Lebens-Kunst

New York, Central Park (c)O.Fischer / pixelio.de

Würde es nicht direkt im Titel stehen, eine Weihnachtserzählung hätte ich nicht erwartet. Der Buchdeckel zeigt eine verschneite, städtische Parklandschaft, möglicherweise den Central Park in New York, innen finden sich Stadtfotos von New York, alle auf den ersten Blick nur bedingt weihnachtlich, und ganz unspektakulär.

Völlig unspektakulär startet auch die Geschichte. Der Ich-Erzähler wird eines Tages im Zigarrenladen um die Ecke, als Künstler und Schriftsteller erkannt, vom Verkäufer gebeten, sich seine Fotos anzusehen. Unwillig nur lässt er sich darauf ein. Er erwartet, dass diese Allerweltsperson Allerweltsfotos geschossen hat. Die Begegnung mit den Bildern gerät für ihn jedoch zu einer großen Überraschung. Er stellt fest, dass dieser ganz gewöhnliche Mensch vom Zigarrenladen mehr Künstler ist, als er selbst! Dieser einfache Verkäufer LEBT die Kunst.

(c) TiM Caspary / pixelio.de

Der Kontakt zwischen den beiden vertieft sich. Eines Tages, kurz vor Weihnachten,  just, als er eine Weihnachtsgeschichte für eine renommierte Zeitung schreiben soll, gerät der Schriftsteller in eine ernste Schreibblockade. Ausgerechnet der Zigarrenverkäufer kommt ihm zu Hilfe. Er erzählt, wie die Kunst in sein Leben trat. Die Geschichte ist wie seine Fotos: unsentimental, überzeugend unheldenhaft, vom rauhen Alltagsleben in New York geprägt. Eine Geschichte, so einleuchtend wie das Allerweltsleben in einer Großstadt.  Und doch, dem Verkäufer gelingt es, dieses Allerweltsleben zu verwandeln, den Zauber im anscheinend Banalen, im endlosen Lauf der Zeit aufzuzeigen.

Und besteht darin nicht genau das Wesen der Kunst: Die Welt so zu erleben und darzustellen, dass sie uns mit ihrem Zauber gefangen nimmt? Dass wir das Besondere im allzu grauen Alltag wieder erkennen? Ist es nicht genau das, was auch jene – denen die religiöse Bedeutung des Festes verloren gegangen ist – doch immer wieder so zu Weihnachten hinzieht? Spielt es da eine Rolle, ob die Geschichte genau so stattgefunden hat oder ob sie, ganz oder in Teilen, erfunden ist – ein Weihnachtsmärchen?

„Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte“ von Paul Auster, auch als Hörbuch erhältlich, ist eine Geschichte über Weihnachten als Lebens-Kunst.

(c) Bardewyk / pixelio.de

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3 Antworten zu Lebens-Kunst

  1. Bart van Meurs schreibt:

    habe das Buch nach dem Lesen Deines Beitrages bestellt!

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  2. federfluesterin schreibt:

    Das freut mich! Paul Auster schreibt lesenswerte Bücher. Dieses ist eines für einen Weihnachtsnachmittag, auch wunderbar zum Vorlesen in kleiner Runde.
    Paul Austers Bücher, die ich kenne, enthalten mindestens zwei Geschichten: eine an der Oberfläche mit der offensichtlichen Handlung und eine im Hintergrund mit einer Auseinandersetzung mit einer eher philosophischen oder Sinn-Frage, die allerdings manchen Lesern entgeht.

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  3. Kiki Suarez schreibt:

    Ich lese das meiste, nicht alles, von Paul Auster gern, manchmal wird es mir zu newyorkisch hochgestochen intellektuell, aber besonders seine ersten Búcher sind Meisterwerke.

    KIKI

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