Terminservicestellen: Hilfe oder Mogelpackung?

Viel zu lange Wartezeiten für einen Termin beim Facharzt

Copyright (c) Geralt / pixabay.de

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Gesetzlich Versicherte, die öfter oder plötzlich für eine dringende Diagnose zu einem Facharzt gehen müssen, haben in der Vergangenheit lange Wartezeiten  in Kauf nehmen müssen. Vor allem chronisch Kranke, wie es typischerweise Patienten mit Seltenen Erkrankungen sind, können davon ein Lied singen.

Ist jemand akut krank, kann er eine Wartezeit von 2 –  6 Monaten nicht hinnehmen, ihm muss sofort geholfen werden. Aber: Nicht jeder Patient ist online und kann dort nach  Fachärzten mit einem freien Termin suchen. Zudem  haben noch immer einige Fachärzte keine eigene Website oder sind  online nicht gelistet. Daher kennt kaum ein Patient alle erreichbaren Fachärzte in seiner Umgebung und kann sie zwecks eines Termins ansprechen.Wer ernsthaft erkrankt ist, hat für eine solche umfangreiche Suche auch garnicht die Kraft.

Terminservicestellen sollen Wartezeit für gesetzlich Versicherte verringern

Die Initiative der Bundesregierung, einen Facharzttermin über die seit dem 25. Januar 2016 eingerichteten Terminservicestellen finden und vermitteln zu lassen, ist deshalb aus Patientensicht zunächst einmal eine gute Idee. Doch schauen wir uns aus Anlass des gesundheitspolitischen Aschermittwochs in Essen einmal an, wie die Servicestellen laut Kassenärztlicher Vereinigung arbeiten sollen.

Jeder gesetzlich Versicherte kann sich einen Termin bei einem Facharzt von der Servicestelle vermitteln lassen. Das kostet ihn aber zunächst erstmal mehr Zeit. Denn, wenn er sich alleine den Termin besorgen würde, könnte er in der Regel ohne Überweisung dorthin gehen.  Um die Terminservicestelle mit der Teminsuche beauftragen zu können, muss er aber erst einmal zu seinem Hausarzt. Der Hausarzt muss ihm eine dringliche Überweisung ausstellen, sonst wird die Terminservicestelle erst garnicht tätig. Lediglich einen Termin beim Frauen- oder Augenarzt vermittelt die Servicestelle auch ohne Überweisung.

Eine „Vollservicestelle“ sind die Terminservicestellen aber auch so nicht. Untätig bleibt die Terminservicestelle bei Bagatellerkrankungen und Routineuntersuchungen. Nicht vermittelt werden außerdem alle Termine beim Zahnarzt, Kieferorthopäden und Psychotherapeuten, sowie Kinder- und Jugendärzten.

Es ist fraglich, ob akut und ernsthaft Kranke auf die Leistung der Terminservicestelle zurückgreifen sollten. Die Servicestelle kann sich nämlich für die Ermittlung des Termins bis zu einer Woche Zeit lassen, der Termin selbst muss lediglich  innerhalb von 4 Wochen ab dem Anruf des Versicherten stattfinden. Erst, wenn kein Termin bei einem niedergelassenen Facharzt gefunden werden kann, vereinbart die Servicestelle einen Termin mit der Ambulanz eines Krankenhauses.

Was, wenn der vermittelte Termin aus Sicht des Patienten viel zu spät liegt, oder die Anfahrt für ihn zu weit oder beschwerlich ist? Sagt der Patient den vermittelten Termin später als noch am selben Tag  der Vermittlung in der betreffenden Praxis und bei der Servicestelle ab, hat er den Anspruch auf eine weitere Terminsuche durch die Servicestelle verloren.

Wie lange darf die Anfahrt dauern? Vor allem Patienten in ländlichen Gebieten wird diese Frage wichtig sein. Der Weg zum vermittelten Facharzt darf so weit sein, wie der doppelte Weg zum eigenen Hausarzt. Braucht der Patient also 3o Minuten für den Weg zu seinem Hausarzt, darf ein Facharzt vermittelt werden, der in 60 Minuten Entfernung erreichbar ist. Für so manchen älteren, geschwächten Menschen ist ein solcher Anfahrtsweg zu lang!

Qualifikation des Facharztes für Seltene Erkrankungen kein Kriterium

Kritisch ist auch: Einen Termin bei seinem Wunscharzt erhält der Patient nicht. Damit gibt der Patient de facto freiwillig sein freies Ärzte-Wahlrecht auf – und schafft damit einen  Präzedenzfall. Und das hat nicht alleine die Bedeutung, dass man nicht von dem Arzt behandelt wird, bei dem die Chemie stimmt.

Bei Menschen mit Seltenen Erkrankungen, also auch Vaskulitis-Patienten ist es wichtig, dass der behandelnde Facharzt aktuelle und umfassende Kenntnisse über diese Seltene Erkrankung hat, nicht nur – einmal kritisch formuliert – die Erinnerung an 10 Minuten Vorlesung  in Studium vor vielen Jahren, wie schon so mancher mir gegenüber ehrlichheitshalber zugegeben hat. Neben der theoretischen, aktuellen Fachkenntnis der Krankheit ist auch eine ausreichende Praxiserfahrung in der Behandlung der Erkrankung wichtig. Die Mitarbeiter der Terminservicestellen haben nun aber keinen Zugriff auf die Datenbank-Informationen, die ihnen anzeigen würde, welcher Facharzt überhaupt für die Behandlung von Vaskulitiden qualifiziert ist.

