Vaskulitis Kurznachrichten 3.2: Verschreibung von Cannabis

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In unseren Vaskulitis-Kurznachrichten 3.1 berichteten wir über die Wirksamkeit von Cannabis bei Polyneuropathie bei Vaskulitiden.
Wie nun aber vorgehen, wenn ein Patient sich für Cannabis als Medikament interessiert?

Grundsätzlich hat jeder gesetzlich Versicherte, der an einer schwerwiegenden Erkrankung leidet, nach § 31 Absatz 6 SGB V Anspruch auf die

“ Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten in standardisierter Qualität und auf Versorgung mit Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Dronabinol oder Nabilon“.

Bei der Bestimmung, was eine schwerwiegende Erkrankung ist, hat das Bundessozialgericht auf die Definition in der Arzneimittel-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zurückgegriffen. Dort heißt es in § 12 Absatz 3:

„Eine Krankheit ist schwerwiegend, wenn sie lebensbedrohlich ist oder wenn sie aufgrund der Schwere der durch sie verursachten Gesundheitsstörung die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigt.“

Jeder Vaskulitis-Patient, der an Polyneuropathie leidet und sich für Cannabis interessiert, sollte also an erster Stelle das Gespräch mit seinem Arzt, am Besten dem Neurologen, suchen, denn der Arzt muss entscheiden und bestätigen, ob die Vaskulitis des Patienten tatsächlich der o.a. Definition entspricht.

Weitere gesetzliche Hürden

Der Gesetzgeber hat allerdings noch drei weitere Einschränkungen in das Gesetz gepackt. Der Arzt kann den Patienten nicht mit einer, in den ärztlichen Leitlinien für diese Krankheit festgelegten Standard-Medikation versorgen oder letztere wirkt nicht ausreichend oder zieht zu viele oder schwere Nebenwirkungen nach sich. Der Arzt muss zudem erklären, warum er sich von dem Einsatz des Cannabis-Medikaments eine „spürbare“ Verbesserung entweder des Krankheitsverlaufs oder der schwerwiegenden Symptome des Patienten verspricht.

Auf das Gespräch mit ihrem Neurologen sollten Vaskulitis-Patienten sich also gut vorbereiten. Sie sollten ihrem Arzt darlegen können, welche Medikamente bisher verordnet wurden und weshalb die bisherige Medikation für sie nicht passt. Verursacht sie zu schwere oder zu viele Nebenwirkungen? Kann sie den durch die Polyneuropathie bedingten Schmerz nicht gut genug eindämmen? Welche Folgen hat das für die Lebensqualität, das Wohlbefinden, den Umgang mit der eigenen Krankheit und die Arbeitssituation? Hilfreich und vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen oft gefordert ist ein Schmerztagebuch, das über einige Monate geführt werden sollte.

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Zusammen mit seinem Neurologen kann der Patient dann herausfinden, ob Cannabis qua Wirkung, aber auch möglichen Nebenwirkungen in seinem spezifischen Fall, also für die Schmerzbekämpfung bei einer Polyneuropathie, verursacht durch seine systemische Vaskulitis, eine gute Alternative darstellen kann. Das muss nicht per se der Fall sein. Möglicherweise – und das kann ein Argument der Krankenkasse gegen die Verschreibung von Cannabis sein – kommen andere Medikamente genauso gut in Frage. Möglicherweise kann die medikamentöse Schmerzbekämpfung während eines stationären Aufenthaltes besser eingestellt werden. Ob dieser Versuch stattgefunden hat, kann auch später eine Frage des Medizinischen Dienstes sein.

Der Antrag

Sind sowohl der Arzt, als auch der Patient jedoch davon überzeugt, dass Cannabis die beste Lösung ist, wird der Arzt einen Antrag mit allen o.a. vom Gesetz geforderten Begründungen auf Kostenübernahme bei der gesetzlichen Krankenkasse des Patienten stellen. Für die Ausarbeitung dieses Antrages verlangen manche Ärzte eine zusätzliche Gebühr (in einem mir bekannten Fall beträgt sie 90,- €) vom Patienten.

Und dann heißt es warten, denn bevor der Arzt dem Patienten ein Rezept für Cannabis ausstellen kann, muss zwingend die Genehmigung der Krankenkasse vorliegen. Innerhalb von drei Tagen ab Antragseingang sollte die Krankenkasse über den Antrag entscheiden, denn so steht es im Gesetz. Laut FAZ.net vom 10.01.2018 liegt die Genehmigungsquote der großen Kassen bei 62% – 64%.

Erfolgt ein positiver Bescheid, stellt der Arzt dem Patienten ein sogenanntes Betäubungsmittelrezept  (BTM-Rezept) aus. Damit kann der Patient sein Cannabis-Medikament über eine öffentliche Apotheke in Deutschland beziehen.

Cannabis-Seminar für Ärzte

Wenn ein Arzt sich für Cannabis als Therapieform interessiert, jedoch vor der Verschreibung angesichts der anspruchsvollen gesetzlichen Regelung zurückschreckt, kann er sich am Donnerstag, den 21.06.2018 an der Volkshochschule Böblingen-Sindelfingen in einem einstündigen Seminar von Dr. med Johannes Horlemann, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin und Leiter regionalen Schmerzzentrums in Kevelaer, weiterbilden lassen. Das Seminar wird übrigens per Internet-Life-Schaltung in die Begegnungsstätte in Kevelaer der Volkshochschule Goch am Niederrhein übertragen.

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4 Antworten zu Vaskulitis Kurznachrichten 3.2: Verschreibung von Cannabis

  1. Barbara Stermann schreibt:

    Hallo Federfluesterin, danke für den hilfreichen Bericht.Ich werde sicherlich bei Zeiten mit
    meinem Neurologen ins Gespräch kommen.Dein Bericht wird mir bei meiner Fragestellung
    sehr behilflich sein. Herzliche Grüsse Barbara

    • federfluesterin schreibt:

      Hallo Barbara, für unsere Pro Vaskulitis Mitglieder können wir auch schon einmal auf Anfrage zur Ansicht ein Antragsformular für Cannabis zur Verfügung stellen. Wenn Dich das interessiert, dann melde Dich bei uns.

      Herzliche Grüße, Pro Vaskulitis

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