Die richtige Linie und das richtige Mass

Die Zungenspitze rutschte vor lauter Anspannung leicht aus dem Mund – mein kleiner Neffe malte seine ersten Buchstaben zwischen die drei Linien des Schreibheftblattes.  Konzentriert bewegte er den Stift voran und versuchte, die richtige Linie und das richtige Mass zu finden.

Copyright (c) yesxcom / pixabay.de

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Auch wenn die mittelalterlichen christlichen Kalligraphen keine Schreibanfänger waren, sehr viel anders wird es ihnen nicht ergangen sein. Die schöne Schreibkunst musste dem Gegenstand, der Heiligen Schrift, angemessen sein. Ein individueller Schreibstil war nicht gefragt, sondern Konzentration, die richtige Linie und das richtige Mass. Die letzteren beiden wurden durch die Kirche vorgegeben. Die erstere war die Voraussetzung, um die Bibel fehlerfrei kopieren zu können, denn das waren die  Kalligraphen in den Klöstern Europas: Vervielfältiger des Heiligen Buches.

Doch, ging es nur um ein fehlerfreies Abschreiben?

Wenn eine Nonne oder ein Mönch in einem osteuropäischen Kloster eine Ikone malt, dann malt sie oder er nach genauen Regeln, die die Haltung, die Dimensionen und die Farbgestaltung der dargestellten Mutter Gottes oder Heiligenfigur vorgeben, mit anderen Worten, den richtigen Inhalt, die richtige Linie und das richtige Mass in Bezug auf die Darstellung des betreffenden Sinnbildes. Nichts anderes tut ein buddhistischer Mönch, der ein buddhistisches Schaubild, einen Thangka, erstellt.

Zugleich aber dient der Prozess des Malens der Versenkung des geistigen Adepten in die spirituelle Wahrheit, die dargestellt werden soll, im Idealfall, bis er sie vollkommen erfasst. Nicht anders sollte das kalligraphische Schreiben der Bibel – neben der Verbreitung des Glaubens durch die kopierten Bücher – den Mönchen des Mittelalters ihrer Versenkung in die christliche Offenbarung dienen. Nur der, wer die spirituelle Wahrheit erkannte und so in sich selbst realisierte, fand beim Schreiben des Heiligen Buches die richtige Linie und das richtige Mass.

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