Vaskulitis Nachrichten 6.16: Corona und das herbstliche Deja Vue

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Jeden Pandemie-Herbst wieder: Die Corona-Infektionszahlen steigen exponentiell an. Die Intensivstationen laufen langsam, aber sicher voll mit Corona-Patienten. Bereits jetzt, Anfang November, sind es mehr als zum selben Zeitpunkt im letzten Jahr, als die dritte Corona-Welle über Deutschland hinwegschwappte, viele Todesfälle forderte und den Lockdown über Weihnachten erzwang. War die jetzige Entwicklung wirklich nicht vorherzusehen?

Kinder und Jugendliche sind seit dem Ende der Sommerferien wieder im Präsenzunterricht, dabei sind sie groesstenteils nicht geimpft. Das liegt zum Einen – was die Jugendlichen ueber 12 Jahren angeht – an der späten Impf-Empfehlung der STIKO. Was die Unter-12jährigen angeht: Für sie lagen bisher die Studiendaten nicht vor, die die Grundlage für die Zulassung eines Impfstoffes durch die EMA bilden. Diese Kinder konnten also noch garnicht geimpft werden. Es war deshalb schon im Sommer klar: Kinder und Jugendliche im Praesenzunterricht bedeutet, dass zumindest alle Ungeimpften unter ihnen sich früher oder später gegenseitig mit Corona anstecken wuerden, zumal, wenn im Unterricht keine Masken mehr getragen werden müssen. Es war vorauszusehen, dass die Epidemie die Schulen und Kindergärten ab diesem Herbst durchlaufen wuerde.

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Die Fachleute und in ihrem Gevolge die Politiker rechneten also durchaus schon im Sommer damit, dass die Infektionszahlen schon alleine deshalb steigen wuerden, aber sie wähnten sich in Bezug auf eine Überlastung des Gesundheitssystems und des Anstiegs der Todeszahlen auf der sicheren Seite, da ueber 60% der Gesamtbevölkerung geimpft waren. Unter den besonders gefährdeten Bürgern der Über – 60jährigen liegt die Impfquote sogar bei 85%. Vor einer Infektion und einem schweren Verlauf sollten sie so weitestgehend geschützt sein. Bei den Jüngeren erwartete man bei Infektion einen lediglich milden Verlauf. Alles im grünen Bereich, so schien es.

Aber es zeigt sich immer wieder, wenn man es mit einem so neuartigen Virus wie Sars-Cov 19 zu tun hat, gibt es keine sicheren Voraussagen. Dazu ist die Datenlage über den Erreger dann doch immer noch zu dünn. Das betrifft z. B. die Dauer und den Grad der Wirksamkeit der Impfstoffe. Während eine Biontech-Studie auf die Notwendigkeit einer Auffrischungsimpfung nach 6 Monaten hinweist, zeigen Daten aus Israel, dass dies schon 5 Monate nach der zweiten Impfung angebracht wäre. Dass mittlerweile 25% der Patienten auf deutschen Intensivstationen vor ihrer Erkrankung zweifach geimpft waren , aber eben nicht dreifach, scheint darauf hinzudeuten, dass die israelischen Daten eher die Realität abbilden. Herr Fauci, der Chef-Epidemologe der USA und ein ausgewiesener Kenner der mRNA-Technologie, bezeichnete denn auch jüngst die mRNA-Impfstoffe als „three shot“-Impfstoffe. Das bedeutet, dass die Dreifachimpfung bei den mRNA-Impfstoffen gegen Corona nach seiner Einschätzung der mittlerweile vorliegenden Daten die Norm sein muss.

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Zum anderen ist das Covid-19-Virus im Laufe des Jahres mutiert. Die Delta-Mutation, die seit dem Sommer die Mehrzahl der Neuinfektionen ausmacht, ist deutlich ansteckender als die Ursprungsversion des Virus, nämlich um den Faktor 6. Zudem wirken die Impfstoffe bei Delta ca. 10% weniger gut. Genau wie sich das auf die Infektionsrate der Bevölkerung auswirken würde, war dem RKI im Sommer klar, es veröffentlichte einen entsprechenden Bericht. Allerdings, zumindest Teile der Bevölkerung haben sich da wohl, wie letztes Jahr, nicht von ihrem Sommertraum der Corona-Sorglosigkeit verabschieden wollen. Das Virus ist da wieder – und leider nicht zum ersten Mal im Verlauf dieser Pandemie! -, auch von so manchem politisch Verantwortlichen unterschätzt worden. Möglicherweise haben sie sich auch von den lautstarken Vorwürfen und fast agressiven Mahnungen der WHO beeinflussen lassen, keinen weiteren Impfstoff in den Industriestaaten zu verimpfen, sondern ihn den Ländern ohne eigene Impfstoffproduktion, vor allem in Afrika, zukommen zu lassen. Sonst hätte man viel früher damit begonnen, die Drittimpfung nicht nur zu erlauben, sondern fuer sie aktiv zu werben, und sie vor allem in den Alters- und Pflegeheime zügiger voranzutreiben. Bisher haben laut Sabine Dittmar, Gesundheitsexpertin der SPD, erst 1,9 Millionen Menschen, also knapp 2% der Bevölkerung in Deutschland, die Auffrischungsimpfung erhalten.

