Aus dem wilden Kurdistan nach Deutschland – Ein Interview

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Drei Tage hat es gedauert, vom kurdischen Teil Syriens über die Türkei nach Deutschland. 2500 Euro hat er gezahlt, ein Schnäppchenpreis für vier Personen, er, seine Frau und seine zwei kleinen Söhne. Trotzdem, für ihn war es viel Geld, seine ganze Habe hat er dafür verkauft. Sich in der Familie Geld geliehen. Aber er wollte es versuchen in Deutschland. Er hatte von denen gehört, die schon nach Deutschland gegangen sind, dort gibt es bessere Arbeit, dort kann man gut verdienen. Und die Regierung gibt ihm und seiner Familie eine Wohnung, Essen, Medizin und den Schulbesuch seiner Kinder. Er muss nur sagen, dass er Asyl haben will. Früher war es schwer, bis nach Deutschland zu kommen. Aber die Grenzen sind seit dem Krieg durchlässig, die Reisewege organisiert. Die Gelegenheit ist jetzt da.

Seine Frau wollte erst nicht. Sie hatte Angst vor der Reise, fürchtete die Schleuser, die Überfahrt mit dem Schlauchboot. Sie kann nicht schwimmen. Nein, er auch nicht. Und ihre Söhne schon garnicht. Aber der Fluss zwischen der Türkei und Griechenland bei Edirne war zahm in jener Nacht. Zehn Minuten nur saß die Familie im Schlauchboot, das über das Wasser flitzte. Dann konnten sie schon am griechischen Ufer aussteigen. Von dort ging es weiter mit dem Auto. Direkt bis nach Deutschland. Schnell ging es und glatt.

Jetzt sind sie seit einem Jahr hier. Ein Jahr auf engstem Raum, in einem Zimmer im Flüchtlingsheim. Dass es so lange dauern würde, so eng sein würde, hatten sie nicht erwartet. Eine Prüfung für die ganze Familie. Gerade erst zwei Wochen ist es her, dass sie eine Wohnung im Stadtzentrum ergattert haben. Ein Wohn-Schlafzimmer, eine kleine Kammer für die Kinder, Küche, Bad. Sie sind erleichtert, dem Heim am Stadtrand, dort, wo es außer Eigenheimen und Natur und Deutschen nichts gab, entkommen zu sein. Im Stadtzentrum gibt es viele Kurden. Seine Frau hat schon mögliche Freundinnen ausgemacht, Frauen, mit denen sie sich auf Kurdisch unterhalten kann. Denn Deutsch kann sie nicht, Auch nicht nach einem Jahr in Deutschland. Woher auch. Sie hat noch nie eine Fremdsprache gelernt. Dazu noch eine, die mit so ganz anderen Buchstaben geschrieben wird, als die, die sie damals in der Schule gelernt hat.

Er ist stolz, dass der älteste Sohn schon zur Schule geht, der kleine in den Kindergarten. Aber Schulaufgaben machen, das fällt seinem Ältesten schwer. In dem kleinen Kinderzimmer gibt es keinen Platz für einen Schreibtisch. Im Wohnzimmer ist immer etwas los. Ruhe findet er da nicht.

Wenn sein Sohn eine Frage hat, kann er ihm nicht helfen. Er versteht nur ein paar Worte Deutsch, kann Deutsch mit seinen fremden Buchstaben nicht lesen. Beide haben nach der fünften Klasse die Schule in Syrien verlassen, wie alle Kinder damals in ihrem Dorf.

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Arbeit hat er trotzdem gefunden, bei einem Bauunternehmer. Als Hilfsarbeiter, denn eine Ausbildung hat er ja nicht. Und selbst wenn, sie würde in Deutschland wenig gelten. Dabei hat er in Syrien auf dem Bau gearbeitet. Erfahrung hat er also. Deshalb hat ihn der Chef mitgenommen, als er auf dem „Arbeiterstrich“ im Zentrum nach Tagelöhnern gesucht hat. Er hat Glück, es gibt mehrere Kurden, die auf der Baustelle arbeiten. Sie sagen ihm, was er machen soll, wenn er den Chef nicht versteht – was meistens der Fall ist. Er hat ja erst ein paar Worte Deutsch gelernt. Deshalb schweigt er, wenn Deutsche in der Nähe sind, fast den ganzen Tag.

Nach ein paar Tagen merkt er, dass die Arbeit in Deutschland eine andere ist. Ständig gibt es diesen Druck, die Arbeiten schnell durch- und zuende zu führen. Zeit für Scherze, Austausch mit den anderen, Pausen für eine Zigarette und einen Kaffee zwischendurch, all das, was er von den Baustellen in Syrien kennt, das geht hier nicht. Das gefällt ihm nicht. Zuviel Druck, für so wenig Lohn.

Dass es wenig ist, hat er schon gemerkt, im Supermarkt und in den anderen Geschäften. Die anderen Kurden auf der Baustelle sind nicht besser dran. Zufrieden ist keiner, alle dachten vorher, dass es einfacher wäre in Deutschland, besser. Aber ohne Ausbildung? Das haben sie inzwischen alle verstanden, eine Ausbildung bedeutet bessere Arbeit, besseres Geld. Aber keiner von ihnen hat eine. Mit Anfang dreissig und Familie im Rücken, die sie ernähren müssen, fühlen sie sich auch zu alt, um noch in eine Ausbildung einzusteigen, und dann auch noch in Deutschland, in dieser fremden Sprache.

