Die neue Pest?

Dr. Ignaz Semmelweis

Frauen weigerten sich im 19ten Jahrhundert, ihr Kind im Krankenhaus zur Welt zu bringen. Sie handelten keineswegs irrational, im Gegenteil. Im Krankenhaus, so wußten sie, starben allzu viele Frauen am Kindsbettfieber.

Es war der österreichische Arzt Dr. Semmelweiss, der herausfand, was die Ursache für die hohe Todesrate war. Die mangelhafte Hygiene der Ärzte war schuld.

Die Ärzteschaft tat sich lange schwer, das anzuerkennen. Nicht sein konnte, was nicht sein durfte: Dass sie selbst die Todesengel waren, anstatt die Heiler. Schließlich jedoch mußten sie sich der Wahrheit beugen, ein mühsamer Prozess des Einsehens eigener Fehler. Die Lösung lag in dem strikten Einhalten von  umfassenden Hygiene-Regeln.

Antibiotika

(c) Dr. Karl Herrmann / pixelio.de

Als Krankheitserreger wurden die Bakterien allerdings erst 1857 entdeckt und dann, als segensreiche Medikation, 1893 die Antibiotika. Unzählige Menschenleben wurden in den letzten Jahrzehnten durch Antibiotika gerettet. Wir haben die Bakterien besiegt, so dachte man. Vielleicht ist dieser “Sieg” den Menschen aber zu einfach in den Schoß gefallen.

Antibiotika waren nach dem Zweiten Weltkrieg bald überall erhältlich. Sie werden wahllos eingesetzt, gegen alle möglichen Erreger, auch Viren und Pilze, gegen die sie garnicht helfen können. Hinzu kommt, dass sie fehlerhaft eingenommen werden. Verschwinden die Symptome einer Krankheit, brechen Patienten die Antibiotika-Kur vorzeitig ab oder vergessen einfach, die restlichen Tabletten zuende zu nehmen.

Wir alle sorgen durch unseren täglichen Fleischkonsum für die Existenz von großen Tiermast-Betrieben. Dort werden Antibiotika nicht nur zur Verhinderung von Krankheiten der Schweine, Hühner, Puten und Rinder eingesetzt, sondern als Wachstumsförderer ihrem täglichen Futter beigegeben.

(c) Rolf van Melis / pixelio.de

Wahllos werden Desinfektionsmittel im eigenen Haushalt –  viele Hausmänner und Hausfrauen denken, je mehr, je besser – eingesetzt.
In den Kliniken, Alten- und Pflegeheimen hingegen, wo Desinfektion sinnvoll ist,  wird die Hygiene vernachlässigt. Die seit 1999 bestehende Hygiene-Richtlinie des Robert-Koch-Instituts ist bisher in nur fünf Bundesländern in eine  verpflichtende Regelung umgesetzt worden. In allen anderen Bundesländern gilt sie nur als Empfehlung. Die Folge: Aus Nachlässigkeit und falschem Sparverhalten werden Desinfektionslösungen fehlerhaft angemischt. Ärzte/innen und Pflegepersonal desinfizierten nach einer Begrüßung oder Behandlung eines Patienten, z.B. das Wechseln eines Verbandes, nicht oder nicht ausreichend ihre Hände und ihr Untersuchungsgerät, z.B. das Stethoskop, den Katheter, das Blutdruckmessgerät. Arbeitsabläufe werden nicht unter Hygiene-Aspekten durchdacht und geplant. Die Reinigung von OP-Bestecken wird an externe Dienstleister ausgelagert, deren hygienische Leistung danach selten noch durch die Krankenhäuser kontrolliert wird. Oft fehlen in Krankenhäusern schon allein die Räumlichkeiten, mit resistenten Bakterien infizierte Patienten zu isolieren. In den wenigsten Häusern werden die Patienten vor der Aufnahme auf eine Station auf resistente Keime getestet.

