Auf Schatzsuche in Vietnam

LWL-Museum für Archäologie/Binh/©123RF.com

LWL-Museum für Archäologie/Binh/©123RF.com

Die Eliten Asiens wissen in der Regel weitaus mehr über uns Europäer, als wir über sie.  Gönnen wir uns daher, liebe Leser, eine kleine Schatz-Suche in Vietnam, ohne Flugstress, ohne sich mit feucht-warmer Witterung, Insekten- und Schlangen im Urwald oder der ‚“Rache Montezumas“ auseinandersetzen zu müssen, ein völlig entspanntes Erlebnis, in der ästhetischen und inhaltlich sehr gut aufgebauten Ausstellung „Schätze Vietnams“ im LWL-Museum für Archäologie in Herne.

Sie ist zum erstenmal überhaupt in Deutschland zu sehen. Der Besucher bewegt sich durch die Jahrhunderte vietnamesischer Geschichte, anhand von archäologischen Funden aus verschiedenen Ausgrabungsstätten, die über das ganze Land verstreut sind, darunter auch eine Meeres-Grabstätte. In Anlehnung an die Situation auf archäologischen Ausgrabungsfeldern, bei denen ja niemand auf eventuell noch verborgenen Artefakten „herumtrampeln“ sollte, führt ein Steg die Besucher wie ein roter Faden von einem Ausstellungsteil zum nächsten. Passenderweise ist er in der Farbe Rot gehalten, einer Farbe, die in Asien beliebt ist und Leben symbolisiert.

Hochentwickelte Steinzeit

Schon was ich an Exponaten aus der Steinzeit entdecke, lässt mich zu der Einsicht kommen, dass die vietnamesischen Völker den europäischen in dieser selben Zeitspanne kulturell und technologisch weit überlegen waren. Rituelle Zepter, die gefunden wurden, sind so fein und genau bearbeitet, dass die vietnamesischen Steinzeitmenschen über im Vergleich sehr viel weiter entwickeltere Werkzeuge verfügt haben müssen als die europäischen Steinzeitmenschen, von denen wir Faustkeile kennen. Die Vietnamesischen Völker, so vermuten die Archäologen, müssen da schon einen seilbetriebenen Steinbohrer gekannt haben, mit dem saubere, ganz exakt kreisrunde Löcher gebohrt werden konnten.

Jadezepter, darunter der längste je in Vietnam entdeckte Gegenstand aus Nephrit; Copyright (c) LWL-Museum für Archäologie/Binh

Jadezepter, darunter der längste je in Vietnam entdeckte Gegenstand aus Nephrit; Copyright (c) LWL-Museum für Archäologie/Binh

Die Salzgewinnung an der Meeresküste Vietnams und im Binnenland war auf einem, für die Steinzeit, hohen Stand. Man bedenke, in Europa war Salz schon im 10. Jahrhundert v. Chr. Zahlungsmittel, so wertvoll war es für die Konservierung von Nahrungsmitteln. Salzhandelswege führten über das Mittelmeer durch ganz Europa. Im tropischen Klima Vietnams brauchten die Menschen das Salz nicht nur zur Konservierung. Wenn sie aufgrund des Klimas viel schwitzten, war das Salz für sie auch wichtig zum Ausgleich ihres Salzhaushaltes.

Ein Stein-Xylophon lässt gleichfalls auf eine weit entwickelte Handwerkskunst schließen. Neugierig spiele ich das große Instrument. Es ist erstaunlich, wie klar und rein die Abfolge seiner Tonstufen ist!

Der Einfluss Indiens

Copyright (c) federfluesterin

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Wer sich gewünscht hat, einmal einen Urwaldtempel Asiens besuchen zu können, wird sich an den Exponaten zur indisch beeinflussten Phase während des Reiches des südvietnamesischen Volkes der Cham erfreuen. Der rote Steg führt den Besucher direkt vor den raumhohen, imposanten Nachbau der Meter hohen Fassade des Po Klong Garai-Tempels der Cham-Kultur, vom Ende des 13. Jahrhunderts.

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Mehrere, schöne Standbilder des vietnamesischen Hinduismus /Buddhismus sind in der Ausstellung zu bewundern, darunter eine betende mit einem Rosenkranz und der löwenartige Wächter eines buddhistischen Tempels. Alle drei, das Tor und die Figuren, wurden aus Sandstein-Steinen geschaffen, allerdings ohne die störenden Fugen aus Mörtel, die wir in Nordeuropa von Backsteingebäuden kennen.

Möglich wurde das durch einen Baumharzkleber, der den Sandstein zu einer Einheit verschmelzen lässt. Eine geniale handwerkliche Technik, wie ich finde! Es wird nicht das Einzige sein, das wir von Asien lernen könnten.

Kriege bringen immer Zerstörung von religiösen und kulturellen Zeugnissen mit sich, ob in Deutschland, Europa, Irak, Syrien oder in Vietnam. So manche Statue und so manches Gebäude sind leider nicht verschont geblieben, und entweder garnicht mehr vorhanden oder nur noch als Restbestandteile. Ein Verlust für die gesamte Menschheit!

