Seelenwärme

Kuchenauslage in einer türkischen Konditorei, Copyright © tirot /pixelio.de

Während des letzten, kalten Schneewinters, die Temperaturen lagen bei minus fünf Grad tagsüber, und ihr Büroalltag schien den eisgrauen Hochnebelhimmel schon seit Tagen zu reflektieren, gab sie ihrer Sehnsucht nach Süßigkeiten schließlich nach. Auf dem Nachhauseweg vom Büro nahm sie den Abzweig zur türkischen Konditorei. Dort hoffte sie, frische Bakhlava zu erhalten, jenes Gebäck aus Blätterteig, Nüssen und Sirup, dem die Süße schon beim Hinsehen aus jeder der hauchdünnen Teigschichten zu tropfen scheint. Das Zuckerwerk würde ihr Gemüt schon aufwärmen. Schnell sprang sie durch die, trotz der eiskalten Witterung offen stehende Ladentür in das Geschäft, aus dem ihr der köstliche Duft von frisch Gebackenem bis auf die Straße entgegenwehte.

Nachdem sie den Geschäftsinhaber und die Verkäuferinnen kurz begrüßt hatte, wählte sie aus der reich bestückten Auslage drei verschiedene Sorten von Bakhlava aus, eine mit Walnüssen, eine mit Pistazien und eine mit Haselnüssen, und ließ sie in eine, der mit Arabesken verzierten Gebäckschachteln verpacken. Schon der Wohlgeruch der gerade aus dem Ofen gekommenen Backwaren und ihr appetitlicher Anblick hatten ihre Stimmung etwas aufgeheitert. Ganz heißer Tee zu frischer Bakhlava würden ihr den kalten Winterabend versüßen. Mit ihrer Schachtel in der Hand begab sie sich zur Kasse am Ende der Auslagevitrinen. Dort lagen schon Gebäckpackete einer anderen Kundin, aber der Konditor nickte ihr freundlich zu und bedeutete ihr, dass sie als erste ihren Einkauf bei ihm abrechnen könne.

Froh darüber, da die Kälte im Geschäft ihr schon unangenehm die Beine hochkroch, wollte sie gerade ihre Geldbörse hervorholen, als schräg hinter ihr jemand erschrocken „Oh!“ rief und heftig von der Vitrine zurückzuckte. „Das ist ja elektrisch!“ Lag es an dem Kontrast zwischen der beißenden Kälte um sie herum und der greifbar nahen Aussicht auf den mit Bakhlava gekrönten, heißen Tee? Zu Ihrer eigenen Verlegenheit hörte sie sich spontan sagen:„Sein Sie doch froh, da können sie Energie sparen, bei dem Heizbedarf bei dieser Witterung…!“

Angesichts ihrer Vorwitzigkeit wandte sie sich ihrem Hintermann zu, um ihn vorsichtig anzulächeln. Ihr Blick traf jedoch lediglich auf eine Knopfleiste. Eilends führte sie ihre Augen entlang der Knöpfe höher, immer höher, bis sie endlich die Augen ihres Gegenübers erreichten. Gottseidank, sie lächelten. Erleichert, zugleich erstaunt über seine Körpergröße, entwischte ihr nun zu allem Überfluss jedoch noch ein leises: “ … in Ihrer Höhenlage!“

Auch ihr letzter Kommentar war ihm nicht entgangen. „ Da haben Sie recht, das hier oben ist Polarluft, ein bisschen elektrische Wärme kann da nicht schaden!“ Ihr Gegenüber lachte sie rundheraus von oben an, und mit ihm kurz darauf der Konditor und das ganze Geschäft und schließlich auch sie selbst. Wenig später trat sie gelöst in die Winterwelt vor der Konditorei, in der Hand ihre Schachtel duftender, warmer Bakhlava.

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