Mehr als Kinderkram: Scherenschnitt als Kunst

Copyright (c) 422737 / pixabay.de

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Scherenschnitt? Ist das nicht was für Kinder?, denke ich, als ich die Ankündigung der Ausstellung „Erika Schirmer Scherenschnitte“ entdecke. Bilder von selbst aus Papier geschnittenen Girlanden für Kindergeburtstage und zu Weihnachten tauchen vor meinem inneren Auge auf. Aber, dass sich mit Papiergirlanden eine ganze Ausstellung im kulturhistorischen Museum der Stadt Bochum auf der Burg Kemnade bestreiten liesse, kann ich mir nicht vorstellen. Da muss  mehr dahinterstecken.

Scherenschnitt und Schattentheater

Und tatsächlich, als ich kurz zum Thema Scherenschnitt recherchiere, bin ich überrascht. Nicht nur, dass es ohne Scherenschnitte  kein Schattentheater gäbe, das vor vielen Jahrhunderten bereits in China und Indonesien ausgeübt wurde, das möglicherweise über die Seidenstrasse bis in die Türkei kam oder aber autonom dort entstanden ist. Nicht nur, dass Schattentheater vor allem in Frankreich sehr beliebt und weit entwickelt war, aber im 19. Jahrhundert auch von der gebildeten Bevölkerungsschicht in Deutschland gepflegt wurde. So vergnügte sich der Freundeskreis rund um die Dichterikone Johann Wolfgang von Goethe damit, Silhouettenschnitte von Personen herzustellen – ein frühes „Selfie“ – und im privaten Kreis Schattentheater-Stücke aufzuführen. Tiere, Pflanzen und ganze Szenen, wenn man so will, Bühnenbilder, wurden im Laufe der Zeit entwickelt.

Auch heute ist das Schattentheater keineswegs eine antiquierte Kunst, wie das poetische Schattenspiel des Künstlers Leroy Sanchez zum Tag der Seltenen Erkrankung 2015 zeigt:

Scherenschnitt als Kunst

Erika Schirmer, von deren über 800 Scherenschnitten lediglich eine Auswahl in zwei Räumen des Museums auf der Burg Kemnade ausgestellt ist, hat sich – in meinen Augen eine für Frauen immer noch typische Künstler-Karriere – von einer Hobbyistin zur Künstlerin weiterentwickelt.

Copyright (c) © Vincent Eisfeld / vincent-eisfeld.de / CC-BY-SA-4.0.

Copyright © Vincent Eisfeld / vincent-eisfeld.de / CC-BY-SA-4.0.

Die gebürtige Schlesierin, die dieses Jahr ihren 90sten Geburtstag feiert, arbeitete zunächst als Kindergärtnerin und, nach ihrem Lehrerstudium, ab 1972 als Pädagogin für behinderte Kinder und Jugendliche in Nordhausen, Thüringen, frühere DDR. Vielseitig begabt und interessiert, schrieb sie Gedichte, darunter das weltbekannte „Kleine weiße Friedenstaube“ von 1948, komponierte Kinderlieder, die in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht wurden, und widmete sich eben auch dem Scherenschnitt, und zwar nicht als Hilfs-Kunst des Schattentheaters, sondern als eigenständiger künstlerischer Ausdruck.

Wer die Ausstellung ihrer Werke auf der Burg Kemnade besucht, ist beeindruckt von den  äußerst filigranen Bilder an den weißen Museums-Wänden, mit Ornamenten, die in ihrer Komplexität, fein stilisierten Blumenhaftigkeit und Ausgefeiltheit schon an einen persischen Seidenteppich oder blaue Kachel-Moscheen erinnern.

Scherenschnitt von Erika Schirmer aus der Serie "Poesie im Ornament". Copyright (c) Stadt Bochum, Referat für Kommunikation

Scherenschnitt von Erika Schirmer aus der Serie „Poesie im Ornament“. Copyright (c) Stadt Bochum, Referat für Kommunikation

Zwischen Erika Schirmers Arbeiten und den Scherenschnitten meiner Kindheit liegen also Welten.

Und doch haben sie eines gemeinsam: Alle Formen sind auf ihr Essenz verringert, die Farben auf den Kontrast zwischen Schwarz und Weiß. Das schärft den Blick für das Wesentliche, für die Aussage der künstlerischen Arbeit. Weniger ist eben Mehr!

