Taxi mit Dame

(c) Michael Andre May / pixelio.de

So leicht war meiner Großmutter niemand gewachsen. Als Tochter einer gutsituierten Hugenotten-Familie in Berlin geboren, war sie mit jener unberechenbaren Mischung aus äußerer, deutscher Ruhe und innerem, französischem Temperament ausgestattet, die mitunter, für den Gegenpart völlig unvorhersehbar, mit der zuverlässigen Schlagfertigkeit einer Guillotine über ihn hereinbrechen konnte.

Eines der Rituale im Leben meiner Großmutter sah vor,  jeweils am Donnerstag jeder Woche alle ihre Besorgungen im  kleinen, nahegelegenen Zentrum ihres Stadtviertels zu erledigen. Zunächst stand ein Friseurbesuch auf dem Plan. Nachdem ihre Haare in einem angenehmen, nicht zu auffälligen Kastanienbraun nachgefärbt und in eine elegante Wasserwelle gelegt worden waren, begab sie sich, nun gesellschaftsfähig hergerichtet, in die umliegenden Geschäfte. Ihre Besitzer begrüßten sie mit allem Respekt. „ Habe die Ehre, Frau Professor!“ Sie verehrten die Witwe des Mannes, der nach dem Krieg den größten Betrieb und Arbeitgeber am Ort vor der Demontage gerettet und aufgebaut, dabei die Mitarbeiter am Gewinn beteiligt und mitten in der kriegszerstörten Stadt für neue Wohnungen gesorgt hatte. Ein kurzes Gespräch über die Geschicke der Stadt, ihr Wohl und Weh nutzten ihre Gesprächspartner für so manche Bitte um Hilfe. Die Angestellten packten meiner Großmutter währenddessen ihre Einkäufe sorgfältig in ihre Taschen und beim Hinausgehen hielt ihr ein Lehrling zuvorkommend die Ladentür auf.

(c) P. Kirchhoff / pixelio.de

Hatte sie alle ihre Besorgungen erledigt, darunter immer ein Blumenbouquet und, für etwaigen, unangemeldeten Besuch, feines Gebäck vom ersten Konditor der Stadt, wandte sie ihre Schritte zum zentral gelegenen Taxistand. Dort hatte man sie bereits lange vorher entdeckt und mit Spannung erwartet. Meine Großmutter war bekannt für ihre großzügigen Trinkgelder. Die Fahrer eiferten danach,  im entscheidenden Moment vorne in der Taxischlange stehen und sie fahren zu dürfen. Kaum näherte sie sich dem ersten Wagen, sprang der Sieger aus der Fahrertür, hechtete auf die Beifahrerseite und hielt ihr galant die Tür auf. „Bitte sehr, gnädige Frau.“ Dann, wenn meine Großmutter im Wageninneren Platz genommen hatte, und etwaige Taschen im Kofferraum verstaut waren, die Frage:“ Zur Plantagenstrasse, gnädige Frau?“ „Ja, bitte.“  Die ganze Taxifahrt dauerte nur zehn Minuten und wurde in einem respektvoll getragenen Tempo absolviert. Vor ihrem Hause angekommen, erbot sich dann der Fahrer:“ Gnädige Frau, darf ich Ihnen ihre Taschen noch ins Haus tragen?“, was meine Großmutter mit vollendeter Würde annahm. Im großen, von einer lichtdurchfluteten Kuppel überragten Eingangsbereich reichte meine Großmutter dem Fahrer dann diskret ein äußerst zufriedenstellendes Trinkgeld. So waren alle, an dem wöchentlichen Ausflug Beteiligten glücklich, meine Großmutter, die Geschäftsleute und die Taxifahrer.

Das Schicksal wollte es, dass eines Tages als erster in der Taxireihe ein junger, mit diesem eingespielten Ritual nicht vertrauter, Fahrer stand. Als meine Großmutter sich vollbepackt mit ihren Einkäufen näherte, stieß er lässig von innen die Wagentüre auf und wartete ungeduldig, bis sie sich mitsamt ihren Taschen, die nun auf ihrem Schoß landeten, in das Taxi gequält hatte. Seine Kollegen in den Taxis hinter ihm gaben sich schon gegenseitig grinsend Zeichen, aber das nahm der Neuling nicht wahr.

„Wo woll’n se denn hin?“, tönte es im Wageninneren meiner Großmutter entgegen. Meine Großmutter zeigte Contenance. „Wenn Sie bitte zur Plantagenstrasse Nr. 9 fahren wollen“, erwiderte sie höflich. Ohne sie anzugucken oder noch ein Wort an Sie zu verlieren, startete der junge Mann eilends den Motor, legte den ersten Gang ein und fuhr mit sportlichem Elan vom Taxistand los.

Durch die unerwartete Beschleunigung  wurde meine Großmutter mitsamt ihren Taschen heftig in den Sitz gedrückt. „Oooh!“ entfuhr es ihr überrascht. Der Fahrer achtete nicht darauf. Hielt er es für einen Laut der Begeisterung?

(c) Mark 1480 / pixelio.de

Zügig, sehr zügig fuhr er durch die kleinen Straßen. Als das Taxi sich schließlich in eine Kurve legte, und zwangsweise mit ihm meine Großmutter, die so eine ihr bis dato völlig unbekannte, atemberaubende Qualität der Kurvenbewältigung kennenlernte,  war das Maß voll. “Bitte, fahren Sie langsamer!“ richtete sie sich mit leisem Ärger an den Fahrer. Jedoch, er ignorierte ihre Aufforderung.

Mit jugendlichem Schwung legte er den Wagen in die nächste Kurve. Meine Großmutter wurde energischer:„ Fahren Sie gefälligst langsamer, junger Mann!“ erklang es in einem Ton, der an das unterdrückte Brodeln eines kurz vor dem Ausbruch stehenden Vulkans erinnerte. Ohne sie anzuschauen, denn er war ja auf das Jonglieren seines Autos konzentriert, meinte der Fahrer lässig: “Na, na, Oma, reg‘ Dich nicht auf! Fahr‘ ich oder Du?“

Meine Großmutter nahm einen tiefen Atemzug,  aber dann erklang ihre Stimme dem Fanfarenstoß des jüngsten Gerichts gleich:

„Junger Mann, LEIDER SIE!!!!!“

Der Fahrer schluckte. Die nun eintretende, eisige Stille wurde nur gemildert durch das sanfte Schnurren des Taxis, das nunmehr engelsgleich brav die letzten Meter bewältigte. Meine Großmutter verließ das Taxi schweigend, mit einer, angesichts der Ereignisse gebotenen, sehr aufrechten Haltung.

Der junge Taxifahrer jedoch ward seit jenem Donnerstag an dem zentralen Taxistand nicht mehr gesehen.

(c) Rainer Sturm / pixelio.de

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