Den Ali Baba in sich entdecken

Kuchen1

Copyright (c) 1103997 / pixabay.com

Die geheimnisvollste Ecke in der Küche meiner Großmutter glich einem Tresor: alles, was sich ein Kinderherz an süssen Leckereien erträumen mochte, befand sich hinter Schloss und mächtigen Riegeln, und zwar von drei ca. 1,80 m hohen, antipanzerknackerartig ausgelegten Eisschranktüren. Sie gehörten einer anderen Zeit an. Der Zeit, als ein Eisschrank noch seinem Namen alle Ehre machte, weil er nämlich tatsächlich mit Eis bestückt wurde. Nun erfüllen Sie Bilder von Kühlschränken voller Erdbeer-, Nuss- und Schokoladeneis?

Eisschneiden

Copyright (c) Johan1127 / pixabay.com

Ich verstehe Sie ja so gut, aber die Zeiten damals waren doch erheblich prosaischer.

Jeden Morgen ließ sich meine Großmutter von der örtlichen Eisfabrik mit großen Wassereisstangen beliefern. Das war schon fortschrittlich, denn zu Zeiten meiner Urgroßeltern bestand die tägliche Lieferung aus Blöcken von Natureis, das im Winter aus den Flüssen geschnitten worden war. Zu der Zeit fror selbst der Rhein abschnittsweise zu, wie auch noch 1929 zwischen Ludwigshafen und Mainz. Angesichts der Fluss- und Erderwärmung heute unvorstellbar,  aber mein Urgroßvater brachte in dem Jahr auf dem großen Strom meiner Mutter sogar das Schlittschuhlaufen  bei.

Berlin, Kinder mit dem Eismann

Berlin, Kinder mit dem Eismann.jpg, Fotograf: Zimontkowski, 6.7.1957; Copyright (c) Bundesarchiv, Bild 183-47890-0001 / CC-BY-SA 3.0.de

Die ein Meter langen und ca. fünfundzwanzig Zentimeter breiten Eisstangen kamen, gut zugedeckt mit Stroh, Jutesäcken und Holz, auf einem offenen Laster oder in einem Kastenwagen vor dem Kücheneingang meiner Großmutter an. Die Fahrer holten das Eis mit großen, gusseisernen Zangen von der Ladefläche und trugen es direkt in die Küche, wo sie es, immerhin ca. 8 Kg pro Stange, mit Schwung auf das obere von drei Holzrecks im Eiswandschrank wuchteten.

Eisschrankgriff

Copyright (c) PIRO4D / pixabay.com

Sobald die Eismänner gegangen waren, platzierte  meine Großmutter schnell drei Auffangbecken mit Auslasshahn für das Schmelzwasser ganz unten auf dem Boden des Schranks. Sie würden am nächsten Morgen wieder geleert werden müssen. Großmutters zu kühlende Lebensmittel fanden eilends auf dem mittleren und unteren Holzreck Platz.

Dann schob sie die schweren, doppelwandigen, innen mit Zink ausgekleideten Türen zu, die massiven Schnappriegel klickten ein und der Eisschrank konnte wieder knapp einen Tag lang seinen Dienst tun.

Eis für Getränke konnte natürlich auch von den Eisstangen abgeschlagen werden. Zuweilen fand der Trinkende dann aber nach dem Genuß ein paar Fäden Jutesack oder Strohhalmreste zwischen den Zähnen.

