Eine außerordentlich sportliche Leistung

(c) Dieter Schütz / pixelio.de

„Nicht noch eine! Oh Gott, bitte nicht noch eine!“ Das stille Stoßgebet der Dame im abgewetzten Mantel galt ihrem Mann. Er befand sich im Niemandsland zwischen der Grenze von Belgien und dem britischen Sektor. Seine Frau erwartete ihn zurück von seinem Besuch im Nachbarland. Es war mitten im Winter, kurz vor Weihnachten, in der Nachkriegszeit.

Ihr Mann hatte, eine große Ausnahme, für die Aufnahme von Geschäftsbeziehungen für sein Unternehmen nach Belgien reisen dürfen. Jetzt war er auf dem Rückweg.

Der Grenzübertritt fand zu Fuß statt. Ohne Probleme hatte der Mann die Kontrollen auf der belgischen Seite durchlaufen. Was die belgischen Grenzsoldaten nicht bemerkt hatten: Verteilt über die Länge seiner wirklich langen Beine trug er auf Gummibändern unter seiner Anzugshose Socken für die ganze Großfamilie, seine Frau und Kinder und seine aus Ostpreußen geflüchteten Schwestern, Nichten und Neffen. Wenigstens damit wollte er die Not zu Hause etwas lindern. Er wußte aber, für Deutsche war es strengstens verboten, Waren aller Art und seien es auch nur Socken, aus Belgien nach Deutschland auszuführen.

S. Hofschlaeger / pixelio.de

Sein Mangel an jeglicher Schmuggler-Erfahrung sollte sich für den Mann bald bemerkbar machen. Auf seinem Weg im Niemandsland, es waren nur wenig mehr als 50 Meter, fingen die Gummibänder an, sich zu lockern. Sie rutschten an seinen Beinen, Stück für Stück, herunter. Die Socken lösten sich mit ihnen und fielen ab. Jeder  Schritt förderte nun eine Socke unter dem Hosenbein zutage, weithin sichtbar für alle Grenzsoldaten. Und mit jeder Socke, die aus dem Beinkleid ihres Mannes rutschte, rutschte jenseits der britischen Sektorgrenze das Herz seiner Frau ein Stück tiefer.

(c) Gerd Altmann/the Bern Files / pixelio.de

Der Mann jedoch behielt die Ruhe. Er setzte, wenn auch zunehmend o-beiniger, einen Schritt vor den anderen, bückte sich dabei, las, scheinbar unbeeindruckt, einen Socken nach dem anderen von seinen Schuhen auf und überquerte schließlich mit zwei Händen voller Socken die Grenze.

Eine Schar feixender, britischer Grenzsoldaten, die ihn die ganze Zeit beobachtet und, zum Entsetzen seiner Frau,  auch noch alle Kameraden zu dem Schauspiel dazu gerufen hatte, erwartete ihn.

Würde er jetzt verhaftet werden?

Zwei vor Lachen fest zugedrückte Augen erlaubten dem Schmugglerhelden dann doch, nach Hause zu fahren. Der Sinn des britischen Kommandanten für, wie er meinte, die außerordentlich sportliche Leistung ihres Mannes bescherten seiner Frau ein Herz, das erleichtert wieder an seinen angestammten Platz zurückfand, und seiner ganzen Familie ein Weihnachten voller warmer Socken.

Weihnachtssocken

(c) Carola Pohle / pixelio.de

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