Tote suchen Angehörige!

Namenloses Grab

Namenloses Grab
Copyright (c) Bernd Kasper / pixelio.de

Mitten in Polen flossen ihr die Tränen. Aus dem Nichts. Dabei hatte sie ihn doch garnicht gekannt. Jedenfalls nicht persönlich. Ihr Onkel, vor mehr als einem halben Jahrhundert gefallen. Aber ein Unbekannter war er auch nicht. Da waren die Geschichten, die sie schon als Kind gehört hatte, von der Mutter, den Tanten, der Großmutter.

Ein so lieber Junge, ja, die Streiche, erinnerst Du Dich?…Die Karnevalsfeier mit den anderen Studenten in der Berghütte, Du als 15jährige mit dabei, er funktionierte die Bettlaken um und erschien als Gandhi ?  Brüllendes Gelächter! …und wie er sich Urlaub genommen hatte, nur um seine kleinste Schwester am Bahnhof vor der Kinderlandverschickung nach Tschechien noch einmal zu sehen. Getröstet hatte er Dich, liebevoll gestärkt, so ohne Eltern und Geschwister als Achtjährige in ein fremdes Land. Danach die bedrückten Briefe, die er von der Front schickte, so viel Entsetzliches, tapfer ist er, die Todesahnung. Den Eltern hast Du nichts davon gesagt. Nein, er wollte das nicht. Du wurdest zur Leiterin des Kinderlagers gerufen. Die Nachricht von seinem Tod. Fürs Vaterland gestorben. Du tatest so, alsob es Dir nichts ausmachte. Du hattest Angst. Mit Vaterländischem Stolz. Selbst in dem Brief, den Du an Vati senden musstest, hast Du das so geschrieben. Und Dich schrecklich geschämt. Dabei hast Du nur geweint. Aber ganz innen, wo es keiner sah.

Nun also haben sie ihn gefunden.

Von seinen Schwestern leben noch zwei, ihre Mutter ist eine davon. Aber sie wollen nichts tun. Trauma-geschädigt? Kindlicher Egoismus, der dem Schmerz einer erneuten Begegnung mit seinem Tod ausweichen will? Also erklärt sie, die Nichte, die Nachkriegsgeborene, die ihn nie kennengelernt hat, sich bereit, hinzufahren, zur Beerdigung seiner vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. umgebetteten Gebeine. Zur Zeremonie für diesen fremden, bekannten Onkel. Viele Jahre jünger gestorben, als sie selbst schon ist.

Alles geht gut, die Anreise verläuft reibungslos, sie wird bei der Ankunft gut betreut, das Hotel ist angenehm. Und nun noch die Beerdigungszeremonie, ein paar Fotos für die Mutter und die Tante, dann geht es wieder nach Hause. Und da steht sie an diesem frischen Grab, es ist gerade eingesegnet, und plötzlich kommen ihr die Tränen. Über all den schwelenden Schmerz, den andauernden Verlust, den harten Bruch, die unendliche Lücke, die dieser gefallene junge Mann, ja, auch nach Generationen noch, für die Familie bedeutet. Die Fassungslosigkeit und Trauer über sein so brutal abgeschnittenes Leben, über diesen völlig unsinnigen Tod. Und über die Erleichterung, dass all das nun seinen Platz hat, an diesem Grab. Und dort auch, nach so vielen Jahren, seinen Abschluss findet.

Grablicht

Copyright (c) Bernd Kasper / pixelio.de

Er ruhe in Frieden.

Die Zeit drängt

5 Millionen Kriegstot sind in den Datenbanken des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge erfasst. Nur in 10% der Fälle konnten aber die Angehörigen ausfindig gemacht und benachrichtigt werden. Dabei werden jedes Jahr rund 30 000 gefallene Soldaten und zivile Kriegstote geborgen und auf Friedhöfe, die der Volksbund anlegt und unterhält, umgebettet.

Nun, 70 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs, versterben die letzen Angehörigen, die einen Kriegstoten noch gekannt haben können. In den Wohnungsauflösungen verschwinden viele Fotos und Dokumente, die noch auf die Vermissten hinweisen könnten. Daher drängt die Zeit. Der Volksbund hat sich deshalb mit der Aktion „Toter sucht Angehörige“ an die Öffentlichkeit gewandt und eine gesonderte Website

http://www.graebersuche-online.de

eingerichtet.

Wer einen Angehörigen seit dem letzten Weltkrieg vermisst oder sogar weiß, dass er getötet wurde, kann dort in der Datenbank des Volksbundes nach seinem Grab suchen und womöglich endlich Gewissheit finden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aktuell abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s