Maskenspiel

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Würden Sie die Aufforderungen, sich zu schützen als Mitglied der sogenannten Risikogruppe nicht ernst nehmen?

Meinen Wocheneinkauf verteile ich normalerweise auf ein bis drei Fahrten pro Woche, jeweils zu unterschiedlichen Geschäften. Es ist gerade einmal drei Wochen her, als ich, ausgestattet mit Einweghandschuhen, die ich im Dezember, einer Eingebung folgend, in einem Kaufhaus erstanden hatte, und mit einer fast unbenutzten ffp3-Atemschutzmaske (also einer Maske, die vor Aerosolen, dh. auch vor Viruströpfchen schützt), die ich zu meiner Freude noch in meiner Werkstatt im Keller ausgraben konnte, meinen Großeinkauf, reduziert auf nur die notwendigsten Geschäfte, für die nächsten paar Wochen startete.

Ein komisches Gefühl ist es schon, die Handschuhe überzustreifen. Ich komme mir vor, wie im Vorbereitungsraum einer OP. Etwas mißmutig betrachte ich meine Hände in den eng anliegenden Handschuhen. Bestimmt werde ich ständig darin schwitzen. Draußen ist es schließlich schon recht warm. Dann versuche ich, die Maske anzulegen. Garnicht so einfach, sie so anzuziehen und zurechtzuzupfen,dass sie nicht schief sitzt oder drückt. Als ich es geschafft hatte, sie bequem auszurichten, liegt sie wiederum nicht ausreichend eng auf meinem Gesicht an. Wieder zupfe ich sie zurecht. Nun endgültig. Bekomme ich überhaupt genug Luft? Der Luftstrom beim Ein- und Ausatmen ist schon anders unter der Maske. Einfach nicht dran denken und ruhig durchatmen, sage ich mir, die Luft kommt schon.

Im Spiegel dann mein Maskengesicht. Bin ich das etwa?

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Als ich das Haus verlasse und zum Auto laufe, bin ich sofort DIE Sensation in der kleinen Straße. Alle Nachbarn und Passanten auf der Straße gucken mir nach. OOOH, die Nachbarin trägt Maske und Handschuhe! Schnell steige ich in mein Auto ein und fahre los. Kurz darauf in einem Vorort der großen Stadt, auf dem Weg zum Schuhmacher, stellt sich mir auf dem Bürgersteig ein untersetzter Mann in Jogginghosen in den Weg. „So ein Scheiß! Das nützt doch nichts!“, pöbelt er mich an. Er hat gerade das Ausatemventil meiner Maske entdeckt. „Die Maske hat ja außerdem auch noch Löcher! Da kommt ja alles durch!“, lacht er höhnisch. Ob solcher Blödheit platzt mir der Kragen: “ Was Sie machen wollen oder nicht, ist mir sowas von egal!“, fahre ich ihn an, „Ich jedenfalls schütze mich. Ich will schließlich gesund bleiben!“ Damit wechsele ich entschlossen zur anderen Straßenseite hinüber.

Der Schuhmacher schaut irritiert, als ich mit Maske und Handschuhen hereinkomme. „Nein, nein, ich bin nicht krank!“, erkläre ich ihm schnell. „Ich will aber auch garnicht erst krank werden!“ Den ungewohnten Aufzug von mir, seinem Kunden, nimmt er etwas unwillig hin. Er findet ihn merkwürdig, übertrieben, das kann ich ihm anmerken. Als ich mit ihm ins Gespräch komme, erwähnt er, ja, also, er und seine Frau, Rheumatikerin – also Teil der Risikogruppe, wie ich sofort denke – , hätten schon überlegt, was tun. Aber man könne ja nichts tun. Und wenn die Regierung sein Geschäft wegen Corona schließen wolle, dann würde er sich mit Händen und Füßen dagegen wehren. Ich erzähle ihm, dass ich einfach nicht genau dann in einem Krankenhaus landen will, wenn es durch die Einlieferung von vielen Corona-Patienten überlastet ist, Einrichtungen und Geräte nicht ausreichend, Ärzte, Labormitarbeiter und Pflegekräfte völlig überarbeitet und erschöpft sind. Da stutzt er, an diese Möglichkeit hat er nicht gedacht. Meinen Vorschlag, zu seinem eigenen Schutz – es wäre ja auch schlecht, wenn gerade er als Geschäftsinhaber an Corona erkranken und ausfallen würde -, am Eingang einen Spender mit Händedesinfektionsmittel zu installieren und Markierungen auf dem Boden anzubringen, damit die Kunden wüßten, wo sie in welchem Abstand sich aufhalten könnten, hört er sich nun vorsichtig interessiert an. Zwei Tage später erhalte ich eine E-mail von ihm, sein Geschäft ist bis auf Weiteres geschlossen.

