Ein Flüchtling, der vom Himmel fiel

Copyright (c) Manfred Schimmel / pixelio.de

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Auf meinen Streifzügen durch den Garten sah ich sie manchmal: kleine Bündel gerupfter Federn, die, wie achtlos weggeworfen, auf dem Gartenweg oder Rasen lagen. Jedesmal dachte ich betroffen, das wieder eine der zahllosen Katzen aus der Nachbarschaft einen meiner Singvögel für immer seiner Stimme und seines Lebens beraubt hatte. Der Gedanke daran betrübte mich. In den nächsten Tagen vermied ich es, meine Schritte in die Nähe des Tatorts zu lenken. Lieber beobachtete ich ein Pärchen Waldtauben, das jeden Tag am späten Mittag in trauter Gemeinsamkeit auf unserer Wiese nach Essbarem suchte und anschließend eng auf einem Ast meiner alten Birke zusammen saß.

Copyright (c) Elisa Al Rashid / pixelio.de

Copyright (c) Elisa Al Rashid / pixelio.de

Als mich heute nachmittag die Lust auf einen marokkanischen Minztee überfiel, ging ich wieder einmal in den Garten, um mir ein paar frische Zweige Pfefferminz aus einer meiner Kräuterkisten zu holen. Sie stehen aufgereiht in der Nähe der Garage vor einer Buchenhecke.

Nachdem ich ein paar schöne Zweige ausgesucht und gerade zum Schnitt angesetzt hatte, nahm ich ein leichtes Poltern wahr, irgendwo hinter mir, weit oben, alsob etwas auf das Garagendach gefallen war. Das war an sich nichts Ungewöhnliches. Von der großen, alten Kiefer, die bei der Garage steht, fallen öfter Zapfen auf das Dach. Dieses Poltern wurde jedoch begleitet von einem Geräusch, das sich wie Flattern anhörte. Neugierig drehte ich mich um, und genau in dem Moment purzelte ein großes, schwarz-grau-braun-weisses, fedriges Knäuel über den Rand des Garagendachs, direkt vor mir auf den Boden. Schnell entfaltete sich das basketballgroße Knäuel, daraus öffneten sich mit kräftigem Schlag Flügel und ich erblickte mitten drin einen kleineren Vogel! Er wurde von den großen Klauen eines Falken an Brust und Flügel festgehalten.

Copyright (c) PicturePoint.biz / pixelio.de

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Doch nicht nur ich sah die beiden, beide sahen auch mich, die große bedrohliche Figur, die da nun vor ihnen aufragte. Ein Augenblick und in einem Bruchteil einer Sekunde löste der Falke seine Fänge und schwang sich mit kräftigem Flügelschlag hoch in die Kiefer. Der kleine Vogel huschte fast gleichzeitig wie ein Blitz  an mir vorbei unter die Kräuterkiste.

Vom Donner gerührt schaute ich den beiden hinterher, dem großen Vogel oben und dem kleinen unten. Mehrere Minuten lang bewegte sich nichts, auch ich nicht. Nach einer ganzen Weile atemloser Stille kam unter meiner Kräuterkiste der Flüchtling, der unter ihr Schutz gesucht hatte, hervor. Eine zierliche, braunweiße Taube, ihr Federkleid löchrig und zerstaust, in alle Richtungen zu Berge stehend. Und genauso verwirrt wie ihre Federn war auch  die Taube selbst.

Copyright (c) angieconscious / pixelio.de

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Ein paar lange Sekunden – eine kleine Ewigkeit – schaute sie mir, noch ganz unter Schock, in die Augen, erst dann hob sie, plötzlich zu sich kommend, mit raschem, rauschenden Flügelschlag ab. Zurück blieben nur, verstreut am Boden vor der Kräuterkiste, kleine und größere Bündel ihrer Federn, die die Klauen des Falken herausgerupft hatten.

Die Zeit der Taube war einfach noch nicht gekommen gewesen!

 

Copyright (c) günther gumhold / pixelio.de

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