Eine Frage der Etikette

Forschend blickte sie umher. Links erstreckte sich vor ihr die langgezogene  Essenausgabe. In der Mitte entdeckte sie unter Glas das Salatbuffet, rechts davon drei silberfarbene Suppenkessel. Jenseits der Kasse im hinteren Teil der Essensaufgabe winkte ihr schon eine ihrer neuen Kolleginnen. Sie sollte an ihrem ersten Arbeitstag bei Ihnen am Tisch platznehmen.
Ohne allzu wählerisch zu sein, entschied sie sich schnell für eines der Essen, ein Curry-Reisgericht, nahm sich noch ein Glas Apfelschorle dazu und balancierte nach dem Zahlen ihr Tablett zu ihren Arbeitskolleginnen hin. „Einen guten Appetit allerseits!“ grüßte sie freundlich. Man nickte, „Mahlzeit“. Sie stellte ihr Tablett auf den Tisch, setzte sich auf den freien Platz und rollte ihr Besteck aus der Papierserviette. „Wie gefällt es Ihnen bei uns?“, fragte eine Kollegin. “ Ach, so weit gut.“, antwortete sie. “ Und wo haben Sie vorher gearbeitet?“ Während sie auf die Frage einging, nahm sie den Löffel in die rechte und die Gabel in die linke Hand und schickte sich an, einen Teil des Reisgerichts mit der Gabel auf den Löffel zu schieben. Dann nahm sie den Löffel mit der ersten Portion des Reises in ihren Mund und blickte gleichzeitig auf. Alle Augen ihrer Tischnachbarinnen ruhten auf ihr, ihrem Mund und dem Löffel. Sofort blickten alle nach unten. Etwas verunsichert fuhr sie fort zu essen. Jetzt blickte niemand sie mehr an. Nur ab und zu erwischte sie mit den Augen einen versteckten Seitenblick. Keiner sagte noch etwas.
Sie fühlte sich nicht mehr wohl. Irgendetwas war geschehen. Es lag in der Luft, unausgesprochen.
Plötzlich wurde es ihr klar. Sie stand auf, ging zur Essensausgabe und holte drei neue Besteckrollen. Zurück am Tisch rollte sie sie auf. „Mit der gehobenen deutschen Essensetikette bin ich durchaus vertraut!“, sagte sie in die Runde und blickte alle einzeln an. „Natürlich gehören Messer, Gabel und Löffel so neben den Teller. Für die Vorspeise…“, sie legte ein Besteckset formgerecht neben ihren Teller,“ für die Hauptspeise…“, sie legte ein weiteres Set aus,“ und für die Nachspeise.“ Sie legte die letzen Bestecksteile hin. “ Und selbstverständlich bin ich durchaus in der Lage, mit Messer und Gabel zu essen! Aber wissen Sie, schon als Kind fand ich es unsinnig, ein Reisgericht auf eine Art zu essen, die nur dazu führt, dass einem ständig die Reiskörner von der Gabel fallen. Besonders unappetitlich fand ich es anzusehen, wenn der Reis auf dem Weg zum Mund des Essers herunterfiel. Wie oft landete er dann auch auf der Kleidung.
In Ländern, in denen viel Reis gegessen wird, wie Indonesien oder der Iran, gehört es daher zur gehobenen Essensetikette, sein Reisgericht vom Teller mit Löffel und Gabel zu essen. Dann fällt der Reis nämlich nicht ständig herunter.  In den Niederlanden, den USA und Großbritannien gibt es viele Menschen, die offen sind für Vorteile einer anderen Kultur. Viele essen dort Reisgerichte mit Löffel und Gabel. Ich glaube, so fortschrittlich können wir in Deutschland auch sein, oder?“
Sie blickte in die Runde. Keine ihrer Kolleginnen traute sich, sie anzuschauen. Um die Stimmung zu lösen, schob sie jeder einen Teelöffel zu und lächelte sie alle an: “ Nach soviel Weisheit finde ich, haben wir uns jetzt alle einen Löffel verdient! Haben Sie Lust auf einen Kaffee nachher zum Löffel?“ Die erleichterte Zustimmung gab ihr die Gelegenheit, auf ein anderes Gesprächsthema überzuleiten.

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