Marokkanische Achtsamkeit

Zwei teegläser mit marokkanischem Minz-Tee

Marokkanische Teatime (c) Jürgen Werres / pixelio.de

Der Duft von frisch gerösteten Mandeln, Haselnüssen und Pistazien war unwiderstehlich. Sarina bestellte bei dem Markthändler eine große Tüte, auch wenn der Preis ihr Budget eigentlich sprengte. Zuhause füllte sie voller Vorfreude den Inhalt  in ihre große, handbemalte Keramikdose. Noch schnell einen Thé à la Menthe, einen marokkanischen Pfefferminztee, aufgebrüht. Im schattigen Innenhof ihres Hauses machte sie es sich dann auf ihrem, mit großen, bunten Sitzkissen ausgestatteten Sofa bequem. Dann griff sie zu dem Buch, das sie am Tag zuvor angefangen hatte zu lesen. Voller Spannung schlug sie es nun an der Stelle auf, an der sie am Abend vorher noch ein Lesezeichen eingefügt hatte.

Schnell war sie wieder ganz vertieft. Ab und zu nur langte sie mit der Hand nach ein paar Nüssen in die Keramikdose, führte sie zu ihrem Mund, kaute langsam. Doch plötzlich, sie hatte gerade wieder eine kleine Handvoll in ihren Mund geschoben, fühlte sie, dass ihre Zähne abrutschen. Es gab einen lauten Knacks, der in ihrem ganzen Schädel zu echoen schien. Ein ziehender Schmerz durchfuhr einen Backenzahn. Erschrocken hielt sie inne. Mit der Zunge suchte sie ihre Zähne ab, versuchte angespannt zu erfühlen, was geschehen war. Schließlich gab sie den Nussbrei, der noch in ihrem Mund war, auf ein Taschentuch und entdeckte, als sie die Masse mit dem Teelöffel vorsichtig durchsuchte, ein Stück Nussschale und ein abgebrochenes Stück Zahn. Jetzt war klar, was geschehen war. Sie hatte auf die harte Nussschale gebissen und dabei anstatt der Nuss ihren Backenzahn geknackt. Der Zahn machte unterdessen mit einem anhaltend heftigen Schmerz auf sich aufmerksam. Ihre Backe mit der Hand haltend, telefonierte sie nach einem Taxi. In der Notaufnahme einer Privatklinik in Rabat hatte sie Glück, ein befreundeter Zahnarzt hatte gerade Dienst. Mit einer bedrohlich großen Spritze piekste er sie in ihren Mund, aber es befreite sie wenigstens von ihren Schmerzen. Zum Schluss konfrontierte er sie mit der Unglücksnachricht, ohne eine teuere Krone war ihr Backenzahn nicht mehr zu retten.

Immer noch verärgert über ihr schmerzhaftes Malheur und die Kosten der Zahnbehandlung, die damit auf sie zukamen, beklagte sie sich am nächsten Mittag bei Latifa, ihrer marokkanischen Zugehfrau, eine Frau mittleren Alters und Analphabetin, die alleine mit ihrer Arbeit ihre zwei Kinder großzog. Während sie den Innenhof fegte, hörte sie Sarinas empörten Klagen geduldig zu.
Heftig erklärte sie, also, in den USA, da wäre so etwas nicht geschehen, dort habe man eine Lebenshaltung, die auf Verantwortung beruhe! Nein, in ihrem Land hätte es der Verkäufer der Nussmischung nicht riskiert, Nussschalen in seinem Produkt zu übersehen, da war sie sich sicher. Weil er sich einer Schadensersatzklage gegenüber gesehen hätte und sie, Sarina hätte auf nicht weniger als 1 Millionen Dollar geklagt!

Als Sarina endlich ihrer Empörung ausreichend Luft gemacht hatte, richtete Latifa sich ruhig auf und stellte sich sehr aufrecht vor ihre Arbeitgeberin hin. Sie schaute Sarina in die Augen und fragte sie:

„Saida, wer hat einfach ein Buch gelesen und nicht hingeschaut und aufgepasst, was er aß?

Wer hat sich die Nüsse in den Mund gesteckt, ohne ihnen die volle Aufmerksamkeit zu schenken, die sie eigentlich verdienen, frisch geröstet, wunderbar duftend und wohlschmeckend, wie sie sind?“

Sarina wußte, verdutzt ob dieser Fragen, nicht, was sie antworten sollte.

Da keine Antwort kam, fuhr Latifa fort: „Saida, was kann denn DANN der Verkäufer der Nüsse für das, was Ihnen geschehen ist?

Das Leben ist voller Risiko, immer und überall. Jeder muss selbst die Verantwortung für sich selbst übernehmen und achtsam sein.

DAS ist die MAROKKANISCHE Lebensweisheit!“

Zahnhändler_in_Marokko

Zahnhändler in Marokko (c) Hajo Steinsträßer / pixelio.de

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