Vaskulitis Nachrichten 5.24: Impfen lassen oder nicht – das ist jetzt die Frage!

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Der morgige 27. Dezember bezeichnet den lang erwarteten, offiziellen Anfang der Impfaktion gegen Covid-19. Und viele Vaskulitis-Patienten stellen sich seit Tagen die Frage: Soll ich mich denn überhaupt impfen lassen?

Die Frage ist berechtigt. Die EU und der deutsche Gesundheitsminister legen Wert darauf, dass der Impfstoff von Biontech vor der Zulassung die normale, drei-phasige klinische Prüfung durchlaufen hat und seine Sicherheit und Wirksamkeit nach den hohen wissenschaftlichen Kriterien einer Impfstoffprüfung nachgewiesen wurde. Die Bevölkerung soll nicht den Eindruck haben, dass sie Teil eines medizinischen Experiments wird, wenn sie sich mit dem neuen mRNA-Impfstoff impfen lässt.

Impfempfehlungen der deutschen und österreichischen Rheumatologenverbände

Die deutschen und der österreichischen Rheumatologenverbände sprechen sich nun auch für die Impfung bei Rheuma-Patienten aus. Allerdings, es sind theoretische Überlegungen, die zu ihrer Einschätzung führen. Der Biontech – Impfstoff wird nicht als Lebend-, sondern als Totimpfstoff eingeordnet, denn tatsächlich ist es so, dass die mRNA, die verimpft wird, nicht die Fähigkeit besitzt, sich wie ein Virus unkontrolliert im menschlichen Körper zu vermehren. Vaskulitis-Patienten dürfen, im Gegensatz zu einem Lebendimpfstoff, mit einem Totimpfstoff geimpft werden, so die einhellige, generelle Auffassung auch bei anderen Impfstoffen. Deshalb können sie auch mit dem Biontech-Impfstoff geimpft werden. MRNA hat außerdem nicht die Fähigkeit, sich in die DNA einer menschlichen Zelle einzubauen und sie dadurch zu verändern, noch können Bestandteile von mRNA sich im menschlichen Körper zu einer neuen DNA verbinden und so die menschlichen Zellen verändern.

Nicht zuletzt: Schwerwiegende Nebenwirkungen sind während der 3 Phasen der klinischen Tests des Biontech-Impfstoffs mit über 44 000 Probanden weltweit tatsächlich nicht aufgetreten. Und so sind die Rheumatologenverbände ganz mutig und rechnen bei Rheumapatienten, also auch Vaskulitis-Patienten, nicht mit schwerwiegenden Nebenwirkungen.

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Reichen die Daten für eine Impfempfehlung?

Aber, stimmt das so? Schauen wir doch einmal genauer hin: Wer hat überhaupt als Proband an den Tests teilgenommen?

Es sind ausschließlich gesunde Menschen zwischen 18 und 85 Jahren. Ausdrücklich ausgeschlossen war jeder, der innerhalb der vorhergehenden 6 Monate mit einer andauernden immunsuppressiven Therapie behandelt worden war. Auch Menschen, aus deren medizinischer Vorgeschichte geschlossen werden konnte, dass die Funktion ihres Immunsystem – teilweise- beeinträchtigt ist, konnten nicht an den Prüfungen teilnehmen. Ausgeschlossen waren Menschen mit einem Guillain-Barré-Syndrom, sowie mit Asthma, mit einer Niereninsuffizienz im 3. Stadium oder schlechter, und Menschen, die während der vorhergehenden 3 Monate mit Immunglobulinen oder anderen Blutprodukten behandelt worden waren. Mit anderen Worten, jeder, der an einer systemischen Vaskulitis, welcher Form auch immer, leidet, war kein Teil der klinischen Prüfungen des Biontech Impfstoffes gegen Corona. Das bedeutet, es wurden auch keinerlei Daten darüber gewonnen, wie der Impfstoff überhaupt bei Vaskulitis-Betroffenen wirkt, weder positive noch negative Daten.

Niemand, auch nicht die Rheumatologen der verschiedenen europäischen Fachgesellschaften, kann deshalb mit Sicherheit sagen, ob der Biontech-Impfstoff

  1. sicher ist für Vaskulitis-Patienten
  2. ob und in welchem Umfang er wirksam ist bei Vaskulitis-Patienten.

Der östereichische Verband geht da ganz offen mit um und sagt das ganz deutlich auch so.

Im Klartext bedeutet das doch:

Vaskulitis-Patienten, genauso wie alle Rheumapatienen oder Menschen mit anderen Autoimmunerkrankungen, müssen, wenn sie sich jetzt impfen lassen mit dem Biontech-Impfstoff, gerade auf das verzichten, was die EU und unser Gesundheitsminister doch gerade als Argument für den Impfstoff die ganze Zeit ins Feld führen: dass der Impfstoff im regulären klinischen Verfahren geprüft ist! 5-8% der Gesamtbevölkerung – bedeutet 4 – 6,5 Millionen Menschen- muss also gerade das Risiko eines für ihre besondere Gruppe nicht klinisch geprüften Impfstoffes in Kauf nehmen!

