Sternenstaub

Der Abend dehnt sich scheinbar endlos aus, bis das Abendrot den Horizont schmückt und die Sterne im aufziehenden Dunkel anfangen zu funkeln. Überwältigend schön ist der Sternenhimmel. Von unfassbarer Größe, unendlich weit und tief, geheimnisvoll. Wir dagegen verschwindend klein. Das Sternenuniversum stutzt uns zurück auf unser eigentliches Maß. Mikroben im kosmischen Vergleich. Unsere Konflikte, Pläne, Aktionen, sind sie mehr als das Spiel von Einzellern? Es gibt so viel Größeres als uns.

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Nur, wer sieht den Sternenhimmel überhaupt noch?

Eine alte Inuit-Frau berichtet im Film „Sternenjäger“, der über fünf Astrofotografen berichtet, von der alten Zeit, als ihr Volk kein elektrisches Licht hatte. Für sie und ihre Altersgenossen war der Nachthimmel, vor allem in der drei Monate langen Polarnacht des arktischen Winters, ein integraler Teil ihres Lebens. Mit den funkelnden Sternen, fallenden Kometen und den flackernden Nordlichtern hatte er eine besondere,  weil in ihre Religion eingepasste Bedeutung.

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Aber jetzt gehen auch die Inuit im hohen Norden dieses Planeten im Dunkeln kaum noch vor die Tür. Die Nordlichter, Sterne und Kometen sind durch die elektrischen Lichter der Häuser und das Flackern der TV-Bildschirme ersetzt, sie überstrahlen sie völlig. Damit haben wir Menschen uns unser eigenes „Licht-Universum“ geschaffen, das sich an unseren Maßstäben – also an uns selbst- orientiert und unseren Horizont begrenzt. Auf dieses menschengemachte Universum fiixieren wir uns immer mehr. Wir bewegen uns fast ausschließlich darin. Den Blick nach draußen, auf das, was uns als Menschen übersteigt, suchen und finden wir immer weniger.

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Wozu auch? Die alten Mythen sind entzaubert. Wir wissen ja auch so viel mehr als früher, oder nicht?

Eine Aurora Borealis – das Nordlicht – besteht aus Sauerstoffmolekülen, die durch das Zusammenstossen mit elektrisch geladenen Protonen des Sonnenwindes Lichtenergie abgeben. Damit ist alles geklärt. Der Rest ist Romantik, oder?

Sind  die religiösen Erzählungen der Eskimos, wie die aller indigenen Völker, in denen Naturerscheinungen und -elemente einen zentralen Platz einnehmen, lediglich Phantastereien, Märchen, Unsinn?

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Lassen wir einmal die Labrador Eskimos  zu Wort kommen:

„The ends of the land and sea are bounded by an immense abyss, over which a narrow and dangerous pathway leads to the heavenly regions. The sky is a great dome of hard material arched over the Earth. There is a hole in it through which the spirits pass to the true heavens. Only the spirits of those who have died a voluntary or violent death, and the Raven, have been over this pathway. The spirits who live there light torches to guide the feet of new arrivals. This is the light of the aurora. They can be seen there feasting and playing football with a walrus skull.

The whistling crackling noise which sometimes accompanies the aurora is the voices of these spirits trying to communicate with the people of the Earth. They should always be answered in a whispering voice. Youths dance to the aurora. The heavenly spirits are called selamiut, „sky-dwellers,“ those who live in the sky. „(Ernest W. Hawkes:“ The Labrador Eskimo“)

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Diese Darstellung entspricht natürlich nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Allerdings, liebe Leser, das muss sie auch garnicht! Denn sie hat eine ganz andere Funktion und Intention, als die Erklärung eines naturwissenschaftlichen Phänomens.
 
Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten einem Menschen, der keinerlei Geschmackssinn hat, verständlich machen, was Geschmack an sich und ein besonderer Geschmack ist, wie würden Sie das machen? Wie würden sie ihm diese völlig andere Welt begreiflich machen? Würden Sie nicht zu Vergleichen greifen, etwa:
Geschmack ist für den Mund wie Licht für die Augen?
Ein Erbeereis-Geschmack ist wie ein nach Weiss hin zerschmelzendes Rot?
 
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Bei den Mythen der Labrador-Eskimos, also auch der hier zitierten Sternenhimmel-Erzählung, handelt sich um die Nutzung von Naturerscheinungen, die die Eskimos tag –  und nachttäglich umgaben, als Bilder, also Symbole, um grundlegende Aussagen metaphysischer* Art zu treffen über den Menschen, seinen Platz im Universum, das Universum selbst, seinen Schöpfer und das Ziel des Menschseins.

Die Natur ist für die Eskimos ihr religiöses “ Heiliges Buch“, in dem ihre metaphysischen Lehren ablesbar und immer präsent sind. Die Natur verstehen sie als die direkte Kundgebung Gottes. Nicht der Rabe an sich wird verehrt – wie frühere Ethnologen es als Polytheismus missverstanden -, sondern der Rabe als Reflexion oder auch Abbild einer bestimmten göttlichen Eigenschaft. Deshalb sind die Eskimos aufs Engste mit der Natur verbunden. Deshalb ist die sie umgebende Natur, deshalb ist auch der Sternenhimmel so unersetzlich für sie.

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Die Mythen der Eskimos – wenn sie noch intakt übermittelt wurden** – vermitteln Wissen über das hinter der natürlichen Welt Liegende. Es ist ein Wissen, das wir – wenn die Inuit uns den Zugang gewähren, und das tun sie nur bei ernsthaft interessierten Menschen, die selbst ihren religiösen Weg beschreiten wollen – mit ihnen teilen können, nicht zuletzt, da wir es in seinem Kern auch in den anderen gültigen Religionen finden.

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Und wir können ein wenig mehr Bescheidenheit pflegen beim Anblick des Sternenuniversums, denn in einem Punkt stimmen Astrophysik und Metaphysik heute überein:

„Seit dem Urknall haben sich aus Wasserstoff der Sterne alle Elemente des Universums gebildet, alle Elemente, aus denen der Mensch besteht.                                                      Wir sind also nichts anderes als Sternenstaub.“ (Trailer Film Sternenjäger)

In  der Genesis, Erstes Buch Mose 3 findet sich in Vers 19:

„Denn Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück.“

 
*Lehre, die das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt Liegende, die letzten Gründe und Zusammenhänge des Seins behandelt
** Leider ist bei vielen indigenen Völkern durch den Einfluss christlicher Missionare, durch staatlichen Druck, durch Krieg und eingeschleppte Krankheiten die Kette der Überlieferung unterbrochen worden. Dadurch sind (ein Teil) ihre religiösen Mythen selbst, vor allem aber ihre tiefere Bedeutung verloren gegangen.
 
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