Vaskulitis Nachrichten 6.12: Ist Long-Covid eine Autoimmunkrankheit?

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Das Auge ist der Spiegel der Seele – die Meisten von uns kennen diesen Spruch. Im Fall von Long-Covid scheint das Auge das Tor zu einer Long-Covid-Heilung zu sein!

Nach einer überstandenen Infektion mit Covid-19 sich über Monate nicht gesund fühlen zu können, das ist nicht nur hart für Körper und Seele, das kann auch gravierende Folgen für die Berufstätigkeit und das wirtschaftliche Überleben haben. Tatsächlich kämpfen ca. 10% der sogenannten „Genesenen“ von Covid-19 mehr als drei Monate nach ihrer leichten bis mittelschweren Corona-Erkrankung (!) oder ihrem Krankenhausaufenthalt noch mit extremen Erschöpfungszuständen, Fatigue genannt, mit Konzentrationsschwäche, Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit und dem Fehlen ihres Geruchs- und Geschmacksinns. Long-Covid, wie dieses Phänomen mittlerweile genannt wird, stand bald unter dem Verdacht, Folge einer autoimmunen Störung zu sein, Pro Vaskulitis berichtete im Februar diesen Jahres darüber.

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Drei Long-Covid-Patienten, die außer den bereits erwähnten Symptomen auch noch Gleichgewichts-, Koordinations- und Gedächtnisstörungen, Muskelzuckungen und Lähmungen in ihren Extremitäten, sowie eine verringerte Durchblutung der kleinen Blutgefäße in der Netzhaut ihrer Augen aufwiesen, haben Mediziner der Augenklinik der Universität Erlangen auf die Spur eines möglichen Medikaments gegen Long-Covid gesetzt. Dieses Medikament, mit dem Namen BC 007, ist von dem Spin-Off-Unternehmen „Berlin Cures“ des Max Delbrück Center (MDC), der Charité, Berlin and des Deutschen Herzinstituts, Berlin ursprünglich zur Behandlung von Herzkrankheiten entwickelt und in klinischen Tests erprobt worden. Es stellte sich dabei heraus, dass es sich auch zur Behandlung von Minderdurchblutungen der Netzhaut der Augen eignet.

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Die Erlanger Wissenschaftler vermuteten bei ihren Long-Covid-Patienten, dass nicht nur ihre Netzhaut weniger durchblutet war, sondern dass die Durchblutung im ganzen Körpers gestört war. So kam es, dass die Erlanger Ärzte das Medikament auch bei ihren Long-Covid-Patienten einsetzten – und feststellten, dass sie damit nicht nur die Minderdurchblutung erfolgreich therapieren konnten, sondern auch die oben genannten anderen Symptome der Betroffenen, teilweise bereits nach der ersten Infusion, deutlich zurückgingen.

BC 007 bindet und neutralisiert ß1-adrenerge-Rezeptor-Autoantikörper. ß1-adrenerge-Rezeptoren sind Andockstellen auf der Oberfläche menschlicher Zellen, vor allem des Herzens, der Niere, aber auch der Blutgefäße, die ein Rolle spielen bei der Steuerung der Funktion dieser Organe. Vom Körper selbst ausgeschüttete Antikörper, sogenannte Autoantikörper, blockieren diese Andockstellen und damit auch ihre Steuerungsfähigkeit. Normalerweise kann der Körper im Zusammenspiel zwischen den Rezeptoren und den Autoantikörpern die Funktionen der Organe in einem Gleichgewicht halten. Wird aber das Zusammenspiel zwischen den Rezeptoren und den Autoantikörpern gestört, bricht dieses Gleichgewicht zusammen und es entsteht eine autoimmune Störung. BC 007 greift in eine solche Störung des Immunsystems der Patienten ein und reguliert sie herunter oder hebt sie sogar ganz auf.

Folgende Hypothese sei also erlaubt:

Long-Covid scheint eine Autoimmunerkrankung zu sein, die sich aufgrund der Infektion mit Covid-19 entwickeln kann, darauf weisen die Erfolge bei der Behandlung der drei Long-Covid-Patienten der Augenklinik der Universität Erlangen hin.

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Jede Hypothese muss aber erst einmal bewiesen werden, bevor sie als wahr akzeptiert werden kann. Die Erlanger Forscher werden in einer klinischen Studie nun zunächst einmal überprüfen, ob sich die Therapieerfolge gegen Long-Covid mit BC 007 an einer größeren Gruppe von Patienten wiederholen lassen. Sie hoffen, dass die Studie noch in diesem Jahr wird starten können. Interessierte Long-Covid-Betroffene können sich dafür bereits jetzt unter der E-mail-Adresse

recover.au(at)uk-erlangen.de

melden. Sobald die Forschungsgelder und die Studie genehmigt sind und bekannt ist, wann die Studie starten kann, wird die Universitätsklinik dann mit ihnen Kontakt aufnehmen.

Bleiben für Pro Vaskulitis noch folgende offene Fragen:

  • Warum tritt die autoimmune Störung „nur“ bei 10% aller Covid-19-Erkrankten und nicht bei allen Infizierten auf?
  • Könnte BC 007 auch beim Chronic Fatigue Syndrom und bei anderen Autoimmunerkrankungen und bei Vaskulitiden wirken? Bekannt ist nämlich, dass bestimmte ß1-adrenerge-Rezeptoren, also die Steuerungspunkte, bzw. die auf sie gerichteten Autoantikörpern, bei denen BC 007 eingreift, bei einer Granulomatose mit PolyAngiitis, sowie bei einem Systemischen Lupus erythematodes nicht einwandfrei funktionieren.

Dieser Beitrag ist ein Service von PrO Vaskulitis.

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