Nicht unterschätzt worden ist seitens der Experten und Politiker der negative Einfluss der Ungeimpften auf das Infektionsgeschehen. Vielmehr zeigt sich, dass in dieser Bevölkerungsgruppe die Risiken einer Covid-19-Erkrankung systematisch unter- und die Risiken der Impfung mit einem mRNA-Impfstoff ueberschaetzt werden. Dazu hat aber auch die Kommunikation von Verantwortlichen zu Anfang der Pandemie beigetragen, die, bevor wirklich ausreichende und genaue Daten zum neuen Virus vorlagen, es bereits zu einem angeblich harmlosen, grippeähnlichen Erreger erklaerten.

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Die 30% Ungeimpften in Deutschland bilden aber nun das perfekte „Brut“-Reservoir, aus dem sich die jetzige exponentielle Dynamik des Corona-Infektionsgeschehen an erster Stelle und immer wieder aufs Neue speist. Ihr Anteil an den Intensivstation-Patienten liegt nun bei 75%, ist also weit überdurchschnittlich hoch. (siehe auch die aktuellen Zahlen des RKI zur Inzidenz und Hospitalisierung von Geimpften und Ungeimpften!) Das ist an erster Stelle bedauerlich für sie selbst.

Aber es ist auch bedauerlich für alle Menschen mit Vorerkrankungen, darunter auch Vaskulitis-Patienten. Denn jeder weitere Corona-Infizierte erhöht in der Summe wieder das Risiko einer Ansteckung mit, und das Risiko für eine schwere Erkrankung an Covid-19 fuer alle Vaskulitis-Patienten. Bei Ihnen liegt die Wirksamkeit der Corona-Impfung sowieso schon nur zwischen 48 und 63%. Ziehen wir die 10% verminderte Wirkung bei der Delta-Version des Virus noch ab, liegt die Impfwirkung maximal bei nur noch 38-53%, und das nur kurz nach Erhalt der zweiten Dosis. Diese verminderte Wirksamkeit sinkt dann – wie bei den Menschen ohne Vorerkrankung – im Laufe der Zeit ab, auf ein nochmal niedrigeres Niveau des Schutzes vor der Ansteckung oder einem schwerem Verlauf der Krankheit. Da wird die Einhaltung der AHA-Regeln für Vaskulitis-Patienten bis auf Weiteres unabdinglich! Nicht umsonst hatte Pro Vaskulitis bereits im August auf dieser Website und im Gespräch mit ihren Mitgliedern auf die Möglichkeit der Booster-Impfung ab September hingewiesen!

Vaskulitis-Patienten sollten sich daher jetzt aber auch so bald wie moeglich, vor allem bei einer Therapie mit Rituximab, aber auch generell in Absprache mit ihrem Rheumatologen, ihre Drittimpfung gegen Corona holen! Damit kann die Wirksamkeit des Impfschutzes wieder angehoben werden. Als Immunsuppressierte gehören sie zu der Gruppe der Bevölkerung, die vorrangig eine Auffrischimpfung erhalten können. Und die Angehörigen, mit denen Vaskulitis-Patienten zusammen in einem Haushalt und also in engem Kontakt miteinander leben, sollten das Gespraech mit ihrem Hausarzt suchen, um ebenfalls eine Drittimpfung zu erhalten. Damit schützen sie ihren Vaskulitis-Angehörigen vor einer Ansteckung im eigenen Haushalt. Denn den Anspruch auf eine Corona-Drittimpfung hat, auch wenn in dem jeweiligen Bundesland eine Altersuntergrenze von 70 Jahren gesetzt wurde, grundsätzlich jeder Bürger in Deutschland, wie der zur Zeit noch geschaeftsfuehrende Bundesgesundheitsminister Spahn betont hat!

Nachtrag vom 04.11.2021: Mit heutigem Datum wird vom Bund und den Ländern in Betracht gezogen, dass jeder eine Auffrischungsimpfung bekommen kann! Die zweite Corona-Impfung sollte 6 Monate zurück liegen. Auch Angehörige von Vaskulitis-Patienten koennen sich dann problemlos impfen lassen!

Nachtrag vom 05.11.2021:

Bund und Länder haben die Booster-Impfung fuer ALLE beschlossen!

Dieser Beitrag ist ein Service von PrO Vaskulitis.

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