Ein Stück vom Himmel

„Malerin vor der Staffelei“, Fritz Overbeck

Ihren Ehemann fand sie auf einer Ausstellung. Nicht, dass sie ihm dort begegnet wäre, jedenfalls nicht in Person. Er trat ihr umittelbarer entgegen: in seinen Bildern. Die Malereien des bis dato recht unbekannten Künstlers aus dem Moordorf Worpswede bei Bremen hingen 1896 im Münchner Glaspalast. Hermine Rohte, damals eine junge Kunststudentin, war tief berührt von seiner Kunst.  Sie stand so unter Eindruck, dass sie ihn umgehend in einem Brief bat, seine Schülerin in Worpswede werden zu dürfen. Ein paar kurze Monate später, im selben Jahr noch,  verlobten sich die beiden und heirateten bald darauf. Hermine und Fritz Overbeck, eine ungewöhnliche, intensive Liebesgeschichte zweier großer Künstler und Seelenverwandter. Der Briefwechsel zwischen den beiden bezeugt es:

„Das größte Glück: mit Dir zusammen zu leben…Was brauchen wir mehr als uns und die Kunst?“

Was war es, was Hermine Rohte so beeindruckt und direkt zu ihrer großen Liebe geführt hatte? Es war vor allem ein Bild, das Hermine Rohte in ihrem Innersten getroffen und in dem sie ihren Seelenverwandten erkannt haben muss. Es ist zugleich genau das Bild, das auch mich spontan ganz gefangen nahm, als ich es einmal zufällig in einem Online-Katalog sah. Es zog mich sogar nach Bremen, nur, um es dort im Original  einmal sehen und in mich aufnehmen zu können. Fritz Overbecks „Abend im Moor“. Lange stand ich davor, schließlich saß ich umso länger davor, konnte mich einfach nicht trennen von seinem Anblick.

Overbeck-Museum

Was ist es, das auch mich so in den Bann dieses Bildes schlägt?

Beethoven ist mit seiner Neunten Symphonie gelungen, wie eine Hörerin es einmal ausdrückte, die Menschen die Türen des Himmels erahnen zu lassen. Joscelyn Godwin hat diesen besonderen Charakter eines Kunstwerks in Bezug auf Religiöse Kunst so beschrieben:

„Religious art, …, shows us what most of us do not know, and so opens our minds to more-than-human possibilities, giving a hint of what we might become (or of what we unwittingly are).“

Bei dem Bild „Abend im Moor“ sehen wir einen nächtlichen Himmel mit  Vollmond, der die Moorlandschaft still und rätselhaft dem Betrachter zeigt.  Ein Himmel, den Fritz Overbeck einmal so beschrieb:

“Was hülfen uns unsere Strohhütten, Birkenwege und Moorkanäle, wenn wir diesen Himmel nicht hätten, welcher alles, selbst das Unbedeutendste adelt, ihm einen unsagbaren Reiz verleiht.”

Der offene, weite und zugleich hohe Himmel mit seiner Dunkelheit und seinem Mondschimmer ist es, der auch mich in das Bild hineinführt. Es liegt darin jener geheimnisvolle Zauber, der hoffen und ahnen lässt, das mehr als das Offensichtliche, das Fassbare möglich sein könnte. Zugleich ist das Bild so still, dass diese Ahnung in das Innere, in die eigene Stille zurückgeführt wird und dort wirkt.

Fritz Overbeck hat vor diesem Bild und danach andere, wunderschöne Bilder gemalt, andere Himmel, andere Nächte. Aber mit diesem einen Bild hatte er aus meiner Sicht schon das Höchste erreicht, was ein Künstler wohl erreichen kann: ein Kunstwerk, das es schafft, den Menschen über sich selbst hinaus- und zugleich in sich selbst hineinzuführen.

Nur mit großem Zögern zeige ich hier ein Foto des Bildes, denn das Original, das im schönen Overbeck-Museum in Bremen hängt, ist nunmehr über 100 Jahre alt und daher nachgedunkelt, hat dadurch aber in meinen Augen an Tiefe noch ein wenig gewonnen. Aber vielleicht führt auch Sie, verehrter Leser, ein einfaches Foto bis nach Bremen.

"Abend im Moor" Fritz Overbeck 1896

„Abend im Moor“ Fritz Overbeck 1896

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2 Antworten zu Ein Stück vom Himmel

  1. Kiki Suarez schreibt:

    Liebe Federflüsterin, da wáre ich liebend gern mit Dir in Worpswede gewesen! Was für ein wunderwunderschönes Bild!!! Es erinnert mich an die Magie in einigen Bildern von Caspar David Friedrich und an einen russischen Maler, den ich in Moskau in ich gaube der Nationalgalerie entdeckte und vorher nicht kannte, auch 19. Jahrhundert, der heisst Quinschi oder Kuinji, ich weiss nicht, wie man das in lateinischen Buchstaben schreibt, da war auch so eine wunderschöne Mondnacht, die mir alle anderen Bilder überstrahlte und die ich nicht vergessen kann.
    Danke! Kiki

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