Vaskulitis Nachrichten 7.01: Von Bakterien und Viren – Unverhofft kommt oft!

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Bakterien, Krebs und Autoimmunkrankheit

War das eine Sensation, als Wissenschaftler zum ersten Mal aufzeigen konnten, dass ein Bakterium, – nämlich Helicobacter Pelori, das die Magenschleimhaut befällt, und vor allem in Gegenden, in denen die Lebensumstände wenig Hygiene zulassen, wie Nachkriegsdeutschland weit verbreitet ist- zu Krebs, genauer gesagt Magenkrebs führen konnte! Die Nachricht ging um die Welt. Das Interesse war groß, weil jeder sich vor Krebs fürchtet, jeder sich potentiell betroffen fühlen muss.

Ein bakterieller Erreger löst – außer der unmittelbaren, durchaus lästigen, weil zu Magengeschwüren führenden aber an sich nicht die Alarmglocken schrillen lassenden Erkrankung – im Nachgang noch eine weitere, eine tödliche Krankheit aus. Das hatte vorher niemand für möglich gehalten! Natürlich werden seitdem Patienten, die sich mit Helicobacter Pelorii infiziert haben, mit Antibiotika behandelt, um den Erreger abzutöten und dem Magenkrebs zuvorzukommen.

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Dass das Bakterium Staphylococcus Aureus, vor allem in seiner multiresistenten Form MRSA, für das Ausbrechen der Autoimmunkrankheit und Vaskulitisform Granulomatose mit PolyAngiitis (GPA) verantwortlich sein könnte, ist schon länger eine These der Wissenschaftler, für deren Richtigkeit es immer mehr Anzeichen gibt. Der letzte Beweis steht noch aus.

Das Dicke Ende des Eppstein-Barr-Virus

Und nun ging diese Nachricht letzte Tage um die Welt: Amerikanischen Wissenschaftlern der „T.H. Chan School of Public Health“ in Harvard ist es gelungen, mit einer riesigen Studie, die 10 Millionen Teilnehmer über eine Laufzeit von 20 Jahren umfasste, zum ersten Mal einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Infektion mit einem Erreger und dem Ausbruch einer Autoimmunkrankheit zu belegen. Doch diesmal handelt es sich um ein Virus. Die Infektion mit dem Eppstein – Barr -Virus aus der Familie der Herpes Viren. Es ist ein Virus, dass sich 95% der Bevölkerung einfängt, zumeist schon im Baby-Alter. Die Infektion verläuft dann in der Regel so unauffällig, dass weder das Kind noch die Eltern sich der Erkrankung oft bewußt sind. Das Virus kann jedoch auch das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen, eine schwerere Erkrankung.

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Das eigentliche Dicke Ende kommt aber noch. Die Forscher stellten fest, dass im Schnitt 10 Jahre nach einer Infektion mit dem Eppstein-Barr-Virus bei 1 von 10.000 Probanden sich die ersten Symptome der Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose (MS) zeigten. Das Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken, steigt um den Faktor 32 (!) durch die Infektion mit dem Eppstein-Barr-Virus, so die Studie. Die Infektion ist sehr wahrscheinlich also die Voraussetzung dafür, das jemand an einer Multiplen Sklerose erkrankt. Aber wie kommt das? Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich der Erreger in die isolierenden Ummantelungen, die sogenannten Myelinscheiden, der Nervenbahnen im Gehirn und Rückenmark einbettet, sie ein Leben lang infiziert und so die Angriffe des Immunsystems provoziert. Ähnlich wie es bei einem Elektrokabel, dessen Umantelung brüchig oder löchrig geworden ist, zu einem Kurzschluss kommen kann, werden dann die Signale der Nervenzellen nicht mehr richtig oder garnicht an die Muskeln im Körper weitergeleitet. Betroffene können ohne immunsuppressive Therapie irgendwann Bewegungen nicht mehr ausführen, nicht mehr gehen, greifen, lesen, schreiben und werden pflegebedürftig.

Also haben wir hier mit dem Eppstein-Barr-Virus wieder den Fall eines Erregers, den wir alle bisher für relativ harmlos gehalten haben! Vor einer Infektion haben wir uns deshalb nicht geschützt. Natürlich gehen die Überlegungen der Wissenschaftler und Ärzte jetzt jedoch in Richtung eines Impf-Schutzes vor dem Virus, um zukünftige Erkrankungen an Multipler Sklerose verhindern zu können.

Ende offen: Long-Covid

Und was ist mit diesem neuen Virus in der Welt, dem Covid-19-Virus? Kann es sein, dass auch dieses Virus nicht nur die erste, akute Erkrankung sondern mittelfristig eine weitere, schwere Krankheit, nämlich eine Autoimmunerkrankung hervorruft?