Mit diesen verschiedenen Formen des Fehlverhaltens und Mißbrauchs von jedem einzelnen von uns, in der Fleischindustrie und im Gesundheitswesen regen wir die Bakterien regelrecht zur Entwicklung von Resistenzen gegen Antibiotika an. Denn, wenn Antibiotika und Desinfektionsmittel falsch angewandt werden, überlebt immer ein Anteil der Bakterien, nämlich die, die durch irgendeine Mutation widerstandsfähiger gegen den Wirkstoff der Antibiotika und Desinfektionsmittel sind als die anderen. Je mehr und wahlloser beide eingesetzt werden, um so größer die Wahrscheinlichkeit, dass mutierte Bakterien sich bilden.

Resistenz

Heute müssen wir feststellen, dass die Bakterien zurückschlagen. Sie sind tatsächlich resistent geworden für unser Allheilmittel, die Antibiotika. Neu entwickelte Antibiotika werden schon nach wenigen Jahren wirkungslos.

(c) Herbert Käfer / pixelio.de

In 14% aller Schweinezuchtbetriebe in 24 EU-Ländern gibt es Antibiotika-resistente Keime, in den Schweinemastbetrieben liegt der Durchschnitt bei 24%. In Deutschland und Spanien sind besonders viele Betriebe infiziert. Die Werte liegen hier bei 46 bzw. 51%, d.h. praktisch jeder zweite Betrieb ist infiziert. Es handelt sich um Bakterien namens „Staphylococcus Aureus“, die auf eine Gruppe von Antibiotika, den Beta-Lactam-Antibiotika, nicht mehr reagieren. Dazu gehören Methicillin genauso wie die häufig in der Humanmedizin eingesetzten Antibiotika Penicillin oder die Cephalosporine. *

Normalerweise können diese Bakterien vom Tier auf den Menschen nur durch den Verzehr von rohem oder nicht richtig durchgegartem Fleisch oder von Rohmilch übertragen werden. Dennoch haben die Methicilin- resistenten Staphylococcus Aureus Bakterien (MRSA) diesen Übertragungsweg schon genutzt und sind auf den Menschen übergesprungen.

(c) Gerd Altmann / pixelio.de

Auch in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen tauchen mittlerweile Bakterien auf, die eine Mehrfach-Resistenz, darunter MRSA, vorweisen. Während in den Niederlanden schon seit Jahren aktiv gegen die Verbreitung von multiresistenten Keimen in Krankenhäusern gekämpft wird, gab es in Deutschland bis vor kurzem noch nicht einmal eine Meldepflicht für Erkrankungen durch diese Art von Bakterien. Dabei schätzen führende Hygieniker, dass hier pro Jahr bis zu 50.000 Erkrankungen und 10.000 Todesfälle darauf zurückzuführen sind. Das sind mehr als alle Verkehrstoten pro Jahr in Deutschland. In deutschen Kliniken liegt die MRSA-Rate bei 24%, in den Niederlanden aufgrund der konsequenten Hygiene-Maßnahmen dagegen bei 2-3%. **

50% aller Deutschen trägt jedoch mittlerweile ein resistentes Bakterium mit sich, auf der Nasenschleimhaut. Ist der Träger des Bakteriums gesund, merkt er nichts davon. Aber er kann dieses Bakterium überall hin, auch in Krankenhäuser und Alten- und Pflegeheime mit immungeschwächten Menschen, verbreiten. Schwächt sich auch seine eigene Immunabwehr durch eine Krankheit ab, kann das Bakterium für ihn selbst zum Problem werden.

In den USA hat der gefährliche, hoch ansteckende MRSA-Stamm USA300 den Weg aus den Krankenhäusern in die ganz gewöhnliche Lebensumgebung gefunden.USA300 z.B. löst schwere Lungenentzündungen und Nierenversagen aus. Auch dieses Bakterium kann, bedingt durch den internationalen Reiseverkehr, sich jederzeit in Deutschland ausbreiten. Clostridium difficile ruft schwere Darmentzündungen hervor, die in einer lebensgefährlichen Blutvergiftung enden können. Bakterien der Familie Enterobacteriaceae, wie Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae, sind nicht nur resistent gegen Cephalosporine, sondern auch gegen Antibiotika wie Chinolone. Damit können sie nur noch im Krankenhaus mit einer Infusion von teuren und sehr viel giftigeren Reserveantibiotika, Tigecyclin, Daptomycin und Vancomycin, behandelt werden. Schon eine einfache Blasenentzündung kann aufgrund eines resistenten Keims zum Tode führen. Patienten haben durch resistenten Bakterienfrass Gliedmaßen verloren.

