Was ist schrecklich?

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Kennen Sie die Szenen aus dem Film „Der Medicus“, in denen die Bewohner von Isfahan im damaligen Persischen Reich sich, versehen mit in Panik gekauften Lebensmitteln und Wasser, in ihren Häusern einmauern lassen, um sich vor der Pest zu schützen? Wenn die Pest aber Eingang fand in die Häuser, half ihnen niemand mehr – nur Avicenna und seine Medizinstudenten, die aber medizinisch kaum etwas ausrichten konnten. Es sind Szenen, die wir uns mit wohligem Grausen angesehen haben. Es ist ja nur ein Film.

Was sich heutzutage in der Delta-Corona-Welle im Iran abspielt, ist allerdings nicht weit von den Filmszenen des „Medicus“ entfernt. Da die Regierung des heutigen Irans überzeugt war, ihre Wissenschaftler könnten innerhalb von kürzester Zeit einen eigenen Impfstoff gegen Corona entwickeln, versäumten sie als Verantwortliche dieses, mit – auch unter Sanktionsbedingungen – so viel Einnahmen aus Öl und Gas gesegnete, Land rechtzeitig einen gut wirkenden Impfstoff einzukaufen. Sogar ein Covax-Angebot für Impfstoff-Lieferungen mit Biontech wurde abgelehnt.*

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Was tun Sie dann als Familie im Iran? Sie schotten sich ab, versuchen sich und die Ihrigen zu schützen. So machten und machen es immer noch die iranischen Familien. Sie versuchen, so weit wie möglich unter sich zu bleiben. Und genau wie hier isolieren sich besonders die Älteren. Aber wenn Not am Manne ist, die erwachsenen Kinder an Corona erkranken und die Enkel unversorgt sind, dann fällt diese Schutzbarriere, dann sind die Älteren für ihre Kinder und Enkel da. Und das geschieht in Delta-Zeiten nun unvermeidlich, da die ungeimpften Erwachsenen sich auf der Arbeit, beim Einkauf, in der U-Bahn oder im Bus, anstecken. Außerhalb der Kernfamilie traut sich dann aber niemand im Iran, den Erkrankten zu helfen, die sonst im Iran so gut funktionierende Solidaritätsmaschine Großfamilie hat das Corona-Virus zerlegt. Selbst Krankenpfleger winken im Iran ab, wenn sie in eine Corona-Familie kommen sollen. Die Krankenhäuser sind schon seit Monaten komplett überlastet.

Würden deutsche Großeltern ihren Kindern und Enkelkindern in so einer Situation nicht beistehen? Hier könnten sie es, denn hier sind die Älteren mittlerweile mit einem wirksamen Impfstoff versorgt – allerdings mit einem klaren Restrisiko. Denn die bei uns einsetzten Impfstoffe sind wirksam, allerdings bei Älteren deutlich geringer als bei Jüngeren, und wenn dann noch eine immunsuppressive Therapie dazu kommt, liegt die Wirksamkeit sogar nur bei zwischen 38 und 63 Prozent.

Im Iran jedoch nimmt das Unheil zunehmend seinen Lauf. Die bereits durch den vorherigen Kontakt mit ihren Eltern infizierten, aber symptomlosen Enkel schleppen das Virus bei ihren Großeltern ein. Diese erkranken, da gleichfalls umgeimpft, vielfach schwer und, da die Krankenhäuser im Iran seit Monaten heillos überlastet sind, sterben sie entweder schon zuhause oder, zu spät in eine Klinik eingeliefert, innerhalb weniger Tage weg. Die offiziellen Todeszahlen des Iran sind sehr hoch, die inoffiziellen Schätzungen liegen um ein Vielfaches höher. Es gibt kaum noch eine Familie, die nicht zumindest einen oder mehrere Corona-Toten zu beklagen hat.

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Das ist aber noch nicht das Ende der Tragödie. In den Familien entwickelt sich nun die letzte zerstörerische Wirkung des Corona-Virus: ALLE fühlen sich schuldig. Die Enkelkinder, weil sie das Virus zu den Großeltern brachten. Die Eltern, weil sie ihre Kinder UND die Großeltern infiziert haben. Da können Außenstehende, Freunde und Bekannte, Ärzte und Krankenschwestern und – pfleger zehnmal beteuern, dass es nicht ihre Schuld ist, dass es das Virus ist, dass sie nichts für den Tod ihrer Lieben können. Aber bei den Erwachsenen bleibt das Schuldgefühl.

Vor allem aber bleibt es bei den Kindern. Ganz im tiefsten Innern sitzt dieses Trauma, der Schmerz, den Tod gebracht zu haben, da sitzt dieser immer wieder sich rührende Stachel der Schuld. Niemand kann ihnen das nehmen. Und gerade bei den Kindern wird dieses Schuldgefühl wohl nie ganz verschwinden.

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Ja, Kinder erkranken selbst selten schwer an Corona. Aber sie tragen innerhalb und als Teil ihrer Familien in Pandemie-Zeiten auch noch ganz andere, weit über die Infektion hinausgehende, anhaltende Schäden davon. DAS ist schrecklich.

Die Firma Biontech wird in den nächsten Wochen bei der Europäischen Arzneimittelagentur die Zulassung für ihren Corona-Impfstoff für Kinder ab 5 bis 11 Jahren beantragen. Bis Ende des Jahres erwartet Biontech auch Studienergebnisse für Kinder ab 6 Monaten.

Eine Corona-Impfung für Kinder, das ist nicht schrecklich, wie Til Schweiger meint, sondern im Gegenteil, eine Chance für Kinder, eine Chance für Eltern, eine Chance für die Familien, dem lange nachwirkenden Schuld-Teil der Corona-Tragödie zu entkommen!

  • Ganz nebenbei: Da lange spekuliert wurde, ob 5G beim Mobilfunk die Symptome von Corona auslösen würden, sei hier angemerkt, dass es in ganz Iran überhaupt noch nie einen Einsatz von 5G gegeben hat.
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