Der werfe den ersten Stein…

Albert Sieber, Deutscher Auswanderer, Arizona, Februar 1874

“ Wenn diese Leute [Deutsche] …sind, dann sollen sie unsere Sprache sprechen.“

Alltäglich scheint dieser Satz zu sein, so oft gehört, gemünzt auf die eine oder andere unserer Einwanderergruppen in Deutschland. Tatsächlich jedoch mokierte sich so im 19. Jahrhundert ein Staatsbeamter in Nebraska, USA, über  DEUTSCHE Einwanderer in Amerika. Wenn sie Amerikaner seien, dann sollten sie die Landessprache, nämlich Englisch, sprechen.

Mit seiner Ablehnung der Deutschen stand er keineswegs alleine da. Die großen Wellen deutscher Einwanderer im 19. Jahrhundert weckten Ängste vor Überfremdung. Die amerikanische Öffentlichkeit warf ihnen vor, sich nicht anpassen, die amerikanische Sprache nicht sprechen und die amerikanische Kultur nicht annehmen zu wollen. So äußerte sich einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, Benjamin Franklin, in seinem 1751 veröffentlichen Pamphlet „Observations Concerning the Increase of Mankind„:

„Why should the Palatine Boors [Germans] be suffered to swarm into our Settlements, and by herding together establish their Language and Manners to the Exclusion of ours? Why should Pennsylvania, founded by the English, become a Colony of Aliens, who will shortly be so numerous as to Germanize us instead of our Anglifying them, and will never adopt our Languages or Customs, any more than they can acquire our Complexion?“ (Daniels 109-10)

Wie war es dazu gekommen?

Die Neigung der Deutschen, sich in bestimmten Stadtvierteln oder Landesgegenden – wie das „Little Germany“ in New York – konzentriert niederzulassen, sorgte für Misstrauen. Die meisten der deutschen Einwander folgten jedoch einfach einem Freund, Bekannten oder Familienmitglied, der bereits eingewandert war und sich dort etabliert hatte. Ohne jegliche Englisch- und Landeskenntnisse konnten sie so auf tatkräftige Unterstützung durch Landsleute bauen und auf eine Infrastruktur, wie sie sie von zuhause kannten. Sie bewegten sich vornehmlich in deutschsprachigen Kirchen, Schulen, Bäckereien, Metzgereien, deutschsprachigen Milizen und Schützenvereinen, Turnergruppen, Feuerwehren, Spar- und Versicherungsvereinen, Chören und Theatergruppen. Die alteingesessenen Amerikaner unterstellten den Deutschen jedoch, sich nicht in die amerikanische Gesellschaft integrieren zu wollen.

Mit Herannahen des ersten Weltkriegs wuchs in der amerikanischen Öffentlichkeit die Sorge, dass die deutsche Bevölkerungsgruppe zum Feind, dem Deutschen Reich und Kaiser, stehen würde und nicht loyal zu den USA. Die englischsprachigen Alteingesessenen verstanden ja nicht, was die Deutschen in ihren Stadtvierteln, etwa in New York oder Milwaukee, und in ihren Dörfern und Kleinstädten, etwa in Iowa, Illinois, Michigan und Wisconsin, unter sich redeten.
Man war besorgt darüber, keine Kontrolle darüber zu haben, was in den Kirchen und Schulen gepredigt und in Vereinen – möglicherweise subversive Aktionen – geplant wurde.

Auch Kriminalität war ein Thema. Deutsche Einwandererjugendliche fielen unangenehm auf, wenn sie Gesetzeswidrigkeiten begingen. So berichtet Jane Addams 1910 von dem Diebstahl von Stoff durch eine junge, deutsche Ladenangestellte. Typisch an diesem Fall: Die erste, in den USA geborene, Generation wurde oft zerrissen zwischen den Ansprüchen und Werten ihrer Familienkultur und der sie umringenden, amerikanischen Kultur. Orientierungslosigkeit konnte Kriminalität begünstigen.

Deutsche standen damals auch in dem Ruf, den Einheimischen die Arbeitsplätze wegzunehmen, weil sie für geringeren Lohn arbeiteten. Die große amerikanische Gewerkschaft AFL, American Federation of Labor, wurde 1886 zum Schutz gegen das Lohndumping durch billige, ungelernte Einwanderer, wie es u.a. deutsche Landarbeiter aus Mecklenburg-Vorpommern waren, gegründet.  Deutsche Einwanderer schienen sich zudem der amerikanischen Arbeiterbewegung nicht anschließen zu wollen, was die Gewerkschaften gegen sie aufbrachte – auch wenn der wahre Grund oftmals in mangelnden Sprach- und Landeskenntnissen und daher Verständnisschwierigkeiten lag.

