Der Dekke Pitter und der kleine Mann

Kölner Dom (c) Ruth Rudolph / pixelio.de

Kölner Dom (c) Ruth Rudolph / pixelio.de

386 Stufen bis zum Panoramablick über Köln. Diese schweißtreibende Klettertour – und das immerhin mitten im rheinischen Flachland – steht mir bei jedem lieben Besuch aus dem Ausland bevor. Da ich ja weiß, was auf mich zukommt, lasse ich dem jugendlich-sportlichen Gast nur allzu gerne den Vortritt auf der engen, mittelalterlichen Steintreppe, die sich im Südturm zur Aussichtsplattform des Kölner Doms auf 70 Meter Höhe hochwindet. Ohnehin ist im Sommer an ein schnelles Fortkommen nicht zu denken. Die Turmaufsteiger stauen sich, einer hinter dem Anderen, auf den Stufen, der Gegenverkehr der Turmabsteiger kann sich in der Enge nur mit Mühe gen Erdboden entlangwurmen.

Turmtreppe im Kölner Dom (c) Rike/pixelio.de

Turmtreppe im Kölner Dom (c) Rike/pixelio.de

Aber Rettung naht. Auf 53 Meter Höhe führt links eine kleine Türöffnung in einen schmalen Gang. Während mein Gast mir voraus mit tapferem Blick hoch gen Aussichtsplattform steigt, tauche ich unauffällig ab in dieses Schlupfloch. Der Gang öffnet sich nach einer kleinen Strecke in die Glockenstube des Kölner Doms: ein kleines Aufsichtshäuschen aus Holz, drei Holzstufen nach unten auf ein Podest mit links und rechts zwei einfachen Sitzbänken, rundherum eine Brüstung. Und direkt dahinter, freihängend, eine riesige, übermannsgroße Glocke, der Dekke Pitter.

Der Dikke Pitter (c) Rike / pixelio.de

Der Dikke Pitter (c) Rike / pixelio.de

Wenn Kölns beliebteste Glocke anfängt zu läuten, dann vibriert der ganze Glockenstuhl und mit ihm der Mensch, der sich dort aufhält. Ein großer, warmer, voller, weittragender Ton.

Auch mit Ohrenschutz, ohne den diese mächtige Glocke ihm sein Gehör wegläuten würde, wird der Besucher davon gefangen genommen. Was für ein Erlebnis, wenn dieser Klang den ganzen Körper erfasst! Aber auch ganz ohne Läuten ist der Dekke Pitter eine imposante Erscheinung.

Neulich saß ich wieder in der rettenden Glockenstube auf einer der Seitenbänke, als sich aus dem Touristenstrom ein Mann und an seiner Seite ein kleiner Junge löste, vielleicht fünf Jahre alt. Auf der obersten Holzstufe angekommen sahen sie sich dem Dikken Pitter gegenüber. Der kleine Junge schaute auf die Glocke, die in ihrer, aus seiner Perspektive überwältigenden Größe, direkt vor ihm aufragte.

Unwillkürlich stolperte er ein paar Schritte zurück, suchte mit den Augen seinen Vater und rief dann voller Bestürzung und Sorge aus:

„Pappi, wann glockt die Glocke denn?“

Blick (c) Melling liudmila/pixelio.de

Blick (c) Melling liudmila/pixelio.de

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