Auf der Spur des Lichts

Copyright (c) Timo Klostermeier/ pixelio.de

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Dunkelheit, jeden Tag mehr, bis zur Wintersonnenwende – den Wenigsten gefällt das! Umso mehr genießen wir alle die Weihnachtslichter – aber vor allem, weil es draußen so schnell dunkel wird!

Liebe Leser, sehen wir Licht nur in Zusammenhang mit Dunkelheit wirklich gut? Was bedeutet Licht? Was genau ist Licht?

Lichtkunstzentrum Unna

Fibonacci-Reihe (Mario Merz, 2000), Zentrum für Internationale Lichtkunst Copyright (c) Stadt Unna

Fibonacci-Reihe (Mario Merz, 2000), Zentrum für Internationale Lichtkunst
Copyright (c) Stadt Unna

Auf die Spur des Lichts und seinen Bedeutungen zwischen Physik und Metaphysik, Astronomie und Poesie, Freiheit und Diktatur, Transparenz und Festigkeit, Furcht und Vergnügen, Wahrnehmung und Illusion begeben sich Besucher des international renommierten, vor allem bei Niederländern beliebten, Lichtkunstzentrum in Unna in der alten Lindenbrauerei, am Rande der schönen Fachwerkhaus-Altstadt von Unna.

Bürgerentrum Lindenbrauerei Unna Copyright (c) federfluesterin

Bürgerzentrum Lindenbrauerei Unna
Copyright (c) federfluesterin

Im ehemaligen Braukeller des vor 25 Jahren zum soziokulturellen Zentrum umgebauten und fungierenden Backssteingebäudes haben die Lichtkünstler Joseph Kosuth, Mischa Kuball, Keith Sonnier, Christina Kubisch, Francois Morellet, Rebecca Horn, Christian Boltanski, James Turell und Olafur Eliasson sich je einen dunklen Raum für ihre Lichtinstallationen auswählen dürfen, den sie jeweils ganz nutzen.  Als Teil der aktuellen Ausstellung ¡DARK! kommen die Amerikaner Anthony McCall  und Lucinda Devlin , die Niederländerin Diana Ramaekers und die Deutschen Regine Schumann und Vera Röhm dazu, sowie Lichtobjekte von Mischa Kuball, Li Hui, Stephan Reusse und Jan van Munster.

Eingang des Lichtkunstzentrums Unna

Eingang des Lichtkunstzentrums, Copyright (c) federfluesterin

Die Kellergewölbe und damit die  Kunstwerke, sind nur im Rahmen einer Museumsführung zugänglich, da jeder Besucher sie komplett durchlaufen muss. Ein kleiner, aber verständlicher Wehrmutstropfen: Das Fotografieren während der Führung ist nicht erlaubt – das in den dunklen Katakomben unvermeidliche Blitzlichtgewitter würde die Wahrnehmung der Lichtinstallationen empfindlich stören. Nur an besonderen Tagen dürfen Besucher ohne Führung in die Ausstellung. Dann darf auch fotografiert werden, allerdings ohne Sondergenehmigung nur ohne Stativ, was bei den vorherrschenden Lichtverhältnissen dem Fotografen und seiner Ausrüstung einiges abverlangen dürfte.

Das Erlebnis Licht

Alle Interessenten treffen sich bei dem ersten Lichtkunstwerk von Jan van Munster, eingelassen als großes, rundes Bullauge,  früher der Paternosterschacht für die Bierfässer,  im Boden des Flurs vor dem Museumskeller. Immer wieder erscheinen leuchtend blaue Wörter in der Tiefe, „Ich“ in den verschiedenen europäischen Sprachen. Die Ichs treffen zusammen, sind trotzdem räumlich getrennt, kommen und gehen, um wieder an anderer Stelle aufzuscheinen. Wie die Individuen, die sich von da aus auf die gemeinsame Führung durch das Erlebnis Licht begeben, auf eine Begegnung auf Zeit.

Es geht Treppe für Treppe und auf Rampen hinunter in die kühl-feuchte Gewölbekellertiefe. Über meine warme Jacke und Stiefel bin ich froh.

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Die Museumsführerin, Fr. J. Müller, Lichtkunstzentrum Unna, vor dem Eingang zur Ausstellung
Copyright (c) federfluesterin

Licht neu erfahren

Unsere freundliche und kundige Museumsführerin, Frau J. Müller, leitet uns in der dunklen Unterwelt von Raum zu Raum, von Kunstwerk zu Kunstwerk. Jeder kann sich im und durch die Installationen bewegen, sie durchlaufen und erleben, Licht schauen, fühlen, greifen – Kann man Licht greifen? Es scheint mir so, dermaßen plastisch ist das Licht der halbrunden Kegelstrahlen in „Meeting You Halfway II“ von Anthony McCall.

