Die Hilfe der Tauben

(c) wave111 / pixelio.de

Mein jüngerer Bruder, Arasch, war zwei Jahre alt, als meine Eltern beschlossen, es könne nicht so weitergehen. Seit Monaten versuchte die ganze Familie, ihn zum Sprechen zu bewegen: „Paapaaa, Maaamaa,…“ Arasch schaute mit großen Augen interessiert in die offenen Münder seiner Sprach-Protagonisten, lachte dann übermütig, alsob wir ihm den größten Witz der Geschichte vorgeführt hätten, aber keine einzige Silbe kam über seine Lippen. Die Familie wurde immer ratloser. Woran lag es nur? Die älteren Kinder hatten rasch und flüssig sprechen gelernt.

Man kam überein, dass Arasch eine besondere Hilfe brauchte: Die Hilfe der Tauben. Das ganze Jahr über gurrten sie über den Dächern von Teheran und schienen nie endend wollende Gespäche zu führen.  Auf den Grossmärkten und auf den Strassen der Millionenstadt fanden sie reichlich Nahrung. Ideale Wohnstätten waren, wenn auch die Stadtbewohner es nicht gerne sahen,  die Windtürme, hohe Backsteingebilde auf den Dächern. Die Türme fingen mit ihren Scharten den kühlenden Wind ein, trugen ihn in die Häuser und gaben der warmen Hausluft die Gelegenheit, nach draußen zu entweichen. Das Säuseln und Heulen des Windes mischte sich tagsüber mit dem endlosen Gurren der Tauben.

Als älterer Bruder wurde mir die Ehre zuteil, die Hilfe der Tauben für meinem kleinen Bruder zu bemühen. Unwillig und zögerlich kam Arasch, dem Übles schwante,  mit mir mit. Der Weg führte uns zu Aga Hassan-Ali, der ein paar Häuser weiter auf derselben Gasse in einem schmalen Verschlag wohnte. Er war der Taubenzüchter der Gegend. Entlang der Wände seiner Behausung stapelten sich zahllose Käfige, in denen er seine Vögel hielt.

Wie immer war er zuhause. „ Salam, Hassan-Ali Aga, wie geht es Ihnen?“ begrüßten wir ihn höflich und bestellten die besonderen Grüße von Hadsch Davud, unserem Vater. Durch seine dicken Brillengläser beäugte der alte Mann dieses merkwürdige Gespann, das ihm da in seinen Taubenschlag geschneit war, und grüßte uns etwas knorrig zurück. Ja, danke, es ginge ihm gut. Wie es uns und unsere Eltern ginge? Nach dem obligatorischen, mehrmaligen Austausch dieser  Höflichkeiten fragte er endlich: „ Und, was kann ich für Euch tun?“ „Ein Taubenei bitte, Hassan-Ali Aga, für meinen kleinen Bruder!“ Diese Bestellung bedurfte keiner weiteren Erklärung. In der ganzen Nachbarschaft hatte es schon die Runde gemacht, dass der jüngste Sohn des Hadschi nicht sprechen wollte.

(c) Tobias Bräuning / pixelio.de

Hassan-Ali Aga ging zu einem seiner Taubenställe, griff hinein und holte aus einem Nest ein gerade gelegtes Ei hervor. „ Zwei Rial macht das.“ Ich gab ihm das bereits vorher abgezählte Geld meines Vaters. Vorsichtig trug ich dann das Ei in meiner Hand vor den Laden, Arasch in meinem Schlepptau, der mich und das Ei von unten mit großen, mißtrauischen und zugleich neugierigen Augen musterte. Vor dem Laden schlug ich das Ei an der Spitze vorsichtig mit einem Stein ein und brach Stückchen für Stückchen die Schale weiter auf, bis eine Öffnung, groß genug zum Auschlürfen des Eis vorhanden war.

Araschs Neugier indes war mit jedem fehlenden Stück Eierschale in zunehmende Unruhe umgeschlagen. Er hatte insgeheim beschlossen, dass die Situation eine sofortige Flucht erforderte.  Plötzlich drehte er sich auf seinen kleinen Beinen um und wollte, so schnell er konnte, gen Zuhause. Aber bevor er aus der Reichweite meiner Arme verschwinden konnte, packte ich ihn, hielt ihm das Ei vor seinen Mund und ließ ihn, trotz seiner wild umherschlagenden Arme und seiner um Mitleid heischenden Schreie, das rohe Innere schlucken.  Brrrr, ein rohes Ei! Auch mir schickte die Prozedur den Schauder des Widerwillens meinen Rücken herunter. Aber der Befehl der Eltern ließ kein Erbarmen zu, weder für Arasch, noch für mich.

Zwei ganze Monate mußte Arasch rohe Taubeneier schlucken, bis er – und Gott alleine mag wissen, ob nun durch die Hilfe der Tauben oder durch die tägliche Drohung mit ihrem rohen Ei –  zur Erleichterung der ganzen Familie die ersten Worte hervorbrachte. Sie klangen so guttural wie ein Gurren.

(c) Mikhael Timofeev / pixelio.de

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