Copyright (c) Janx / pixabay.de

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Durch sparsamen, gleichwohl gezielten Einsatz einer dritten Farbe, eine Technik, die als Teilkoloration von Schwarz-Weiß-Photos auch in der Welt der Photographie angewandt wird, lenkt sie geschickt das Auge des Betrachters  und erweitert die Ausdrucksfähigheit ihrer Werke.

Den zwiedimensionalen Bildern stellt sie später mit perspektivischer Tiefe versehene Arbeiten daneben, aus ausgefeilter Ornamentik wird so Stadt- und Landschafts-Darstellung. Dazu gehören ihre Arbeiten über die Stadt Nordhausen und die Serie „Aus dem Leben eines Taugenichts“. Das ist Malen mit der Schere!

Scherenschnitt von Erika Schirmer, aus der Serie "Aus dem Leben eines Taugenichts" , Copyright (c) Stadt Bochum, Referat für Kommunikation

Scherenschnitt von Erika Schirmer, aus der Serie „Aus dem Leben eines Taugenichts“ , Copyright (c) Stadt Bochum, Referat für Kommunikation

Romantik oder nicht?

Märchenhaft kommen die Bilder daher, mit einer großen lieblichen Schönheit, die Geborgenheit und den Glauben an das Gute vermitteln. Ich ertappe mich bei dem Wunsch, dass die Figuren und Formen aus ihrer Fixierung erwachen und ihre Papier-Grenzen sprengen könnten.

Tatsächlich hat Erika Schirmer Märchenthemen aufgegriffen, aber auch die Poesie verschiedener Dichter des 19ten Jahrhunderts, wie Eduard Mörike, Joseph v. Eichendorff, Ludwig Bechstein, Hans Sachs, Holbein, Spitzweg, Theodor Storm, Cervantes und Saavedra. „Romantik“ wird diese Epoche in Dichtung und Malerei genannt. Ist Erika Schirmer also eine „rettungslose“ Romantikerin?

Gesellschaftliche Konflikte sind sicherlich nicht ihr Thema, vielleicht, weil sie auch als Künstlerin und, vor allem, Vertriebene sich in der damaligen DDR auf der sicheren Seiten bewegte, wenn sie politische Themen mied? Oder war sie, ähnlich wie Katharina Witt, die Eislaufathletin, so für sie selbst vorteilhalft in die DDR integriert, dass öffentliche Kritik ihr nicht in den Sinn kam? Kann es sein, dass, weil sie als Kriegsbetroffene und Flüchtling viel Schlimmes gesehen und durchgemacht hat,  sie sich aber auch lieber auf die positiven Seiten des Lebens konzentrierte? Vielleicht ist es ihr aber auch einfach wichtiger, positive Anstöße zu geben, auf bleibende Werte und Lebensweisheiten zu verweisen, auf das, was einen Menschen durch sein Leben leiten kann, als sich in zeitgebundenen und daher irgendwann sich auflösenden Konflikten zu verlieren?

Copyright (c) Lohrelei / pixabay.de

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Ich fühle mich beim Betrachten der Arbeiten Erika Schirmers aufgehoben in einem Kosmos voll ruhiger Gewissheit und harmonischer Schönheit, der mich an die Welt meiner Großeltern aus den 50ger Jahren erinnert. Was anfangs als Hobby begann, hat Erika Schirmer zur hohen Kunstfertigkeit entwickelt, und das schließlich in so ausgezeichnetem Maße, dass ihre Arbeiten Kunst geworden sind. Dass es inzwischen auch andere, wagemutigere, experimentellere oder gesellschaftskritischere Scherenkunst gibt, tut der Qualität ihrer Arbeiten keinen Abbruch.

Die Ausstellung der Scherenschnitte Erika Schirmers können Sie, liebe Leser, noch bis Sonntag, den 24. April 2016, im kulturhistorischen Museum der Stadt Bochum auf der Burg Kemnade sehen.

 

Ich danke der Stadt Bochum, Referat für Kommunikation, insbesondere Herrn Christoph Schliermann und Herrn Lutz Leitmann, für die freundliche Bereitstellung der zwei Ausstellungs-Fotos der Scherenschnitte von Erika Schirmer.

 

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