Ein Frühlingsbad

Das Hochlandrind preschte wütend hervor und versuchte, Bosco auf die Hörner zu nehmen. Der junge Bouvier wich knapp aus und umkreiste aufgeregt bellend das große Tier. Ein anderes der mächtigen Rinder  griff an. Sein langes Horn streifte Bosco an der Seite. Der Hund bog sich vor Schmerz.

Friesisch-herbe Landschaft mit Bäumen und Wasser

(c) Kokopelli / pixelio.de

Gerade noch hatten die weiten Polderwiesen sich im friesischen Frühling frischgrün und friedlich ausgestreckt. Im kleinen Garten meiner Nachbarin Jette, zum Polder hin abgeschlossen durch einen breiten Entwässerungsgraben, hatte ich die ersten gelben Osterglocken und roten Tulpen bewundert, die sich leise im Wind bewegten. Bosco, der junge Nachbarshund, ein großer, schwarzer Bouvier, war durch die Terassentür in den Garten geschossen und hatte mich lebhaft begrüßt.

Plötzlich jedoch, der Wind hatte gedreht und wehte vom Polder her, hielt er inne und erstarrte. Intensiv fixierte er das Ende der Polderwiese. Der Entwässerungs-graben, den der junge Hund bisher wegen der unheimlichen, dunklen Wasserbewegungen  mit Respekt gemieden hatte, war vergessen. Mit einem Riesensprung setzte Bosco hinüber und sprang in vollem Tempo auf die Herde Hochlandrinder zu, die der Bauer zum ersten Mal auf die Wiese gebracht hatte.

„Bosco! Boscooooh! Hiiiierheeer!“ Jette versuchte Bosco zurückzurufen, aber für den Hund zählte sie in dem Moment nicht.
Der Bouvier machte seiner Rasse alle Ehre: er setzte an, die Rinder zu sammeln und zu treiben. Die Hochlandrinder jedoch verstanden Boscos Ansinnen nicht. Nachdem sie sich zu einem Verteidigungskreis zusammengefunden hatten, der Hund aber immer näher, aus ihrer Sicht bedrohlich, um sie herum sprang, hatten sie schließlich angegriffen.

Verletzt und gefolgt von einem der gereizten Tiere bewegte sich der Hund jetzt humpelnd Richtung Garten. Allerdings baute sich dort der Wassergraben vor ihm auf. Den hatte er zwar zuvor in seiner Rinderbegeisterung ohne Zögern übersprungen, aber da war es nun wieder, das breite, unheimliche, dunkle Wasser.  Angstvoll humpelte er am Rand des Grabens hin und her, hinter sich die drohende Kuh.
„Bosco, komm!… Komm, Bosco, hierher, komm!“ Verzweifelt versuchte Jette, ihn über den Graben zu locken.  Bosco lief auf sie zu…. und drehte kurz vor dem Graben wieder ab. Drohend kam das Rind immer näher.

Ein weiter Sprung in das brackige Nass, es ertönte ein schlürfendes „Platsch“. Unangenehm zog das frühlingskalte Wasser durch meine Kleidung. Mit rudernden Bewegungen arbeitete ich mich durch den schlammigen Wassergraben Richtung Bosco vor. Während ich das Rind im Auge behielt, packte ich den Hund am Halsband und zog den Widerstrebenden in den Graben. Halb schwimmend, halb stolpernd kehrten wir an das rettende Ufer des Garten zurück, wo Jette uns beide, nass und schlammbedeckt, wie wir waren, überglücklich in die Arme schloss.

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