Vaskulitis Nachrichten 3.9: Mit Künstlicher Intelligenz zur Vaskulitis-Diagnose

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Der staatliche finanzierte, britische Gesundheitsdienst ist schon seit Jahrzehnten für die Wartezeiten für seine Patienten bekannt. In Duisburg wurden bereits in den 70gern des letzten Jahrhunderts britische Krebspatienten operiert, die sich lieber ihre OP privat im Ausland finanzierten, als viele Wochen lang darauf im eigenen Land zu warten. Die Versorgungslage hat sich wohl nicht grundsätzlich geändert, aber nun hoffen die Verantwortlichen, sie mit Hilfe Künstlicher Intelligenz entschärfen zu können.  

Sie setzen dabei auf selbstlernende Algorithmen, die, wie Tests gezeigt haben, z.B. in der Lage sind, die Risiken eines Herzinfarktes für einen bestimmten Patienten mit einer weitaus höheren Genauigkeit zu erkennen als erfahrene Kardiologen. Dabei sparen sie aber eben dem Arzt auch sehr viel Arbeitszeit ein, die er sonst für die Auswertung von Herzfrequenz-Scans aufwänden müsste. Der Arzt wird also deutlich entlastet.

Es sind diese beiden Aspekte, die höhere Genauigkeit und die Arbeitszeit- und damit Kosteneinsparung, die nun auch in Deutschland und hoffentlich auch in der Vaskulitis-Welt zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz führen wird.

Diagnose-Odyssee bei Vaskulitiden mit P2D vorbeugen

Sowohl Vaskulitis-Betroffene, als auch Rheumatologen und Nephrologen klagen darüber, dass die Patienten immer noch nach vielen unnötigen Facharztschleifen und damit viel zu spät diagnostiziert werden. Die lebensrettende Behandlung setzt deshalb oftmals erst dann ein, wenn schon Organschäden und Polyneuropathien entstanden sind. Das hatte eine Auswertung des Vasculitis Patient-Powered Network (VPPRN) ergeben.

Damit war der Anstoss dafür gegeben, dass der gebürtige Libanese Antoine G Sreih, MD, Assistant Professor of Clinical Medicine an der Perelman School of Medicine der University of Pennsylvania, USA, zusammen mit einem Team von Experten und der amerikanischen Vasculitis Foundation innerhalb der letzten zwei Jahre ein Computerprogramm für Hausärzte entwickelt hat, das ihnen ermöglicht, Vaskulitiden in einem frühen Stadium zu erkennen.

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„Für Ärzte wird es immer schwieriger, alle Daten eines Patienten zu erfassen und zu analysieren. Deshalb sehen Sie häufig Hausärzte, die immer mehr Patienten an Fachärzte überweisen. Das Warten auf einen Spezialisten kann manchmal Monate dauern, so dass wir wertvolle Zeit verlieren, da die Krankheit weitere Schäden verursacht “, sagt Sreih. „Den Hausärzten fehlt oft die Zeit, die Patienten zu verstehen, ihre komplexen und oft fragmentierten Krankengeschichten zusammenzusuchen oder auch nur zusammenzufügen.“*

Pathways to Diagnosis (P2D), wie die App heißt, setzt auf das vorhandene Computersystem des Arztes auf und integriert sich in die Krankenakte eines Patienten, überprüft medizinische Daten, Tests und Berichte, so dass mehrere, scheinbar nicht verwandte Symptome schnell analysiert werden können. Der Arzt wird dann auf Zusammenhänge aufmerksam gemacht, die er sonst – das zeigen leider die zur Zeit auch in Deutschland noch zu späten Vaskulitis-Diagnosen – nie auf dem Schirm hätte. Die App tut dies mit Hilfe eines Pop-Ups, das dem Arzt  weitere Diagnoseschritte für Vaskulitiden vorschlägt, ihm aber auch Links zu internistischen Rheumatologen und Nephrologen anbietet, an die er den Patienten weiterverweisen kann.

„Stellen Sie sich vor, ein Patient weist einen chronischen Husten auf, der nicht auf die Standardbehandlung anspricht. Er kann zu einem Lungenarzt geschickt werden, wo ein CT-Scan einen Knoten anzeigt und der Arzt sofort an Krebs denkt “, erklärt Sreih. „Der Patient hat jedoch auch eine chronische Sinusitis und einen Hörverlust. P2D analysiert diese Anhäufung von Symptomen aus der Krankengeschichte einer Person und weist den Arzt auf eine Vaskulitis hin. Wenn der Arzt diese Benachrichtigung erhalten hat, kann er über eine Krankheits-Ursache nachdenken, an die er sonst nie gedacht hätte. „*

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Nicht die App steuert also die weitere Behandlung, sondern es ist weiterhin der Mensch, also der Hausarzt, der den Patienten begleitet. Seine professionellen Fähigkeiten werden aber durch die App erweitert und unterstützt, sein Zeitaufwand für den einzelnen Patienten verkürzt.

In den USA interessieren sich mittlerweile zwei große Gesundheitsdienste für die Vaskulitis-App. Sobald, und das ist natürlich der Knackpunkt, die Finanzierung geklärt ist, soll sie eingeführt werden.

Wie kann die App nach Deutschland geholt werden?

Voraussichtlich wird das Team um den Wissenschaftler Sreih die App zunächst eine gewisse Zeit lang in den USA in der Praxis testen wollen, um eventuell auftretende „Kinderkrankheiten“ zeitnah und vor Ort ausmerzen zu können. Zwischenzeitlich könnte aber ein Kooperationspartner in Deutschland, etwa eine Universität, gefunden werden, der für die Übersetzung und Übertragung der App auf das deutsche Umfeld sorgt. Und sodann müssten niedergelassene Ärzte von den Vorteilen der App für ihre Praxis überzeugt werden. Es wird also leider noch einige Zeit ins Land gehen, bevor die App nach Deutschland kommt, so nötig sie auch ist.

Pro Vaskulitis hat aber bereits jetzt die Vasculitis Foundation auf den Digitalen Gesundheitspreis aufmerksam gemacht, der jedes Jahr von Novartis Deutschland, u.a. für sogenannte Assistenz- oder Decision-Support-Systeme, vergeben wird und mit insgesamt 50 000 Euro dotiert ist. Wäre das nicht ein schöner, zusätzlicher Anreiz, nicht zuletzt für eine deutsche Partner-Universität, um die Vaskulitis-App auch nach Deutschland zu bringen?

*aus: „Innovative Program Using Machine Learning to Address Challenge of Delays in Diagnosis“, Autor: Ed Becker

Dieser Beitrag ist ein Service von PrO Vaskulitis.

 

 

 

 

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