Mach Dich nicht selbst zum Schwein!

(c) Rainer Sturm / pixelio.de

„Drauß‘ vom Walde komm‘ ich her,
Ich muss Euch sagen,
Ihr Menschen trinkt
viel zu sehr…“

Knecht Ruprecht hat es leider richtig beobachtet. Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland beim Alkoholkonsum seit Jahren einen der vordersten Plätze ein. Alkohol-Konsum bedeutet nicht per se Alkohol-Missbrauch.
Dennoch, wie verantwortungsvoll gehen wir in Deutschland mit Alkohol um?

Stellen sie sich vor, eine Schar von Autofahrern würde in das Städtchen Lübbenau in Brandenburg einfallen, alle 17.000 Einwohner mutwillig umfahren und verletzen.
Wären Sie nicht entsetzt? Würden Sie sich nicht fragen, was diesen Massen-Amoklauf verursacht hat? Würden Sie nicht von der Politik Maßnahmen fordern, um die Ursache unschädlich zu machen?

Es sind nicht 17.000 Menschen sondern 21.000, die letztes Jahr von alkoholisierten Autofahrern in Verkehrsunfälle verwickelt und zum Teil schwer verletzt wurden.
443 Menschen verloren deshalb ihr Leben.*

(c) GRASHOFdesign / pixelio.de

Der Bundes-Gesundheitssurvey ergab schon 1998, dass der Alkoholkonsum bei fast einem Drittel, nämlich 31 Prozent, der deutschen Männer und 16 Prozent der Frauen oberhalb der so genannten „tolerierbaren oberen Alkoholzufuhrmenge“ liegt. Diese Menschen schädigen sich gesundheitlich durch ihren zu hohen Alkoholkonsum.
In konkreten Zahlen sind es 10,4 Millionen Männer und Frauen, demnach jeder achte! In einem Mehrfamilienhaus mit acht Parteien gibt es also einen Nachbarn – Ihr Nachbar? -, der zuviel trinkt. In einem Büro mit acht Mitarbeitern trinkt ein – Ihr?- Kollege zuviel.
Aber diese Vieltrinker schädigen nicht nur sich selbst. Für die gesundheitlichen Folgekosten, z.B. einer Leberzirrhose, eines Speiseröhrentumors oder Dickdarmkrebs muss die Solidargemeinschaft der Krankenkassenmitglieder aufkommen.
Sollte sie aber dafür aufkommen müssen?
Schließlich schätzt das Robert-Koch-Institut die Folgekosten auf 20 Milliarden Euro pro Jahr! Jeder Bürger zahlt also jedes Jahr ca. 250 Euro für den Alkohol-Mißbrauch – denn darum handelt es sich bereits – eines anderen.

(c) Paul-Georg Meister / pixelio.de

2007 gaben knapp 60 Prozent der Schüler der neunten und zehnten Klasse in einer Studie an, dass sie zumindest einmal im Monat fünf oder mehr Gläser Alkohol konsumierten. Das kann man auch anders nennen: sie betranken sich. Sinnlos.
Diese Jugendlichen gehören, wenn es nicht beim „Einmal pro Monat“ bleibt, zur Hochrisikogruppe für Alkoholismus, sie sind die nächste Generation unserer Alkoholiker.

Fast ein Fünftel der Schüler hatte die alkoholischen Getränke in einem Geschäft gekauft, obwohl alle unter 18 Jahre alt waren. Das Jugendschutzgesetz greift also nicht – sei es, weil die Jugendlichen ältere Freunde zum Kauf vorschicken, sei es, weil die Ladeninhaber sich nicht an das Gesetz halten wollen -.

(c) Viktor Mildenberger / pixelio.de

Das Zurückdrängen der Zigarettenwerbung, die Verteuerung von Zigaretten durch die Steuer und das Rauchverbot in öffentlichen Räumen, nachdem Experten und große Teile der Bevölkerung sich dafür ausgesprochen hatten, hat bei Jugendlichen einen deutlichen Rückgang des Tabakkonsums bewirkt. Warum gehen wir nicht auch beim Alkohol diesen Weg? Unsere Bier- und Weinproduzenten sind bereits in der Lage, wohlschmeckende, alkoholfreie Biere, Sekte und Weine zu akzeptablen Preisen herzustellen. Warum weiten sie ihr Angebot an Non-Alcoholics nicht aus?

