Zerreissprobe zwischen den Welten

Mit siebzehn war es so weit, Nevfel Cumart setzte sich einfach hin und fing an zu schreiben. Gedichte flossen aus ihm heraus, Geschichten.  Er veröffentlichte seinen ersten Gedichtband.

(c) Matthias Paetzold / pixelio.de

(c) Matthias Paetzold / pixelio.de

 


ich war gerade vierzehn
als ich mich verliebte
sie war das schönste mädchen
ihr gesicht ein windhauch
aus der mongolischen steppe

Bis heute schreibt er,  der gelernte Zimmermann und Orientalist, mal als Übersetzer türkischer Literatur, mal als Wissenschaftler, als Journalist, und sehr oft als Dichter und Schriftsteller. Neben seiner Arbeit engagiert sich Nevfel Cumart für die Verständigung zwischen den Kulturen mit Lesungen und Literaturwerkstätten in Schulen.  Er wurde mit den Literatur-Förderpreisen der Länder Rheinland-Pfalz (1992) und Bayern (1995) und dem Kulturpreis Bayern (2008) geehrt.

Ein Dichter zwischen den Welten

Nevfel Cumart (c) Muellean / de.wikipedia.org

Der Sohn türkischer Eltern, die zum Torfstechen Mitte der sechziger Jahre nach Deutschland gekommen waren, wuchs in Stade auf. Cumart wurde schon als kleiner Junge zum Vermittler und Übersetzer für die türkische Torfstecher-Gemeinde, die sich im Laufe der Jahre durch den Zuzug immer neuer Arbeitskräfte in Stade gebildet hatte. Eltern eines Klassenkameraden im Gymnasium nahmen den Vierzehnjährigen als einen Jungen wahr, der seinen Altersgenossen weit voraus war. Er hatte vorzeitig wachsen müssen an den Aufgaben, die sich ihm innerhalb der eigenen Familie – die Mutter litt unter Depressionen – und in der türkischen Gemeinde gestellt hatten. Er hatte auch an seiner deutschen Umgebung wachsen müssen.

(c) P. Kirchhoff / pixelio.de

 

seitdem ich denken kann
begegnet mir das tarzan-deutsch
was du wollen hier?
du nix essen schweinefleisch
du haben pasaporta
und viele andere absurditäten

Mit vierzehn war er zugleich innerlich zerrissen. Zuhause wurde er mit den Erwartungen seiner Familie konfrontiert, den türkischen Gepflogenheiten und Regeln, vor allem in Bezug auf die Autorität seiner Eltern, zu entsprechen. In der Schule hingegen und bei seinen Klassenkameraden existierte der andere Teil seines Lebens, der so ganz anderen Regeln gehorchte. Beide Leben zerrten an ihm, brachten ihn einem Selbstmord nahe.

Wer war der Nevfel Cumart dazwischen? Wo gehörte er hin?

(c) Christiaaane / pixelio.de

(c) Christiaaane / pixelio.de

zwischen
zwei
welten
inmitten
unendlicher
einsamkeit
möchte
ich eine brücke sein

doch kann ich
kaum fuß fassen
an dem einen ufer
vom anderen
löse ich mich
immer mehr

die brücke bricht
droht mich
zu zerreißen
in der mitte

Auf Wunsch seiner Eltern – für sie, die selber nie eine Ausbildung genossen hatten, stellte eine Lehre für ihren Sohn das höchstmögliche und zugleich realistische Ziel dar – absolvierte er eine Zimmermannslehre in Stade, die er mit dem Gesellenbrief abschloss. Doch Cumart hatte weitreichendere Pläne. Zielbewusst legte er bereits während der Lehre seinen Lohn zurück für die Finanzierung eines Studiums. Direkt danach ging er nach Bamberg, wo er Orientalistik studierte und nebenher weiterhin Gedichte und Geschichten veröffentlichte.

In Bamberg hat Nevfel Cumart  schließlich sein Zuhause gefunden. Und noch eine Welt, denn verheiratet ist er dort mit seiner griechisch-stämmigen Ehefrau,  die ihm einst ein amerikanischer Kommilitone bei einer Universitätsveranstaltung vorstellte.  Ihre gemeinsame siebenjährige Tochter wächst auf mit einem Teil griechischer, einem Teil türkischer und einem Teil deutscher Kultur.

(c) Rainer Sturm / pixelio.de

(c) Rainer Sturm / pixelio.de

amelias erster zahn
klein weiß gerade spitz
über nacht
ausgebrochen
lautlos
kein fieber
kein durchfall
keine schreie
keine schlaflosen nächte
– welch ein zahmer zahn

Von Bamberg aus fährt Nevfel Cumart auch heute noch gerne in die Türkei auf Besuch, und den Kontakt zu Tanten, Onkeln, Nichten und Neffen dort will er nicht missen. Aber mit seiner kleinen Familie lebt er ganz bewusst in Deutschland,  zwischen und mit allen ihren Welten.

Nevfel Cumart ist endlich angekommen.

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