Jeder 10. Corona-Infizierte, der NICHT im Krankenhaus behandelt werden musste, leidet noch 3 Monate nach der sogenannten Genesung an Long-Covid-Symptomen. Dazu gehören Müdigkeit, Muskelschwäche, Gelenkschmerzen, Konzentrationsstörungen, Wortfindungsstörungen, „Brain Fog“, Schwindel, Herzrasen und Kurzatmigkeit. Bei einer Infektion mit der Omrikon-Variante gibt es erste Anzeichen dafür, dass Hautveränderungen dazukommen. Eine sehr hohe Anzahl, nämlich 66% derjenigen Corona-Patienten, die wohl im Krankenhaus behandelt werden mussten, sind ebenfalls von Long-Covid betroffen. In Deutschland alleine werden zehntausende Long-Covid-Patienten bis zum Ende der Pandemie erwartet.

Zur Zeit gibt es nur eine klinische Definition für Long-Covid – d.h. eine Definition anhand der Symptome, nicht anhand des ursächlich Prozesses – der WHO. Die Frage lautet also, wie genau entwickelt sich Long-Covid?

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Das müssen die Wissenschaftler jetzt herusfinden. Was sie wissen ist, dass das Immunsystem der Patienten durch die Infektion mit dem Virus aus dem Takt gekommen ist. Die Forscher vermuten eine autoimmune Störung. Pro Vaskulitis berichtete bereits letztes Jahr darüber. So zeigte eine Studie der Yale Medical University in den USA, dass die Zahl der Auto-Antikörper bei Menschen mit Long-Covid-Symptomen stark erhöht ist. Im Blut der Betroffenen weisen die Botenstoffe Interferon 1 und 3 ein viel zu hohes Niveau auf und blieb auch bis 8 Monate nach der Infektion mit Covid-19, als die Studie auch endete, hoch. Die britische „Post-hospitalisation COVID-19“-Studie (PHOSP-COVID) fand erhöhte Parameter für Interleukin 6 und 1, sowie von TTF2, das eine anhaltende Dysfunktion der Schleimhautzellen anzeigt. Bei Long-Covid-Patienten mit „Brain Fog“ fanden sich stark erhöhte Marker für eine Neuroinflammation, also eine Entzündung des zentralen Nervensystems. Forscher der Harvard Medical School, USA wiesen im März 2021 auf die Ähnlichkeit zwischen Long-Covid und dem Chronic Fatigue Syndrom (CFS) hin, bei dem autoimmune Prozesse als Ursache vermutet werden.

Um Long-Covid-Patienten bestmöglich in dieser Situation bestmöglich helfen zu können, hat die Klinik für Rehabilitationsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover eine Spezialambulanz für Patient*innen nach überstandenen COVID-19 Erkrankungen eröffnet.  Dazu kommt nun auch eine Long-Covid-Ambulanz für betroffene Kinder und Jugendliche. Im Rahmen einer Studie sollen die Ursachen für Long-Covid erforscht und neue Behandlungsmöglichkeiten gefunden werden. Die Patienten finden aber auch in den Post-Covid-Ambulanzen an den Universitätskliniken u.a. in Frankfurt, Marburg, Gießen, Heidelberg, München, Bonn, Aachen, Düsseldorf, Köln, Essen, Dortmund, Leipzig, Berlin und Jena Hilfe. Auf http://www.awmf.org können sich Interessierte eine Patienten-Leitlinie zu Long-Covid herunterladen.

Es ist zu hoffen, dass die Forscher bald Erfolg haben und wissen, ob das Virus tatsächlich eine autoimmune Störung oder sogar eine Autoimmunkrankheit hervorruft, und wie Ärzte dem begegnen und Betroffene heilen können!

Mit anderen Betroffenen sich austauschen können Patienten sich über eine Selbsthilfegruppe (SHG) , die es mittlerweile in vielen Bundesländern und Orten gibt. Eine Liste der SHGs finden Interessierte unter www.nakos.de. Unter der Adresse www.longcoviddeutschland.org haben sich rund 2000 Long-Covid-Betroffene und ihre Angehörigen zusammengeschlossen, um für die Erforschung ihrer Erkrankung und mögliche Therapien zu kämpfen. Über die Website ist auch die Online-Selbsthilfegruppe zu erreichen, die inzwischen über 5000 Mitglieder zählt. Entsprechend gibt es für Österreich die Website http://www.longcovidaustria.org, und für die Schweiz die Website http://www.longcovidch.org.

Eines aber ist eine der Lehren aus der Corona-Pandemie, die wir alle – und ich gebe zu, wir alle, auch ich, sind im Nachhinein alle klüger – jetzt schon ziehen können:

Beim Auftreten eines neuen Virus auf der Welt aufgrund von ersten Daten nach wenigen Wochen den neuen Erreger mit einem „harmlosen“ Grippe-Virus zu vergleichen – und sei es in bester Absicht, um die Bevölkerung vor einer Panik zu schützen – unterschätzt die wissenschaftliche Wissenslücke, die in so einem Fall vorherrscht; entbehrt, wie sich nun zeigt, einer in einer Pandemie offensichtlich erforderlichen wissenschaftlichen und politischen Weitsicht; und erweist sich, siehe die inzwischen mit Gewalt auftretenden Corona-Leugner und Impfgegner, als ein mittel- und langfristig wirkender, gesellschaftlicher und politischer Bumerang !

Dieser Beitrag ist ein Service von PrO Vaskulitis.
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