 

Lichtkunstinstallation Floater 99 von James Turrell

James Turrell (*1943) – Floater 99 (1999/2001), Copyright (c) Zentrum für Internationale Lichtkunst, Unna

Dagegen scheine ich, als ich mich auf meinen Socken im empfindlich beschichteten Kunstwerk „Floater 99 (1999/2001)“ von James Turrell bewege, Licht gerade als nicht- greifbar und als Vermittler einer Grenzenlosigkeit und Unendlichkeit des Raumes wahrzunehmen. Eine schöne Erfahrung von Freiheit für mich. Für andere beunruhigend, dieses Fehlen einer sonst so selbstverständlichen Sinnesgrenze.

Die Erläuterungen unserer Museumsführerin regen dazu an, seinen eigenen Zugang zum Kunstwerk zu finden. Erfrischend, dass der  Gedankenaustausch untereinander während der Führung ganz wie von selbst läuft.

Licht im Braukeller

Die Lindenbrauerei  hinterlässt ihre Spur in dem einen und anderen Kunstwerk.  Am Deutlichsten ist das der Fall bei Christina Kubisch. Sie nimmt mit ihrem Gärbecken-Wasserrauschklang-Ensemble bewusst Bezug auf die Vergangenheit des Braukellers. Keith Sonnier integriert geschickt das aufsteigende Grundwasser in seinem Gewölberaum als Spiegelmedium für die Lichtelemente im „Tunnel of Tears“. Abfallende Rampen, die die Architekten bereits zur besseren Begehbarkeit des ersten Kellerraums eingebaut hatten, erlauben dem Besucher, sich das Kunstwerk „Die Signatur des Wortes“ von Joseph Kosuth zu erschließen, allerdings bei seiner Vorwärts-und Abwärtsbewegung immer nur ein Stückweit. Ich muss also immer wieder das Ganze, ein Zitat von Heinrich Heine zur Fähigkeit des Menschen, sich seine Welt selbst zu gestalten, bis zum Schluss selbst ergänzen und mir vorstellen – auch das ist ein eigenes Gestalten.

Licht zwischen Physik und Methaphysik

Lichtinstallation von Mischa Kuball (*1959) – Space-Speech-Speed (1998/2001),

Mischa Kuball (*1959) – Space-Speech-Speed (1998/2001), Copyright (c) Zentrum für Internationale Lichtkunst, Unna

Bei „Space-Speech-Speed“ von Mischa Kuball hingegen schaue ich still. Ich sehe filigranes, von drei Spiegelkugeln reflektiertes,  um den ganzen Raum wanderndes Buchstabenlicht, das als Wort der Schöpfung unsere Welt aus Raum und Zeit in seiner unendlichen, faszinierenden Vielfältigkeit beständig neu formt.

Licht ist ein Symbol, das von vielen Religionen aufgegriffen wird.  In der Bibel: 1. Buch Mose „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Die 24. Sure des Qur’ans ist der Lichtvers (āyat an-nūr): „Allah ist das Licht der Himmel und der Erde.“ Das Weiß der hinduistisch-brahmanischen Kleidung steht für Reinheit und Licht. Buddha erfuhr eine Erleuchtung.

Die Lotusschatten-Installation von Rebecca Horn visualisiert Meditation und wer weiß, Erleuchtung?

Die optisch und akustisch überraschend ästhetischen Lichtinstallationen der Künstler spielen mit Ideenpaaren, wie Metaphysik und Physik, Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht, Schöpferwort und Wortschöpfung,  Leben und Tod, Freiheit und Kontrolle, Transparenz und Begrenztheit, Inneres und Äußeres. Der Besucher erfährt stets andere Aspekte von und Sichtweisen auf Licht.

Im Laufe der Reise durch die stille, dunkle Keller-Welt regt so das, was der Besucher wahrnimmt und erlebt, ihn  immer wieder aufs Neue und auf  spannende Weise dazu an, für sich selbst eine Antwort auf die Frage zu suchen – und vielleicht zu finden? :

Was ist eigentlich Licht?

Weihnachtsbaum vor der Stadtkirche Unna, Copyright (c) federfluesterin

Frohe Weihnachten, liebe Leser!

 

Ich danke Frau Müller und Frau Hahn vom Zentrum für Internationale  Lichtkunst Unna für die gute und unkomplizierte Zusammenarbeit und die freundliche Bereitstellung der Fotographien der Arbeiten von James Turrell und Mischa Kuball!

 

 

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