Vaskulitis Nachrichten7.05: Heilsamer Ruck

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Corona ist in diesem Sommer schon im Wesentlichen vorbei? Zumindest scheint es so, wenn man sich das Gedränge auf den Flughäfen und in den Urlaubsorten ansieht, die gut besuchten Konzertveranstaltungen, Restaurants, Diskotheken und Bars.

Ein ganz anderes Bild offenbart sich hingegen vor und in den Krankenhäusern. Ein Beispiel:

Merkwürdig: auf dem krankenhauseigenen Parkplatz sitzen auffällig viele Menschen in ihren Autos, teilweise stundenlang. Es stellt sich heraus, sie wollen in der Notaufnahme behandelt werden, die aber viel zu wenig Personal im Einsatz hat – weil der Personalschlüssel schon seit Jahren viel zu knapp bemessen ist und jetzt auch noch erhebliche Teile des Personals selbst an Corona und anderen Infekten erkrankt und ausgefallen sind. Zu den wartenden Autoinsassen gehören aber auch Angehörige, die unruhig, teilweise verzweifelt, darauf warten, dass ihr Familienmitglied behandelt wird und dass sie erfahren, wie es ihm oder ihr geht, was die Diagnose ist und wie die Weiterbehandlung aussehen wird. Denn in Corona-Zeiten dürfen sie ihr Familienmitglied ohne aktuellen, negativen Coronatest nicht in die Notaufnahme begleiten. Sie bleiben draußen im Ungewissen.

Eine Frau mittleren Alters schlägt mit der Faust auf die geschlossene Glastür des Krankenhauseingangs ein. Ihr minderjähriger Sohn ist mit dem Krankenwagen eingeliefert worden. Als ihr der Zugang zur Notaufnahme verweigert wird, dreht sie vor Sorge fast durch. Schreiend fordert sie ihr Zugangsrecht als Elternteil eines Minderjährigen ein. Schließlich gibt der Pförtner nach und lässt sie herein. Später kommt sie erleichtert wieder heraus. Ihr Sohn hat nur leichte Verletzungen. „Wie halten Sie das nur hier auf dem Parkplatz, in dieser Ungewissheit, aus?“, fragt sie, immer noch ganz erregt.

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Ja, wie halten das alle hier aus? Wie halten es alle Patienten aus, die ganz alleine auf den Corona-Isolierstationen liegen? Die sich auf ein Personal verlassen müssen, dessen Nerven nach zweieinhalb Jahren Pandemie blank liegen, das kurz vor dem Burn-Out steht oder schon darüber hinaus ist. Da bleibt genervtes Reagieren, patzige Antworten und aggressives Verhalten nicht aus. Und kein Angehöriger kann auf die Isolier-Station, um die Situation aufzufangen, zu vermitteln, pflegeunterstützend zu helfen.

Wer so eine Situation erlebt hat, der unterstützt aus vollem Herzen den Streik des Pflegepersonals an den Universitätskliniken für bessere Arbeitsbedingungen und die Einstellung von mehr Kollegen!

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Ein Vaskulitis-Patient sollte eigentlich in einer Universitätsklinik behandelt werden, aber mit einer Corona-Infektion wird er auf die nächstliegende, freie Isolierstation eingeliefert, in ein Krankenhaus, dessen Ärzte wenig Kenntnisse und keine Erfahrung mit der Behandlung dieser Seltenen Erkrankung haben, geschweige denn mit den möglichen Wechselwirkungen zwischen einer Vaskulitis und Corona. Helfen könnte hier die Möglichkeit des Telekonsils, das das Virtuelle Krankenhaus NRW gerade für die Seltenen Erkrankungen bietet.

Ein Corona-Patient auf der Isolierstation bekommt in manch einem Krankenhaus kein CT, kein MRT und kann nur mit einem kleinen, mobilen Röntgengerät geröntgt werden, weil die großen Untersuchungsgeräte und -räume nicht mit Corona kontaminiert werden dürfen. Erst, wenn ein Corona-Patient negativ getestet worden ist, können alle diese bildgebenden Untersuchungen erfolgen. Das bedeutet, dass eigentlich notwendige Abklärungen, Diagnostik und Behandlungen aufgeschoben werden, mit potentiell negativen Folgen für den Zustand des Patienten.

Wie halten die Angehörigen nur diese Sorge um ihre Familienmitglieder aus, zu denen sie allenfalls telefonisch Zugang haben?

Patienten und Angehörige würden in dieser Situation enorm profitieren, wenn auf den Isolierstationen WLAN zugänglich wäre und Tablets oder Smartphones eingesetzt werden könnten, mit denen Patienten und Angehörige per Videotelefonie, wie etwa mit Zoom, Skype, Microsoft Teams oder einer anderen Software, miteinander in Kontakt bleiben könnten. Es ist beruhigend, seinen Angehörigen nicht nur sprechen, sondern auch sehen zu können. Per Videotelefonie könnten Angehörige sich mit den behandelnden Ärzten auf der Isolationsstation über die Behandlung ihres Familienmitglieds austauschen. Aber auch das ist nach zweieinhalb Jahren Pandemie wohl noch immer „Neuland“ in den meisten deutschen Krankenhäusern und leider eben auch auf den Corona-Isolierstationen.

Die Corona-Pandemie wirft wie ein Brennglas gebündelt das Licht auf alle Fehlentwicklungen im Gesundheitssystem. Wer hinschaut, der begreift, wir brauchen dringend eine Abkehr von der neoliberalen Gesundheitspolitik der letzten Jahrzehnte, die nur dazu geführt hat, dass wir unsere Krankenhäuser und die Pflege heruntergewirtschaftet haben, sowie sinnvolle und zukunftsweisende Investitionen unterblieben.

Es muss endlich ein heilsamer Ruck durch unser Gesundheitssystem gehen!

Dieser Beitrag ist ein Service von PrO Vaskulitis.
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