Die religiösen Einstellungen der Alteingesessenen und der Neuankömmlinge waren unterschiedlich und riefen Irritationen hervor. Katholische Einwanderer, so argwöhnten amerikanische Protestanten, gefährdeten ihre, mühsam der katholischen Kirche abgerungene, Glaubensfreiheit. Gerade bei puritanisch geprägten Amerikanern führten  die fröhlichen, sonntäglichen Zusammenkünfte der Deutschen, bei denen gesungen, musiziert, getanzt und Alkohol getrunken wurde, und natürlich Veranstaltungen wie ein Oktoberfest, zu Ablehnung und moralischer Verurteilung.

Umgekehrt fand man andernorts, dass deutsche Einwanderer einer engstirnigen Moral anhingen, so in Tennessee, einem Bundesstaat, der geographisch auf der Höhe Siziliens liegt. Die deutschen Eltern schickten ihre Kinder im Sommer trotz Temperaturen oberhalb von 36 Grad Celsius und sehr hoher Luftfeuchtigkeit in dicken, hohen Wollkniestrümpfen, festen Schuhen, langen Hosen und Dirndl zur Schule. In ihren Augen war das die angemessene, anständige Kleidung für einen Schulbesuch, eben wie sie es aus Deutschland kannten. Für die alteingesessenen Amerikaner jedoch war es eine, im wahrsten Sinne des Wortes nicht in die Landschaft passende, Engstirnigkeit und unnötige Quälerei der Kinder.

Wie die Geschichte zeigt, Deutsche haben sich in den letzten beiden Jahrhunderten als Auswanderer in den USA nicht anders – besser oder schlechter – verhalten als die Einwanderer, die in den letzen Jahrzehnten aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind und weiterhin kommen werden.

Da werfe doch jemand gegenüber unseren Einwanderern den ersten Stein….

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4 Antworten zu Der werfe den ersten Stein…

  1. vallartina schreibt:

    Da werfe doch jemand gegenüber unseren Einwanderern den ersten Stein….
    —Welchen Einwanderern denn?

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    • federfluesterin schreibt:

      Darf ich Dich da auf die in Deutschland seit Wochen tobende Diskussion aus Anlass von Thilo Sarrazins Buch über muslimische Immigranten verweisen?

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  2. maerzkaempfer schreibt:

    Liebe Federflüsterin,

    ihr Artikel ist geistreich und provokant. Es ist Normalität, dass sich Einwanderer, die sich ethnisch-kulturell gleichen, zusammentun, Parallelwelten bilden und ihre Lebensformen weiter kultivieren. Von außen wird dieser Mikroksmos dann auch als Gefahr wahrgenommen, vor allem in Zeiten zunehmender Nationalisierung und weltpolitischer Polarisierung, es bilden sich Vorurteile, teils berechtigt, teils aus selektiver Wahrnehmung. Nur der Vergleich zu heute ist etwas schief: Heute haben wir in unserer multikulturalisierten BRD einen quantitativen und qualitativen Sprung hingelegt, der noch nie da war, und der neue Parameter mitbringt, die bisher nie da waren und die Grundproblematik verschärfen: Wir haben es mit einer großen, nie dagewesenen Masse auch noch sehr fruchtbarer Einwanderer zu tun, die archaische Strukturen importieren, von denen man keine Assimilation zu verlangen wagt, deren Wertesystem mit unserem kulturell inkompatibel ist und die oft eine Art Ethnonationalismus gegen ihre Aufnahmegesellschaft entwickeln. Diese ethnischen Kolonien kann jeder in unseren Großstädten betrachten und erleben, dann wird man merken, dass Überfremdung nicht nur ein Schlagwort rechter Populisten ist (obwohl leider durchaus aus dieser Ecke herkommend). Multikulti muss noch gegenüber der einheimischen Bevölkerung verantwortet werden können, das vergisst man immer sehr schnell. Es bleibt aber festzustellen, dass dieses Problem hausgemacht ist, dass man mit Populismus eher noch mehr Benzin ins Feuer gießt als Lösungen präsentiert und dass auch Sarrazin Gefahr läuft, pauschale Verurteilungen abzugeben, die der Realität nicht angemessen sind. Steine gegen Einwanderer werfen, ist auf jeden Fall der grundfalsche Weg.

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    • federfluesterin schreibt:

      Lieber Märzkämpfer,

      Ein liebgewordenes Eigenbild, das des allzeit bereit-integrationswilligen deutschen Auswanderer wird durch die Fakten und Erkenntnisse geschichtswissenschaftlicher Forschung korrigiert – warum wird das als provokant erfahren?
      Richtiger wäre doch, man würde befreit aufatmen, weil nun auch ein Deutscher einfach Mensch sein und zugeben könnte, dass auch er die offensichtlich weltweit verbreiteten Probleme mit seiner eigenen Integration bei einer Auswanderung haben könnte. Was den Blick überhaupt erst ermöglich kann auf die dahinterlegenden Mechanismen.
      Die Geschichte der deutschen Auswanderung in die USA zeigt nämlich einige davon auf:

