Widerstand und Verrat

Unter Beobachtung; @ m.gade/pixelio.de

Unter Beobachtung; @m.gade/pixelio.de

In Deutschland gibt es eine gute Tradition des Gedenkens und der Aufarbeitung der Verbrechen der Nazi-Zeit. Weitaus weniger ausgeprägt ist hingegen die Rezeption der Beweggründe und Bedingungen des politischen Widerstands. Dabei wäre beides wichtig, um gefährliche Entwicklungen, egal wo, zu erkennen, aber auch ihnen begegnen zu können.

Was hat den deutschen Diplomaten Rudolf von Scheha, kurz nach Hitlers Machtübernahme der NSDAP beigetreten, dazu bewogen, ab 1939 geheime Unterlagen über die Judenvernichtung und die Verbrechen in Polen an Kontaktleute in neutralen Ländern weiterzugeben? Von Scheha hat zudem wahrscheinlich den Angriffstermin der deutschen Armee auf die Niederlande verraten.

Was hat den, laut seinem Sohn Peter Ustinov sehr deutschen, Jona von Ustinov, der noch in der Armee des Deutschen Kaisers gedient hatte, dazu bewogen, nach seiner Anstellung als Presseattaché bei der deutschen Botschaft in London für den englischen Geheimdienst zu arbeiten, und u.a. die deutschen Angriffspläne auf die damalige Tschechoslowakei zu verraten?

Keiner der beiden Männer hatte ein finanzielles Interesse an ihrem Verrat. Jona von Ustinov konnte laut seinem Sohn von dem kärglichen Auskommen, das ihm der englische Geheimdienst gewährte,  kaum seine Familie über Wasser halten. Rudolf von Scheha blieb einfach in seinem beruflichen Umfeld, das ihm seine Widerstandstätigkeiten auch ermöglichte. Er wurde von der Gestapo verhaftet und 1942 wegen Landesverrats von den Nazis hingerichtet.

Während von Scheha noch versucht hat, das Hitler-Regime durch die Unterstützung der Widerstandsgruppe rund um Oberst Henning von Treskow zu stürzen, hatte Jona von Ustinov, – aufgrund seines jüdischen Hintergrund gekündigt und bereits in London zur Zeit der Machtübernahme durch die Nazis – keine Möglichkeit, von Deutschland selbst aus Widerstand zu leisten.

Meine Einschätzung lautet, dass beide Männer, gerade weil sie Patrioten waren, am  Niedergang ihres Landes und den sich entwickelnden Wahnsinn der Nazis, den sie klar vor Augen hatten, verzweifelten. Beide haben nach einer Möglichkeit gesucht, diesen Wahnsinn aufzuhalten, obwohl und gerade weil die Mehrheit der Bevölkerung sich eingeschüchtert wegduckte, und später meinte, da das Land sich im Kriege befände, müssten die Regierung und das Heer gestützt werden.

Gedenktafel für den deutschen Widerstand im Dritten Reich; @Andreas Willfahrt / pixelio.de

Gedenktafel für den deutschen Widerstand im Dritten Reich; Andreas Willfahrt / pixelio.de

Welche alternativen Möglichkeiten hätten die beiden Männer denn in so einer Situation gehabt? Mir fällt keine realistische ein. Daher gebührt Ihnen für ihren Entschluss, den sie  nach reiflicher Überlegung gefällt haben, und für ihre Taten, äußerlich Verrat, aber tatsächlich ein letzter, verzweifelter Versuch, Deutschland zur Umkehr zu bringen, mein tiefster Respekt.

Den eigentlichen Verrat hatten ohnehin die Deutschen schon längst selbst begangen, nämlich an ihrer Demokratie und an sich selbst.

Wehret den Anfängen, denn ist eine umfassende Herrschaft über und Kontrolle von Menschen, egal in welcher Form und mit welcher Begründung, erst einmal etabliert, kostet es jeden Einzelnen unendlich viel, sich wieder von ihr zu befreien.

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