Die Wirklichkeit ist immer anders

Madame de Staël

Mit ausländischem Besuch über den Weihnachtsmarkt zu schlendern und die umringenden Altstädte zu besuchen, ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits widerlegt sich im Auge des Betrachters das Bild vom hässlichen Industrielandschaft-Deutschland. Andererseits droht diese geballte Idylle das Bild zu bestätigen, das seit Madame de Staëls Buch „Über Deutschland“ lange Zeit im Ausland über unser Land vorherrschte, und das es als kulturell äußerst vielseitig, aber gesellschaftlich und politisch hoffnungslos rückständig kennzeichnete. Deutschland, ein Wintermärchen.
Ich befinde mich dann immer in einem Erklärungsnotstand: Wieviel Industrieland ist Deutschland noch und wieviel Idylle? Wo steht Deutschland politisch und gesellschaftlich? Was ist Deutschland denn nun wirklich?

Vor ein weiteres, aber nicht weniger großes Dilemma sah ich mich im letzten Sommer gestellt. Ich hatte mit einer Gruppe Besucher aus einem Land des Mittleren Ostens abends in einem Restaurant in der Altstadt Kölns gegessen. Sie waren auf ihrer ersten Reise außerhalb ihres Landes und zudem nach Deutschland. Nach dem Essen nutzte ich die Gelegenheit, Ihnen noch schnell mit einem kleinen Rundgang die schönsten Gassen und Häuser der Altstadt zu zeigen.

(c) Michael Kraemer / pixelio.de

Das Wetter war angenehm warm, und vor den Cafes, Kneipen und Restaurants saßen und standen viele Menschen gesellig zusammen, tranken etwas, und genossen die noch frühen Abendstunden. Gerade hatte ich mich mit meinen Besuchern zurück auf den Weg zum Hotel gemacht, als von hinten eine Gruppe von jungen Leuten etwas lauter lachend und scherzend, aber keinesfalls alkoholisiert, herankam und an uns vorbeizog. In dem Moment wandte sich einer meiner Besucher mit einem zugleich wissenden und verschmitzten Gesicht an mich:
“ Na, DIE sind aber BETRUNKEN!“
Schlagartig wurde mir klar, mein Besucher aus dem Mittleren Osten hatte den ganzen Abend erwartet, im Bier- und Weinland Deutschland lauter schwer alkoholisierte Menschen zu sehen. Denn in seiner Vorstellung war Alkoholtrinken identisch mit einem Sich-Betrinken bis zum Vollrausch. Ein Schwarz-Bild. Und nun war er endlich einmal „Betrunkenen“ begegnet, die seine Vorstellung zu bestätigen schienen.

(c) Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Wie enttäuscht  und etwas ungläubig reagierte er, als ich ihm erklärte, dass die jungen Leute sich lediglich mit viel Spass unterhalten hatten und dass das, auch in der Lautstärke, abends in einer deutschen Altstadt durchaus ein übliches und akzeptables Verhalten wäre. Dass ein oder zwei Glas Bier oder Wein in der Regel keinen Vollrausch, wie er ihn von jeglichem Alkoholgenuss erwartete, verursachen konnten. Dass längst nicht jeder, der ein Bier oder Weinglas in der Hand hielt, auch Alkohol trank, sondern dass in Deutschland mittlerweile auch alkoholfreie Biere und Weine ausgeschenkt würden.

Schwierig zu verstehende Neuigkeiten waren das für ihn. War das denn alles wahr? Oder tischte ich ihm – wie bei einem seiner Landsleute durchaus der Fall hätte sein können – aus Verlegenheit und um mein Land schönzureden, ein Märchen auf? Wo war dann die Grenze zwischen Genießen und Alkoholrausch, wenn es sie denn überhaupt gäbe, was er insgeheim bezweifelte, denn davon hatte er zuhause nie gehört?
All das las ich in seinen ungläubigen Augen. Die Fragen zu stellen und mich damit womöglich in Verlegenheit zu bringen, wagte er als überaus höflicher Mittelostler nicht. So blieb vieles ungesagt und er trug, wie wohl so manch ein Kollege in seiner Reisegruppe, ein ungelöstes, großes Rätsel über die Deutschen und ihren Alkohol mit nach Hause.

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