Alea iacent – Die Würfel fallen – in Richtung Triage

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Lange haben wir uns alle davor gedrückt, Sie und ich und viele andere, auch Politiker. Das Thema stand zwar im Raum, aber wir hatten alle das Gefühl, dass es so weit ja noch nicht war, nicht sein konnte, dass wir uns wirklich damit auseinandersetzten müssten. Lange Zeit sind wir auch tatsächlich darum herumgekommen, durch Kontaktbeschränkungen, Lockdown, die Bundesnotbremse und schließlich die Corona-Impfung. Jetzt aber ist die Schonzeit für uns alle abgelaufen. Das Thema liegt endgültig auf dem Tisch. Für Menschen mit einer Seltenen Erkrankung und damit auch für Vaskulitis-Patienten ist es besonders brisant.

Ich rede von der Triage, der Entscheidung darüber, wer noch auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Deutschland behandelt wird und also eine Chance zum Über- und hoffentlich Weiterleben erhält, und wer nicht.

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Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat vor kurzem bekanntgegeben, dass im Falle einer nun anstehenden Triage auf den Intensivstationen die ihr angeschlossenen Ärzte alle Patienten ausschließlich nach ihrer Überlebenschance beurteilen werden, also unabhängig davon, ob sie vorher geimpft waren oder nicht. Das klingt zunächst einmal fair und plausibel. Aber, die Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen (ACHSE e.V.) äußert Zweifel daran, ob das Verfahren in der Praxis überhaupt fair ablaufen kann. Wenn bereits in einer Nicht-pandemischen Situation Patienten jahrelang Ärzte konsultieren, ohne eine richtige Diagnose ihrer Seltenen Erkrankung, und schon garnicht Therapie zu erhalten, ist es dann vorstellbar, dass Ärzte, die keine ausreichenden Kenntnisse, geschweige denn Erfahrung mit der jeweiligen Seltenen Erkrankung, ihren Risikofaktoren, ihrem Verlauf und ihrer Therapie haben, überhaupt in der Lage sind, die Überlebenschancen eines solchen Patienten auch nur annähernd adäquat einzuschätzen?

Rein theoretisch könnten entsprechende Experten in die Triage-Entscheidung, also der Entscheidung über Leben oder Tod, über eine digitale Infrastruktur einbezogen werden, vorausgesetzt es bestünde genügend Zeit. Aber das deutsche Gesundheitssystem läuft auch in diesem Bereich der digitalen und organisatorischen Entwicklung meilenweit hinterher. Eine solche Struktur haben wir derzeit nicht.

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Der Intensivmediziner vor Ort ist in Deutschland immer noch das Maß aller Dinge bei einer Triage-Entscheidung, und dieses Maß, so zeigt die Befürchtung der Patienten mit Seltenen Erkrankungen, kann den Anforderungen an Kenntnis und Erfahrung mit Seltenen Erkrankungen nicht gerecht werden können. Die ACHSE und andere Patientenverbände, wie die Rheumaliga und die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, fordern in ihren Stellungnahmen, die 2020 verfasst wurden, dass es nicht zu pauschalen Einordnungen kommen darf und jeder Patient individuell begutachtet werden muss. Läuft es in der Realität des Arbeits- und Zeitdrucks, der mangelnden speziellen Fachkenntnis und -erfahrung auf einer Intensivstation nicht darauf hinaus, dass, sobald ein Patient mit einer Seltenen Erkrankung mit Corona in die Triage kommt, er derjenige sein wird, dem aufgrund der Seltenen Erkrankung die geringere Überlebenschance zugeordnet wird und das lebensrettende Intensivbett und Behandlung entzogen wird?

Werden Menschen mit Vorerkrankungen, aber insbesondere Patienten mit Seltenen Erkrankungen, die Hauptopfer der Triage sein?

Was bleibt, unter diesen Gesichtspunkten, übrig von der Fairness der Triage?

Damit steht auch die Frage im Raum, ob es ethisch oder politisch akzeptabel ist, wenn Menschen mit Seltenen Erkrankungen sich haben impfen lassen, die Triage-Entscheidung aber strukturell zu ihren Ungunsten, hingegen für das Leben eines – nicht aus medizinischen Gründen – Ungeimpften gefällt wird.

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Schnell wird dann argumentiert, bei der Corona-Impfung handele es sich um eine freie Entscheidung der Lebensführung. Schließlich könne man jemanden, der einen riskanten Sport betreibt, auch nicht von einer Behandlung ausschließen, wenn er bei seinem Sport verunfalle. Jeder habe ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Das ist richtig. Nur, wenn jemand sich bei seinem riskanten Sport sein Bein bricht, steckt er damit niemanden an. Er gefährdet nicht die körperliche Unversehrtheit anderer. Die Ungeimpften sind jedoch diejenigen, die laut einer aktuellen Studie der Humboldt-Universität, Berlin, an 91% aller Corona-Infektionen beteiligt sind. Bei einer Infektion mit der Delta-Variante ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Infektion an eine Kontaktperson weitergereicht wird, um 65 Prozent geringer, wenn die Person, bei der der Kontakt stattfand, mit zwei Dosen des Biontech-Impfstoffs vollständig geimpft ist und die Impfung nicht länger als 6 Monate zurückliegt, so eine Studie der Universität Oxford .