      1. Auch Einwanderer, die kulturell der Mehrheitsgesellschaft in neuen Land sehr nahe stehen – wie Deutsche oder auch Iren zu von Ursprung britischen Amerikanern -, integrieren sich nicht per se besser in die Mehrheitsgesellschaft als heute z.B. türkische Einwanderer in Deutschland. Die deutschen Parallelgesellschaften in den USA bestanden über mehrere Generationen stabil weiter.
      2. Mangelhafte Vorbildung, wie Sprach-, Gesellschaftssystem- und Landeskenntnisse, sowie Schulbildung, die einem ermöglicht, Unbekanntes sich systematisch und schnell anzueignen, begünstigt das Sich-Zusammentun mit gleich Betroffenen, also emigrierten Landsleuten oder zumindest Emigranten anderer Länder. Das wiederum begünstigt die Bildung von Parallelwelten.
      3. Reagiert die Mehrheitsgesellschaft ablehnend auf die Einwanderer, begünstigt auch das um so mehr das Sich –Zusammentun der letzteren, und damit die Bildung und Ausbreitung von Parallelgesellschaften. Das kann sich in der Tat bis zu einem „Wir, d.h. einer selben oder mehrerer Immigranten-Nationalitäten, gegen alle anderen der Mehrheitsgesellschaft“ entwickeln. Auch das ist in den USA geschichtlich feststellbar.
      4. In den USA konnte aufgrund der Verfassung eigentlich schwerlich eine Assimilation verlangt werden. Man hat aber dennoch aktiv für die Voraussetzungen gesorgt, mit u.a. einer Kindergartenpflicht, der Ganztagsschule und mit einem Unterricht, der Integration mit entsprechenden Lernmethoden bewusst fördert.

      Auch heute noch sind die unterschiedlichen Einwanderergruppen in den USA identifizierbar. Ethnische Böhmen wohnen z.B. gerne und vorwiegend in böhmischen Gegenden rund um Chicago mit böhmischen Metzgereien und sie arbeiten gerne in böhmischen Firmen. Abkömmlinge einer Ethnie unterstützen sich gegenseitig. Für ethnische Schweden trifft das genauso zu wie für ethnische Italiener. Übrigens, deutsche und irische Einwanderer in den USA waren gerade ausgesprochen fruchtbar, und dafür in den USA bekannt – auch Sie kennen zumindest den späteren Kennedy-Clan, der jedoch keinesfalls ein Einzelfall war, ganz im Gegenteil -.

      Haben wir hier in Deutschland überhaupt ein realistisches Bild davon, wie Einwanderung generell abläuft und welcher Integrationsgrad normalerweise innerhalb von wievielen Generationen erreicht wird?
      Oder haben wir da ein – nirgendwo jemals bei größeren Einwanderergruppen erreichtes – Idealbild vor Augen?
      Inwieweit sind wir mit unserem Anspruch einer Assimilation immer noch geprägt von den Lehren des Dritten Reiches, die ein unveränderliches, Fremden-freies Deutschbild in den Köpfen etablierten? So musste etwa die deutschstämmige Ehefrau ihres chinesischstämmigen Ehemannes in Dresden mit dem Schild „Ich bin eine Ausländer-Hure“ um den Hals auf der Straße stehen.

      Das Gute an der gegenwärtigen Diskussion ist, dass wir hoffentlich eine Chance erhalten, die Integrationsforschung und –Erfahrung der klassischen Einwanderungsländer für uns nutzen zu können, nachdem unsere Mehrheitsgesellschaft das Thema jahrzehntelang ignoriert und vor sich hergeschoben hat. Die Erfahrung zeigt, Integration geschieht nicht von alleine und sicherlich nicht ohne eine aktive Gestaltung durch die Mehrheitsgesellschaft.
      Eine Kindergartenpflicht und die Ganztagsschule gehören für mich zu grundlegenden Maßnahmen, genauso wie ergänzender Sprachunterricht. Eine sehr gute Idee finde ich den Einsatz von der Einwanderersprache und –kultur mächtigen Mentoren für Einwandererfrauen, denn sie prägen und gestalten entscheidend die Integration (-sfähigkeit) der nächsten Generation.
      Für künftige Einwanderer nach Deutschland befürworte ich eine Selektion nach einem Punktesystem, damit in dieses Land Menschen einwandern, die überhaupt einwanderungsfähig sind. Sie werden feststellen, dass auch Menschen aus der Türkei sich für die Einwanderung in die klassischen Einwanderungsländer qualifizieren, da es vor allem in den türkischen Großstädten gut ausgebildete Experten mit Fremdsprachenkenntnissen leben, deren Wertvorstellungen, nebenbei erwähnt, den unsrigen erstaunlich ähneln.

      Übrigens, wie in Frankreich unsere deutsche Integrationsdebatte wahrgenommen wird, zeigt dieser interessante Artikel:

      http://www.faz.net/s/RubCC21B04EE95145B3AC877C874FB1B611/Doc~ED26D484B93C3444DAB9A265C8920511D~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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