Grenzzonen auf der Zunge

Zafer Senocak (c) mesut hastürk / flickr.com

Ein Irrtum war es nicht, als mehrere amerikanische Universitäten, darunter die University of Berkeley in Californien und das MIT in Cambridge, Massachusetts,  Zafer Senocak einluden, als deutscher „Writer in Residence“ schriftstellerisch in den USA tätig zu werden. Zafer Senocak ist ein prominenter deutscher Publizist, bekannt geworden durch seine Gedichte,  Prosa, seine Essays zu den Themen Minderheiten und Islam für die WOCHE, die WELT und die Berliner Zeitung, und als Herausgeber der interkulturellen Rubrik der „Tageszeitung“. Seine Werke sind inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt und auch in den USA veröffentlicht worden. Dort wird er, wie auch in Großbrittanien, als ein wichtiger Autor des heutigen Deutschlands wahrgenommen.

In Deutschland selbst wird er dabei gerne in die Schublade des „Ausländers, der Deutsch schreibt“ gesteckt, in der Türkei dafür in die des „Türken, der nicht in Türkisch schreibt“. Senocak selbst bewegt sich lieber außerhalb dieser Kategorien und sieht sich als Autor, der, wie Günter Grass, zwar durchaus aus seiner Herkunft schöpfen kann, aber seine ureigenen Kategorien schafft. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Adelbert-von-Chamisso-Förderpreises  hat er 1988 sein Verhältnis zu den verschiedenen Welten, die sich in ihm treffen, wie folgt beschrieben:

„Deutlicher als zu irgendeiner anderen Zeit steht Fremdheit heute in der Geburtsurkunde des Dichters geschrieben. Mit diesem Geburtsschein kann ich mich nirgendwo zu Hause fühlen, außer von Zeit zu Zeit auf der Suche nach einer bewohnbaren Sprache – vielleicht der letzten Utopie, die uns noch bleibt – im Bewußtsein der Widersprüchlichkeit meines Daseins, mich zu meiner doppelzüngigen Identität bekennend, zu Sehnsüchten, die zu poetischen Schlüsseltrieben werden, weil sie niemals einlösbar sind“.

Das folgende Gedicht aus Zafer Senocaks 1985 erschienenen Buch “ Flammentropfen“ zeigt, wie er aus diesem inneren Zustand schöpft:

(c) Kurt Michel / pixelio.de

Ich habe meine Füße auf zwei Planeten
wenn sie sich in Bewegung setzen
zerren sie mich mit
ich falle

ich trage zwei Welten in mir
aber keine ist ganz
sie bluten ständig

die Grenze verläuft
mitten durch meine Zunge

ich rüttele daran wie ein Häftling
das Spiel an einer Wunde

Zafer Senocak wuchs zunächst als Sohn eines Publizisten und einer Lehrerin in der Multimillionen-Stadt Istanbul auf. Ab 1970 lebte er mit seinen Eltern in München, im Vergleich zu Istanbul eine Kleinstadt.

Bereits auf dem Gymnasium schrieb er, nahm an Literaturzirkeln teil und an Schreibwerkstätten. Mit 18 Jahren debütierte er  mit einem Gedichtband, seit 1979 schreibt er regelmäßig als freier Schriftsteller Gedichte, Prosa und Essays. Nach dem Abitur studierte er in München Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie.  1984 wurde er für sein Buch „elektrisches Blau“ mit dem Preis des Münchner Literaturjahrs ausgezeichnet.

Berlin ist seit 1989 sein Lebensmittelpunkt. Dort wagte er 2004 den Sprung in seine zweite Muttersprache  und veröffentlichte sein erstes Werk auf Türkisch. Auch darin geht Zafer Senocak seinen eigenen Weg mit und zwischen seinen Welten.

SELBSTPORTRÄT

Mein Lebenswiderspruch ist keinen Spruch mehr wert
Er hält mich nicht auf Beinen
Ich wollte nicht fort
Könnte ich stehen genügte mir ein Stehplatz
Ich brauche keinen Boden zum Liegen
Zum Schlafen lehne ich mich an einen anderen Menschen
Sollte ich auf keinen treffen habe ich Platz genug

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