Er muss genauer arbeiten als in Syrien. Muss dazulernen. Dass eine Mauer eine „Feuchtigkeitssperre“ braucht. Er versteht nicht, was das ist. Warum braucht man das? In Syrien haben sie die Mauer einfach gemauert. Erst als es über Tage hinweg regnet, alles durchnässt ist, Dreck, Matsch überall, die Mauer nass, die Baustelle und er selbst, fängt er an, ein wenig zu verstehen. Vielleicht haben sie ja doch Recht mit dieser „Feuchtigkeitssperre“, diese übergenauen Deutschen.

Auf dem Bau arbeitet eine Installateurin. Er wundert sich, hält sich auf Abstand zu ihr, beobachtet sie unter den Augenwinkeln. Wie ein Mann ist sie, hebt Rohre, Waschbecken. Eines Tages bekommt er mit, dass sie sich am Telefon über ein Essensrezept unterhält. Kochen kann sie also auch. Sie kann alles, denkt er. Sie ist Mann und Frau. Und er wünscht sich ein wenig, dass seine Frau etwas davon hätte, von dieser Deutschen. Nicht nur den Haushalt machen und danach mit ihren Freundinnen im Cafe sitzen. Dann würde die Last, genügend Geld nach Hause zu bringen, es in Deutschland zu schaffen, nicht nur auf ihm alleine drücken.

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5 Antworten zu Aus dem wilden Kurdistan nach Deutschland – Ein Interview

  1. Dalo 2013 schreibt:

    Dreams…good people, good dreams. To make it for a better life, for themselves but I think also mostly for giving their children a chance to prosper. Prosper and add value, a dream for everyone.

    • federfluesterin schreibt:

      We all share these dreams. The tragedy lies in the lack of the qualification and knowledge that would enable these migrants to come anywhere near reaching their goal. In addition, they have come to Germany on the wrong ticket: asylum. For at least the next 5 years to come, their residence status will only be provisional. Not a stable basis to build a future on. And even their children will most probably fail, since their parents have no means – be it language capability, education, knowledge of where to go in scociety or ask to find a solution, money – to support /help them. The parents will not even understand (since they do not or hardly speak German themselves) that the German, their children are learning on the streets and in their schools in the ghetto areas, is a lower class migrant German („Kanak-Spraak“), which will disqualify them in the eyes of potential employers. There is a high probability that these children, too, will depend on social security, like their parents now, once they have reached adulthood.
      Larger disruptions in society will be the result, as can be seen in France, GB, Sweden, Denmark, the Netherlands. Germany will follow in a few years to come, if not either migration of large numbers of unqualified migrants will be stopped or integration/qualification /support measurements will be substantially increased, all of which costs loads of money, which, as it seems, neither german society and nor politicians are really willing to spend.
      And there is another side to it: the IT-revolution is moving on fast. Every second job will be lost in Germany within the next 20 years. There will be new jobs, however, only for highly qualified persons. Especially those jobs which can be done by people with little or low qualification will disappear. And here we have a large number of influxing migrants with exactly little or low qualification. We might need some of them right now, due to the current house building boom, but what kind of work will these people do when the boom has ended? What will they do in 20 years of time, when these low-class-jobs have disappeared? They will be a high and stable burden for Germany’s social system. Germany needs migrants, but certainly not the low qualified ones who have come during the last 3 years, due to the opening of the borders.

  2. Katrin - musikhai schreibt:

    Every migrant coming to a foreign country compellingly needs to learn the language of the new country. It’s so important for all of the following steps!

    • federfluesterin schreibt:

      Katrin, I wholeheartedly agree with you.
      However, are all the migrants qualified to do just this?
      Imagine a Syrian of Afghan or Iraqi or Sudani or…or…or… having lived in a small rural village and having had to drop out of school at the age of 10, since his parents decided, he had to work and support the family with the money he earned. He has never learned a foreign language. He doesn’t even know how to learn a foreign language. He has learned to read and write, however, not in latin writing, but in Sorani, a modified persian writing. At 34 years of age – out of school for 25 years! and always having worked in low qualified jobs -, being married and a father of two kids, it is difficult for him to hit the books again.
      In addition, the teacher in Germany trying to teach him the german language first will of all have to teach him the latin alphabet.
      It will most certainly be with him like it has been with the majority of the turkisch migrants who immigrated to Germany in the 1950s, 1960s and 1970s. The first generation never really learnd the german language. In many cases, even their children didn’t learn German very well, since the family life was centered around the turkish immigrant community where everyone spoke turkish or kurdish.
      Unless Germany puts a lot of money and effort into the school system to improve the education of migrant children. And unless Germany decides for a resettlement programm within the country in order to disolve the ethnic getthos, we have been allowing to build up in our cities for 50 years now.

      • Katrin - musikhai schreibt:

        I never said it would be easy. But it is the only way to keep on moving forward and not remain motionless or even retreat. And we Germans must encourage them and support them!

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