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Stilisierter Löwe aus Sandstein, 12. Jahrhundert; Copyright (c) federfluesterin

Dass Südvietnam Teil der indischen Einflusssphäre war, darauf weist auch eine kleine goldene Maske hin, die in der Ausstellung gezeigt wird. Sie stammt vermutlich aus Afghanistan oder sogar dem Süd-Iran. Beide Länder waren zeitweise Teil des nordindischen Reiches.

Die indischen Religionen Hinduismus und Buddhismus haben Südvietnam geprägt, während der Norden Vietnam ab dem 11. Jahrhundert zunehmend unter dem Einfluss Chinas und der Moral- und Staatslehre des, den chinesischen Einheitsstaat tragenden Konfuzianismus stand.

 

Einverleibung durch China

Der Besucher wird auf dem roten Steg weitergeführt zur Zeit der Eroberung und Eingliederung Nord-Vietnams in das chinesische Reich, die von 1010 nach Christus bis ins 17. Jahrhundert dauerte.

Drachenkopf aus Terrakotta

Drachenkopf aus Terrakotta als Schutz der Palastanlage von Thang Long, 11. bis 13. Jahrhundert; Copyright (c) federfluesterin

Diese Zeit war von der Zurückdrängung des vietnamesischen Buddhismus und der systematischen Einführung und Durchsetzung des Konfuzianismus geprägt.  Konfuzianische Schulen und Tempel wurden gebaut, die dazu dienten, die vietnamesischen Eliten zu Untertanen und Beamten des chinesischen Reichs  zu erziehen. Die chinesische Kultur prägte Nord-Vietnam, auch wenn lokale Eliten ihre Spielräume, die sich durch die äußerste Randlage am chinesischen Reich ergab, wußten auszunutzen .

Das Siegel des Kaisers Minh Mang ist aus purem Gold und wiegt knapp 5 kg (1827), Copyright: LWL-Museum für Archäologie/Binh

Das Siegel des Kaisers Minh Mang ist aus purem Gold und wiegt knapp 5 kg (1827), Copyright: LWL-Museum für Archäologie/Binh

So nutzten sie zur eigenen Herschaftslegitimation das Zeichen des chinesischen Kaisers, das eigentlich ihm alleine als Inhaber des „Himmelssohn“ vorbehalten war, der Drache, als Symbol auch für sich und eigene Bauten, wie die Palastanlage von Thang Long, die in der heutigen Hauptstadt Vietnams, Hanoi, gelegen ist.

Der vietnamesische Buddhismus wurde also in Nordvietnam im Gegensatz zu der Situation in Südvietnam in seiner gesellschaftlichen und politischen Funktion in den Hintergrund gedrängt, konnte sich aber dennoch halten.

Nationale Unabhängigkeit

Es ist erstaunlich, dass trotz fünf Jahrhunderten Dominanz Nord-Vietnams durch China und Abgrenzung von Süd-Vietnam, sowie der später folgenden Kolonialzeit durch die Franzosen und der Einflussnahme der USA der vietnamesische Unabhängigkeitswille  und  das Bewußtsein einer gemeinsamen Identität lebendig blieb.

Was aber ist, so frage ich mich – zwischen ursprünglich indischen und chinesischen Einflüssen – eigentlich die nationale Identität Vietnams?

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Figuren des vietnamesischen Wassertheaters; Copyright (c) federfluesterin

Einzigartig ist sicherlich das vietnamesische Wassertheater, das die Ausstellung mit einigen Marionetten darstellt. Eine solche Theaterform konnte sicherlich  nur in einer Welt entstehen, die so von Flüssen und Meer geprägt ist, wie Vietnam.  Es ist bereits aus dem 11. Jahrhundert aus dem Deltagebiet des Roten Flusses in Nordvietnam überliefert.  Die Theaterbühne steht im Wasser und die Zuschauer folgen dem Geschehen auf dem Trockenen, es sind Stücke über die Geschichte Vietnams und den Widerstandskampf gegen China, vom Trockenen aus. Wie schade, dass wir die Marionetten nicht gleich in Aktion sehen können!

Ein vergnügliches Kennenlernen der vietnamesischen Kultur erwartet die Besucher am 29. Januar 2017, wie mir beim Verlassen der Ausstellung der Neujahrs-Drache im Treppenhaus des Museums verriet:

Mit traditionellem vietnamesischem Tanz und Köstlichkeiten, Vorträgen und Kreativ-Workshops, können Sie, liebe Leser, dann in Herne das vietnamesische Neujahrsfest Tet mitfeiern.

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Neujahrsdrache; Copyright (c) federfluesterin

Die Ausstellung“Schätze Vietnams“ reist ab dem 27. Februar weiter, und wird ab dem 31. März 2017  im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz zu sehen sein, ab September 2017 in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim.

Ich danke dem LWL-Museum für Archäologie in Herne, insbesondere Herrn Tafertshofer von der Pressestelle, für die gute Zusammenarbeit und die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung meiner Fotos der Ausstellung.

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