Wohnwagenkueche

Copyright (c) angelic / pixabay.com

Der ständig nasse Schrank und das ganze, sich täglich wiederholende, umständliche Prozedere der Eisbestückung und Wasserentleerung, sowie die Tatsache, dass viele der Lebensmittel – vor allem der gute Rest vom Braten oder Fisch, Eier und Milchprodukte – trotzdem schnell verdarben, muss der amerikanischen Hausfrau Florence Parpart gehörig auf die Nerven gegangen sein. Offensichtlich macht das erfinderisch. Frau Parpart kam auf die Idee, ein Prinzip auf die tropfende Nervensäge in ihrer eigenen Küche anzuwenden, das bereits 1755 William Cullen in Schottland herausgefunden und Carl von Linde 1876  an einer technisch-chemischen Kältemaschine für Schlachthöfe umgesetzt hatte  – und sie erfand den häuslichen, elektrischen Kühlschrank! Ganze Generationen von Frauen, aber auch Männern – man denke nur an die Minibar… -, müssten ihr eigentlich in Bewunderung und Dankbarkeit zu Füssen liegen!

1914 reichte Florence Parpart ihr Patent beim amerikanischen Patentamt ein. Es zeigte sich, sie war nicht nur Hausfrau und Erfinderin, sie entwickelte sich auch zu einer sehr begabten Unternehmerin. Auf mehreren Handelsmessen im ganzen Land und mit Werbekampagnen, die sie selbst entwarf, vermarktete sie mit Verve ihre Erfindung. Damit war sie so erfolgreich, dass 20 Jahre später bereits in jedem zweiten amerikanischen Haushalt ein Kühlschrank stand!

Amish_Icecutting

Copyright (c) Paul Cyr

Lediglich in den Amischen Familien, die die Nutzung von Elektrizität grundsätzlich ablehnen, hielt er  keinen Einzug. In ihren Küchen gibt es bis heute kein elektrisches Kühlgerät. Wie im 19en Jahrhundert schneiden die Amisch im Winter in Gemeinschaftsarbeit Eisblöcke aus den naheliegenden Seen und Flüssen. Mit Pferdefuhrwagen transportieren sie die Blöcke in ihre Gemeinde-Scheune, wo das Eis, dick eingepackt in Strohballen, bis spät ins Jahr überdauern und von da jeden Tag ins Haus geholt werden kann – in einen althergebrachten Eisschrank. Wie man auch immer zur Religionsauffassung der Amisch steht, unbestritten dürfte sein, dass  diese traditionelle Methode der Kühlung – im Gegensatz zum elektrischen Kühlschrank – weder zum Ozonloch, noch zur Klimaerwärmung beigetragen hat.

Elektrogeräte

Copyright (c) Wirtschaftswundermuseum

In Deutschland dauerte es bis Mitte der 50ger Jahre, bis in wenigstens 10% aller deutschen Küchen nicht mehr ein Eis-, sondern ein Kühlschrank stand. Er hielt schließlich auch Einzug in die Küche meiner Großmutter.  Der alte Eisschrank mit seinen dicken Türen blieb aber. Ihn auszubauen hätte den halben Abbruch der Küche nach sich gezogen. Also wurde er nun zu einem normalen Aufbewahrungsschrank  für trockene Lebensmittel degradiert.

Bis, ja bis Großmutters kleine Enkel lernten, Türen zu öffnen, Türen von Schränken, hinter denen sich die herrlichsten Leckereien verbergen konnten. Nur das „Sesam Öffne Dich“ der großen Eisschranktüren erschloss sich ihren Enkeln, wie sie feststellte, nicht. Also wurde der Eisschrank auserkoren zu Großmutters Tresor der „Leckererien“. Noch heute erinnere ich mich an die gespannte Faszination – und manchmal, wie heute nacht, träume ich davon – , die jedes Öffnen der mächtigen Türen bei jedem von uns Kindern hervorrief. Wie oft versuchten wir, wenn uns keiner beobachtete, hinter das Geheimnis des Öffnungsmechanismus zu kommen. Es blieb ein Faszinosum, bis, ja bis wir schließlich doch einer nach dem anderen den Ali Baba – nicht zuletzt auch für das Eisfach im Kühlschrank – in uns entdeckten…

Eisbaer

Copyright (c) Gellinger / pixabay.com

Dieser Beitrag wurde unter Aktuell, creative writing, Literatur abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.