Copyright (c) Geralt / pixaby.de

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Konkret bedeutet das, dass, wenn ein Vaskulitis-Patient ein Termin bei einem Rheumatologen benötigt, er, weil nun einmal die weitaus meisten Rheumatologen als Orthopädische Rheumatologen qualifiziert sind, mit großer Wahrscheinlichkeit einen Termin bei einem solchen, für ihn nicht-qualifzierten Facharzt vermittelt bekommen wird. Ein Vaskulitis-Patient muss nämlich von einem Internistischen Rheumatologen mit Erfahrung in der Behandlung von Vaskulitiden behandelt werden.

Wer schon einmal erlebt hat, dass ein Orthopäde sich so wenig mit einer gängigen Medikation bei Vaskulitiden auskennt, dass er ein Schmerzmittel verschreiben wollte, das in Kombination mit der Vaskulitis-Medikation das Rückenmark geschädigt hätte, der wird sich von einem Facharzt, der sich nicht mit Vaskulitiden auskennt, aus Selbstschutz nicht behandeln lassen wollen.

Als ich sowohl beim Bundesgesundheitsministerium, als auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung, die die Terminservicestellen einrichten musste, nachfragte, ob und wie gewährleistet ist, dass Vaskulitis-Patienten an für sie qualifizierte Fachärzte vermittelt werden, erhielt ich lediglich den Hinweis auf die bestehenden, allgemeinen Regelungen zu den Terminservicestellen, wie oben dargestellt. – De facto versuchte also sowohl das Ministerium als auch die kassenärztliche Vereinigung, der Beantwortung meiner Frage nach der  Vermittlung ausreichend qualifizierter Fachärzte für Vaskulitiden auszuweichen. Gerade DAS ein Grund mehr für mich, noch einmal und umso genauer hinzuschauen!

Das Bundesgesundheitsministerium widerspricht sich selbst

Pikant ist nämlich, dass das Bundesgesundheitsministerium als Teil des NAMSE (Nationales Aktionsbündes für Menschen mit Seltenen Erkrankungen) an der Ausarbeitung des Nationalen Aktionsplanes für Menschen mit Seltenen Erkrankungen beteiligt war, der am 28. August 2013 vorgestellt wurde. In diesem Plan wird die Bildung von spezialisierten Zentren für die medizinische Versorgung von Patienten mit Seltenen Erkrankungen empfohlen, natürlich, damit die Patienten dort und nicht irgendwo sonst behandelt werden.

„Die Typ C Zentren (Kooperationszentren für Krankheit/Krankheitsgruppe x) stellen die krankheits- oder krankheitsgruppenspezifische ambulante Versorgung interdisziplinär und multiprofessionell sicher. Ein Typ C Zentrum (Kooperationszentrum) ist in erster Linie für die Erbringung konkreter Versorgungsleistungen bei Patienten mit gesicherter Diagnose oder klarer Verdachtsdiagnose zuständig. In Frage kommen hierfür bspw. niedergelassene Schwerpunktpraxen, Gemeinschaftspraxen, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) oder Krankenhäuser. “  zu finden auf Seite 11, Nationaler Aktionsplanes für Menschen mit Seltenen Erkrankungen, NAMSE, Bonn 2013

Ich frage mich da, nimmt das Bundesgesundheitsministerium sich selbst nicht ernst?

Das Ministerium hätte, wenn seine eigenen Empfehlung nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern ernst gemeint gewesen wäre, festlegen müssen, dass die Terminservicestellen Patienten mit Seltenen Erkrankungen zumindest an ein Typ C-Zentrum verweisen!

Bei unklarer Diagnose, aber Verdacht auf eine Seltene Erkrankung müsste ein Termin bei einem Typ A Zentrum vermittelt werden.

Ein solches Zentrum ist ein Krankenhaus, das “ für die jeweilige Seltene Erkrankung oder Krankheitsgruppe über ein ambulantes und stationäres Versorgungsangebot verfügt…und haben zusätzlich krankheitsübergreifende Strukturen (z.B. für die Betreuung von Patienten mit unklarer Diagnose, Lotsen, interdisziplinäre Fallkonferenzen,innovative Spezialdiagnostik)“ zu finden auf Seite 11, Nationaler Aktionsplanes für Menschen mit Seltenen Erkrankungen, NAMSE, Bonn 2013

Fazit

copyright (c) Geralt / pixabay.de

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Die Nutzung der Terminvergabe über die Servicestellen ist aus den oben beschriebenen Gründen aus meiner Sicht für Menschen mit Seltenen Erkrankungen nicht zu empfehlen. Zu groß ist die Gefahr, auf einen, für die eigene Krankheit nicht ausreichend qualifizierten Arzt zu treffen.

Das Bundesgesundheitsministerium ignoriert die Empfehlungen, die es selbst mit ausgearbeitet, und werbewirksam im August 2013 als Meilenstein auf dem Weg zu einer besseren medizinischen Versorgung von Menschen mit Seltenen Erkrankungen vorgestellt hat!

War der Nationale Aktionsplan nur ein Lippenbekenntnis der Regierung?

Für 1,1 Million Flüchtlinge werden Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Es sei denen gegönnt, die politisch- und kriegsverfolgt sind und es brauchen. Für Griechenland werden Rettungspakete in Höhe von 241 Milliarden Euro bereitgestellt.

Und 4 Millionen Menschen mit Seltenen Erkrankungen in Deutschland sind es der Politik immer noch nicht wert?

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