Gefährdet durch multiresistente Keime ist grundsätzlich jeder, zu allererst das medizinische Personal, Bauern und Viehzüchter, sowie Tierärzte. Danach sind jedoch besonders alte Menschen betroffen, Kinder, die  über noch kein fertig ausgebildetes Immunsystem verfügen, Unfallopfer, Transplantierte, Krebskranke, aber auch Menschen mit sogenannten Seltenen Krankheiten, wie Multiple Sklerose oder rheumatische Erkrankungen,  die mit immunsuppressiven Medikamenten behandelt werden.

Was wir tun können

Es besteht also Handlungsbedarf, für uns alle, denn wir können alle ausnahmslos betroffen sein.

(c) Gerd Altmann / pixelio.de

Die Bertelsmann-Stiftung und mittlerweile auch die Barmer GEK setzen sich dafür ein, dass das Hygiene-Management und die Anzahl der MRSA-Fälle als Kriterium in die Qualitätsberichte der Krankenhäuser aufgenommen werden. Aber das reicht nicht. Auch in Deutschland können niedrigere MRSA-Raten erreicht werden: Seitdem in der Region Münster im Rahmen des Euregio-MRSA-Projektes die niederländischen Standards eingehalten werden, sinkt dort die MRSA-Rate in den Krankenhäusern. Teil des niederländischen Standards ist die Finanzierung von MRSA-Tests vor der stationären Aufnahme von Patienten. Sie kosten 1-2 Euro pro Test, die Behandlung eines infizierten Patienten hingegen zehntausende von Euro. Fordern Sie Ihre eigene Krankenkasse auf, dass sie die bundesweite Einführung des niederländischen Standards unterstützt.

Erkundigen Sie sich vor einem geplanten Krankenhausaufenthalt oder Krankentransport bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland nach Krankenhäusern und Krankentransport-Diensten, die über ein gutes Hygiene-Management verfügen. Fragen Sie nach der Anzahl der MRSA-Fälle.

Was darüberhinaus jeder einzelne von uns ganz praktisch tun kann, im Kampf gegen die weitere Ausbreitung von resistenten Bakterien, findet sich auf der Internetseite des deutsch-niederländischen Euregioprojektes gegen multiresistente Keime, insbesondere MRSA (Methicillin resistenter Staphylococcus aureus), übrigens auch lesenswert für Ärzte und Pflegepersonal:

http://www.mrsa-net.nl/de/selectie.php

Ärzte und Pflegekräfte können sich über das Hygienforum miteinander austauschen.

Wenn Sie, verehrter Leser, verehrte Leserin, ihre Angehörigen oder Freunde allerdings bereits von MRSA betroffen sind, finden Sie seit kurzem Unterstützung bei der Selbsthilfegruppe MRSA-Betroffene.


*„MRSA bei Schweinen: grosse Unterschiede innerhalb Europas“, Cathy Maret, 10.12.2009
siehe auch die entsprechenden, aktuellen EFSA-Berichte unter dem Stichwort „MRSA“

** http://www.wdr.de/tv/quarks/global/pdf/Q_Keime.pdf

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Eine Antwort zu Die neue Pest?

  1. gelenkgesund schreibt:

    Ja, rheumatoide Arthritis wird, weil man sie neben ein paar anderen Diagnosen als „Autoimmunerkrankung“ auffaßt, so behandelt, daß die Immunreaktionen gedämpft werden. Daß dies gleichzeitig die Abwehr gegen andere Infektionskrankheiten unspezifisch mit hemmt, liegt auf der Hand. Es ist aber nicht zwangsläufig. Gerade solche Nebenwirkungen der Standard-Therapie ließen mich am Behandlungskonzept gegen meine aggressiv verlaufende chronische Polyarthritis zweifeln und ich setzte die Medikamente schließlich abrupt und vollständig ab. Und siehe da: ich lebe noch, bin sogar seit über zehn Jahren vollständig von meinem „Rheuma“ geheilt.

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