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Die Triage wurde für den Kriegsfall entwickelt. Wenn im 2. Weltkrieg die Triage an der Front in Russland durchgeführt wurde, zwischen schwer verwundeten, deutschen Soldaten, dann waren es Menschen, die, einmal an der Front, nicht hatten wählen können zwischen einem Gefecht sich zu entziehen oder daran teilzunehmen. Alle waren gleich, alle hatten keine Wahl gehabt. Diejenigen, die heute die Corona-Impfung ablehnen und sich nicht impfen lassen, haben ihre Wahl gehabt!

Dazu kommt: Eine Autoimmmunerkrankung, wie eine Vaskulitis, ist schicksalhaft. Ihr Ausbruch kann nicht vorhergesehen und durch eine spezielle Lebensführung nach heutigem Kenntnisstand weder verhindert, noch hervorgerufen werden.

Im Frühling und Frühsommer 2021 wurden die Impfungen mit mRNA und Vektorimpfstoffen auch Autoimmunpatienten angeboten. Die allermeisten Vaskulitis-Betroffenen haben sich damals impfen lassen, obwohl es zu dem Zeitpunkt noch überhaupt keine klinischen Studien zur Wirkung, geschweige denn Nebenwirkungen bei Autoimmunpatienten gab. Die Patienten mussten sich auf Analogieschlüsse der Rheumatologen verlassen, die diese von den Studien mit Gesunden und Erfahrungen mit den traditionellen Tod- und Lebendimpfstoffen – letztere dürfen Vaskulitispatienten nicht erhalten – abgeleitet haben. Eine empirische Basis, wie es jede Zulassung eines Impfstoffes für Gesunde darstellt und die jeder Gesunde ohne Zweifel und Zögern einfordern würde, bevor er überhaupt daran denken würde, sich impfen zu lassen, gab es also nicht! Mit ihrer Impfbereitschaft sind die Autoimmunpatienten also ein erhebliches Risiko eingegangen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Entlastung der Intensivstationen und Krankenhäuser, also die Gesellschaft als Ganzes! Keinem Gesunden hätte man so etwas zugemutet!  

Im Frühsommer gab es eine 4. Coronawelle in Israel, die Daten dazu lieferte, dass der Biontech-Impfstoff, insbesondere in Konfrontation mit der Delta-Variante des Virus, früher als in den klinischen Studien mit Gesunden von Biontech ermittelt, seine Wirksamkeit verliert. Zu dem Zeitpunkt lagen auch bereits Studien der Universität Erlangen vor, dass die Ausgangswirksamkeit (also direkt nach der 2. Impfung) des Biontech-Impfstoffs bei Autoimmunpatienten um 25-30% niedriger lag als bei Gesunden. Hätte man hier nun auch frühzeitig entsprechend analog geschlossen, hätte die Boosterimpfung bei Autoimmunpatienten viel früher als nach dem 6. Monat nach der 2. Impfung – wie von den Gesundheitsministern der Länder Ende August 2021 beschlossen – erfolgen müssen.  So ist eine Wirksamkeitslücke bei Autoimmunpatienten entstanden, die hätte vermieden werden können. Diese Wirksamkeitslücke nutzen die hochansteckenden Virusvariantef Delta und Omikron schonungslos aus.

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Diejenigen Geimpften, die nun auf den Intensivstationen liegen, haben zum größten Teil Vorerkrankungen. Wieviele Autoimmunpatienten sind darunter?   Wenn nun in der 4. Corona-Welle in Deutschland in Friedenszeiten zur Triage geschritten wird, und ein geimpfter Vaskulitispatient aussortiert und damit zum Tode verurteilt wird, zugunsten eines – nicht durch medizinische Notwendigkeiten, sondern seine freie Wahl – Ungeimpften, dann ist das, gesehen die obene geschilderte Vorgeschichte, und die Risiken, die Autoimmunpatienten, darunter Vaskulitisbetroffene, auch für die Gesellschaft als Ganzes eingegangen sind, in den Augen vieler Vaskulitis-Patienten völlig inakzeptabel.

Ist die DIVI denn eigentlich das Gremium, dass eine so wichtige, gesellschaftliche Frage wie die Modalitäten der Triage entscheiden sollte?

Ich meine, Nein! Wir als Bürger sollten diese Frage mit unseren Bundestagsabgeordneten und dem Ethikrat diskutieren und unser demokratisch gewähltes Parlament sollte über die Modalitäten der Triage in der Pandemie entscheiden!

Es ist nun höchste Zeit, dass wir alle uns diesem schwierigen Thema stellen, und dass sich der Bundestag der Triage annimmt!

Dieser Beitrag ist ein Service von PrO Vaskulitis.
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