Der große Supermarkt ist voll wie immer. Weit und breit niemand mit Mundschutz – außer mir. Die Erwachsenen gaffen mich beim Hineingehen an, Kinder zeigen mit dem Finger auf mich und ein kleiner Junge fragt:“ Papa, was is daaas?“ Sein Vater tuschelt verlegen irgendeine Antwort. Ich versuche, die Blicke und Finger und Tuscheleien zu ignorieren, konzentrierte mich auf meinen Einkaufszettel. Aber es ist schon ein Spießrutenlauf.

Im Geschäft weichen einige wenige Kunden vor mir zurück. Sie denken offensichtlich, ich sei mit Corona infiziert und trüge deshalb die Maske. Mir ist das eigentlich sehr recht. So halten sie wenigstens Abstand, im Gegensatz zu den anderen Kunden. Vor der Brottheke schließlich bedenkt mich eine ca. 35 Jahre alte Frau mit deutlichem Kopfschütteln und ihrer laut vorgetragenen Bemerkung:“ Man kann es auch übertreiben!!!“ Ich ignoriere sie und fahre fort, die Produkte auf meinem Einkaufszettel zusammen zu suchen. Das enttäuscht sie offensichtlich so sehr, dass sie sich zu einem anderen Regal weiterschiebt. Doch in der Kühlecke ist sie wieder da. Noch lauter tönt es nun: „Man kann es auch übertreiben!!!“ Ostentativ geht sie ganz nah an mir vorbei. Ich bin froh, dass ich zu dem Zeitpunkt fast alles, was ich einkaufen wollte, in meinem Einkaufswagen habe. Auf direktem Weg fahre ich zur Kasse.

Wie in unzähligen Medien bereits berichtet, Spaghetti und Kaffee, Knäckebrot und Desinfektionsmittel, Taschentücher und Toilettenpapier glänzten durch so vollkommen leergeräumte Regale, wie ich es in diesem Supermarkt noch nie erlebt habe. Alles habe ich nicht bekommen, was ich einkaufen wollte. Aber mein Überleben ist ja deshalb nicht in Frage gestellt. Auch nicht durch das Verhalten anderer Menschen, die mit der Corona-Situation, ich vermute, gerade aus versteckter, nicht eingestandener Angst, nicht umgehen können. Dass ich unter diesen Umständen als Mitglied der Risikogruppe eine ffp3-Maske mein Eigen nennen und tragen kann, ist beruhigend. Nicht die Spaghetti oder das Toilettenpapier sind der wahre „Goldstaub“ in Corona-Zeiten, sondern die Atemschutzmasken und das konsequente Abstands-Verhalten.

Die Hauptsache ist schließlich, ich bleibe gesund!

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5 Antworten zu Maskenspiel

  1. sweetkoffie schreibt:

    Das verrückte mit den meisten Masken ist, dass man beim Tragen die Anderen schützt und nicht sich selbst. Leider wollen/können das viele Leute nicht verstehen 🙈

  2. Rheumaralle schreibt:

    Leider helfen die meisten derzeit verkauften oder gar selbstgebastelten Masken überhaupt nichts.
    Glückwunsch, wer eine FFP3 noch hat.
    Ich habs schon während der Chemotherapie vor 6 Jahren nicht geschafft etwas ähnliches zu bekommen.
    Dafür habe ich beim entrümpeln eine kleine Flasche Sterilium gefunden – zu 2,10€! Damals…

    • federfluesterin schreibt:

      Wenn jeder eine der einfacheren Masken trägt, wie in Asien, verringert das natürlich schon insgesamt die Ansteckungsgefahr für den Einzelnen. Aber wünschenswert für alle Menschen der Risikogruppen ist schon eine ffp3-Maske, da hast Du völlig recht. Da sieht wohl mittlerweile ganz Deutschland einen großen Fehler, der aber schon in den 90er Jahren angelegt worden ist, dass da keine eigenen Produktionskapazitäten bzw. Lager vorgehalten worden sind.

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