Andersartig?

erungen (c) BirgitH/pixelio.de

Erinnerungen (c) BirgitH/pixelio.de

Schwarz-weiß und Braun-Grautöne, gezeichnet in durchsichtig, fast träumerisch gezogenen Zeichnungen, so präsentiert sich der Kurzfilm „andersartig“ von Dennis Stein-Schomburg. In etwas mehr als vier Minuten lässt der Film den Zuschauer eintauchen in die tiefen Schichten der Erinnerungen einer alten Dame. Untermalt von idyllisch-ruhiger Klaviermusik erinnert sie sich an ihre Kindheit. Rauhe Motorengeräusche brechen die Idylle kratzend auf, leiten über zu der Situation, in der sie die eine, für sie absolut lebenswichtige Entscheidung traf. Eine Entscheidung genau im Gegensatz zu der, die die Vernunft vorgegeben hätte.

Warum aber entschied sie so, und nicht anders? Das ist die Frage, die der Film beantworten will.

Der Film argumentiert, dass sie sich als Kind schon von den Menschen in ihrer Umgebung unterschied. Sie lebte in ihrer eigenen Welt, ging ihren eigenen Weg, war ein eigensinniger Mensch. Der stringenten Mathematik abhold, ja verträumt war sie, das suggerieren die Bilder. Sie war eben anders als der Rest. Das Anderssein erscheint als Erklärung für ihre lebenswichtige Entscheidung, entgegen der Ratio, vor der Hand liegend und nachvollziehbar. Wie kommt es aber nur, dass, so schlüssig, wie die Geschichte vorgetragen und filmisch gestaltet ist, sie mich so unzufrieden zurücklässt?

Das, was mir dieser Film erzählt, ist, dass diese Dame als junges Mädchen intuitiv wusste, dass sie ihre Schritte nicht in die eine, sondern in die andere Richtung setzen musste. Ein plötzliches inneres Wissen, das nichts mit Träumerei zu tun hat. Es zeigt im Gegenteil eine große Wachheit, über die die anderen Kinder, die wohl eher an ihrer Außenwelt orientiert waren, nicht verfügten. Auf der Ebene der Vernunft, des Denkens, ist dieses Wissen  einfach nicht zu erklären.

Die meisten Menschen scheuen sich, über das Erlebnis einer Intuition offen zu sprechen, zu leicht wird man als Spinner, Träumer und Romantiker abgetan. Und wie soll man es auch jemand Außenstehenden erklären? Zumal, wenn derjenige so eine Situation selbst nie erlebt hat? Aber ist das nicht genau der Grund, dass die Erzählerin selbst im Film die Frage nach dem Warum ihrer Entscheidung unbeantwortet lässt? Dass sie sich lieber in ein „Ich-weiß-eigentlich-nicht-so-genau“ rettet? Ist das nicht der Grund, dass ein äußerer Grund, das Anderssein, als Erklärung hinhalten muss?

Wenn die Erzählerin anders war, dann, für die Geschichte relevant, insofern, als sie im entscheidenden Moment einen direkten Zugang zu ihrem Inneren hatte, den die anderen nicht oder nicht mehr hatten.

Der junge Animationskünstler, der in Kassel an der Schule für Kunst und Design studiert hat, wurde dafür mit dem Short Tiger Award der Kassler Dokumentationsfilm und Videotage ausgezeichnet. Die Zeit hat seinen schönen Film online gestellt, er ist aber auch direkt über seine Website abrufbar.

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