Wenn Vaskulitis-Patienten sich jetzt – etwa als Teil der ersten Gruppe der über 80jährigen – impfen lassen, sind sie im Grunde Teil eines Feldimpfversuches riesigen Ausmaßes. Die Rheumatologen hoffen vermutlich, dass sie richtig liegen mit einem Analogieschluss, der sich aus Erfahrungen mit anderen, früheren Impfstoffen ableitet: dass, was bei der bereits erforschten Gruppe gesunder Probanden hilft und sicher ist, sich genau so bei Vaskulitis-Patienten darstellen wird, nämlich als sicher und wirksam. Bewiesen ist das aber eben nicht.

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Sich dennoch impfen lassen?

Dass sich sowohl der deutsche, als auch der österreichische Verband dennoch für die Impfung aussprechen, ist ganz klar der brenzligen Situation geschuldet. Nicht nur, dass sie Infektonszahlen außer Kontrolle geraten sind. Nicht nur, dass die Todeszahlen dramatisch gestiegen sind. Das Virus ist wieder einmal flexibler gewesen, als Wissenschaft und Politik sich vorstellen konnten und antizipiert haben, dass es nämlich so mutiert, dass es auch noch 70% ansteckender geworden ist, bei gleicher Letalität. Und weitere überraschende Mutationen sind – gerade weil so viel mehr Menschen sich anstecken und das Virus sie durchläuft und so mit einer Art Trial and Error lernt, wie es sich immer besser verbreiten und fortpflanzen kann- in naher Zukunft zu erwarten.

In 2021 sollen zwar wenigstens die klinischen Tests mit immunsuppressierten Probanden beginnen, aber ob da Vaskulitis-Patienten überhaupt dabei sein werden?!? Und wenn nicht, was wird dann der genaue Erkenntnisgewinn für Vaskulitis-Patienten sein? Und sollen Vaskulitis-Patienten so lange warten, bis die Ergebnisse auf dem Tisch liegen, während des Infektionsrisiko mit Covid-19 weiterhin hoch bleibt und womöglich durch eine weitere Mutation noch ansteigen wird?

Hinzu kommt noch ein Faktor, der gerade Vaskulitis-Betroffene, und alle Rheuma-Patienten, betrifft. Ein Wissenschaftler-Team der University of Edinburgh, Schottland, hat bei einer wissenschaftlichen Untersuchung von 2244 schwer an Covid-19 erkrankten Patienten 5 Gene festgestellt, die, wenn mutiert, mit diesem schweren Verlauf in Verbindung stehen. Zumindest eines dieser mutierten Gene steht auch in Zusammenhang mit mehreren Autoimmunerkrankungen, u.a. mit Rheumatoider Arthritis. Es ist das Gen TYK2, dass Entzündungsreaktionen und selbst einen Zytokinsturm begünstigen kann. Auch die identifizierten Gene DPP9 und CCR2 stehen in Zusammenhang mit Entzündungsreaktionen des Körpers. Die gleichfalls gefundenen Gene IFNAR2 und OAS1 sind an der Freisetzung von Botenstoffen, sogenannten Interferonen, beteiligt, die Entzündungsreaktionen anstossen.

Grund genug, um Vaskulitis-Patienten, wie auch Menschen mit Rheumatoider Arthritis, zu dem Teil der Bevölkerung zu zählen, der ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf bei einer Infektion mit Covid-19 trägt.

Und was nun?

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Die Wahl zwischen Skylla und Charybdis, das kennzeichnet wohl am Besten die Situation der Vaskulitis-Patienten angesichts der Unwägbarkeiten der Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff und des Risikos, schwer an Covid-19 zu erkranken. Einen allgemeinen Rat aussprechen kann Pro Vaskulitis da zum jetzigen Zeitpunkt nicht, weder pro Impfung, noch contra. Der einzige Rat, den wir geben können, lautet, jeder sollte nun – am Besten in Rücksprache mit dem Arzt seines Vertrauens – sein individuelles Risiko probieren einzuschätzen und dann seine eigene Entscheidung fällen.

Eine letzte Frage an Biontech und die EMA (European Medicines Agency)

Zum Schluss sei die Frage erlaubt, wie sinnvoll das jetzige Testungs- und Zulassungsverfahren für Impfstoffe ist, wenn gerade die durch den jeweiligen Erreger am meisten gefährdeten Gruppen der Bevölkerung nicht vorrangig in den Testverfahren berücksichtigt werden? Einerseits will man sicherlich die Sicherheit und Wirksamkeit eines Impfstoffes an gesunden Probanden untersuchen, um keine, durch eine eventuelle anderweitige Erkrankung, verfälschten Ergebnisse zu erhalten. Warum wurden dann aber nicht parallele klinische Prüfungen mit u.a. Autoimmunerkrankten durchgeführt? Liegt das etwa daran, dass impliziet und ohne es zu reflektieren, pauschal von der Notwendigkeit des Erreichens einer Herdenimmunität ausgegangen wird? Muss dieses Konzept nicht, wie einige Komentatoren es bereits getan haben, zumindest beim Covid-19-Virus ad acta gelegt werden, d.h. auch die Test- und Zulassungsstrategie dringend angepasst werden?

Dieser Beitrag ist ein Service von PrO Vaskulitis.
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