Trauma

Spannende Geschichten waren es, die meine Mutter uns Kindern zu erzählen wußte. Wie sie mit meinen Großeltern im Keller saß und die Bombeneinschläge den engen Raum beängstigend zum Wanken brachten. Wie sie nach einer Bombennacht, von meinem Großvater gesichtert mit einem Seil, ihren Weg aus dem Keller nach oben suchte, plötzlich die Treppe nachgab und sie in ein Erdloch geradewegs auf eine Phosphorbombe fiel. Ein Blindgänger, der auch da nicht hochging. Wie sie nach der Schule bei einer Freundin vorbeiging, niemand öffnete, sie durch das Wohnzimmerfenster spiekte und die ganze Familie erstarrt dort stehen sah. Auf der guten Couch machte sich eine Fliegerbombe breit, die durchs Dach gebrochen war. Zu komfortabel gelandet, um noch hochgehen zu wollen. Wie sie, um die Ernährungslage der Familie im Krieg zu verbessern, im Garten Kräuter, Zwiebeln und Kartoffeln gepflanzt hatten. In der nächsten Nacht schlug eine Bombe ein, ganz knapp am Haus vorbei, sie hätte alle töten können. Meine Mutter aber bekam am Morgen einen Wutanfall, als sie sah, dass die Explosion das Gemüsebeet vom Vortag in einen tiefen Krater verwandelt hatte.

Bombenkrater einer  5 Kg Bombe (c) Norbert Spittka / pixelio.de

Bombenkrater einer 5000 Kg Bombe
(c) Norbert Spittka / pixelio.de

Wie sie mit meiner Großmutter mit Rucksack über die Dörfer gewandert war und das ererbte Familien-Tafelsilber blutenden Herzens gegen ein wenig Butter, Schinken und Eier getauscht hatte. Und wie froh sie über die knappen, ach so wertvollen Lebensmittel waren.

Spannend waren diese Geschichten für uns Kinder, und sie waren sehr lustig, denn meine Mutter tunkte ihr Kriegserleben in einen unnachahmlichen Humor, der uns alle lachen machte.

Erst als der Irakkrieg ausbracht und die Bilder der fallenden Bomben mit jeden Fernsehnachrichten bis in das Wohnzimmer meiner Eltern drangen, merkte ich, wie tief traumatisiert meine Mutter, damals schon 80 Jahre alt, war.  Es war vor allem das sausende Geräusch der Fliegerbomben beim Fallen und der Explosionsdonner. Wie hypnotisiert saß sie im Wohnzimmersessel, wenn das Sausen losging, ihr ganzer Körper angespannt. Die unvermeidlich folgenden Explosionen ließen sie heftig zusammenzucken. Als ich den Fernseher ausschaltete, zog sie sich sichtlich verstört ins Schlafzimmer zurück. Am nächsten und an den darauffolgenden Tagen gestand sie, dass sie nachts zunächst nicht hatte einschlafen können, dann Alpträume gehabt hatte. Fernseher und Radio blieben von da an aus.

Meine Mutter war 16 Jahre alt gewesen, als der Krieg ausbrach, meine Tante 11.

Wer immer einen Krieg vom Zaune bricht, der sollte sich dafür verantworten müssen:

Die Verletzung von Jugendlichen und Kindern.

Zutiefst.

Lebenslang.

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Eine Antwort zu Trauma

  1. wrady schreibt:

    Hat dies auf traumastop rebloggt.

    Gefällt mir

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