Das Undenkbare Denken

Gebrochenes Herz ; @rike / pixelio.de

Gebrochenes Herz ; @rike / pixelio.de

Die USA haben seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen festen Platz in unserem Weltbild. Sie sind Teil eines Beziehungsgefüges, in dem wir Bundesbürger uns lange Zeit geborgen gefühlt haben. Undenkbar schien es bisher, diese Rolle der USA, die Zuschreibung, die wir ihr als Deutsche gegeben haben, in Frage zu stellen. Und doch halte ich es, nicht zuletzt aufgrund der NSA-Affaire, aber keinesfalls ausschließlich,  für höchste Zeit, genau das zu tun:

Das uns Deutschen Undenkbare zu denken!

Beobachter konnten spätestens während der Amtszeit von President Bush Senior erkennen, dass in den USA ein Umdenken bezüglich ihrer Europapolitik stattfand. Mehr und mehr nahmen die USA wahr, dass die Konkurrenz- und Innovationsfähigkeit amerikanischer Unternehmen gegenüber Europa nachgelassen hatte. Allen voran die Bundesrepublik Deutschland war zunehmend wirtschaftlich  erfolgreicher als die USA, man bedenke, die einstige Siegermacht. Das voranschreitende europäische Zusammenwachsen signalisierte zusätzlich das Heranwachsen eines starken Konkurrenten. Der nüchternen Analyse der veränderten Situation folgte in Schritten ein Überdenken der Position der USA gegenüber Europa und Deutschland auf allen Gebieten. Und es folgte eine Änderung ihrer Politik.

Die USA reagierten mit zwei Strategien: Sie versuchten durch Abkommen mit Kanada und Mexiko, sich einen größeren Binnenmarkt zu erschließen. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnten sie sich außerdem  einer Ausweitung ihrer wirtschaftlichen Interessen auf der pazifischen Seite ihrer Grenzen, in den Wachstumsmärkten Asiens widmen. Damit verringerte sich die Bedeutung Europas als politischer Fokus und als Absatzmarkt, nicht jedoch als Konkurrent in den USA selbst und auf dem Weltmarkt, ganz im Gegenteil. Spätestens da muss es ein erklärtes Ziel amerikanischer Geheimdienste gewesen sein, das Know-How vor allem deutscher Unternehmen abzuschöpfen.

Die Bush-Junior-Regierung schließlich setzte zwei weitere, entscheidende Schritte. Zum Einen wurden die Ressourcen bereitgestellt, mittels der Digital-Technik und dem Internet weltweit Daten von großen Bevölkerungen und von Unternehmen zu erfassen und auszuwerten. Zum Anderen erklärte sie all jene Menschen und Staaten zu Feinden, die sich nicht ihrer Politik, sprich dem Irak-Krieg und dem Krieg gegen die islamistischen Terroristen, anschlossen.                                                                                                               Die heutige, umfassende Ausspähung der deutschen und europäischen Bevölkerung, sowie der Wirtschaft und Politik wurde durch diese Regierung ermöglicht und ist, wie wir dank Mr. Snowden heute wissen, die traurige Tatsache.

Abraham Lincoln

Übervater USA ; @ Miro Jennerjahn / pixelio.de

Während also die deutsche Bevölkerung, ihre Politiker und sogar der Verfassungsschutz, zuständig für die Spionageabwehr, all die Jahre weiterhin von einem innigen, vertrauensvollen Verhältnis ausgingen, hatte die USA sich schon vor vielen Jahren von dieser Vorstellung verabschiedet, wenn sie sie denn überhaupt je gehabt hatte. Waren Europa und Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg Abhängige, Schutzbedürftige, und politisch Unselbstständige, aber auch lukrative Märkte für amerikanische Unternehmen , so sind wir seit langer Zeit Konkurrenten, in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Genauso behandeln die USA uns dann auch, aus ihrer Sicht durchaus fair. Denn in den USA geht ein Wirtschaftsboss mit dem Konkurrenten gemeinsam nett golfen oder auf die Jagd, während er zur gleichen Zeit die Firmengeheimnisse ausspähen lässt. Alles in amerikanischen Augen moralisch statthaft.

Vor allem wir Deutschen hingegen haben jenen Ausspruch von De Gaulle wohl immer noch nicht verinnerlicht, der da heißt: Unter Staaten gibt es keine Freunde, nur gemeinsame Interessen. Und wo letztere enden, fängt der Konkurrenzkampf an.

Unser Parlament; @Ich-und-Du / pixelio.de

Unser Parlament; @Ich-und-Du / pixelio.de

Wir als Deutsche müssen aber auch endlich erkennen, dass wir uns verändert haben in den 60 Jahren seit dem zweiten Weltkrieg. Es hilft nichts, dass wir uns so gerne noch klein und unbedeutend sähen, aus dem Schuldgefühl des Mea Culpa der Kriegsgeneration und ersten Nachkriegsgeneration heraus. Oder weil es, mit den USA als Schutzmacht, ja so bequem war. Wir sind schon lange nicht mehr das vom Krieg zerstörte Land, sondern wir sind eine stabile Demokratie im Herzen Europas und eine potente Wirtschaftsmacht, die auch als solche von ihrer Umgebung, also auch von den USA, wahrgenommen wird. Wir schaden uns selbst, wenn wir uns weiterhin vor uns selbst verstecken. Das in seiner vollen Bedeutung zu begreifen und anzuerkennen bedeutet auch, den Wandel in der Einschätzung Deutschlands durch die USA nun unsererseits für unsere Position gegenüber den USA zu vollziehen. Die Evaluation der Geschäftsbasis aus unserer Sicht, unter Einbeziehung aller Gebiete und Aspekte, sollten wir nun endlich und schleunigst durchführen und die nötigen Konsequenzen für unsere Politik daraus ziehen.

Welche Bedeutung haben die USA noch für Deutschland? Welche haben sie nicht mehr? Wo sind sie unverzichtbar, wo vernachlässigbar für unser Land?

Wo und wie müssen wir uns vor den USA schützen?

Sollten auch wir mit dem jeweils Willigen für uns wichtige Ziele verfolgen, anstatt uns in überkommener Nibelungentreue – und Naivität – an einen festen Partner zu binden, der seinerseits diese Bindung, weil sich aus seiner Sicht die ehemals gemeinsame Geschäftsgrundlage gewandelt hat, schon längst aufgegeben hat?

Auf welchen Gebieten und in welchem Ausmaß gibt es alternative Partner für uns, etwa Russland oder China, jetzt schon der größte Gläubiger der USA?

Liebe Leser, ich fordere von uns Deutschen nicht mehr und nicht weniger, als eine längst überfällige Analyse und Anpassung unserer  Selbstwahrnehmung und unserer Politik gegenüber und mit den USA.

Lasst uns also das Undenkbare denken!

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