Mondkuh

Wenn es in Sibirien keine Fotografen gäbe, würde ich mich nicht wundern. Es sei denn, sie kennten ihre Dichtung!

Als ich letzte Woche spätabends den Mond inmitten von Schneewolken über unserem Haus stehen sah, konnte ich nicht widerstehen. Spontan schnappte ich mir mein Smartphone, hing mir schnell eine Jacke über und lief nach draußen, um die still-schöne Ansicht einzufangen.

Wunderschön, in der Tat, waren die einsame Nacht und der umwölkte Mond, aber oha, wie bitterkalt! Kaum konnte ich das schnell eiskalte Handy in die richtige Position bringen, trotz Zittern vor Kälte ruhig halten und dann auch noch einen meiner steifgefrorenen Finger zwingen, sich in Richtung Kamerauslöser zu bewegen. Die Finger wollten alle nicht mehr so richtig!

Wie ich also mehr oder weniger glücklich herumhantierte, musste ich unwillkürlich über mich selbst als „Fotografen-Eiszombie“ in „Deutsch-Sibirien“ in mich hineinschmunzeln. Und da kam mir ein Gedicht in Erinnerung, das wir als Kinder mit viel Spass gelernt und uns immer wieder  gegenseitig lachend her gesagt hatten. Wie ging das nochmal genau? Und da musste ich dann so richtig in mich hineinlachen! Ich merkte, mit jedem rythmischen Zitieren des Gedichts konnte ich mein Kältezittern und die steifen Bewegungen meiner Eisfinger etwas in den Hintergrund treten lassen und gleichzeit besser in Gleichklang bringen. Und nach einigen Klicks:

Mond, ich habe ein Foto für Dich!

Mondbaum

Copyright (c) federfluesterin

Dunkel war’s, der Mond schien helle,
Schnee lag auf der grünen Flur,
als ein Auto blitzeschnelle
langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschossner Hase
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Auf einer roten Banke,
die blau angestrichen war,
saß ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar.
Neben ihm ’ne alte Schrulle,
die kaum erst sechzehn war.
Diese aß ’ne Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.

Droben auf dem Apfelbaume,
der sehr süße Birnen trug,
hing des Frühlings letzte Pflaume
und an Nüssen noch genug.

Eine Kuh, die saß im Schwalbennest
mit sieben jungen Ziegen,
die feierten ihr Jubelfest
und fingen an zu fliegen.
Der Esel zog Pantoffel an,
ist übers Haus geflogen,
und wenn das nicht die Wahrheit ist,
so ist es doch gelogen.

       Joachim Ringelnatz

Mond im Winter 2018

Copyright (c) federfluesterin

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