Bauchbinde der Kulturen

Schon seit frühester Kindheit stellten bestimmte Wörter der Deutschen Sprache für mich ein Rätsel dar, aber das eine Wort, das ich völlig rätselhaft fand, war das Wort

„Kummerbund“.

Es trat in mein Leben, als meine Eltern zu einer hochoffiziellen Feier eingeladen waren. Mein Vater kam in einem Anzug aus feinstem Tuch, mit seidener Fliege und und einem edlen Seidenschal in der gleichen Farbe um den Bauch in mein Kinderzimmer, um sich für den Abend von mir zu verabschieden.

Oh, wie prachtvoll sah er aus! So hatte ich ihn noch nie gesehen.

Am nächsten Tag erzählte ich, noch ganz unter dem Eindruck, meiner Großmutter davon und als ich bei der Beschreibung des Schals stockte, half sie mir lächelnd mit dem Wort „Kummerbund“ auf die Sprünge. Sie ahnte ja nicht, dass sie damit ein kleine Lawine an Fragen bei mir auslöste.

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Kummerbund?

Wollte mein Vater mit der langen Stoffbahn seine Tränen trocknen, wenn er Kummer hatte? Aber warum nahm er nicht einfach sein Taschentuch? Er war sehr gut gelaunt gewesen, als er diesen glänzend- feinen Schal um seinen Bauch getragen hatte. War er  einem Bund beigetreten, der sich feierlich dem Kummer widmete? Eine Kummerfeier? Gab es so etwas? Und wieso war so ein schöner Seidenschal um den Bauch herum das Zeichen für einen Bund des Kummers ?

Es blieb mir ein Rätsel. Erst viele Jahre später erfuhr ich die zugleich faszinierende und einfache Lösung .

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Dem Wort „Kummerbund“ liegt ursprünglich das persische Wort  „Kamarband“ zugrunde. Es setzt sich aus zwei Teilen zusammen, dem Wort „Kamar“ für Rücken und dem Wort „Band“ für Binde. Ein Kamarband ist also in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Rückenbinde oder -gürtel. Die Lastenträger im Persischen Reich banden sich eine breite, feste Binde, oft aus Leder, um den Bauch, um ihren Rücken zu stabilisieren, wenn sie ihre schweren Lasten tragen mussten. Heutzutage sehen Sie solche rückenstabilisierenden Ledergürtel, hinten am Rücken breit, nach vorne, zum Bauch hin schmal, bei olympischen Gewichthebern. Damit ist aber noch nicht erklärt, wie aus dem Kamarband der Kummerbund wurde.

Was auch heute noch von vielen Indern als schmachvolle Niederlage und eine Zeit der Fremdbestimmung des hinduistischen Indiens durch muslimische Herrscher  empfunden wird,  ist die Eroberung Nordindiens ab dem 12. Jahrhundert durch nordostpersische Völker.  Die muslimischen Mogul-Kaiser – einer von ihnen baute das  Taj Mahal – beherrschten das Land über mehrere Jahrhunderte.

Das praktische  Alltags- und Arbeitskleidungsstück Kamarband kam mit den Mogul-Kaisern nach Indien und entwickelte sich in dieser Zeit zu einem schmückenden Accessoire der indischen Armee und generell der höfischen Kleidung der Männer am indischen Hofe. Der „Kamarband“ fand so Eingang in die indische Sprache Hindi.

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Als die Engländer wiederum Indien eroberten und die Mogulen als Herrscher ablösten, übernahmen sie das Wort „Kamarband“ lautmalerisch als „cummerbund“, später „cummerband“ in die englische Sprache. Was prächtig aussieht, wird schließlich gerne auch von anderen imitiert. Die nunmehr aus edlem Stoff gefertigte Bauchbinde wurde fortan auch bei festlichen Militäranlässen der Kolonialmacht England, zuerst von den Truppenteilen, die durch Inder gestellt wurden, später auch von den Engländern selbst getragen.

Was den Engländern recht war, war den Deutschen, die in der Kolonialzeit so gerne der großen Kolonialmacht England nacheiferten, nur billig. Und so geriet der cummerbund als englisches Wort, nur auf Deutsch geschrieben und dann irgendwann doch auch auf Deutsch ausgesprochen, in Form des „Kummerbund“ schließlich an den Bauch meines Vaters und als Faszinosum in meinen kindlichen Wortschatz.

Epilog

Das Indische Großreich, das Persische Großreich, das Englische Großreich, was in Ewigkeit Bestand zu haben schien, die ganze Macht und Pracht,  alles – außer dem Kummerbund – ist vergangen.

Die goldnen Lichter, die am blauen Weltrad gehn,
Haben sich viel gedreht und werden viel sich drehn. –
Und wir, im ew´gen Kreislauf der Erscheinungen,
Kommen auf kurze Zeit, um wieder zu vergehn.

Omar Khayyam

1048 –  1131 n. Chr., Persischer Dichter, Naturwissenschaftler, Astronom und Mystiker aus Nishapur, Persien

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