Warum entwickeln wir nicht eine Kultur,
die ihr Nicht-Alkoholisiert-Sein mit Genuss lebt?

Bis wir uns endlich auf den Weg dahin machen, bleibt mir einstweilen nur, mich diesem isländischen Werbefilm anzuschließen, der da besagt:

„Don´t let wine change you into a pig, drink like a human being.“
„Lass Wein Dich nicht zum Schwein machen, trinke wie ein Mensch.“

*Statistisches Bundesamt Wiesbaden

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2 Antworten zu Mach Dich nicht selbst zum Schwein!

  1. B schreibt:

    Auch die Hollaender scheinen zu viel zu trinken. Darueber rege ich mich nicht auf. Drogen und Alkohol sind schlecht aber irgendwie glaube ich, dass wir Menschen in dem Sinne ’schlecht‘ sind und uns hin und wieder nicht beherrschen koennen und wollen. Normalerweise bleibt es bei ‚hin und wieder‘. Schlimm finde ich schon, dass Jugendliche angeblich zuviel trinken.

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    • federfluesterin schreibt:

      Der Alkoholkonsum in den Niederlanden liegt etwas unter dem Deutschlands. Siehe auch Tabelle 2.5.4 auf http://www.gbe-bund.de/gbe10/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gasts&p_aid=&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_suchstring=10129::Suizid

      Wir gehen in Europa mit dem Thema Alkohol sehr ähnlich um wie in Westasien mit dem Thema Opium umgegangen wird. Einmal in der jeweiligen Gesellschaft etabliert als Genussmittel wird es für die meisten Menschen schwer, sowohl beim Alkohol als auch beim Opium die Grenze zu erkennen zur Suchtabhängigkeit. Bei sich selbst und bei anderen. Es sind leider weitaus mehr Menschen von Alkoholmissbrauch betroffen, als gemeinhin vermutet wird. Jeder dritte Mann in Deutschland hat seinen Konsum nicht im Griff, das ist viel, finde ich.
      Dabei geht es überhaupt nicht um Moral, vielmehr um gesundheitliche Einsicht. Wie Forscher aus Freiburg herausgefunden haben, greift das Gift Alkohol im Gehirn die Schaltstellen an, die für die Regulierung des Serotonin (Glückshormon)-Spiegels zuständig sind, sowie für die Regulierung des Wasserhaushaltes. Bleibt das Gift zu lange im Körper (durch einen zu hohen oder wiederholt/anhaltend hohen Konsum), geraten diese Schaltstellen bleibend aus dem Takt. Daher kämpfen Suchtkranke mit Depressionen und einem ständigen Durst, auch wenn sie laufend Wasser zu sich nehmen. (Alsob jemand die ganze Zeit aus einem großen See trinkt und doch immer wie ein Verdurstender in der Wüste ist.)
      Während des Studiums und in Unternehmen sind ich selbst und Freunde immer wieder auf Alkoholmissbrauch gestoßen. Mit oder sogar für so einen(m) Suchtabhängigen (zusammen) arbeiten zu müssen kann schon alleine durch die extremen Stimmungsschwankungen des Alkoholikers die reinste Hölle werden….Mit einem Alkoholiker zusammen zu leben, als Partnerin oder als Kind, ist, wie alle Betroffenen berichten, ungeheuer belastend. Komatrinkende Jugendliche sind nicht nur für sich selbst ein Problem, sondern auch für Ärzte, Krankenpfleger, Polizisten und die Krankenkassen.
      In unserer Kultur gehört aber Alkohol zum „guten Ton“, genauso wie in Westasien oftmals das Opiumpfeifchen nach dem Essen. Wer sich dem entzieht, darf gesellschaftlich und beruflich nicht „mitspielen“.
      Die Frage ist doch, ob das so sein muss? Alle behaupten immer, es ginge beim Bier und Wein nur um die Kultur des Genusses. Wenn das wirklich stimmt, können wir doch genau das beibehalten, ohne den Alkohol. Die Technologien dafür sind vorhanden. Bier, Wein und Sekt können schon seit einigen Jahren ohne Alkohol von den Herstellern bereitgestellt werden. Also, wenn es angeblich nicht um den Rausch geht, warum sich dann noch zieren?

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