Gartenhaus und sank dort erschöpft zusammen. „Sagh’oll!“, Lang mögest Du leben! Dankbar strich sie mir mit zitternder Hand über den Kopf.

Bald jedoch gewann ihre robuste Azeri-Natur wieder die Oberhand. Nach dieser, Allaha-schükür, gewonnenen Schlacht gegen die Riesenschlange kochte sie für uns  einen besonders guten Morgentee, der mein, und vor allem ihr, Gemüt wieder in heitere Bahnen lenkte. Die Schätze des Gartens, reife Zucchini, Auberginen, Gurken, Pfirsiche, Feigen und Birnen waren viel zu verlockend, um sich noch weiter mit einer toten Schlange aufzuhalten.

(c) Angelina Ströbel / pixelio.de

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