Eine Fotografin nimmt sich die Freiheit

Der „freischaffende Künstler“  – wie frei schafft er wirklich? Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist die Kunstfreiheit verankert. Mit einer Grenze, die sich  aus demselben Grundgesetz speist: die persönliche Ehre eines anderen Menschen, die ein Teil seiner Menschenwürde ist. Sie muss erhalten bleiben.

„Freischaffende Künstler“ im Iran sehen sich anderen Grenzen gegenüber.

Shadi Ghadirian

(c) Shadi Ghadirian

Shadi Ghadirian betrat mit 21 Jahren die Bühne der Kunst. 1974 in Teheran geboren, hatte sie gerade ihr Studium der Fotografie an einer der größten Universitäten des Irans, der Azad-Universität, mit dem Bachelor abgeschlossen. Azadi heißt Freiheit. Shadi Ghadirian nahm sich die Freiheit, als Fotografin zu arbeiten. Bereits mit ihrer ersten professionellen Fotoserie gehörte sie zu den Preisträgern eines nationalen Wettbewerbs . Die Freude darüber währte allerdings nur kurz. Ghadirian wurde auf Anordnung des iranischen Kulturministerium nachträglich von dem Wettbewerb ausgeschlossen. Ihre Kunst sei zu kritisch. Ghadirian hatte zwei tiefverschleierte Frauen gezeigt, die im Spiegel die Welt des Wissens zwar sehen, aber nicht erreichen konnten.

„Being a woman in Iran is hard, and working as a woman photographer is even harder, „ bekannte Shadi Ghadirian 2009 in einem Interview.

Themen und Fotoarbeiten

Dabei war Ghadirian in den 90ger Jahren sicherlich keine Oppositionelle. Ihr Ziel war es, professionelle Fotoarbeiten zu schaffen:

„I am a photographer and this is the only thing I know how to do.“*

Wie sie bekannte, war sie eher zufällig, zugleich jedoch sehr naheliegend angesichts ihrer eigenen Lebenssituation auf das Thema ihrer ersten professionellen Fotoserie gestoßen: Die Frau zwischen Tradition und Moderne. Das Thema hatte für die junge Fotografin den Vorteil, dass sie, anstatt teure Modelle bezahlen zu müssen, einfach ihre Schwestern und Freundinnen ablichten konnte. Ghadirian zog ihnen Frauenkleidung aus der Zeit der Qajarendynastie des Iran (1794-1925) an, jener Zeitraum, in dem die Fotografie als erstes, sichtbares Zeichen der Moderne seinen Einzug in den Iran hielt.

(c) Shadi Ghadirian

Qajar

Die Fotografin zeigte in ihrer Fotoserie „Qajar“ die ganze Schizophrenie der Lebenssituation von Frauen, hin- und hergerissen zwischen zwei Lebensentwürfen, den des althergebrachten Frauenbildes und den der heutigen, modernen Welt. Es wäre dabei zu einfach, Ghadirians Aussage nur auf den Iran zu fixieren. Die Zerissenheit zwischen den beiden Lebensmodellen, die Ghadirian aufzeigt, hat Gültigkeit für alle Frauen dieser Welt, die Platzierung in den Iran verleiht ihr nur eine besonders prägnante Tiefenschärfe.

Like Every Day

Das zeigte sich auch in ihrer nächsten Fotoserie „Like Every Day“, die nach ihrer Heirat mit einem Fotografenkollegen entstand. Vor allem Akademikerinnen erleben weltweit eine Heirat und Mutterschaft als Endpunkt ihrer beruflichen Ambitionen. Egal, wie gut ausgebildet, talentiert und qualifiziert, sie finden sich reduziert auf das  traditionelle Frauenbild.

(c) Shadi Ghadirian

Genau das drückt Ghadirians Fotoserie aus. Frauen zugedeckt mit Tschador-artig drapierten Tischtüchern, anstatt der Gesichter sehen wir wohlbekannte Haushaltsartikel, wie ein Bügeleisen, eine Teekanne, ein Besen. Die Frau als ent-personifiziertes Haushaltswesen.

„It was very natural that after marriage, vacuum cleaners and pots and pans find their way into my photographs; a woman with a different look, a woman who no matter in what part of the world she is living, still has these kinds of apprehensions. This time the woman is convicted of a daily repetitive routine…“ *

Ctrl+Alt+Delete

Ein überaus modernes Frauenbild hingegen ist das Thema der Fotoserie „Ctrl+Alt+Delete“. Die Internetwelt läßt Menschen weltweit zusammenkommen, zugleich rückt sie sie aber auch auseinander. Eine direkte, persönliche Begegnung wird immer unwahrscheinlicher. Im Iran erhält diese Entwicklung noch eine besondere Note. Das Internet mit seinen Chatrooms ist einer der wenigen Freiräume, den Jugendliche verschiedenen Geschlechts nutzen können, um miteinander in Kontakt zu treten. Das Bild, das voneinander entsteht, ist geformt durch das Medium.

Es ist ein Kunstbild, denn im Internet ist es leicht, Chimären zu erschaffen, Traumfrauen und Traummänner. Ghadirians „Ctrl+Alt+Delete“ zeigt eine schöne Frau, jedoch ohne greifbaren Körper. Außer dem Kopf, den Händen und den Füssen können wir ihn nur über Restkonturen aus Symbolen und Gegenständen der Internetwelt erahnen. Ein Frauenbild, das sich einer fassbaren Realität entzieht. Frauen, die zwar im Internet, als wahre Personen aber nicht mehr zu existieren scheinen. Ent-Personifizierung als Folge von Modernität.

Rezeption in der Kunstwelt

Ghadirians Werk wird im Westen, genauso wie im Iran, unter politischen Gesichtspunkten rezipiert, wenn auch von einer anderen Warte her. Als eine von wenigen iranischen Künstlerinnen überhaupt ist sie im Westen anerkannt. Ghadirians Werke werden in Museen und Gallerien in ganz Europa und den USA ausgestellt, das renommierte Los Angeles County Museum of Art hat Werke Ghadirians in seinen Bestand aufgenommen. Ihre Fotografien gelten als kritische Kunst, Widerspruch gegenüber der Rolle der Frau „als Mensch zweiter Klasse“ **in ihrem Land und Ausdruck der Opposition gegenüber der Islamischen Republik Iran. Paradoxerweise ist sich so der Westen in dem Punkt mit dem iranischen Kulturministerium ganz einig.

Im Grunde aber ist Shadi Ghadirian eine Künstlerin, die sich intensiv mit dem Welt-Thema Die Frau zwischen Tradition und Moderne auseinandersetzt, und, da sie nun einmal im Iran lebt, insbesondere anhand der iranischen Frau, die sie selber ist. Dass ihre Bildsprache dabei politische Aussagen, auch über den Iran, enthält, liegt weniger an einer expliziet politisch-oppositionellen Haltung als an ihrer Umgebung, die die Situation mit all ihren Brüchen schafft, in der sie als Frau lebt. Freilich, genau diese Brüche rezipiert sie als Künstlerin in ihren Werken.

Shadi Ghadirian nimmt sich eben – als Iranerin und Frau – die Freiheit, Fotografin und Künstlerin zu sein.

Alle Fotographien veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung Shadi Ghadirians.

* Interview Shadi Ghadirians auf http://www.kashyahildebrand.org/zurich/ghadirian/ghadirian002.html

** http://www.ignant.de/2010/11/01/fotografie-blog-shadi-ghadirian/#more-14824

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