Berliner Salonière

„Die Frauen herrschen nicht mehr in der Gesellschaft, die Interessen der Männer drehen sich in derselben nicht mehr um sie, – da steckt der Fehler. Denn für die feine Geselligkeit sind nur die Frauen eigentlich bildend.“
Henriette Herz

Henriette Herz

Literarische Salons haben in Berlin eine lange Tradition. Der erste wurde von Henriette Herz in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts gegründet, als literarisches Pendant zum wissenschaftlich-philosophischen Salon ihres Ehemannes, des angesehenen Philosophen und Naturwissenschaftlers Marcus Herz. Das Beispiel des Herz-Salons machte Schule. Bald wurden weitere Salons in Berlin, wie der von Rahel Varnhagen, eröffnet. Es folgten u.a.  in Leipzig der französischsprachige Salon der Hugenottin Henriette von Crayen und die deutschsprachigen der Elisabeth Graun in Königsberg und Johanna Schopenhauers in Weimar.

Die Salonières luden  Dichter, Musiker, Philosophen und politisch Interessierte zu sich ein. Es wurde rezitiert, gesungen, philosophiert und diskutiert. Die Salons waren bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein die Brennpunkte des gesellschaftlichen Lebens in ihren Städten, die Salonières waren seine Impulsgeber.

(c) Matthias Kabel

Annette Dasch, Sopranistin von Weltrang, hat 2008 diese Tradition neu aufgegriffen. An vier Abenden im Jahr lädt sie in eine alte Fabrikhalle in Berlin zu ihrem Salon. Ihre jeweils 400 Gäste führt sie mit Gedichten, Liedern, Theatersequenzen und Gesprächen mit eingeladenen Künstlern in einer fast familiären, warmen und leichten Atmosphäre an die unterschiedlichsten Themen des Lebens heran. Immer wird sie dabei tatsächlich von ihrer Familie unterstützt und begleitet: von ihrer Schwester, der Konzertpianistin, am Klavier, von ihrer bewundernswerten Mutter, der Ärztin, Hausfrau und Amateursängerin auf hohem Niveau, im Gesangsduett und von ihren zwei Brüdern, der eine Bariton und der andere Musiklehrer.

Annette Daschs Lust an der Kunst überträgt sich auf ihre Gäste, sowohl auf diejenigen auf der Wohnzimmer-Bühne, als auch auf den Rängen. Gemeinsames Singen macht Freude und so ist es, wie beim häuslichen Musiknachmittag, auch Teil des Daschsalons. Dass es Annette Dasch dabei gelingt, 400 Menschen für sogenannte Kunstlieder zu begeistern, also für Lieder, die gemeinhin als völlig antiquiert gelten, ist ein kleines Wunder. Aber Ihre Gäste lernen ganz en passant, die vermeintlich überholten Texte und Melodien in einem aktuellen Licht zu sehen. Und in der Atmosphäre des Salons findet auch der Gesang einer Sopranistin seinen Weg in die Ohren eines an Popgesang gewöhnten Publikums.

Im Daschsalon „entsteht Musik eben immer wieder neu.“

Wer einmal hereinhören und -schauen will, hier als Video aufgezeichnet der jüngste Daschsalon.

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3 Antworten zu Berliner Salonière

  1. Pingback: Ein Sänger auf Abwegen | Federflüsterin

  2. Sebastian schreibt:

    Habe ich gerade entdeckt! Ausbildung zur Salonnière an der Volkshochschule in Berlin-Mitte. Kann man bestimmt spannende Sachen mit machen…

    http://www.vhsit.berlin.de/VHSKURSE/BusinessPages/CourseDetail.aspx?id=235073

    Grüße, Sebastian

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    • federfluesterin schreibt:

      Willkommen auf diesem Blog, Sebastian und vielen Dank für Deinen Hinweis und Link!
      Da war ich natürlich sofort neugierig und bin dem Link gefolgt. Die Ausbildung der VHS Berlin zum Salonier/zur Salonière von Erzählsalons könnte ein erster Anfang zu mehr interessanten Salons sein. Die früheren Salonières waren wohl Naturtalente, aber warum sollte man das nicht lernen können? Es ist sicherlich hilfreich, wenn man vorher Kenntnisse über Moderation, Erzählkultur und -struktur erwirbt.
      Da bin ich ja freudig gespannt, was sich in Berlin in der nächsten Zeit auf dem Salon-Gebiet noch so alles entwickeln wird!

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